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Der Israelit · 1930-10-30 · Heft 44 (30.10.1930) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 44 (30.10.1930)
Date
1930-10-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14. Nr. 44 5i r* ist und bleibt der Beste! statt Zu Qual ität" aben Die Marranen in Portugal ') Von Marcus Ehrenpreis. U. Wandert man von den rauschenden Hauptplätzen Lissabons, Rocio und Praca do Cornmercio, zu der stillen Judiaria, so kommt man vorbei an den tragischen Schauplätzen des Vernichtungskampses, den die Inquisition gegen die Ketzer geführt, durchlebt in der Erinnerung dunkle Kapitel der Religionsgeschichte, und man hat gleichsam einen körperlichen Eindruck von diesem blutigen Zweikampf zwischen Gewalt und Glaube. Ich fühle mich jetzt eingesponnen in die tragischen Erinnerungen dieser Stätte. Ich merke kaum mehr das unerhört intensive Leben, das mich hier umgibt, ich fühle nur noch den heißen Atem oes Religionskampf.es mir entgegenwehen, gewaltsam und verzehrend gleich einer verheerenden Feuersbrunst. Hier rasten Diener G'ttes in seinem Namen gegen ihre Mitmenschen. Auf diesen lachenden Plätzen wurden die Vorfahren der jetzigen Marranen zu Tausenden gemartert und verbrannt. Hier versammelten sich g'ttesfürchtige Scharen jubelnd und psalmensingend zu Autodafes, ähnlich wie sie sich jetzt zu Stiergefechten sammeln. Doch dort, abseits in der Judiaria, schleichen, in ständiger Lebensgefahr, doch ohne Todesangst, bleiche Marranengestalten durch diese dunklen Seitengassen, wo jetzt ihre späten Nachkommen zu neuem Leben erwachen. Dieser organisierte Marranismus ist eine spezifisch portugiesische Erscheinung. -Er ist nicht bloß, wie in Spanien, eine geschichtliche Kuriosität, sondern vielmehr eine lebendige Tatsache mit unübersehbaren Zukunftsmöglichkeiten, ein fast beispielloses religionspsychologisches Phänomen von allgemeinem Interesse. Die spanischen Marranen sind seit langem vom historischen Schauplätze verschwunden. Als das Edikt, betreffend die Vertreibung der Juden aus Spanien, 1492 herauskam, sind die Bequemen und Kleinmütigen, die nicht heimatlos werden wollten, zur katholischen Kirche übergegangen. Sie taten dies gewissermaßen aus freien Stücken, ohne direkten Zwang. Die zarter Besaiteten unter ihnen suchten auch nach der Taufe etwas von der ererbten Tradition zu bewahren, doch die eiserne Hand der Inquisition lastete schwer auf den Verdächtigen. Anders verhielt es sich mit den portugiesischen Cristaos-Novos. Der König, von' Portugal, Manuel, welchen die „rettende" Tat Ferdinands und Jsabellas zur Nachahmung aneiferte, hatte seine Lehrmeister an raffinierter Grausamkeit weit übertroffen. Im Jahre 1496 Unterzeichnete er das Austreibungsdekret, wonach alle Juden die sich weigerten, Katholiken zu werden, aus Portugal auszuweisen sind. Gleichzeitig wurde jedoch bestimmt, daß deren Kinder unter vierzehn Jahren im Lande zurückgelassen und zwangsweise getauft werden sollten. Diesem seelischen Zwange konnte niemand widerstehen. Hunderttausende Juden, bereit, alles zu opfern, ausgenommen ihre Kinder, traten zum Katholizismus über, wurden jedoch nur dem Scheine nach Christen. Um die Trotzigen mürbe zu Mächen, bewilligte Don Manuel für eine bestimmte Zeit ein Uebergangsregime, während dessen die Marranen zum Katholizismus übergehen sollten. Unter diesen Jahrzehnten religiöser Straflosigkeit entstand jenes erfindungsreiche System eines *) Der Artikel ist dem bei uns bereits gewürdigten vortrefflichen Buche „Das Land zwischen Orient und Okzident" (Verlag Heinebund, Berlin) von Marcus Ehrenpreis entnommen. Der Israelit 30. Oktober 1930 heimlichen Glaubenslebens, konzentriert und bis zum Aeußersten vereinfacht, jdeoch intensiv und verinnerlicht, stark genug, um untier zweiundeinhalb Jahrhunderten der Inquisition standzuhalten und sie zu überleben. Als die. Inquisition im Jahre 1537 sin Portugal eingeführt wurde, war das Marranentum bereits in voller Wirk famkeit, wohlorganisiert und seines Zieles bewußt. Die Mittelpunkte des Kultus wurden in die nördlichen Provinzen verlegt, wo der Arm der Inquisition die Verdächtigen nicht so leicht erreichen könnte: Traz-os-Montez, Beira Beixa und ^ntre-Minho-e-Duro. An diesen Punkten findet man auch noch heute die größte Anzahl der Nachkommen von Marranen. Ein flüchtiger Blick in die ältesten Archive der Inquisition zeigt, mit welcher Schnelligkeit sich das Marranentum in diesen drei nördlichen Provinzen ausgebreitet. Aus den Protokollen der Jnquisitiionsprozeffe. welche in diesen Gegenden gegen Marranen geführt wurden, geht hervor, daß die Marranen gegen Ende des 16. Jahrhunderts nicht weniger als 126 Religionsgemeinden hatten. Diese Anzahl wurde durch die Zuwanderung von Flüchtlingen aus Spanien nicht unerheblich vermehrt. Das Leben dieser Glaubenstreuen wurde jedoch bitterer mit jedem Tage. Immer härter wurde ihr Kampf ums Dasein. Innerhalb dreißig Jahren, werden in diesen 'Gemeinden ungefähr 1200 Marranenprozesse seitens der Inquisition anhängig gemacht. Eben so wenig beneidenswert ist ihre bürgerliche Lage: Cristaos-Novos wurden allezeit als Bürger zweiter Klaffe betrachtet und behandelt, streng geschieden von den echten, alten Christen. Selbst innerhalb der Kirche wurde die Scheidung zwischen alten und neuen Christen streng eingehakten. Die Hauptkirche von Palma hat noch bis auf den heutigen Tag einen besonderen Eingang für die Neuchristen, welcher den in diesem Zusammenhänge paradoxen Namen „Judentor" führt. Der jüngst verstorbene spanische Erzähler Blasco Jbanez gibt in seinem Romane „Los Muertos" mandan" (Die Toten befehlen) eine ergreifende Schilderung vom Leben der Nachkommen der Marranen in Palma de Mallorca, die dort mit dem Namen „Chetas" bezeichnet werden. Er gibt ein anschauliches Bild von der sozialen Sonderstellung, welche die Chuetas bis auf den heutigen Tag einnehmen: Vierhundertjähriges Zusammenleben im Schoße der katholischen Kirche konnte den jüdischen Fleck von diesen Geächteten nicht wegwaschen. Daneben aber schildert Jbanez, mit sichtlich sympathischer Einfühlung, den Geburtsstolz und das männliche Selbstbewußtsein dieser Mischtingsmenfchen mit jüdischem Blut und katholischem Dogma, welche die Verachtung ihrer Umgebung nicht hindert, ihre jüdische Herkunft als Auszeichnung zu empfinden. Es liegt ein Schimmer von Seelsnadel über diesen fernen Judenchristen, denen die Kirche bloß durch eine Hintertür Einlaß gewährt. An einer Stelle hören wir folgende männliche - Worte: „Soy judio," — erklärt Kapitän Vall, dem seine katholischen Freunde das Leben sauer machen —, „Correligionario de Jesus, de San Pablo y ortros fantos, a los que se venera en los altares. Los Butifarras hablan con orgullo de fus abuelos. que datan casi de ayer. Po soy mas noble, mas antiguo. Mis Ascendientes fueron los patriarcas de la Biblia!" (Ich bin Jude Glaubensgenoffe von Jesus, von Paulus und anderen Heiligen, die am Altäre angebetet werden. Butifarren (Familien von Wurstmachern) sprechen mit Stolz von ihren Vorfahren, die fast von gestern sind. Ich bin adliger, ich bin älter. Meine Vorfahren waren die Patriarchen der Heiligen Schrift). (Fortsetzung folgt.) Shakespeare auf hebräisch. (Gastspiel der „Habima": „Was Ihr wollt" in Berlin). Die. Spieler des „Dybuk", des „Ewigen Juden", des „Golem", wagen sich an einen Autor und an ein Stück, das Weltbesitz geworden ist. Sie tun es mit Erfolg. Und das will etwas heißen. Denn man war sehr! skeptisch und glaubte nicht, daß eine Wandlung der „Dybuk-Menschen" zu „Shakespeare-Menschen" gelingen würde. . Die Uebertragung ins Hebräische von Tschernichowski ist meisterhaft, die Regie von Michael Tschechow zeichnet sich durch einige wundervolle Einfälle und ihre Geschlossenheit aus, die Musik von Ernst Toch ist sauber und bringt ein" oder zwei Motive, die der Aufführung Schwung verleihen und im Ohr hasten. Besondere Anerkennung aber verdient das bezaubernde Bühnenbild von W. Masjutin, das für jede erstrangige deutsche Bühne eine Zierde sein würde. Dramaturgisch'hat man. nicht immer eine glückliche Hand gehabt. (Ausstellung moderner kullurgeräte in Berlin.) Am 8. November d. I.. wird in den Räumen des ehemaligen Kunstgewerbemuseums ' in der Prinzalbrechtstraße zu Berlin eine Ausstellung modernen Kultgerätes eröffnet, die vom Kunstdienst in Dresden in Gemeinschaft mit den staatlichen Kunstgewerbeschule, den protestantischen und katholischen Kirchenbehörden und der Kunstsammlung der jüdischen Gemeinde Berlin veranstaltet wird. In bisher noch nie gebotenem lsmfange will diese. Schau einen Überblick über die in der Sakralkunst bestehenden Bestrebung zur Neugestaltung des Kultgerätes in modern-künstlerischem Sinne geben und an Hand des Gezeigten den Beweis erbringen, daß wir heute eine Neubelebung künstlerischer Ausdrucksformen auf diesem Gebiete erleben. Die Bestrebungen, die für alle Konfessionen in gleicher Weife gelten, machen sich in den letzten Jahren auch bei uns Juden in immer stärkerem Maße bemerkbar. Mam baut moderne Synagogen, d..h. man verwirft die eklektisch verwendeten Vauformen und versucht mit Mitteln der modernen Baukunst Andachtsräume zu gestalten, die der Verinnerlichung dienen. In gleichem Sinne geht man auch an die Gestaltung des Kultgerätes für den öffentlichen und privaten G'ttesdienst. Man schafft Geräte, die, nicht nur in Edelmaterial ausgeführt, bereits in ihrer Form die Funktion zum Ausdruck bringen. Man vermeidet überladene Symbolik, will vielmehr Klarheit und Einfachheit. Die besten Künstler und Kunstgewerbler bemühen sich. Neues, dem Form- und Ausdrucksempfinden unserer Zeit Entsprechendes zu schaffen. ^Die Ausstellung, die von namhaften Künstlern des In- und Auslandes' beschickt wird, sucht das gesamte erreichbare Material zu erfassen und wird daher eine bedeutsame Kundgebung sein, deren Anregungen sich weiterhin auswirken werden. (Die Ausgrabungen in Palästina.) Auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft für jüdische Kunstforschung fand im Hause von Herrn und Frau Berthold Israel in Berlin ein Vortrag des Leiters der archäologischen Abteilung der Universität Jerusalem, Dr. E. L. Sukenik, über die jüngsten Ausgrabungen in Palästina statt. Nach einleitenden Worten des Herrn Wilfrid Israel berichtete Dr. Sukenik, der der Berliner Oeffentlichkeit durch seinen vorjährigen Vortrag über die Ausgrabungen in Beth Alpha bekannt geworden ist, über den weiteren Gang der Forschungsarbeit, die neue wertvolle Ergebnisse gebracht hat. Die Ausführungen Dr. Sukeniks, die durch reichliches Bildmaterial erläutert wurden, fanden lebhaftes Interesse bei den zahlreich Erschienenen. Wochenkalender. v. 1. — 8. November 1830 ' v. 18. — 17. Marcheschwan 8681 Samstag 1 10 Sonntag 2 11 Montag 3 12 Dienstag Nov 4 W*. 13, Mittwoch 5 14 Donnerstag 6 15 Freitag 7 16 Samstag 8 17 X“P1 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M — Druck: Kermon-Druckerei. Frankfurt a. M. JULIUS SCHMIDT FRANKFURT AM MAIN LANGESTRASSE 7 TELEFON HANSA 25865 POSTSCH.-KONTO FRANKFURTMAIN 142 353 EINZIGE INSERATEN.AN¬ NAHME FÜR FRANKFURTER GESCHÄFTS - INSERATE DES »ISRAELIT« AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FDR SÄMTLICHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN, WOCHEN-, UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINALPREISEN ♦ANNAHME VON DRUCKSACHEN (HANDEL, GESCHÄFTE, PRIVATE) FDR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLER. AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ- UND BUNTDRUCK

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