Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1930)
- Date
- 1930-11-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 46 Der Israelit 13. November 1930 lieferten Judentum entfremdet wird. Der orthodoxe Gemeinderabbiner Breslaus selbst ist auch auf diesem Gebiete jederzeit mit leuchtendem Beispiel vorangegangen und hat seinen Sohn schon vor Jahren vom Religionsunterricht bei Herrn Dr. Vogelstein, ebenso auch seine Tochter bei einem anderen liberalen Religionslehrer vom Unterricht dispensiert ohne Rücksicht aus ben starken Anstoß, den er naturgemäß dadurch bei dep Liberalen erregen mußte. Im übrigen ist festzustellen, daß die Synagogengemeinde als solche überhaupt keinen Religionsunterricht an höheren Schulen erteilen läßt, sondern daß dieser lediglich eine Veranstaltung dcs Staates ist, der die Lehrer auch bezahlt. Die Gemeinde macht lediglich Vorschläge bei der Bestellung der Religionslehrer und die beiden Gemeinderabbmer erteilen nur einige wenige Stunden im Rahmen des Ganzen. Von den jüdischen Kindern Breslaus besuchen 450 die Jüdische Schule, 200 den orthodoxen Religionsunterricht nebst den dazu gehörigen Schiurim, so daß annähernd 700 Kinder einen völlig einwandfreien Religionsunterricht genießen. Wer davon keinen Gebrauch macht und feine Kinder sehenden Auges den liberalen Lehre r n i n d ie H a nd l i e f e r t , de m i st e b e n nicht zu helfen. Gewiß wäre es ein Ideal, wenn an sämtlichen höheren Schulen getrennter liberaler und orthodoxer Religionsunterricht eingerichtet werden könnte. Aber da es sich hierbei nur um 100 Kinder aus konservativen Kreisen handelt, die in über 17 Anstalten, jede mit über 9 Klassen verteilt sind, so liegt hierfür natürlich eine technische Unmöglichkeit vor. Immerhin sind unter 18 Lehrern, die Religionsunterricht an den höheren Schulen erteilen, 10 konservative. Wir haben ferner dafür gesorgt, daß jeder Lehrer nur von einem Inspektor seiner eigenen religiösen Richtung inspiziert werden kann, und wir halten insbesondere darauf, daß die Dispense ohne jede Schwierigkeit, trotz des Ingrimms der Liberalen dagegen, erteilt werden. Unlogisch und in der Theorie bedauerlich ist es, daß wir eine paritätisch zusammengesetzte „Schulkommission" für den Unterricht an den höheren Lehranstalten dulden müssen, doch hat sich diese Kommission nur mit technischen Dingen zu befassen. Schon aus den vorstehenden Darlegungen geht mit Evidenz hervor, von welch empörender Ungerechtigkeit die in dem besprochenen Artikel enthaltene Insinuation ist, als werde es ein Mann von dem Charakter und der Gesinnungsreinheit unseres Gemeinderabbiners nicht wagen, die Wahrheiten der jüdischen Religion in seinem Religionsunterricht in ihrer „schroffen Absolutheit" zum Vortrag zu bringen! Ob „Schroffheit" gerade ein unentbehrliches Erfordernis religiöser Belehrung in der heutigen Zeit selbst für orthodoxe Kinder ist, soll dahin gestellt bleiben. Daß aber ein Mann, wie Herr Dr. Hoffmann, der jeden Augenblick bereit ist, für den kleinsten Minhag seine ganze Person einzusetzen, noch nicht um Haaresbreite von dem nvn der Thora, von der Absolutheit ihrer Forderungen in seinem Religionsunterricht abweichen wird, ist jedem, der diesen Mann kennt, so sonnenklar, daß man die oben erwähnte Unterstellung nur mit Entrüstung zurückweisen kann. Aus einer solchen konstruierten Unterstellung ohne jede reale Unterlage kann man den Schaden der Einheitsgemeinde, mag man sie auch prinzipiell mißbilligen, jedenfalls nicht beweisen Wir haben schon einleitend bemerkt, daß die angeblich aggressive Haltung der Gemeindeorthodoxie gegenüber der selbständigen Orthodoxie nur in der erregten Phantasie des Artikelschreibers besteht. Es gibt unter den Gemeindeorthodoxen, wie unter den Austrittsorthodoxen, sicherlich Menschen von verschiedenem Temperament und verschiedenen Graden der Einsicht und des religiösen Eifers. Soviel aber darf ausgesprochen werden: Gerade die Breslauer Gemeindeorthodoxie und an ihrer Spitze ihr rabbinischer Führer ist von der Ueberzeugung durchdrungen, daß beide Gruppen der thoratreuen Gemeinschaft, die selbständige Orthodoxie so gut wie die Gemeindeorthodoxie, jede ihre historische Mission und ihre aktuelle Aufgabe zu erfüllen hat. Wir Gemeindeorthodoxe betrachten uns als eine ins Lager des Gegners vorgeschobene Kampftruppe, die es zwar in unserer Zeit materiell leichter hat als die selbständige Orthodoxie mit ihrer bewunderungswürdigen Opferbereitschaft, die aber g e i st i g dafür um so mehr für jeden Zollbreit Boden im Interesse ihrer Prinzipien kämpfen muß. Auf 'der anderen Seite treten wir überall, wo wir es können, für die Existenz und die Entwicklung der bestehenden Austrittsgemeinden ein, die eine ebenso dringende Lebensnotwendigkeit für den geistigen Bestand des orthodoxen Judentums in Deutschland sind wie die orthodoxen Gruppen in den Einheitsgemeinden. Das Interesse der Thora erfordert die Existenz beider Gruppen. Die konservative Fraktion im preußischen Landesverband hat darum bis zum heutigen Tage immer gegen die feindselige zionistische und liberale Politik gegenüber dem Halberstädter Verband angekämpft, weil sie sich eben durch die gemeinsame Weltanschauung solidarisch mit der selbständigen Orthodoxie verbunden fühlt? Diese Solidarität der beiden aufeinander angewiesenen Gruppen der thoratreuen Judenheit in Deutschland zu stärken ist nach meiner Meinung heiligste Pflicht für jeden denkenden orthodoxen Juden. Artikel, wie der hier richtiggestellte, sind aber wenig geeignet, diesem Ziele zu dienen und er mußte daher mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden." Nachbemerkung der Redaktion. Die vorstehende Zuschrift verkennt «ü. E. durchaus, daß es dem Verfasser des ersten Aussatzes sicherlich fern lag, P e r s o sie n bekämpfen oder gar kränken zu wollen. Seine Absicht war lediglich, an einem Bei"spiel die Gefahren der Einheitsgemeinde für die Prin^pientreue der GeMeiNdeörihodoxie zu demonstrieren, ja, den revösMonäkew Charakter der ganzen Konstruktidn -dieser Einheitsgemeinde aufzuzeigen, die diejüdische Einheit de facto auf die bloße Stammesgemeinschaft gründet, statt, wie vön Alters her, auf die gemeinsame religiöse Weltanschauung. Daß die Gemeindeorthodoxie sich — aus welchen idealen Gründen auch immer — dazu hergibt, diese der jüdischen Wahrheit hohnsprechende Konstruktion einer jüdischen Volksgemeinde ohne einheitliche Weltanschauung zu ermöglichen und zu stützen, das ist eine schmerzliche Tatsache, mit -der sich die selbständige Orthodoxie, grade aus Solidaritätsgefühl, aus wahrhaftigem mmy mit JVßräa D’nN' niemals' schweigend wird a b f i n d e n dürfen. Wir glauben, daß der Verfasser der vorstehenden Erwiderung, wie aus seinen Ausführungen selbsthervorgeht, hierfür Verständnis haben und daß er, wie in dieser Erwiderung, auch in der praktischen Politik jederzeit für die wünschenswerte brüderliche Zusammenarbeit von Gemeindeorthodoxie und selbständiger Orthodoxie unbeschadet freiesten Jdeenkampfes jederzeit eintreten wird. tvochenrundschau. Die Wahlen ln Österreich. Man hat den Parlamentswahlen in Oesterreich mit größter Spannung entgegengesehen. Der Ausgang der Wahlen in Deutschland war- ME Vater und Sohn. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Sarahs Tod und Eliesers Brautwerbung für Jsak wird von den Midrasch-Weifen als natürliche Fortsetzung des Akedokapitels behandelt. Zunächst noch ein Wort über den Gang zu Morijah. „i'irp ann» nb'i. Sie gingen beide zusammen." Diese drei Worte lesen wir zweimal in dem Kapitel der mpy, in der Erzählung von Abrahams heldenmütiger Selbstverleugnung und Seelengröße und von Jsaks unvergleichlicher Hingebung und beispielloser Unterordnung. Wie der Refrain in einem Liede stehen diese Worte an den Höhepunkten dieser für unser jüdisches Bewußtsein so bedeutsamen Erzählung, die wir wohl als das Hohelied des unüberwindbaren Gottvertrauens und der unverrückbaren Glaubensstärke ansprechen können. Drei Worte nur! Doch welche Fülle von Gedanken bergen sie und welchen Schatz von Wahrheiten enthüllen sie! Vater und Sohn gehen in schweigsamem Ernst den unendlich schweren Weg gen Moriah. Mag auch noch so sehr ihte bessere Einsicht sich aufbäumen gegen die Zumutung, die in Gottes Geheiß für sie liegt, und sich der Zweifel regen in ihrer Brust, der leicht zur Verzweiflung führen kann, sie zögern nicht, ohne Sträuben, ohne Murren und Zaudern wandeln sie dem vom Weltenschöpfer geforderten Ziele .entgegen. Der Herr befahl:. - -q!» qi-i pnu' nrr nan» ivrr yrn» nn-pa ns sa np* Nimm doch deinen Sohn, deinen Einzigen, den du lieb hast, Jsak und gehe in das Land Moriah und bringe ihn dort dar auf einem der Berge, den ich dir sagen werde." Diesem Befehle gehorchte Abraham, aber nicht er allein, vielmehr omav sie gingen beide, sie beide, nicht etwa der Vater mit dem Sohne, sondern der Vater und der Sohn, Abraham und Jsak. Beide, jeder mit seinen eigenen Gedanken und Empfindungen, jeder, auch der Sohn eine ganze volle Persönlichkeit, mit seinem eigenen Willen und seiner eigenen Bereitschaft G'tt zu Ehr zu opfern und sich selbst ihm hinzugeben. Zehnfach geprüft und geläutert, als hochragendes Banner der Gotterhabenheit und des Gehorsams allen Zeiten und Geschlechtern Beispiel und Vorbild, so wird Abraham nach dem Gange zum Moriah von unfern Alten gezeichnet, und diese seine Bereitwilligkeit wird immer wieder als marr mar, als besonderes Verdienst als Segensquell für das Abrahamsvolk in den mannigfachsten Tönen und Weisen besungen. Gilt aber der Opfermut Jsaks nicht noch mehr? Ist seine Treue, seine Hingabe nicht noch höher anzuschlagen? Sie haben gleichwohl recht die Lehrer und Weisen Israels, die da besonders Abrahams Opferwillen preisen und als unerreichbares Ideal seinen Gehorsam gegen den Willen des Herrn rühmen. Wie muß der Sohn den Vater verehrt und als Verkörperung alles Guten und Edlen geschaut haben, daß jener ohne Vorbehalt, ohne zu zweifeln auch in den Stunden der Gefahr ihm vertraute und willig folgte, daß auch jetzt, wo der Augenblick des Zweifels und Widerspruchs uns anderen berechtigt schiene, mm d.tjp sie beide einmütig — eines Sinnes und eines und desselben Verlangens — zusammen gingen. i'-im Zusammen, seelisch aneinander geschmiedet, innerlich harmonisch verbunden waren sie, der Vater und der Sohn, im Gleichklang der Gefühle waren ihre Seelen und Herzen auf denselben Ton der miv», des Glaubens gestimmt und ward jene Einmütigkeit' im Opferwillen erzeugt, die die mpy bedingte und die eine ewige Mahnung und Weisung an Israels Geschlechter ist: Alter und Jugend, Väter und Söhne, Mütter und Töchter sollen in Treue und Verbundenheit zueinander halten, wo es gilt in abrahamitischer Hingebung und mit: der Pietät Jsaks unsere heiligen Güter uns zu wahren. Die Alten müssen sich der großen Verantwortung bewußt bleiben, die sie für die Zukunft unseres Volkes tragen, und durch ein Leben der Reinheit und.Gottesfurcht ihre Söhne und Töchter an das Heilige und Ewige ketten. Dann versagen sie am Ende nicht, und -mögen sich auch in den Seelen der werdenden und stürmenden: jungen Menschen hie und da Zweifel regen und Fragen nach dem „wie" und „warum" auftauchen. Der Geist: der Gottesfurcht und Frömmigkeit, der in den jüdischen Häusern waltet und sich in allen Beziehungen und Verhältnissen des Lebens auswirkt, erzeugt Liebe und Vertrauen zwischen Eltern und Kindern und kettet zur Harmonie und Eintracht ihre Seelen aneinander, daß auch von ihnen in allen bedeutsamen Fragen des Lebensgilt: yirp vmrv la^i. Sie gehen beide zusammen — das Alter und die Jugend. Solche Geschlossenheit und Einmütigkeit, die nur auf dem Boden der Thoraliebe erblüht, verbürgt den Bestand und die Ewigkeit des jüdischen Volkes. Unsere Akedoh, unser Opfergang durch, die Geschichte mag noch lange währen, wir werden aber bleiben und das Ziel erreichen, das uns als 'aa man«»- „Gläubigen von dem Ursprünge her" verheißen worden. Nur mögen wir uns würdig erweisen des Ehrennamens, den der Prophet unserm Volke zuweist:: ,,'anirr Oma« Vir Samen meines Lieblings Abraham",.