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Der Israelit · 1930-10-30 · Heft 44 (30.10.1930) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 44 (30.10.1930)
Date
1930-10-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Jenilktoi Der rettende Wahnsinn. . Eine wahre Begebenheit. In einem polnischen Städtchen herrschte seit einiger Zeit kein gutes Verhältnis mehr zwischen den jüdischen Familien und der starken Bauernbevölkerung im Orte und der Umgebung. Ein paar böswillige Hetzer waren von auswärts zugezogen und zerstörten den bisherigen musterhaften Frieden, sorgten immer für neuen Zündstoff und schürten das Feuer, so gut sie konnten. -i. Einmal — es war am Sabbat und die Juden waren in der Synagoge zum Gebete versammelt, erhob sich ein wüstes Geschrei aus der Straße. Bauern kamen mit' wilden' Gebärden, drohend und schimpfend daher, und vor dem Kloster hatte sich schon eine ansehnliche Menschenansammlung gebildet. Bald erfuhren die Juden zu ihrem ungeheuren Schrecken, was geschehen war. Das Heiligenbild am Holzkreuze vor dem Schnitt- .warenladen Henichs; unweit des Klosters, war bei Nacht umgeworfen und beschädigt worden. Natürlich, so sagten die Hetzer und. fanden Glauben, hatten es keine anderen getan, als die Juden, die die Christen beleidigen und' ihre Heiligtümer verhöhnen wollten. War die Aufregung bei den Nichtjuden etwas künstlich aufgezogen, am willkommenes Mittel nur, ihre Wut an den Juden zu stillen, so war djtz Aufregung bei den Juden selbst eine ungeheure und tiefe. Man wußte aus Erfahrung, was aus solcher Anschuldigung entstehen konnte. Das Schlimmste war zu erwarten. : . i- - Bald tauchten Augenzeugen auf, die gehört oder gesehen haben wollten, wie Henich, der Schnlttwürenhändler, mit Hilfe. Luoerer Juden, mit Beil und Axt, unter dem Segen des Rabbiners, das Holzbild bearbeitet hatte. Stöcke Und Fäuste fuchtelten schon durch die Üuft, und mehr als e i n Jude, der sich an diesem Sabbat auf der Straße zeigte, mußte sich mit blütitzem Kopfe in Sicherheit flüchten. Das alles war aber nur Vorspiel. Am Dienstag-sollte gro^-tzx Jahrmarkt, verbunden, mit Messe, im Städtchen abgehalten werden, zu dem die Bauers alljährlich Ms dem weitesten Um* kreis-da^tzrströmten. An diesem Tage hofften die Hetzer.» 'den Juden blutige AbrechnuNg zu halten Möglicherweise gyH hen Garaus zu irÄ '_ ';;-v . .' : . ' ' "''Me- Juden in - der Gemeinde 'hielten ,Pej> faMmlungest'ab, Meten und Meinten, fetzten.fhr rdett Montag einen'Fasttäg ein und rüsteten..sich für den Märtyrertdd. Im übrigen aber wollten sie noch kein Mittel unversucht lassen. Angesehene Männer begaben sich in die Kreisstadt zur Polizei. Der Polizeichef schüttelte den Kopf und sagte, es geschähe den Juden recht . . . .... Es wurden gleich nach' Sabbä'taüsgang Sendboten nach Alexander geschickt zum großen Rebben, RäbbkÄ e ch i e l, daß e r der GeMinde in der großen .Not rcste und helfe und für sie Fürbitte bei G^t einkege. . Der Rabbi, als hätte er schon, alles gewußt und die Boten erwartet, empfing sie sogleich. Sie erzählten Unter Aränert, was. vorgegangen sei, erzählten auch, daß die. Polizei' Hney.- best Schutz versagt hätte. Die Juden, meinte der Gouverneur, sollten eben fernerhin' die Hände, von einem Heiligtum der Kirche lasstu /; Der Rabbi hcjrte das., alles schweigend, an. Zuletzt über, sprach er nur ein- Wort: „Das geschah alles am Sabbat, der heilige Sabbat wird Euch beistehen und helfen. G'tt wird die Seinen nicht verlassen!" Mit diesem Pescheid kehrten die Sendboten ins Städtchen zurück. i Der Dienstag rückte näher. In aller Frühe rollten schon die Wagen von allen Richtungen heran. Gegen zehn Uhr morgens war der Markt von Wagen angefüllt. Die Männer waren noch alle bei der Messe in der Kirche. Von den Juden ließ ' sich keiner blicken. Alle Kramläden waren fest geschlossen. Nach der Messe, so war es ausgemacht, sollte es noch eine Trauerkundgebung vor dem umgestürzten Heiligenbild geben, und das sollte das Signal sein, sich bald danach auf die jüdischen Häuser zu stürzen. Schon läuteten die Glocken. Die Menschen drängten durch die offenen Türen der Kirche. Zwischen dem Kloster und dem Laden Henichs staute sich die Menge mit Kirchenfahnen. Meßglöcklein ertönten und Geistliche zelebrierten Gebete. Da drängte sich plötzlich eine zerlumpte Gestalt durch die Menge, es war I u s e p.h, der schwachsinnige üüd stets betrunkene Kirchenbettler. Er hatte eine Axt in der Hand' und fing sofort an aus das zu Boden liegende Heiligenbild einzuhauen. .*••••- Die Bauern wollten sich auf chn stürzen. Er aber fuchtelte wie wahnsinnig mit der Axt durch die Luft und schrie: „Weg da! Es ist mein Bild. Ich habe es am Samstag umgeworfen und muß es jetzt ganz in Trümmer schlagen!" Man überwältigte den Verrückten und schleppte ihn in den Klosterhos, wo er vom Geistlichen ausgefragt wurde. Juseph schrie und lamentierte, er habe es getan, und habe es mit Recht getan, weil ihm das G'ttesbild in seiner Not nicht half und ihn in seiner Armut verkommen ließ. Juseph schrie so laut und so überzeugend, daß es alle hören und glauben mußten. I Der Geistliche konnte niHf umhin, der Menge der Bauern zuzurn-^. „Der .xöafyti Schuldige hat sich zu seiner schuld bekannt. Die Juden sind unschuldig. Rühret sie nicht an und bittet sie um Verzeihung für den falschen Verdacht." Die Bauern bekreuzigten sich und gingen auf den Markt zu ihren Fuhren, als wäre nichts geschehen. Die Juden öffneten ihre. Läden und Herbergen, und es gab an diesem Tage und in den späteren Tagen guten Verdienst im Städtchen. Man trug im Städtchen die wundersame Begebenheit in das Gemeindebuch ein und man erzählt sich dort heute noch von dem großen Rabbi Jechiel, der wohl wußte, daß der heilige., Sabbat feine Fittige über eine jüdische Gemeinde ausbreiten, würde, um sie vor Tod und Untergang, zu schützen.;; östlicher Humor. D as gefällt mir , . . . Der berühmte litauische Chasan Michael Lieder pflegte, wie all seine Verufsgenossen zu jener Zeit, im Lande herumzufahren und mit seinem Meschorarimchor Gastg'ttesdienste in den Synagogen der Provinz abzuhalten. Das Honorar der Sängerknaben war sehr minimal, dafür fehlt es ihnen aber nicht an Essen und Trinken, denn überall in den Gemeinden wurden, sie mit Liebe ausgenommen und in Privatfamilien wie in den Gasthäusern unentgeltlich und reichlich verpflegt. In einer Kretschme (Dorsgasthaus) hatte er. aber mit seinem Sängerchor ein böses Erlebnis. Der jüdische Gastwirt, ein hartherziger Geizhals, setzte ihnen Speis und Trank in reicher Fülle vor. Die ausgehungerten Jungen taten sich gütlich an den leckeren Speisen. Zu ihrer Ueberraschung präsentierte aber der geldgierige Wirt eine Rechnung von 15 Rubeln, ein Betrag, der damals ein Vermögen ausmachte und den der Chasan zu zahlen weder gewillt noch imstande war. .- In seiner Not bot Michael Lieder dem Wirt an, die Rechnung mit den schönsten Gesängen, die sie auf Lager hatten, zu begleichen. „Geld, oder ich reiße Euch die Kleider vom Leibe," beharrte der wenig sangfroheWirt, „ich brauche Eure Gesänge nicht." i Der kluge Chasan machte noch einen Versuch: „Laßt uns zunächst einmal singen. Gefällt Euch der Gesang, dann gut. Wenn nicht, könnt Ihr es uns sagen. ßr.u wo und wir werden sehen, wie und' wo wir das Geld auftreihen." Das Risiko schien dem Dorfmanne klein. Er dachte, was könnte es schaden, wenn sie mir einmal etwas Vorsingen. ich kann ja immer noch meine Unzufriedenheit ausdrücken und das Geld verlangen. Michael Lieder ließ mit seinen Sängern los. Sie gaben ihr Bestes. Aber wie zu erwarten war, schüttelte der Wirt ablehnend den Kopf. „Das war nichts," rief er, „mein Geld will ich haben." Sie sangen noch einmal und noch einmal, immer mit dem gleichen negativen Erfolg. Da wurde bei dem klugen Chasan ein Plan reis. Er flüsterte den Jungen etwas ins Ohr und sagte dann kurz: „Wir singen nun zum letzten mal. Sagt Ihr jetzt, daß es Euch nicht gefällt, dann zahle ich die fünfzehn Rubel." Run stand Michael Lieder im Kreise seiner Sänger und gab ihnen den Ton an, und sie stimmten eine sehr harmonische Melodie an mit dem Texte: „Man muß bezahlen! Man soll zahlen! Man wird zahlen!" Sie sangen die Worte in allen Variationen, so daß daraus ein ganzer langer schöner Marsch wurde. „Na wie ists?", fragte der Chasan, „gefällt Euch, was wir da sangen?" „Das gefällt mir,", rief der Dorfwirt zufrieden. „Das genügt uns," quittierte Michael Lieder und verließ mit seinen Meschorarim eiligst das Haus. Das Möbelstück. Ein stellungslos gewordener Kantor suchte einen Vorbeterposten, aber es fand sich keiner. Einmal traf er einen bekannten Möbelhändler. „Wohin, woher?" begrüßte ihn der Kaufmann. „Ich bin auf der Wohnungssuche," gab der Kantor Auskunft. „Wohnungswechsel?" sagte der Andere, „da braucht Ihr auch neues Möbel. Ihr werdet von keinem anderen bester und billiger bedient als von mir." „Ich fürchte aber," gab der Kantor zurück, „daß ich gerade d ct s Möbelstück, das ich jetzt am nötigsten brauche, bei Euch nicht bekomme." „Bei mir nicht bekommen?" ereiferte sich der Händler. „Ich habe alles. Was soll das für ein Möbelstück sein?" „Ich suche einen Omud (Vorbeterpult), schloß der Chasan die Unterhaltung. Aus der Religionsstunde. Bon S. BrLSheimer in Marktbrett. 1. Der Lehrer erzählt von König Salomo, daß er viele Frauen, der Ueberlieferung nach tausend, gehabt habe. Da erhebt sich in der letzten Bank ein kleines Mädchen. Sein Gesicht ist ernst, ein Schein von Sorge liegt darüber. „Herr Lehrer, was muh Salomo dann wohl viele Kinder gehabt haben!" 2. Der Lehrer fragt den unaufmerksamen Siegfried: „Und was hat Jakob bei Laban getan?" Siegfried hat bei der Erzählung nicht zugehört upd schaut nach Hilfe aus. Da sieht er, wie fein Nachbar zufällig einen Fuß am andern reibt und glaubt.zü verstehen. ) „Jakob hat dem Laban die Schuhe gewichst," ruft er voller Freude über die freundliche Hilfe seines Mitschülers. , . _ .. . ' Die Kinder übersetzen den Schluß^ des Tischgebets: „Und-.her Ewige ist seine Stütze." . Der Lehrer:, „Was ist mit dem Worte „Stütze" gemeint?" " . Eine Schülerin: „Die Stütze ist das Holzgefäß, in dem die Bauern Wasser holen." 4. Der Lehrer fragt: „Wieso waren es denn schon 70 Personen, die mit Jakob nach Aegypten zogen?" Eine Schülerin: „Es waren halt auch Kamele dabei." 5. Der Schüler erzählt: „Jakob träumte, daß eine Leiter auf der Erde stehe, die mit ihrem oberem Ende bis in den Himmel reiche. Und die Engel stiegen daran hinauf und hinab." Der Lehrer fragt einen andern Knaben: „Und wer war oben an der Leiter?" Der Schüler fährt auf: „Oben war der Taubenschlag." 6. Lehrer: „Wir haben gerade gehört, daß der Tempel der Philister von Säulen getragen wurde. Gibt es hier irgendwo auch Säulen." Eine Schülerin: „Herr Lehrer, der Müllers August neben uns hat auch zwei fette Säule." 7. Eine Schülerin übersetzt: „Zadik katomar jifroch ... Der Gerechte ist wie Pflanzenfett."

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