Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1930)
- Date
- 1930-11-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 46. Seite 7 13. November 1930 _~ treten wollten, wurden von Weizmann dringend getarnt, da man noch auf eine Äenderung hoffte. Auch von Amerika aus wurde auf eine Verschiebung und Äenderung des Weißbuches hingearbeitet. Als das Weißbuch dennoch erschien, war zunächst die gesamte Preise entweder gleichgültig oder auf Seiten der Erklärung. Durch die zionistischen Proteste trat plötzlich ein Wandel ein. Es sei nicht unmöglich, daß die Regierung mit einem kommentierenden Dokument einen Rückzug antrete. Eine Antwort der Jewish Agency ist in Vorbereitung und wird an die Mandatskommission in Gens geleitet werden. Die Anrufung des Haag er Internationalen Gerichtshofes wird erwogen. Weizmann bespricht weiter die Protestbewegung und er Härte noch einmal formell und offiziell seine Demi ssion als Präsident der zionistischen Organisation. Nachdem die Frage der Demission gleichzeitig mit der politischen Lage behandelt wird, erklärt Weizmann. an den weiteren Beratungen nicht teilzunehmen und verläßt den Saal. - S. Kaplansky von der Poale Zion erstattet ein politisches Referat. Er hofft, daß die Arbeiterpartei in England, deren Führer vom neuen. Weißtuch keine Kenntnis hatten, dem jüdischen Nationalheime zu Hilfe kommen. Am zweiten Verhandlungstag beantragen verschiedene Abgeordnete den sofortigen Rücktritt aller z i o n i st i s ch e n Mitglieder der Exekutive! der I. A. und die Einsetzung eines provisorischen Komitees -:.:r Führung der Geschäfte. Andere wünschen ein rascheres Tempo bei der. Kolonisierung des Palästinabodens, soweit er sich in jüdischen Händen befindet, da sonst auch dieser noch den Juden verloren ginge. G r o ß m a n n, der Wortführer der Revisionisten, macht die Exekutive für die Wandlung, in der er einen vollständigen Zusammenbruch des bisherigen Systems sieht, verantwortlich. Weizmanns Demission sei das Eingeständnis dieses Zusammenbruches. Weizmann sowohl wie alle anderen Mitglieder der Exekutive dürften nicht aus ihre Posten zurück kehren. Das Weißbuch muß in aller Form zurückgewiesen, eine Beteiligung an der geplanten Selbstverwaltung abgelehnt werden. Für die Arbeiterpartei üben Arlosoroff und Katzenelson Kritik an der Kolonisationspolitik Englands und der zionistischen Exekutive. Die. Radikalen, für die Dr. Nahum Gold mann spricht, wollen dagegen einen Bruch mit England vermeiden. Harry Sacher erklärt, die Exekutive könne nicht eher zurücktreten, als bis-sie weiß, wer die Arbeit weiterführen wird. Professor Brodezki hält eine vollständige Zurückziehung des 'Weißbuches, auf Grund seiner Unterredungen mit Lord Paßfield und Dr. Shiels, für unwahrscheinlich. In beruhigendem Sinne spricht auch Kolonel Kisch. Er sagt, der Jischuw in Palästina habe das Weißbuch mit Würde ausgenommen. Der Verhandlungstag schließt mit einem Antrag Sokolows. das A. C möge sich m i t W e i z m a n n solidarisch erkläre n; In der Nachtsitzung Hält der amerikanische Richter Julian W. Mack eine große Rede. Die Schuld trifft uns alle. Ohne Weizmann würhe jetzt gar nichts zu erreichen fein, mit ihm vielleicht doch noch manches. Darum muß Weizmann auf seinem Posten bleiben. Dieser Auffassung schließt sich, wie nach Erörterung der Finanzfragen festgestellt wurde, die Mehrheit des Aktionskomitees an. Von einer Zurückziehung der Demission ist aber noch nichts bekannt. Die Schlußsitzungen des zionistischen A. C. London, 10. Nov. In der Sitzung von Sonntag vormittag wurde beschlossen, den Z io nisten ko ngre.ß auf den 5. Februar 19 31 einzuberufen. Der Tagungsort wurde noch nicht bestimmt. Der Kongreß soll eventuell in Ä m e r i k a. zusammentreten. Bis zum Kongreß wird eine fünfgliedrige Kommission der Exekutive beratend zur Seite stehen. Von den angenommenen Resolutionen seien erwähnt: Der Protest gegen das neue Weißbuch und die Ni ch ta n e r k e n n u n g d e r g e p laute n L e g i s l a t i v e durch, die I. A. Die Einsetzung der Kommission ist nach langwierigen 'stürmischen Versammlungen gewissermaßen als Kompromiß beschlossen worden, da die Opposition sich beharrlich ' D e r Israelit_ weigerte, Weizmann und der Exekutive allein die Weiter führüng der Geschäfte zu überlassen. Die Tatsache,, daß 1500 jüdischen Arbeitern die Einreiseerlaubnis erteilt wird, wußte Colonel Kisch schon am Donnerstag zu berichten. Dieser Teilerfolg würde Mit Befriedigung ausgenommen, löste aber keine besondere Begeisterung aus und übte keinen weiteren Einfluß auf die Stimmung und die Verhandlungen aus. Das. hängt , zum Teil mit der schweren Finanzlage zusammen. Es wäre wahrlich eine bittere Ironie, wenn jetzt die I. A. die schwer errungene Einwanderung der Chaluzim nicht finanzieren könnte. Die I. A., so berichtet Herr Kisch weiter, war genötigt, mit einem Minimalbudget von 400 000 Pfund zu arbeiten. Man setzt die Erwartungen auf Amerika, doch können sich diese erst im nächsten Jahre erfüllen. Soll der Völkerbund das letzte Wort über Palästina sprechen? London, 5. Nov. Der frühere Mnister für die Kolonien und Verfasser des ersten, im Jahre 1922 erschienenen Weißbuchs über Palästina, Winston Churchill, hat der Jüdischen Telegraphen-Agentur einen Artikel zur Verbreitung übergeben, der in zahlreichen Zeitungen Europas und Amerikas erschienen ist und beträchtliches Aufsehen erregt har. In diesem Artikel führt Churchill u. a. aus: Indern sich Lord Paßfield auf den Bericht der Permanenten Mandatskommission stützte, der erklärte, die im Mandat festgelegten Verpflichtungen gegenüber den beiden Teilen der Bevölkerung, Juden und Arabern seien vv » gleichem Gewicht, hat er übersehen — oder nicht gewußt — daß die Verpflichtungen ihrem Wesen nach völlig verschieden sind: die erste fordert po fitst v e und schöpferische L e i st u n g, die zweite nur Gewährung von Schutz und vermittelnden Ausgleich: zweitens weicht die in Lord Paßstelds Erklärung wiederholt zutage tretende Auffassung von Mandatsverpflichtungen gegenüber „den Einwohnern Palästinas, sowohl Arabern als auch Juden", grundsätzlich von dem Weißbuch des Jahres 1922 ab, welches, in Anlehnung an die Balfour-Deklaration und das Mandat, nicht bloß eine Verpflichtung gegenüber den Einwohnern Palästinas — Arabern oder Juden — sondern gegenüber der zionistischen Weltbewegung, der das ursprüngliche Versprechen gegeben , worden ist, anerkennt. „Wenn gefragt wird," heißt es im Weißbuche von 1922, „was unter Errichtung dev Jüdischen National- - Heims in Palästina verstanden werden soll, so ist darauf zu antworten, dies bedeute nicht, daß etwa allen Einwohnern Palästinas die jüdische Nationalität aufoktroyiert werden wird, sondern daß die bestehende jüdische Gemeinschaft in Palästina unter Mithilfe der Juden in den anderen Teilen der Welt zu einem Zentrum, an dem das jüdische Volk als Ganzes aus Gründen der Religion und der Stammeszugehörigkeit Interesse nehmen und auf das es stolz sein kann, entwickelt werden soll. Um diesem Gemeinwesen die besten Aussichten auf-freie Entwicklung zu eröffnen und dem jüdischen . Volke Gelegenheit zu geben, seine Fähigkeiten zu entfalten, ist es wesentlich, daß es wisse, es lebe in Palästina Kraft des Rechts und nicht bloß geduldet. Der Grund, warum der Bestand eines jüdischen Nationalheims in Palästina international garantiert und formell anerkannt werden muß, ist der, daß dieser Bestand auf alter historischer Verbundenheit beruht." Der tatsächliche und ideelle Unterschied zwischen dem Weißbuch von 1922 und dem jetzigen ist offensichtlich. Die Verpflichtung Englands beschränkt sich nicht auf die Einwohner Palästinas. Sie schließt eine Verpflichtung mit ein, die über die Grenzen Palästinas hinausgreift. - Somit kann die englische Regierung ihrer Verpflichtung nicht bloß durch eine angemessene administrative Behandlung der lokalen Situation gerecht werden. Es erscheint bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge überflüssig, eine Untersuchung darüber anzustellen, ob England durch den Balfour-Brief und die Uebernahme des Palästina - Mandats klug oder unklug gehandelt, hat. Uns interessiert einzig und allein die Frage, ob die Versprechungen erfiillt worden sind. Wenn die Unparteiische Meinung dahin gehen sollte, daß sie nicht erfüllt wurden, oder daß sie nicht erfüllbar sind, oder daß unsere gegenwärtige Regierung weder den Willen noch die Möglichkeit hat,.an ihre Erfüllung heranzugehen, dann ist nur ein einziger Ausweg denkbar. Niemand kann verlangen, daß die britische Regierung für ewige Zeiten, ohne Berücksichtigung verschiedener Ereignisse und ihrer eigenen physischen und moralischen Kraft, an eine Politik zur Errichtung eines jüdischen Nationalheims gebünden sein solle. Aber in dem Augenblick, da wir erkennen und erklären, daß wir uns dieser Versprechungen zu entledigen wünschen und die zionistische Sache bloß als lästiges Hindernis in der Verwaltung Palästinas, durch das Kolonialamt betrachten, sind wir verpflichtet, das Mandat in die Hände des Völkerbundes zurückzulegen und auf die strategischen, moralischen und materiellen Vorteile zu verzichten, die England aus seiner Kontrolle über das Heilige Land und seiner Verbindung mit dem Heiligen Land erwachsen. Die Sperre der Arbeitereinwanderung nach Palästina ausgehoben. L o n d o n, 8. Nov. Wie das Kolonialamt in London der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitteilt, hat die britische Regierung den High Commissioner für Palästina, Sir John Chancellor, ermächtigt, 1500 Einwanderungszertifikate für jüdische Arbeiter (Chaluzim) freizugeben. Damit ist die im Mai d. I. verhängte Sperre der Einwanderung für jüdische Arbeiter -rach Palästina durchbrochen. Die damals vom High Commissioner bewilligte und gleich darauf vom Kolonialamt suspendierte Ärbeiterfchedule betraf 2300 Zertifikate. Von diesen waren zur Zeit der Suspendierung 900 bereits ausgenützt, so daß die jetzt bewilligte Zahl von 1500 Zertifikaten etwas höher ist, als die der von der Suspension tatsächlich betroffenen Vewilligungsscheine. Alles nur ein Mißverständnis? London, 12. Nov. Vertretern des Newyorker „Iewish Daily Forward" erklärte Lord Paßfield, die Regierung beabsichtige nicht, den Bodenkauf in Palästina zu verbieten, oder irgend welche Aenderungen der bisherigen Grundsätze bezüglich der Einwanderung nach Palästina vorzunehmen. Diese Aeußerung, in Verbindung mit den 1500 Einwanderungszertifikaten, läßt das ganze Weißbuch, das soviel Staub aufgewirbelt hat, beinahe als Mißverständnis erscheinen. Wirwerden in nächster Nummer noch einmal ausführlich über dieses neue Stadium der Dinge berichten. Palästina. Der Aufbau geht weiter! Jerusalem, 7. Nov. Am 5. November fand die feierliche Grundsteinlegung zu einer neuen jüdischen Arbeitervorstadt an der Bucht von Haifa statt. Ein Extrazug brachte 800 Festgäste aus allen Teilen des Landes nach Haifa. In einer Ansprache wurde daraus hingewiesen, daß auch die heutige Feier eine Antwort auf das englische Weißbuch sei. Zur Finanzierung des Häuserbaues haben die Hypothekenbank der Palestine Economic Corporation in New Port 20.000 Pfund, der Palästina-Notfonds 7500 Pfund, der Keren Hajessod 2000 Pfund, die Versicherungsgesellschaft Haßneh 2000 Pfund und die künftigen Siedler 7000 Pfund beigetragen. Für die neue Arbeitervorstadt steht ein Areal von 3000 Dunam aus dem Bodenbesitz des Nationalfonds zur Verfügung. Es wird die Errichtung von 2000 Häusern geplant. Mit dem Bau von 200 Häusern wurde bereits begonnen. (ITA.) Kein Zußball am Sabbat! Jerusalem, 6. Nov. Nach erneuten Verhandlungen der Agudas Jis,- r o e l mit den WaadLeumi, konnte dieser beim M a k k a b i bewirken, daß er die Fußballspiele am Sabbat bedingungslos ei »-stellte, was wir mit Genugtuung registrieren. Schwarze Mahnen in Tel-Awiw. Tel Aviv, 9. Nov. Trotz der jüngst erlassenen Polizeiverordnung, die das Hissen von Flaggen und Fahnen sowie das öffent-. liche Zurschau stellen jeder Art von Emblemen verbietet, wehten am 2. November in Tel Aviv von vielen öffentlichen Gebäuden schwarze Fahnen. Die Fahnen waren von Mitgliedern einer nach faschistischen Muster orga-