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Der Israelit · 1930-11-13 · Heft 46 (13.11.1930) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 46 (13.11.1930)
Date
1930-11-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4^ Nr. 46 Die Juden und die Wahlen zum polnischen Sejm. /Von Rabbiner Tobias Horovih in Rzeszow. Der Wahlkampf ist hier in vollem Gang- und es herrscht dennoch vollkommene Ruhe. Die Parteien, die alle ihre Kräfte mobilisieren, stehen sich in drei großen Wahlblocks im Kampfe gegenüber. Es« sind 1. die, Regierungspartei, 2. die nationaldemokratische Partei, 3. der Zentrum- Linksblock. Die größten Aussichten-hat naturgemäß die Regierungsl'iste, während die beiden Blocks der Opposition allmählich abbröckeln. Auf der jüdischen Wahlsront spielt sich der Hauptkampf zwischen der Agudas Jisr o e l und den Zionisten in Kongreß? Polen ab. In Kleinpolen (Galizien) haben die dortigen Zionisten ihre eigene Liste und die agudistischen Stimmen werden für die Negierungsliste abgegeben. In Kongreßpolen dagegen steht der A g u d o - W i r t s ch a f t s b l o ck unter Führung von Oberrabbiner L e w i n gegen den bekannten u zionistischen Listenführer G r ü n b a u m. Herr Grünbaum besitzt einen technisch vorzüglichen Wahlapparat und hat in einigen Wahlkreisen Bündnisse mit anderen Minderheiten geschlossen. Dennoch hofft man in Wirtschaftskreisen auf einen Sieg der Agudas. Jisroel. Die radikale, regierungsgegnerische Politik Grünbaums findet in der jüdischen Gasse, wie man deutlich beobachten kann, doch nicht mehr diejenige Würdigung, die sonst jeder radikalen Losung in Zeiten schwerer Wirtschaftskrisen sicher sind. Vielmehr gewinnt die positive, auf eine ruhige Zusammenarbeit mit der Regierung gerichtete Politik der Agudas Jisroel die Sympathien der breiten Volksschichten. Ueberall wird die Ueberzeugung reif, daß kein Teil des Volkes einen Wahlsieg der Regierung so nötig hat wie die Juden. Erhält die Regierung eine große Mehrheit im Parlament, so werden die heute trostlosen wirtschaftlichen Verhältnisse in Polen sich bald konsolidieren. Die gegenwärtige Regierung hat überdies wiederholt in Wort und Tat bewiesen, daß sie den A n t i s e m i - tismus vollkommen ablehnt, was neuerdings auch Minister Z a l e w s k i in der mit mir geführten Unterredung mit Recht versichert hat. Auch in der Gesellschaft ist, dank dem Vorbilde der Regierung, der Judenhaß merklich zurückgegangen. Dagegen haben die Wahlblocks der beiden regierungsgegnerischen Parteien in ihren Kundturgesellschaften Jiddischismus mit Sozialismus und Bolschewismus und versagen, her jiddischen lKutturbewsgang jede materielle. FötherunA... Der, Zuküüst von' Jiddisch in Amerika sei'trotz Schädigung-durch Einwündetun'gseinschränkuitg eine günstige Prognose zu-stellen. Welche Stellung sich das früher verachtete Jiddisch, heute er-, rungen habe, zeige die Tatsache, daß die. britische Enzy- Üopüdie in ihrer 14. Auslage dein Jiddischen drei. Spalten widme, während in der 13. Auflage dieser - Enzyklopädie Jiddisch nur im Zusammenhang mit den Gaunersprachen, erwähnt worden war. Die Besonderheit des amerikanischen Jiddisch liege in der Wechselwirkung zwischen ihm und der englischen. Sprache. Ins Englische sind zahlreiche jiddische Ausdrücke eingedrungen,, obwohl natürlich die Zahl der Anglizismen in der jiddischen Sprache bedeutend größer ist. Dem Gesetz der Apperzeption folgend, übernehme die jiddische Spräche Im allgemeinen nur solche Ausdrücke, die sich ungezwungen infolge phonetischer und anderer Anklänge dem Jiddischen einfügen. Doch bestehe immerhin die Gefahr einer wahllosen Aebernahme fremden Sprachguts, weshalb eine schärfere Kontrolle der amerikanisch-jiddischen Presse nach dieser Richtung hin wünschenswert sei. Wochenkalender. v. IS.—22. November 1930 ' v. 24. Marchesch. bis 2. Kislew 6691 Samstag - i, 24 iznnn pamn mw "n 15 |i»ma Mauled Freitag früh 2 Uhr Sonntag 16 25 532/« Minuten Montag 17 26 '1V 71'NM Dienstag' Nov 18 27, Mittwoch 19 28 Donnerstag 20 29 ]Vp> *V)Ö3 Dl1» Freitag 21 lV03 1 ttnrr e»rri Samstag 22 2 niVin D e r I s r a e l i t gedungen kein Hutes-Worst für die drei Millionen jüdischer. Bürgeb Polens^ gefunden und die Nationaldemokraten führen den Wahlkampf sogar unter ausgesprochen antisemitischer Losung, während die Regierung 10 Eiden auf ihrer.Liste hat, darunter die stekanntenHgudoführer Me n d e Is o h n-Warschau und M'in zb erg -Lodz. Diese Tatsachen vereinigen fast zwei Drittel der polnischen Judenheit unter der Flagge der regierungsfreundlichen Wahlpolitik. Auch wenn Herr Grünbaum dank feiner reicheren Wahffonds trotzdem einen Wahlerfolg haben ' sollte, hat sein Ansehen als politischer Führer stark unter der peinlichen' Tatsache gelitten, daß er die jüdische Einheitsfront durchbrochen und. den Friedensäntrag der Agudas Jisroel zurückgewiesen hat. Selbst in Kongreßpolen hat der Vorsitzende der zionistischen Partei, Herr Lernte, in der Presse erklärt, daß er Grünbaums Wahltaktik ablehne und in Kleinpolen haben die Zionisten bekanntlich'schon lange mit.-Grünbaum gebrochen, um eine regierungsfreundlichere Politik zu führen. v33om' Ausgang' der-Wahl 'ist für dje zukünftige Gestaltung der jüdischen Angelegenheiten m Polest ungeheuer viel abhängig. Die /wirtschaftlich bedrückten und notleidenden Judeir brauchen vor allen Dingen inneren und äußeren Frieden, eine feste Regierung und das Zutrauen des Auslandes, das allein zu einer Wiederbelebung des Wirtschaftslebens beitragen kann. So, kann man vom jüdischen Standpunkte aus nur'Höffen, dhß Pilsudski,. was man auch sonst an seiner Politik aussetzen möge, im Wahlkampf den Sieg erringt. Der Vaum des Lebens. Aus der unter der Redaktion von Ministerialrat Hans Goslar, im Verlag von Jacob Steinlicht in Dresden SU, erschienenen Sammelschrist „Hygiene und Judentum" haben wir vor kurzem einen geistvollen Aussatz von Oberrabbiner Dr. Carlebach „Religionsgesetz oder hygienische Vorschriften?" wiedergegeben. Wir möchten es uns nicht. versagen, im folgenden auch die von warmem Bekennermut getragene kurze Einführung, die Hans Goslar dem Werke voranfchickt, zur Kenntnis unseres Leserkreises zu bringen. Was Eoslar hier in schöner Form ausführt, ist das Empfinden jedes gesetzestreuen Juden, der die Thora nicht nur studiert, sondern' lebt. Es fehlt nicht an Einzeldarstellungen in der jüdischen und nichtjüdischen Literatur Deutschlands, die über die weife Voraussicht und über die volkserhaltenden, hygienisch und eugenisch wirksamen Bestimmungen des jüdischen Religionsgesetzes zu berichten-wissen. Nicht immer aber lassen sie die absolute Geschlossenheit und Einheitlichkeit des Gesetzes klar in Erscheinung tteten, für dasdiese „gesundheitlichen" BestststlüUngen nichts' Zufälliges, nichts Aufgepfropftes oder, als Ergänzung Hinzugekommenes bedeutest. Das 'Gesetz ist vielmehr ein' -gedankliches Werkaus'einem Guß, ein System von unerhörter und unvergleichlicher Harmonie: und 'Zielbewußtseins Sein Zweck isst die Heiligung des Menschen, , der dem Göttlichen und dem Dienst ün ihm stuf Erden durch die Durchdringung seines Lebens'E denhohen. Anforderungen eben dieses-Gesetzes nähergebracht werden, soll. Ein solcher Versuch, aus der Vielheit der Auswirkungen des Religionsgeetzes auf das geistige und leibliche Wohl des rinzelnen Menschen wie auf Fortdauer und Lebenskraft des Volkes auch diese bezwingend starke Einheitlichkeitdes Wollens herausleuchten, bei der Aufteilung in einzelne Sektoren doch den gewaltigen Kreisumfang der Absichten des Gesetzgebers ahnend schauen zu lassen, sollte hier im Mappen Rahmen einer Sammelschrift unternommen werden. Daß es nur ein — schwacher — Versuch fern konnte, ergibt sich aus der gigantichen Größe des Objekts, das nicht zergliedert, nur dem Beschauer nähergerückt werdensollte. Zwei Gesichtspunkte lagen im Wesentlichen der Anlage dieser Sammelschrift zugrunde: Einmal zu zeigen, daß das Religionsgesetz auch in einen als „hygienisch" empfundenen Teilen nicht rationalistisch gedeutet und bestenfalls als kluge - 13. November 1930 ----- lüLL-L'-ü-Li... ''"■■■ ' “ - -- - "■ Morwegnahme — um Jahrtausende! — viel spätrer, erst zum Teil wffsenschaftlich-empirisch auch begründeter Vorschriften anerkannt werden kann. Zu gewaltig ist dieser Geistesbau, um Menschenwerk fein zu können, zu riesenhaft seine Quadersteine, als daß sie mit den schwachen Werkzeugen aus menschlichem Arsenal hätten behauen weh-- den können. In unlösbarer Verschlungenheit und engster innerer Verbundenheit sind Bestimmungen aus allen Gebieten, auf denen sich mensch? liches Leben betätigen kann, ineinandergewebt. ^Nirgends kann das Seziermesser des geschicktesten Anatomen der Kritik sie trennen, ohne den Bäü des Ganzen, die erstrebte Gesamtwirkung zu gefährden. Nicht durch einzelne als „hygienisch" erkannte Teile allein wirkt das Gesetz lebenspendend, sondern in seiner Ganzheit, und niemals erscheint die körperliche Gesundheit allein Selbstzweck, sondern als e i n Effekt. Ewig, überzeitlich, in die fernsten Entwicklungszonen der Menschheit hineinprojiziert, durchzittert vom warmen Lebenshauch des Schöpfers, umwittert vom Sturmwind der geistigen Bergeshöhen, wo dieganz großen Gedanken geboren werden, und doppelt geheiligt von den Meeresfluten jüdischen Blutes, das in mehr als zweitausend Jahren um, seinetwillen geflossen ist, steht das Gesetz da und bedarf zu seiner Vollendung nur wieder einer Generation, die die Größe besitzt, sich zu ihm durch die Tat zu bekennen, es wieder zu leben. Und so das Zweite:. Den Juden der Gegenwart./ kann nicht oft und nicht eindringlich genugvor, Augen geführt werden, was sie an seelischen und für ihre geistige und körperliche Gesundheit bedeutsamen, unersetzbaren — und auch unersetzt gebliebenen — Werten eingebüßt Haben, als sie ihren religiös-kulturellen Eigenbesitz im 19. Jahrhundert in dem „Assimilation" genannten großen Prozeß aufgegeben haben. Mit der Abkehr von dem „Baum des Lebens", wie das Gesetz, sinnvoll und im tiefsten Grunde wahrheitsgemäß genannt wird, schwinden auch die Lebenskräfte des jüdischen Stammes. Alle noch erzielte Leistung von überragender Bedeutung zehrt nur noch aus dem Reservoir, das die Väter durch Hochzüchtung in 100 Generationen angelegt und in hohem Pegelstand erhalten hatten, das jetzt aber vor der Gefahr des Austrocknens steht. Der — von den besten Juden aller Gruppen und Richtungen — erstrebte seelische Gesundungsprozeß des deutschen und Westjudentums kann nie das Resultat irgend welcher Experimente, sondern nur Folge der Wiedervermählung modern jüdischen Geistes mit der lebenspendenden Atmosphäre des Geetzes der Thora sein. Diese Argumente schienen stark genug, um )as Wagnis der Herausgabe dieser Schrift nach demvortrefflichen SammelwerkGrunwal'ds zu rechtfertigen.? i Die umwälzenden Struktürverän-i -derungenim^ Leben der Juden seit dem Miegeiin Europa und.dclb Werden des jungeni'Palästina' eit Erscheinen des Grunrvaldschen Buches ckanstn' als'weiterer-Anlaß -hinzu. : fr.u: -^wir/urf.-nV Möge die Schrift viele Jud^n strid Jüditisien nachdenkftch chacheck'uyß veranläsiest selbst - zu den Quellen jüdischen Wissens und damit Micher Kraft hinabzusteigen, um mehr „zu hören,;u lernen — und auszuüben", und möge gerade in dieser Zeit, in der in Deutschlandder Judenhaß -wieder ' zürn Schlachtenruf und Bekenntnis großer Parteien geworden ist, die Zahl der Nicht-' chden aller religiösen Bekenntnisse und politischen Schattierungen nicht gering sein, die hier etwas von dem wahren, ihnen sonst oft genug verzerrt dargestellten Gefickt des Judentums sehen und o erkennen, daß die Wortes die einst unter Blich und Donner am Sinai gesprochen wurden, noch )eute die Kraft in sich bergen, alle, die nach ihnen l eben, stark und gesund zu machen und damit in den Stand zu setzen, das g'ttliche Geschenk des Lebens durch erhöhte Leistung unh solidarische Brüderlichkeit mit allen Menschensöhnen abzügelten. - . - :

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