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Der Israelit · 1930-10-30 · Heft 44 (30.10.1930) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 44 (30.10.1930)
Date
1930-10-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Mbelwisseuschaflliche und religionsphilosyphische Literatur. Besprochen von Rabbiner Dr. v. Lohen in Medrichstadt. Die biblische Sintflulerzählung. Ihre literarische Einheit. Vortrag auf dem internationalen Orientalistenkon* greß zu Oxford am 30. August 1928 von B. Jacob. Berlin (Philo -Verlag), 1930. 8° 13 Eine tapfere Schrift gegen die Quellenscheidungslehre. Sie greift die bibelkritischen Hypothesen da an, wo sie ihr Meisterstück geliefert zu haben meinen. Jacob erkennt nicht das Dogma der Fehlerfreiheit des Pentateuchtextes an, aber hält es für methodologisch selbstverständlich, „daß wir uns bei der Erklärung des Pentateuch von vornherein an den überlieferten hebräischen Text zu halten haben." Gerade weil er dogmatisch sich nicht bindet, ist sein Bekenntnis zur „Vorzüglichkeit der hebräischen Texterhaltung" von nach außen hin unschätzbarer Wirkung. Die Quellenscheidung nach den G'ttesnamen wird hier verworfen. Alle scheinbaren Widersprüche des Sintflutberichts werden aufgeklärt.'Die Anwendung bestimmter- Zahlen-Manipulationen wird in einer Jacob'fchen Schrift nicht überraschen. Daß ns?ww und pwi je 24*— sogar 48 mal in der Sintflutgeschichte Vorkommen, — das sind doch eigentlich nur für den keine Zufälle, der an tiefere Geheimnisse des biblischen Wortes glaubt, über die sich Jacob eigentlich wenigstens andeutungsweise äußern sollte Als „Masfora des Autors" sind sie doch von gar zu geringer Wirkung. So kurz und vielsagend der Vortrag ist, — ein kurzer, dankbarer Hinweis auf David Hofmann als den ersten Kämpfer gegen den Quellenscheidungs-Unsinn hätte der Abhandlung stellenweise nur zur Ehre, gereicht; dafür hätten wir gern den Schluhpassus vermißt (12 unten), wo Jacob davor warnt, ja nicht aus der Einheit der Sintfluterzählung zu schließen, „daß der Verfasser sie ganz allein aus sich herausgesponnen habe." Dennoch ist das Ganze ein wertvolles Kampfmittel gegen die Bibelkritik und verdient auch im orthodoxen Kreise allgemeinste Beachtung. Sie läßt die' Hoffnung aufleuchten, daß auch die letzten, künstlich aufrechterhaltenen Stützen der htbs bald in sich zusammensinken. Der Alle Orient. Band 29. Heft 1. Franz M. Th. Möhl. Das Zeitalter Ab ruh am s. Leipzig (Hinrichs) 1930. Kl. 4° 49. Auch hier wird bei betonter Ablehnung jeder dogmatischen Bindung die volle historische Geltung der Patriarchengeschichte anerkannt. Die alten Theorien, nach denen die Erzvätergeschichten der Genesis vermenschlichte G'ttermythen oder etwa personifizierte Eroberungssagen der Josua-Jnvasion waren, wird hier ad acta gelegt. Die Geschichte der Befreiung Lots Gen. 14, deren Königsname Amrafel bisher für gleichbedeutend mit Hammurabi gehalten wurde, wird hier in eine spätere Zeit datiert, aber für historisch angesehen. Möhl hält nicht Amrafel, sondern Tidal für den bedeutendsten der „4 Könige". Die Kritik Möhls an dem „künstlichen chronologischen Schema" beruht auf einer irrigen Auffassung der 430 Jahre in Aegypten. Auch wir setzen nicht;,mehr als sechs Jahrhunderte zwischen Abraham und David", sondern 210 Jahre Aegypten + 470 Jahre bis zum Tempelbau — 680. Die „Habiri" ist-nach M. kein bestimmter/Stammname, sondern bedeutet,- da.überall / im alten Orient vorkommend, soviel wie ^Wanderer, /Beduinen". - In der-. Namensänderung; Abxam—Abraham> erkennt M. nichts als ,-Dialektverschiedenheit"; Wertvoll; ist das Weständnis: „Einzelheiten find-:inweitem^'Umfang^ unsicher'/- feitKriteriawie das der G'ttesnamemckewUnWucherim Stich ließen "? DaßnschcheMlMkroktKMärüngeOider- BibelkrMd nicht dem Todesstoß versetzen; wacht es schwer, an Den guten Wil-r 'len. uyd die-.geistige? Beweglichkeit ihrer Anhänger zu glauben. Dem Möhl'schen Buche soll jedoch die Bemühung um Objektivität zugebilligt werden. Mit gewisser Reserve kann man sie sogar gerade dem gläubigen Juden zur Lektüre empfehlen. Aus ihr kann man ersehen, wie nach allen kritischen und hyperkritischen Thesen nichts von der Auffassung der Erzvätergeschichte als Stammessage oder Mythos bleibt. Besonders lesenswert ist die für uns im Hinblick auf den Beginn des Rafchi-Kommentars geradezu klassische Fragestellung S. 39: „Wo hätte überhaupt ein Anlaß Vorgelegen, eine vormosaische Periode zu erdichten?" Natürlich fehlen die Gemeinplätze über Ablehnung des Opferkults durch die Propheten u. ä. nicht. Nur schließt Möhl daraus, daß die Propheten sich hierfür nicht auf Abraham berufen, — auf den historischen, nicht prophetisch-mythologischen Charakter der Abrahamsgeschichte. Nach allem erscheint ihm für diese (43) die Annahme einer historischen Grundlage trotz aller Schwierigkeiten als die wissenschaftlich besser begründete Hypothese." Er kann jedoch nicht umhin, hinzuzufügen: „Mit Absicht wählen wir diese vorsichtige Formulierung". Gegen diese Absicht kann man nichts machen. Vorsicht ist eben die Mütter der — Bibelwissenschaft. Der orientalische Lchlangendrache, ein Beitrag zum Verständnis der Schlange im biblischen Paradies. Von Dr. phil. Barbara Renz, Augsburg. (Haas u. Grabherr) 1930, kl. 4 °, 123. Mit einem Fleiße, der des höchsten Lobes der Orientalisten und Religionsvergleicher sicher sein Dürfte, hat Barbara Renz die' Mythen aller Religionen der Welt über die Schlange zusammengestellt. Die Beziehung zur biblischen Geschichte von-der Schlange wird allerdings bei weitem nicht in dem Maße ausgenommen, wie es der Titel verspricht. Das ist vielleicht ein Vorteil der trefflichen Arbeit; denn wo diese Beziehung in ihr hergestellt ist, da geschieht es doch oft etwas gewaltsam und wenig einleuchtend. Die jüdische, insbesondere die kabbalistische Auffassung der Schlangengeschichte, schöpft sie nur aus sekundärer Quelle. Dennoch weist das Schlußwort eine unbefangene und achtungsvolle Denkarbeit über den biblischen Paradiesbericht mit geradezu religionsgeschichtlichem Tenor auf. Die bekannten, auf den Sexualttneb allegorisierenden Kommentare werden hier als kirchliche, frühestens philonische, also halb ägyptische Umdeutungen erkannt, — die Historizität des Mose und seiner Erziehung am Pharaonenhofe zugegeben. Es ist zu hoffen, daß die im Vorworte angekündrgten weiteren Werke über „Logos und Schlange" und über „Schlange am Baum" die jüdischen Aufassungen aus erster Hand bringen wird. In-diesem Sinne sehen wir diesen Schriften erwartungsvoll entgegen.*) G'lk und Mensch. Vier Untersuchungen über das personhafte Sein. Von D. Emil Brunner, ord. Professor der Theologie in Zürich. Tübingen (Mohr) 1930, kl. 8°, 100. Wir könnten uns eine jüdische Schrift wünschen, die so deutlich, gründlich und zugleich populär, wie es E. Brunner unternimmt, die Unterschiede zwischen philosophischer und religiöser G'ttesanschauung herausarbeitet. Der in religionsphilosophischem Denken nicht völlig ungeschulte Leser, der nur in den üblichen jüdischen Bibelkommentaren und von der Schule her. im Denken der religiösen Andersgläubigen etwas Bescheid weiß, findet leicht diejenigen Gedankenwendungen heraus, die ganz speziell christlich *) Die Tatsache, daß Chaja im Arabischen Schlange und zugleich. Lebewesen heißt, wird von R.. unter Berufung aust-Feldmann und Tennant, als Spur eines Mythos angesehen? der' die -Schlange mit der Urkraft alleSZ Lebens in BerbrNdungbringt. In Wirklichkeit ist diese:DoppeldeutungwohlbloßemeFokge der- Arhnljchkeit der aramäischenWortstämme Chiwja „Schlange" und Chaje „Leben" und ihres Zusammenfalles im Arabischen. gefärbt sind. Dazu gehört der größere Teil des zweiten dieser Vorträge sowie die Schlußpartieen der übrigen. Abgesehen von diesen Teilen ist das Brunner'sche Buch voll von ergreifender Auseinandersetzung zwischen dem gedachten und dem wirklichen G'tt, zwischen ergrübelter und geoffenbarter G'tteserkenntnis, ja, zwischen religiöser und profaner Ethik; es kann nur durch andachtvolle Lektüre in seiner wirklichen Bedeutung erkannt werden. Doch sogar die speziell christlich-ethischen Kapitel über die Einmaligkeit und Ausschließlichkeit der g'ttlichen Erlösungstat verdienen aufmerksames jüdisches Mitdenken. Wie schon Fr. Rosenzweig seinerzeit in der Kritik der Brod'schen künstlichen jüdischen. Gnadenlehre richtig bemerkt, ist auch für das jüdische, ethische Denken die Marschroute gebunden, auch für uns die Erlösungstat im Wesentlichen einmalig, — nämlich die Gesetzgebung am Sinai. Nur hält der Christ den Menschen für frei, von g'ttlicher Leitung unabhängig im Wissen von gut und böse und für abhängig im Willen zum Guten und verwirft aus beiden Gründen jede (42) „gefällte Liebe", — während wir, an den im Grunde freien Willen glaubend, uns in der Belehrung über das, was gut und böse ist, ganz an die Einzelvorschriften des G'tteswortes binden; dieses aber ist für uns eine ebenso einmalige und unwiderrufliche Erlösungstat wie für den Christen die Erlösung. Von diesem freilich grundlegenden Unterschiede abgesehen, ist die Brunner'sche Schrift eine Einführung in die unvergleichliche biblische Lehre vom persönlichen G'tte. Der Theismus als Optimismus des Dennoch, eine systematische Auseinandersetzung mit dem Deismus und Pantheismus (Idealismus) auf historischer Grundlage. Von Dr. Joh. S p e r l, Pfarrer zu Neuhof a. Zenn, Leipzig (Klein) 1930, kl. 4° 117. Noch gründlicher als in seiner an anderer.Stelle besprochenen Schrift über „Kulturbedeutung des Dennoch" geht Sperl in dieser Schrift mit den hypermodernen Zerdeutungen des biblischen G'ttesbegrifss ins Gericht und wehrt auch, wie E. Brunner, jeden Gedanken ab, der nicht zugibt, daß das Neue Testament (31) „alle Vorstellungen des Alten Testaments voraussetzt, denen es nicht widerspricht." Ein Dogma, das den Offenbarungsinhalt fest und unabhängig von Vernunftsgründen feststellt, erkennt auch S. nicht an. Der „freien Entscheidung" bleibt hier nur Raum im „Transzendenten", d. h. auf solchen Geistesgebieten, die von der Naturforschung nicht mit festen Tatsachengesetzen ergründet sind. Im Gegensatz zu E. Brunner bekennt sich trotz Obigem Sperl zu einer sehr freigeistigen Auffassung der christlichen wie überhaupt der biblischen Glaubenslehre. Wenn er jedoch sagt (65): „Nie wird man dahin gelangen, G'ttes Wirken in Tatsachen'und Reden durch sie unwiderleglich beweisen zu können, da Tatsachen naturgemäß immer mehrdeutig sind. Es kann sich dann lediglich um den Nachweis handeln, daß die Tatsachen eine Entscheidung im Sinne des Theismus „nicht ausschließen", — so ist das wohl ein auch für den Gläubigen gültiger Satz, der aller ehrlichen Apologetik die Grenzen steckt. Hat doch auch Beth es ausgesprochen: Das Geschichtliche selbst ist niemals der Offenbarungs-Inhalt. Alles, was geschieht, legt sich jeder Mensch auf die ihm liegende Weise aus. Wie es uns anspricht und wie es Gemeinsamkeit schafft,— das ist die große G'ttestat. Leider weiß sich auch Sperl nicht von der Geringachtung des Kultischen, die fein Bekenntnis fördert, zu trennen. Auch kann die dualistische Weltauffassung, in die seine Art der Gläubigkeit ausklingt, wohl kaum den Sinn eines jüdisch denkenden Gläubigen befriedigen. Uns will es sogar scheinenals striegele dieser Ausklang auch nur einen schmalen^Wrsschnitt christlicher Stimmungen, die sich im Leben - selten begegnen.

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