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Der Israelit · 1930-11-06 · Heft 45 (6.11.1930) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 45 (6.11.1930)
Date
1930-11-06
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
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/ Seite 2. Nr. 16 55 e'r* c 1 ‘ * 6. November 193« Blätter " tatsächlich vorhandenen seelischen Differenzierungen mit der politischen Wiuensbrldung in praxi. Im Falle Central-Verein handelt es sich-doch um ein Zusammengehen auf dem Gebiete der inneren LandespolMk. Weshalb man hierbei an die deutsche Landesvrgamsation der Agudas Jisroel nicht gedacht hat, habe ich oben bereits erwähnt. Aber der beste Beweis, daß hier kein im Wesen der Agudas Jisroel liegendes, sondern ein '' nur in Deutschland vorhandenes Manko vorliegt, sind die Verhältnisse in Polen. Die polnische Landesorganisation betätigt sich bekanntlich mit äußerster Lebhaftigkeit auf dem Gebiete der inneren Politik und es ist interessant, daß es gerade heute die polnische Landesorganisation der Agudas Jisroel ist, die ttti: größter Aktivität auf einen einheitlichen jüdischen Wahlblock hinarbeitet und damit in größten Gegensatz zur zionistischen Führung tritt, die keinen einheitlichen jüdischen Wahlblock will. Dabei ist es der polnischen Agudas Jisroel mit göttlicher-Hilfe gelungen, mit den verschiedenen noch außerhalb der. Agudas Jisroel stehenden chassidischen Kreisen zu einem Freundschaftsverhältnis zu gelangen, so daß heute in Polen in der Tat die gesamte Orthodoxie, mit Ausnahme des Misrachi, geschlossen dasteht, und in dieser Geschlossenheit ist sie befähigt und bereit, eine lebendige, den Umständen angepaßte und bündnisfähige Politik zu treiben. Nun komme ich aber zu der zweiten Verwechslung. Gewiß ist es richtig, daß bei den vielfachen historisch gegebenen Bindungen der einzelnen in der Agudas Jisroel vereinigten Gruppen und ihren spezifischen Traditionen die politische Willensbldung oft sehr schwer ist. Aber die Erfahrung hat gezeigt, daß, wenn es zum Klappen kam, diese Willensbildung doch immer ermöglicht wurde. Wir haben z. B. in der Agency-Frage in der von der Keneffio Gedaulo beschlossenen Resolution, in der jedes einzelne Wort genau abgewogen ist, eine absolut klare und bindende Marschroute vor uns, von der sich der G. A. auch nicht um Haaresbreite durch Eiferer von rechts oder links abdrängen lassen wird!. Es ist nicht wahr, daß hiernach eine Zweideutigkeit oder Unehrlichkeit vorliegt. Es gibt in der Aguda Kreise, die unter keinen Umständen eine Teilnahme der Agudas Jisroel an der Agency, wollen. Es gibt andere, denen die in der Resolution formulierten Bedingungen viel zu weit gehen. Aber was interessiert das uns? In einer politischen Organisation wird es immer die verschiedensten Meinungen geben; maßgebend ist der Mehrheitsbeschluß, nzumal wenn er, wie in unserem Falle, von der Autorität der höchsten halachischen Instanz gedeckt wird. 2. Sie schreiben: ^-v. T „Eine Bewegung, wie die unsere, stellt sich bewußt im Gegensatz zu den wechselnden Anschauungen der Zeit. Sie muß vorausschauender sein' als andere, sie will auch gar nicht und darf, nicht ohyet Weiteres, anerkennen, was gegenwärtigst und selbst wenn sie. vorausschaut, daß es auch später sein wird, muß sie sich blind stellen und das Odium der Unpopularität auf stcb nehmen. Erst mit dem historisch Gewordenen haben sich selbst Führernaturen wie Esriel Hildesheimer szl. und Samson Raphael Hirsch fzl. abgefunden. Wenn nun gar unsere Führer — und hier macht es keinen Unterschied, ob man für uns an Kohn, Rosenheim usw. oder für die Tschechoslowakei an die Landeskanzlei oder für Polen an den Gerer Rebbe denkt — voraussehen, daß das scheinbar Echte und Unabänderliche doch hohl und Eintagswert hat, so ist es ihnen gar nicht zu verdenken, wenn sie für ihre Handlungsweise, öfter Scheingründe anführen, die Le einerseits die Tagesförderungen anzuerkennen, andererstits ihnen auszuweichen zwingt, und dann nicht so überzeugend wirken wie diejenigen der in Hurra-Stimmung alles Billigenden. Lassen Sie mich aus meinem Herzen keine Mördergrube machen und ein — vielleicht ketzerisches — Beispiel anführen: Unsere Beteiligung an Jewish Agency. Wir haben eine vortreffliche Begründung für unser Fernhalten gegeben und wie ich höre, soll zwischen Rausch Haschonoh und Jaum Kippur wieder eine Konferenz über Anschluß stattfinden. Aber glaubt man denn wirklich, daß ein Zusammenschluß in irgend einer Form möglich ist? Was die Zionisten wollen, ist klar. Sie wollen sagen können, daß Jewish Agency das geeinte jüdische Volk darstellt. Aber kann dem Agudas Jisroel zustimmen, wenigstens die polnische oder gar tschechoslowakische? Daher, bin rch gespannt daraus, zu hören, welche Hinderungen, em-' treten werden, selbst chettn das' Külturhindernis ausscheidet, weil sich Jewish Agency mit kulturellen: Ausgaben nicht, befasstn^ajird. Noch-einmal will jich..beto-5 neu, dqß uh der Orgämsationsleitung gar keiftest;. Vorwurf daraus herlerten will, daßsie PflichtmäM „lavieren" mutz. Aber dann soll man daraus auch die Konsequenzen ziehen und nicht überall dabei sein wollen, oder besser: nicht gekränkt sein wollen, wenn man nicht herangezogen wird. Als Folge davon müßten wir bewußt darauf verzichten, in denselben Formen uns zu bewegen, wie ändere: hiervon nicht berührte Organisationen." Zu'diesem von Ihnen als Beispiel angeführten Jewish Agency-Kapitel habe ich mich oben schon kurz geäußert. Ich .will aber nochmals darauf zurückkommen. Wenn Die recht hätten, daß die Zionisten mit der Agency gar nicht vorwiegend wirtschaftliche Zwecke .verfolgten, sondern daß es ihnen darum zu tun wäre, eine oberste Autorität des jüdischen Volkes herzustellen,, dann hätte sich die K. G. allerdings nie dazu hergeben dürfen, die Resolution zu fassen,, die sie gefaßt hat. Die .Resolution fußt natürlich, auf der Voraussetzung,' daß die Agency ein Spezialinstrument für wesentlich technische Zwecke ist. Von einem Lavieren ist hier gar keine Rede. Wir haben einen klaren politischen Standpunkt eingenommen. So lange die Agency apikorsische Schuleft. sftbvenffyniert, haben.wir nichts mit ihx. zu. tust,'verzichtet sie darauf und gibt außerdem Garantien, daß ihre wirtschaftliche Tätigkeit ohne Verstöße gegen das Religionsgesetz sich vollzieht, dann gehen wir hinein. Ich bin subjektiv überzeugt, daß dieser letztere Zeitpunkt im Augenblick nicht gekommen ist, aber das ändert nichts an der Tatsache, daß unsere Resolution durchaus ehrlich gemeint ist. Im übrigen ist ja dadurch, daß Marburg von vornherein in seinem Briese an uns nur von Kooperation der Agudas Jisröel mit der Agency spricht, bereits klargelegt, daß die Agency sich vorläufig nicht in der Lage glaubt, unsere Bedingungen zu erfüllen. Ich finde, daß dies alles doch klare und einfache Dinge sind und daß es unrecht von Ihnen ist, sich" selber Mißtrauen einzuflößen, wo gar kein Anlaß dazu gegeben ist. Eben so wenig halte ich es für recht, daß Sie die Rolle der Agudas Jisroel derart herabsetzen und verkleinern, während in Wirklichkeit das Werben um Agudas Jisroel überall in der Welt zu spüren ist? Insbesondere ist dies in Erez Jisroel der Fall. Dort hat Agudas Jisroel in den letzten Jahren eine klaxe und erfolgreiche Politik geführt, und es ist zu -erhoffen, daß sie die Früchte dieser Politik schon in absehbarer Zeit ernten wird. 3. Sie schreiben dann weiter: „Aber ein Anderes schädigt unsere "Bewegung ungleich viel-mehr als alle Mißachtung, von außen. Dies ist das gegenseitige Mißtrauen Md Ketzerriecherei im Innern, die vielen Gruppen'und Grüppchen, in die wir Handvoll ^.Menschen zerfllllen. Dazu gehört schon, daß es eine Frankfurter, eine*! Perliner, eine Hamburger und eine- Münchener Orthodoxie, gibt und jede glaubt, daß der echte Ring bei ihr sei. D.ieses Bekritteln und Beriechen und Verwerfen hatunendlichvift Schaden angerichtet. Leider ist es feit Gründung von Agudas Jisroel nicht besser, sondern nur schlimmer geworden. Was ich früher auf dem Boden eines Landes abgespielt hat, ist nun interterritorial geworden." Was Sie hinsichtlich dieser „Ketzerriecherei" innerhalb der deutschen Orthodoxie schreiben, ist bis zu einem gewissen Grade richtig, nur daß es keine spezifisch deutsche Eigentümlichkeit ist, sondern eine Erscheinung, die. man in,.der ganzem Welt gerade bei denjenigen gesellschaftlichen Gruppen findet, die starke positiv religiöse Ideale besitzen. Dort, wo die Religion derart vetblaßt ist, daß sie keine Gemeinschaft bildende Kräfte mehr besitzt, sondern zu einer ganz individuellen Angelegenheit wird, die sich zwischen dem Einzelmenschen und seinem Schöpfer abspielt, ist auch keine Möglichkeit dafür gegeben, daß religiöse Nuancierungen zu Gegensätzen und Streitigkeiten ühren. Daß das bei.der Orthodoxie anders ist, st auf der einen Seite ein Zeichen kräftigen Lebens, auf der anderen Seite aber auch ein Zeichen mangelnder sittlicher Reife. Das ist ja m b er ge rjad e &i?'e.rn!.;p ro yide n tie dl e A u f g a b e-std e r A g üd a s I i s r o e l, hie r in, ^ahlm ähl ich en: E rz ie h un;g sa rtue i t au s gst e tche n d zu wir k e n. Vielleicht, darf ich Sie. iw diesem Zusammenhang schon jetzt -auf elfte. Arbeit Jacob Rosenheims: „Vorfragen und Grundfragender agudistischen Politik" Hinweisen, die in dem in einigen Wochen herauskommenden Sammelwerk Rofenheim'scher Aufsätze abgedruckt ist. 4. Sie regen sich über die Kritik eines gewissen A. S. aus Wien, die er am Säbbatkongreß geübt hat, aus und verurteilen überhaupt die Einstellung, die Agudas Jisroel zu diesem Kongreß eingenommen hat, aufs schärfste. Sie schrei-, ben in einer bei Ihnen sonst ganz ungewohnten Schärfe: V „Aus Furcht davor, es könnte wirklich einmal etwas Ernstliches geleistet werden, was nicht in der patentierten Orthodoxie ausgebrütet war, tut. man lieber , gar nichts. Es war beschämend, zu erleben. Wie gerade 'auf diesem Kongresse, sobald einmal Jdeem von großartigerer und: weitschäuenderer Trägweite 'geäußert wurden, die kleinlichen Bedenken gerade aus unseren (A. . J.) Kreisen kämen, die die Begeisterung. abtöten sollten. Ich kann mir nicht helfen, ich Werde das Gefühl nicht los, daß! Hier, v i et l e i ch't unbewußt, "öme Art Neid und Mißgunst, zumindest die Verwunderung darüber die Ursache istdaß jemand außerhalb der höheren Leitung der Agudas Jisroel die Chuzpe haben kann, fürdie Orthodoxie etwas zu schaffen." ,, Die starken Ausdrücke, die Sie hinsichtlich Sabbät-Vöröand und 'Sabbat-Kongreß in Jhrerst Briefe brauchen, lasten erkennen, daß Sie das wirkliche Problem, das in dieser Sache für Agudas Jisroel als Weltorganisation Vorgelegen hat, vielleicht nicht ganz objektiv ins Äuge faßten. Wenn Agudas Jisroel die ganze Zukunftshoffnung der Orthodoxie in sich birgt, dann bedeutet es natürlich eine Gefährdung dieser Zukunftshoffnung, wenn ein lebenswichtiges öffentliches Anliegen der Orthodoxie außerhalb des nun einmal gegebenen Rahmens der Welf-Agudas Jisroel sich einen eigenen Vertretungskörper schafft. Wenn Menschen, denen Agudas Jisroel Lebensinhalt g e w o rde m i st, die Gründung des Sabbat-Weltverbandes schmerzlich empfanden, so muß man das, wenn man objektiv sein will, durchaus verstehen. Andexerseits wissen Sie, daß Herr Jacob Rosenheim von Anfang an seinen Freunden erklärt hat, daß dieses berechtigte Gefühl des Schmerzes durchaus zurückgedrängt werden muß gegenüber der Notwendigkeit, angesichts der gefährdeten Lage der Sabbattreuen auf möglichst breiter Basis alle, die h e'l f e n wollen, zusammen zu fasten. Ich darf in dieser Hinsicht auf den Leitartikel Hinweisen, den er im Anschluß an den Sabbat- Kongreß im „Israelit" veröffentlichte. .Er veranlaßte, daß die Exekutive der Agudas, Jisroel bei dem Kongreß offiziell vertreten war und ihre Sympathie erklärte: Ich göbe Jhsien; zu: die. A. S<-Kritik in der' „Jüdischen' Presse" war unter aller Kritik. Sie haben aber? verehrter Freund, kein Recht, die Kritik, die Sie ' üben, an der Agudas Jisroel als solcher zu üben^ denn ich weiß nichtwartnn Herr A. S. in höherem Maße Repräsentant der Agudas Jisroel sein sollte, als Herr Jacob Nosenheim. 5. Daß Ihnen die „Blätter" nicht gefallen^ weil angeblich nicht genug Selbstkritik darin geübt wird, ist allerdings der klarste Beweis, daß Sie. die „Blätter" nicht lesen. Denn ich könnte' Ihnen, eine lange Serie von Auffätzen aufzählen,, die Agudas Jisroel und ihre Leitung in einer Weise kritisieren und heruntersetzen, wie ich es in dem Jüdischen Rundschau gegenüber der zionistischen Organisation noch nie gelesen habe. Die ^Anklage, die Sie hier erheben, ist also von Grund auf unberechtigt. Sie widerspricht dem offenkundigen Tatsachen. Ich gehe aber noch weiter: Ich finde die Selbstkritik in den „Blättern" höchst unfruchtbar. Sie bessert nichts, sondern erzeugt nur Defaitismus und lähmt alle? Arbeitsfreudigkeit. '' Ich habe auch von einem Bramarbasieren nach außen speziell in den „Blättern" seit Iah-- ren nichts bemerkt.

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