Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1930)
- Date
- 1930-11-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6. Nr. 46 ,D? r .. I s r a e l i t;13. November 1930 D.e Mitglieder der Kommission hegen die Erwartung, daß in der Zwischenzeit doch noch ein freiwilliges-Uebercintommen zwischen Juden und Mohammedanern in der Klagemauerfrage erreicht werden wird. (ITA.) Polen. Von der Lublin er Iefchiwoh. Lublin, 5. Nov. Das neue Semester hat gleich nach den Feiertagen mit großer Intensität begonnen. 50 Schüler, von den Begabtesten der Begabten, sind neu hinzu gekommen. Kampf um tatsächliche Gleichberechtigung der Juden in Lettland. Riga, 4. Nov. Der bundistische Abgeordnete, Dr. Meisel, hat im gleiche Schicksal habe auch eine ganze Reihe von Mitbewerbern um diese Stelle betroffen. Man könne auf Grund dieses Falles nicht von einer grundsätzlichen Fernhaltung der Juden vom Staatsdienst sprechen. Auf eine lettländischen Sejm an den Ministerpräsidenten eine, Erörterung der von Abgeordneten Dr. Meisel berührten Anfrage wegen der Nichtaufnahme von Juden in dem allgemeinen Verhältnisse ließ sich der Justizminister öffentlichen Dienst Lettlands gerichtet. . . nicht ein. Die Asche. Diese Antwort des Ministers löste eine dreistündige Debatte aus, in die die jüdischen Abgeordneten M. L a s e r s o n (Zeire Zion) und M. ~2) u 6 i n (Agudas Jisroel), sowie der Antisemit Milberg eingriffen. Litauen. Line litauische Dreyfus-Affare. Kowno, 7. Nov. Vor dem Gericht in Schaulen fand in den letzten Tagen ein Prozeß statt, der das gesamte litauische Judentum in Erregung hielt. Ängeklagt waren die jüdischen Schlächter Man, Fleischman, Schneider und Lakunischek aus Baune, einem kleinen Orte bei Schaulen, den christlichen Tierarzt und Fleischbeschauer Awischenis ermordet zu haben. Gegen die Angeklagten lag nicht die Spur eines Beweises für ihre Schuld vor, die Grundlage der Anklage bildeten lediglich Mutmaßungen. Awischenis wurde eines Morgens in einem Brunnen, der sich direkt am Wege zu seiner Wohnung befand, tot aufgesunden. Es wurde festgestellt, daß er am Abend vorher im jüdischen Schlachthaus geweilt hatte und mit den Beschuldigten wegen eines Stückchens Seife und eines Handtuchs in einen Wortwechsel geraten war. Bekannt war auch, haß Awischenis die jüdischen Schlächter schikanierte und deswegen bei ihnen unbeliebt war. Als Awischenis in den frühen, Morgenstunden im Brunnen tot aufgefunden wurde, nahm man allgemein an, daß er, der ein Trinker war, im Zustande des Vollrausches in der stockfinsteren Nacht über die niedrige Einfassung des Brunnens in den Brunnenschacht gestürzt war und auf diese Weise den Tod gesunden hat. Um so mehr Aufsehen erregte es, als die Staatsanwaltschaft nach einer kurzen, sehr oberflächlich geführten Untersuchung den Haftbefehl gegen die genannten jüdischen Schlächter, die als ordentliche und friedliebende Bürger bekannt find, erließ. Diese Schlächter hatten sich selbst beim Untersuchungsrichter gemeldet und hatten erzählt, daß Awischenis mit ihnen zusammen gewesen war. Die Haft wurde nach kurzer Zeit wieder aufgehoben, und man glaubte, das Verfahren sei niedergeschlagen. Aber nach kurzer Zeit wurde die Haft gegen die Schlächter ohne jede Motivierung wieder verhängt, und schließlich wurde die Anklage vor dem Gericht in Schaulen erhoben. Der Staatsanwalt gestand in seiner Anklagerede zu, daß direkte Beweise gegen die Angeklagten nicht vorhanden seien, aber — so sagte er — bei Mordfällen gibt es meistens keine direkten Beweise. Der Verteidiger, Adv. Wenzlauskas, stellte fest, daß nicht einmal irgendein greifbares Indizium gegen die Angeklagten spräche. Die Angeklagten seien ehr- und friedliebende, sowie unbescholtene Männer. Man könne nicht auf die unwillige Aeußerung eines Schlächters, daß Awischenis kein Tierarzt, sondern ein Schwein sei, eine so schwere Anklage ausbauen. Hätte man es hier mit einem Mord zu tun, wo sind die Blutspuren, und wo sind die tödlichen Wunden? All das fehlt, wie überhaupt jede gesunde Logik gegen die Schuld der Angeklagten spricht. In der Nacht zu Freitag, den 7. November, sprach das Gericht in Schaulen das folgende Urteil: Man, Fleischman und Schneider wurden zu je 12 Jahren Zuchthaus, Lakunifchok zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt. Außerdem müssen die Angeklagten der Witwe des Awischenis 36.000 Lit. (3600 Dollar) und dessen Mutter 50.000 Lit. (5000 Dollar) zahlen. Die Verurteilter! und ihre Angehörigen brachen bei Verkündung des Urteils in Weinen aus. Unter den Juden Litauens hat dieses Urteil deprimierend gewirkt. Lettland. Der Rogolfchower Gaon krank. Riga, 5. Nov. Aus Dwinsk wird mitgeteilt, daß der weltberühmte Gaon, Rabbi Joseph Rosen, genannt „der Rogotschower", seit dem Sukkothfeste krank darniederliegt. Von Riga sind Aerzte nach Dwinsk ans Krankenbett abgefahren. Man ließ in den letzten Tagen auch einen Professor aus dem Auslande kommen. Zur Beunruhigung liegt kein Grund vor 'nr Berlin. Die JungjüdischeFriedensg e s e l l s ch a s t veranstaltete am Sonntag in einer Berliner Synagoge eine öffentliche Kundgebung für den Frieden. Es wurden Referate gehalten über „Die religiöse Friedensforderung des Judentums", „Friede durch die Jugend" und „Frauen und Frieden". Die Schlußansprache hielt Dr. Nossig. — Staatsrat Jakob Teitel feierte am 5. November seinen 8 0. Geburtstag. Zugleich sieht der von ihm gegründete und geleitete Verband russischer Juden in Deutschland auf sein lOjähriges Bestehen zurück. Es find aus diesem Grunde mancherlei Veranstaltungen geplant. Ebenso soll ein - Jakob Teitel-Fond gegründet werden. Königsberg. Vor einigen Tagen warfen in Ortelburg Nationalsozialisten in der Wohnung des Kantors S a l e r die Fensterscheiben ein. Einige Tage später wurden mehrere Juden auf der Straße schwer mißhandelt. Ein jüdischer Kaufmann erlitt einen Armbruch. — In Tilsit wurden auf dem jüdischen Friedhof große Verwüstungen angerichtet. Für die Ergreifung der Täter hat die Polizei eine Belohnung ausgesetzt. Die Zahl der Friedhofsschändungen beträgt jetzt 96. Breslau. Der jüdische Friedhof aus dem Pfarrberge zwischen Trebnitz und O b e r n i g k wurde geschändet. Ein großer Teil der Grabsteine wurden umgeworfen, andere mit Hakenkreuze bemalt. Wien. Bei einem Fackelzug, den die Heimwehren am Vorabend der Wahlen veranstalteten, wurde der jüdische Student Meschulim W e n k e r von einem Heimwehrmann so schwer mißhandelt, daß er sein Augenlicht verlieren wird. Wenker hatte sich geweigert, ein Flugblatt anzunehmen, wofür ihm der Heimwehrmann die Fackel ins Gesicht stieß. — In einer Massenversammlung in den Sophiensälen sprachen mehrere Redner gegen die Palästinapolitik der englischen Regierung. Paris. Ein Massenprote st Meeting gegen die englische Palästinapolitik, war von 8000 Personen besucht. Es sprachen u. a. der ehemalige Ministerpräsident Painleve, Justin God a r d, M. D. M o n z i e, die früher dem Kabinette Painleve angehören, sowie der bekannte frühere russische Außenminister Professor M i l j u k o f f. Warschau. Im Alter von 70 Jahren verstarb in Wilna Samuel Löb Zitron, ein sehr beliebter hebräischer Schriftsteller aus. deralten Hasakla-Schule. Eine große Reihe wertvoller Schriften stammen aus seiner Feder. Er ist auch Uebersetzer des Schachnowitz'schen Romanes „Im Judenstaate der Chasaren", der in der klassischen hebräischen Ausgabe von Zitron (Omonuth- I Verlag) im Osten und in Palästina große Verbreitung gefunden hat. Zitron ist auch bekannt durch seine Biographien großer Männer und Memoiren, die eine Kulturepoche von mehr als einem halben Jahrhundert umfassen. Ierusalem. Die jüdischen Legionäre, die seinerzeit an der Eroberung Palästinas teilgenommen haben, hielten eine Versammlung ab und legten in einer Protestresolution Verwahrung gegen den neuen Palästinakurs der englischen Regierung ein. Newyork. Rabindranath T a g o r e erklärte in einem Interview, es gäbe für die Juden kein anderes Mittel, als sich mit den Arabern zu verbinden und zusammen mit ihnen England zur Erfüllung seiner Mandatspflichten zu zwingen. — Am 2. November fanden in Form eines B a l f o u r - fages jüdische Massenversammlungen in ganz Amerika statt, in denen gegen das neue englische Weißbuch protestiert wurde. Unter den Rednern befanden sich Julius Rofenw a l d und Bürgermeister Walker. In der Begründung dieser Anfrage führte er mehrere Tatsachen an. In seiner Beantwortung behandelte der Justiz minister nur den in der Anfrage, angeführten speziellen Fall der Kandidatin für den Gerichtsdienst Kulwas und erklärte, diese sei nicht wegen ihrer Zugehörigkeit zur jüdischen Nationalität abgewiesen worden; das Rumänien. Die Tragödie der Borfchaer Juden. Bukarest, 9. Nov. Wie „Egalitatea" meldet, haben die ärmeren jüdischen Einwohner der von Antisemiten niedergebrannten Stadt Borscha, 210 an der Zahl, Rumänien verlassen, um mit Hilfe von Hias nach Argentinien und Brasilien zu gelangen. Bei dem Eisenbahnunfall, der in der "letzten Woche in Frankreich, aus der Strecke' nach Bordeaux vorgekommen ist, verunglückte einer dieser unglücklichen Auswanderer tödlich. Auf die jüdische Oeffentlichkeit in Rumänien hat diese Meldung erschütternd gewirkt. Schweiz. Line Irauenstimmrechldebalke in der Gemeindeversammlung. Zürich, 10. Nov. Am Sonntag fand eine Gemeindeversammlung der Israelitischen Kultusgemeinde statt. Nach geschäftlchen Mitteilungen über den Synagogenneubau und anders, ging man zur Statutenberatung über, wobei sich sofort eine lebhafte Debatte über das F r a u e n st i m m r e ch t entspann. Die konservative Opposition bekämpft das Frauenstimmrecht.. ..Die Herren Simon, Vamberger, Gaston Bloch, B. Rubinstein und Dr. Karl Bollag weisen aus das Prinzipielle dieser Frage hin. Sie dienen mit Beweisen aus deutschen Gemeinden, wo das Frauenstimmrecht sich in nachteiliger Weise ausgewirkt hat. Dem Rechte der Frau sei damit kein Abbruch getan, indem man ihre Wirksamkeit auf anderen, stilleren Gebieten sieht. Die Anhänger des Frauenwahlrechts, an ihrer Spitze Dr. F a r b st e i n als Vorsitzender der Statutenkommission, verfechten das Frauenstimmrecht mit größter Energie und finden das Ohr der Mehrheit. Die Statuten, einschließlich des Frauenstimmrechtstatuts, werden mit Stimmenmehrheit angenommen. Frauen von fteuerzahlenden Mitgliedern sind als Mitglieder mit Stimmrecht zu betrachten, ohne Verpflichtung, ihrerseits noch einmal Kultussteuer zu entrichten. Die neuen Statuten treten am 1. Januar 1931 in Kraft. Bemerkt sei noch, daß früher schon, auch nach den alten Statuten, die Frauen das Stimmrecht in der Züricher Kultusgemeinde hatten. Die Hoffnung der Opposition, bei der Statutenerneuerung/ der jüdischen Tradition zum Siege zu verhelfen, hat sich nicht erfüllt. England. Die zionistische A. C.-Tagung. London, 10. Nov. Wie zu erwarten, war die erste Tagung des zionistischen A. C. nach dem neuen Weißbuche, die am November eröffnet wurde, reich an dramatischen Wendepunkten. Gleich nach der Eröffnungsrede des V-.rsitzenden, Leo Motzkin, ergriff Dr. Weizmann Wort. . Er schilderte die Vorgeschichte des Weißbuches. Weizmann hatte vom ersten Augenblicke an das Gefühl, daß Lord Paßfield dem Zionismus seiner Bedeutung nach nicht gerecht werde. Die persönlichen Meinungen Simpsons wurden als Maximen genommen. Vor einem Jahre schon suchte er dem Kolonialr. :nister klar zu machen, daß eine Einwanderung von' 2 000 jüdischen Familien dem Lande einen ökonomischen Aufschwung bringen müßten. In späteren Unterreduncc . bestand Weizmann darauf, daß auch die Meinunger von Juden vor Abfassung des Berichtes gehört werden, besonders in Sachen der Bodenkäufe. Am 17. Oktober wurde eine-von Weizmann angesuchte Unterredung mit Lord Paßfield mit der Bemerkung abgelehnt, daß in diesem Stadium am Berichte ja doch nichts mehr geändert werden könne. .Die Revifionisten. die gleich mit Gegenerklärungen und Protesten hervor-