Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1930)
- Date
- 1930-11-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450644--77391-2535047- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
6. November 1930 Der Israelit, Nr. 45. Seite 7 Wir beginnen in heutiger Nummer mit dem Abdruck des bereits angekündigten Romanes von S. Jizchaki. Meikemeiers Weg zum Kreml. Im Schicksal , eines ringenden Menschen, der aus der Enge in die Weite strebt, um, am Gipfel angelangk, enttäuscht zu erfahren, daß das wahre Glück hinter ihm lag, spiegelt sich eine ganze Zeitepoche wider, die um so mehr interessieren muß, als sie unsere Generation zum Teile miterlebt hat. Gegensätze 31t seiner rein-zionistischen Liste, mit den Deutschen vereinigt. So stehen die Dinge in Polen, und trotzdem haben Zionisten den Mut, zu behaupten, die Aguda hätte die jüdische Einheit gestört und eine unjüdische Politik getrieben, wo doch die Äguda sogar die galizischen Zionisten auf ihrer Seite hatte. Die Aussichten für die Aguda, die nun-in einem Blocke mit den Volkisten und wirtschaftlichen Organisationen vereinigt ist, sind recht gute. Die Aguda Ist der gesunden Ansicht, daß die heutige Regierung, bei all ihren Mängeln, noch die beste - Stütze für die Juden - ist. Eine rechtsstehende Regierung wäre cmtisemitisch, und eine ganz links gerichtete sozialistische Regierung würde uns, wie die Erfahrung in Polen gelehrt hat, auch wenig dienen. Gegen Pilsudsky ist mit Opposition nichts zu erreichen, wohl aber viel mit Verhandlungen. Auf dieser Basis kann eine Besserung der Lage leicht herbeigeführt werden. Datz die Regierungspartei ohne jede Gegenleistung zwei Agudisten und einem Vertreter der jüdischen Wirtschaftsorganisation Mandate auf ihren Listen gesichert hat, spricht für diese Auffassung und diese Hoffnung sehr deutlich. Große Protestversammlung in Wilna. Wilna, 2. November. Eine von dhr Agudas Jisroel und Achduih einberufene M a s s e n - V e r s a m m l u n g in der großen Schul protestierte gegen den neuen Kurs in Palästina. Der Vorsitzende, Rabbi I. Schub, eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in der er die. Enttäuschungen des jüdischen Volkes über die neue englische Erklärung schilderte. Unsere Antwort soll in der reinen Liebe zu Erez Jisroel bestehen, die von keinen nationalen und materiellen Vorteilen abhängig ist, so rein wie bei unserem Führer Moses, der nur von der Ferne das Land schauen durfte, wie bei Rabbi Jehuda Halevi, dem der erste Schritt ins heilige Land das Leben gekästest hat. Es sind schon Juhen unter den schlimmsten Gefahren und alle Leihen und Opfer von monatelangen Reisen über Meere und Wüsten auf sich nehmend, nach Erez Jisroel gegangen, zu einer Zeit, da Erez Jisroel noch gar keinen materiellen Nutzen versprach. Der Erez Jisroel-Eedanke wurde in den letzten Jahren zu sehr profaniert, darum empfinden wir jetzt den Schlag so äußerst hart. Zurück zum g e i st i - g e n Erez Jisroel, zur Thora als Mittelpunkt aller Kultur und allen Ausbaues, zurück zum Sabbath! Als zweiter Redner sprach Rabbiner Israel S 0 l - weitschik. Die,Attentate sind nicht allein gegen uns, sondern gegen G'tt und seine Thora gedacht. Unsere Propheten richten, indem sie gegen eine Welt protestieren, auch Strasreden an uns selbst. Die Schickungen müssen 'eine Warnung zur Tschuwo sein. Wir müssen uns fragen, oü wir nicht bei aller von der Welt anerkannter und bewunderter Kulturarbeit in Erez Jisroel mehr für die Welt und die Völker gearbeitet haben, als für uns selbst, für die jüdische Seele. Gegen das Unrecht, das uns England antut, wollen wir protestieren, unser eigenes Haus in Palästina müssen wir aber jüdischer gestalten. Beide Reden hinterließen starken Eindruck bei der Versammlung. Holland. Der Haager internationale Gerichtshof und das Palästina-Mandat. Haag, 3. November. Wie dem Haager Vertreter der ITA. aus dem Haager Internationalen Gerichtshof nahestehenden Kreisen -mitgeteilt wird, wird möglicherweise der Haager Internationale Gerichtshof um eine Entscheidung darüber, ob die im neuen englischen Weißbuch gegebene Interpretation eine Verletzung der Mandatsbestimmungen darstellt, angerufen »werden. Die zur 16. Session des Haager Internationalen Gerichtshofes versammelten-Richter haben die Frage erwogen, ob die Jewish Agency die Möglichkeit besitzt, zu verlangen, daß die englische Mandatsinterpretation dem Haager Internationalen Gerichtshof zwecks Fällung eines' Konsultativurteils darüber, ob [te: den Mandatsbestimmungen und den von der englischen Regierung gegenüber dem jüdischen Volk übernommenen Verpflichtungen entspricht, vorgelegt werde. Die Mehrzahl der Richter war der Anschauung, daß der Jewish Agency das Recht zustehe, vom Völkerbund die Befragung des Haager Schiedsgerichts in dieser Sache zu fordern. Einige Richter haben sich auch dahin geäußert, daß Ministerpräsident Mac Donald, der bekanntlich stets für eine Erweiterung der Machtbefugnis des Haager Internationalen Gerichtshofs eingetreten ist, sich einer Untersuchung her Angelegenheit durch diesen Gerichtshof kaum widersetzen werde. England. Ein Schreiben Baron Edmond de Rothschilds an Professor Weizmann. London, 30. Oktober. Baron Edmond de Rothschild, der „Vater" der jüdischen Kolonisation in Palästina, hat an Professor Weizmann nachstehendes Schreiben gerichtet: „In meiner Eigenschaft als Ehrenpräsident der Jewish Agency und als Gründer der ersten jüdischen Kolonien in Palästina schließe ich mich rückhaltlos dem Proteste an, den Sie gegen die Erklärung der britischen Regierung über die künftige Politik in Palästina erhoben haben. Die in dieser Erklärung niedergelegten Grundsätze widersprechen sowohl dem Geist als auch dem Wortlaut des Palästina-Mandates, welches auf der Deklaration basiert, die der verstorbene Außenminister Lord Balfour im Namen seiner Regierung erlassen hat. Die Juden der ganzen Welt sind in einem Zustand der Bestürzung, und ich teile ihren Schmerz. Wer aber eine so große und edle Sache wie die unsere zu verfechten hat, darf mit Recht auf eine bessere Zukunft hoffen." Das Palästina-Problem vor dem Englischen Parlament. London, 28. Oktober. Am Nachmittag des 28. Oktober begann im Unterhaus die allgemeine Aussprache über die Thronrede, die entgegen manchen Erwartungen auf die Palästina-Frage nicht Bezug nahm. Der ehemalige konservative Ministerpräsident B a l d w i n stellte an die Regierung die Frage, ob sie die bisher von England befolgte Palästina-Politik zu revidieren beabsichtige. Ministerpräsident Mac Donald gab ein ausführliches politisches Exposee, in dessen Verlauf er auch auf die Anfrage Baldwins zurückkam. Er erklärte, das Weißbuch der Regierung bringe nur die bisherigen Unstimmigkeiten zwischen einzelnen einander widersprechendern Teilen gewisser früherer' Erklärungen in Ordnung, die Regierung halte auch weiterhin an dem Wortlaut des Mandates fest. Im O b e r h a u f e behandelte der ehemalige Vizekönig von Indien, Lord Reading, in längerer Rede das Palästina-Problem und wies daraus hin, daß die Regierungserklärung über Palästina in der ganzen Welt mit Entrüstung ausgenommen worden sei. Die Welt sei der Auffassung, daß diese Erklärung erkennen lasse, daß die Regierung das den Juden von England feierlich gegebene Versprechen nicht einhalten wolle. Lord Parmoor erwiderte namens der Regierung, die Beschuldigung, daß die Regierung in der Behandlung der Juden und Araber nicht ihr Bestes getan habe, sei vollkommen unberechtigt. Sensationelle Meldungen des „Jewish Ehronicle". London, 30. Oktober Der parlamentarische Korrespondent des „Jewish Ehronicle" veröffentlicht eine Reihe von Mitteilungen über die Entwicklung der Palästina-Krise, die recht sensationell klingen. Danach sei sich die Regierung bereits darüber klar geworden, daß sie im Falle einer Abstimmung im Unterhause über ihre neue Palästina- Politik eine Nie derlage erleiden würde, da fa st die ganze Arbeiterpartei das Weißbuch als Treubruch mißbillige. Infolgedessen seien die Tage Lord Paßfields, der ohnedies 72 Jahre alt ist, im Colonial Office gezählt und Mac Donald werde es als eine starke politische Erleichterung empfinden, wenn er den verantwortlichen Urheber des Weißbuches los werden kann. Die Regierung bemühe sich krampfhaft, die Debatte über das Weißbuch Hinauszufchieben, bis sie in diesem Sinne ihre Vorbereitungen getroffen hat. Die Lage ist dadurch etwas kompliziert, daß zufällig ein Labour-Abgeordneter, der im Eastend gewählt ist, dieser Tage starb, sodaß eine Neuwahl erforderlich wird. Es handelt sich um einen sicheren Sitz der Arbeiterpartei, der aber jetzt gefährdet ist, weil die Eastend-Juden natürlich ablehnen, unter den heutigen Umständen einem Labour-Abgeordneten ihre Stimme zu geben. Was das Weißbuch selbst betrifft, so ist es innerhalb des Kabinetts, ohne Kenntnisnahme des ganzen Inhalts, überhaupt nur formell gebilligt worden. Mehrere Mitglieder des Kabinetts gestehen, daß sie von den neuen Entscheidungen, die im Weißbuch enthalten sind, nichts wußten. Wenn die Wahrheit über die Methode, nach der das Weißbuch zustande gekommen ist, an den Tag komme, werde man sich in politischen Kreisen nicht wenig wundern und man werde dann sagen müssen, daß die jüdischen Proteste, verhältnismäßig sehr milde gewesen seien. Wenn die allgemeine schwierige Lage der englischen Negierung es nichts allen Parteien unerwünscht erscheinen ließe, die Regierung zu übernehmen, so würde die allgemeine Erregung über den schweren politischen Fehler des Kabinetts in der Palästina-Frage sicherlich zum Sturze des Kabinetts geführt haben. Wir müssen dem „Jewish Ehronicle" natürlich die Verantwortung für diese Mitteilungen überlassen, zum größeren Teil klingen sie durchaus nicht unglaubhaft. Lord Reading kritisiert im Oberhaus scharf das neue Palästina-Weißbuch. London, 30. Oktober. Der ehemalige Vizekönig von Indien, Marguis of Read i n g, sprach am 28. Oktober als Führer der liberalen Partei im Oberhaus in der Debatte über oie Thronrede und führte u. a. aus: Was ich vorzubringen habe, nimmt zwar kaum Bezug auf die huldvolle Ansprache des Thrones, aber es ist mir unmöglich, mich im gegenwärtigen Augenblick an eure Lordschaften zu wenden, ohne das letzte politische Statenient der Regierung zu berühren. Dieses Statement war Gegenstand von Kommentierungen und offenen Briefen in den Zeitungen. Eine Diskussion hierüber wäre wohl im Verlauf dieser Debatte unangebracht. Ich wünsche aber, die Regierung Seiner Majestät daraus hinzuweisen, daß es sich hier nicht nur um eine Angelegenheit handelt, die nur Juden und Araber angeht, sondern daß hier die Ehre Englands auf dem Spiele steht, und daß es die Pflicht der Regierung ist, soweit es in ihrer Macht steht, die Schwierigkeiten aufzuklären und den Frieden wieder herzustellen. Es soll nicht länger Klage darüber geführt werden können, daß eine englische Regierung, in der Absicht, eine ganz bestimmte politische Situation zu schaffen, während des Krieges gemeinsam mit alliierten und assoziierten Nationen, wie den Vereinigten Staaten, ihr Wort verpfändet habe und nach dein Kriege, als sie sich vor gewisse Schwierigkeiten und Gefahren gestellt sah, einen völlig veränderten Standpunkt eingenommen und ihr gegebenes Versprechen nicht eingelöft habe. Ich kann schwerlich annehmen, daß dies tatsächlich die Absicht der Regierung ist.' Möglicherweise war die Regierung ungeschickt in ihren Aeußerungen und ihrem politischen Statement. Jedenfalls muß ich erklären — wenn ich auch die Frage im gegenwärtigen Augenblicke nicht im einzelnen behandeln kann — daß die Regierung meiner Ansicht nach einen schweren Mißgriff getan hat. Die Regierung hat erklärt, sie müsse beiden Teilen Gerechtigkeit widerfahren lassen und die bürgerlichen und religiösen Freiheiten der Araber ebenso respektieren wie die jedes anderen Bevölkerungsleiles. Hierüber ist niemand anderer Ansicht, und zweifellos ist dieser Grundsatz, ebenso wichtig wie die Rechte, die — welcher Art immer sie sein mögen — den Juden gegeben wurden. Dennoch fühle ich mich genötigt zu sagen, daß die Regierung, nachdem sie das Versprechen gegeben hat, sich für die Errichtung eines Jüdischen Nationalheimes einzusetzen, nicht berechtigt ist, in späterer Zeit willkürlich Maßnahmen zu treffen, durch die in vielen interessierten Kreisen aller Länder der Eindruck erweckt wird, daß die Regierung ein falsches Spiel treibe. Ich wiederhole, daß ich selbst nicht an eine solche Abicht der Regierung glaube, und ich hoffe, daß sie uns zu gegebener Zeit im Zusammenhang mit anderen Debatten eine spezielle Erklärung über diese Frage geben unv sie in völlig anderer Weise als im letzten Statement beantworten wird.