Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1930)
- Date
- 1930-10-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450643--77374-2535029- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Israelit Nr. 44. Seite 7 30. Oktober 1930 . . _ geschafft werden könnte. Zalewski versichert dann, daß er bei der Behandlung der Frage in Genf aufs entschiedenste gegen die geplante Reform Stellung nehmen werde. Der Minister benutzte die Gelegenheit, um sich über die Beziehungen Polens zu seiner jüdischen Bevölkerung zu äußern. Er sehe mit Befriedigung, daß die antisemitischen Strömungen nicht nur in Regierungskreisen gänzlich verschwunden seien, sondern daß auch in den breiten Massen der polnischen Bevölkerung der Antisemitismus keinen Boden finde. Die Beziehungen zu den 3 Millionen jüdischer Bürger in Polen seien durchaus positive, da man sich'bewußt sei, daß die Interessen eines fo großen Beoölkerungsteiles mit denen der Gesamtheit identisch sind. Ueber die kleine Gruppe der Antisemiten und ihrer Zeitungen könnte man zur Tagesordnung übergehen. Bedauerlich sei nur, daß die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung relativ schlechter sei, als die polnische Durchschnittslage im allgemeinen. Der Grund liege in der allzu starken Konzentration der Juden auf das Kleinhändlertum, das naturgemäß unter der heutigen Wirtschaftskrise stärker leidet, als andere Wirtschaftszweige, die auf festerer ökonomischer Grundlage beruhen. Der Minister glaubt jedoch, Anzeichen einer Besserung der Wirtschaftslage bemerken zu können. Elijahu kirfchbraun und Marschall Pitsudski. Warschau, 26. Okt. Der frühere Sejmdeputierte der Aguda, Elijahu Kirschbraun, der bekanntlich als Kandidat auf der Regierungsliste für die neuen Sejmwahlen vorgesehen ist, das Mandat aber aus Gesundheitsrücksichten noch nicht annehmen mag, hat Marschall Pilsudski ein Memorandum unterbreitet, in dem er die jüdischen Forderungen und Erwartungen präzisiert. Er erinnert in dem Memorandum an sein früheres gutes Einvernehmen mit den Regierungsgruppen und an die wiederholten Beweise, die der Marschall dafür gegeben hat, daß er im Königreich Polen einen Unterschied zwischen Konfessionen nicht kennt. Das Aufstellen jüdischer Kandidaten neben polnischen auf der Regierungsliste ist ein neuer Beweis dafür. Die Forderungen und Erwartungen der Juden erstrecken sich auf folgende Punkte: 1. Man lasse Juden ohne Ausnahme zu allen vom Staate zu vergebenden physischen und geistigen Arbeiten zu. 2. Die Zwangssonntagsruhe muh gemildert werden. 3. Alle Beschränkungen der jüdischen Rechte aus der zaristischen Zeit müssen unverzüglich und restlos aufgehoben werden. 4. Eine Regelung der Gemeindeverhältnisse auf der Basis der Religionsgemeinde. 5. Der Marschall möge seine gewaltige Autorität zu Gunsten des jüdischen Rechtes einfetzen. Das Memorandum Kirschbrauns hat in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen größten Eindruck gemacht. In diesem Zusammenhang ist auch über einen Briesaustausch zwischen Kirfchbraun und dem Präses des B. B.-Klub, Major Slaoe.k, zu berichten. Mit liebenswürdigen Worten und unter Anerkennung der jüdischen Mithilfe am Aufbau des polnischen Staates, bietet Slavek Herrn Kirschbraun, der zur Zeit zur Wiederherstellung seiner Gesundheit im Badeorte Otwözk weilt, die Kandidatur auf der Regierüngsliste an. Herr Kirschbraun antwortet in gleich verbindlichem Tone, daß er mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand noch keine feste Zusage geben könne. Kirschbraun erinnert in dem Briefe an die Aktion von 1925, bei der er Schütter an Schulter mit den polnischen Patrioten für das Wohl des polnischen Staates gearbeitet hat. Er verspricht, noch weiter nach Maßgabe seiner Kräfte alles' zu tun, was Polen zum Wöhle und seiner Bevölkerung zum Segen gereichen könne. . Rvtzland. Jehlschlagen der antireligiösen Kampagne in der Sowjetunion. . . ~ ’ . Moskau. 16. Okt. Die in Minsk erscheinende Zeitung „Oktiabr" stellt in einem Rückblick über die antireligiöse Kampagne anläßlich der - jüdischen Feiertage; fest, daß die Propaganda vollständig versagt habe. Die Synagogen seier überfüllt -gewesey unddergrößte TPlder Juden habe -die Feiertage in traditionMl: Weise -begüngen. Die beMMe e^E/einen" eir er, 8ÜH M «M- Or^staMnenMi^HraHlgßnhaHuf die Zeit unmittelbar vor den Feiertagen konzentriert hatten, wodurch vielen jüdischen Dorfbewohnern und Kolonisten erst in Erinnerung gebracht worden war, daß Feiertage bevorstänöen. Ohne diese Propaganda hätten sie möglicherweise den Zeitpunkt der Feiertage vergessen. Wirkliche Erfolge gegen die Religion verspricht sich das Blatt mur dann, wenn die Propaganda nicht nur zweimal im Jahre unmittelbar vor den Feiertagen, sondern das ganze Jahr hindurch, z. B. durch Einführung religionsfeindlicher Wisienschaft als Lehrgegenstand in allen jüdischen Schulen betrieben werde. (ITA.) Die Woche. Berlin. Dr. Johannes S t a n j e k, der langjährige Redakteur der „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", ist un Alter von 67 Jahren verstorben. Stanjek, der ursprünglich katholische Theologie studiert hatte, wandte sich später der Journalistik zu und kam dann als schriftstellerischer Leiter in den Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Er galt als hervorragender Kenner der Geschichte und er war es auch, der die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion" als plumpen Schwindel entlarvt hatte. Stanjek hat im Kampfe gegen den Antisemitismus wertvollste Waffen geliefert, die ihre dauernde Wirksamkeit behalten. Wien. Wie die Chewra Kadischa aus Leoben berichtet, ist diese als ein Zentrum der Heimwehrbewegung bekannte obersteirische Industriestadt seit einigen. Tagen der Schauplatz wüster Hakenkreuzexzesse. In der Nacht vom 20. auf den 21. ds. Mts. wurden die auf der Vorderseite der im Jahre 1929 eingeweihten neuen Zeremonienhalle in einer Höhe von vier Metern angebrachten hebräischen Metallbuchstaben entwendet. Die Leitung der Chewra Kadischa hat die Anzeige an die Polizei erstattet, die die notwendigen Erhebungen in die Wege geleitet * hat. Gens. Die Klagemauerkommission des Völkerbundes tritt nächste Woche in S t o ck h o lm zu einer Beratung zusammen. Der endgültige Bericht wird noch im Laufe dieses Jahres erstattet werden. Paris. Im - Alter aon.73 Jahren verstarb Mathieu Dreyf u s, der Bruder von Alfred Dreyfus, der seinerzeit im Lause, der Dreyfus-Prozesse als Entlastungszeuge und Ankläger des Militärregimentes viel von sich reden machte. „London. Das Z i o n,i st i s ch e Aktionskomit e e tritt am 4. November in London zusammen, um über die neue Lage zu beraten. Weizmann richtete an die amerikanischen Zionisten die Bitte, von weiteren antienglischen Kundgebungen abzusehen. — Der bekannte Londoner Verlag Victor Gollancz Ltd. teilt mit, daß Professor Dr. Chaim Weizmann gegenwärtig mit der Abfassung seiner Memoiren beschäftigt ist.. Die Memoiren Weizmanns werden nckch ihrer Vollendung im Verlag Gollancz erscheinen: Moskau. Das gesamte Luftf a h r w e s e n in Sowjetrußland wurde in die Hand Abraham Holzyranns, eines Juden, der sich auf diesem Gebiete wiederholt ausgezeichnet hat, gelegt.; Agro-Ioint beendet feine Arbeit in der Ukraine. Moskau, 27. Okt. Wie der JTA-Vertreter erfährt, betrachtet Agro-Jöint fein Siedlungswerk in der Ukraine als beendet und will sich in Zukunft auf die Arbeit in der Krim konzentrieren. Es werden nur noch auf der Olefchkaer Steppe bei Cherson 300 jüdische Familien, in^üer Nähe der bereits hier angesiedelten 300 jüdischen Weinbauernfamilien, ferner auf der Halbinsel Tschangora an der Grenze zwischen der Ukraine und der Krim, wo schon 500 jüdische Familien den Boden, bearbeiten, weitere 500 Familien angesiedelt werden. Bis jetzt wurden durch Agro-Joint ln der Ukraine etwa 6000 jüdische Familien unterstützt. Heute aber gibt es in der Ukraine. keinen Boden für neue Kolonisation. Die in den ftüheren Jahren in der Ukraine angesiedelten jüdischen Familien können dir Geldkredite des Agro-Joint bereits entbehren, landwirtschaftliche Instruktion wird ihnen nunmehr durch Kommet, Met ode rdurch die landwritschaftlichen Organe der jüdischen Bayone in der- Ukraine -zuteil - werden. Die Krim wird nun das Hauptzentrum der jüdischen Kolonisation werden, hier wurden bereits 336.000 ha. Boden für jüdische Siedlung zur Verfügung gestellt und etwa 5000 jüdische Familien wurden angesiedelt. Es soll zunächst Raum für weitere 8000 Familien geschaffen werden. Es besteht ferner die Hoffnung, hies Bodenlfächen im Umfange von 200.000 ha. schon in naher Zukunft zu erhalten. Frankreich. Frankreich und das Palästina-Mandat. Paris, 24. Okt. Senator Justin.Godart, ehemaliger Minister und Präsident des französischen Pro-Palästina-Komitees, übergibt der ITA. eine Erklärung, die im wesentlichen lautet: England rächt sich für den Tadel, der ihm anläßlich der durch seinen Mangel an Voraussicht entstandenen blutigen Unruhen im August 1929 seitens des Völkerbundes ausgesprochen worden ist. Es verleugnet die Balfour-Deklaration, die eines der glänzendsten Kapitel seiner Geschichte darstellt. Es versucht, sich den Verpflichtungen zu entziehen, die sich aus dem ihm übertragenen Mandat ergeben. Die Signatarmächte von San Remo werden diese flagrante Verletzung des Mandates vor den Haager Gerichtshof bringen. Das Werk der Juden in Palästina hat so v'-ll Zukunft, daß ein rein politischer Anschlag, wie der der englischen Arbeiterregierung, seine Grundlagen nicht erschüttern wird. Ich fasse zusammen: Nicht der Zionismus, sondern das Mandat Englands ist in Frage gestellt. Hat eine Mandatarmacht das Recht, ihr Mandat zu modifizieren? Paris, 27. Okt. Der bekannte französische Staatsmann Senator Anatole de Monzie, welcher in den Regierungen Painleve und Briand Minister für öffentliche Arbeiten war, äußerte sich in einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur, anknüpfend an die neue Palästina-Politik Englands, folgendermaßen über die hierdurch aktuell gewordene Frage des Mandatssystems: Wenn jede Mandatarmacht das Recht für sich in Anspruch nimmt, das von ihr übernommene Mandat willkürlich zu modifizieren, dann erscheint eine allgemeine Aenderung des gesamten Mandatssystems dringend geboten. Die Aenderung der britischen ■ Politik in Bezug auf däs Jüdische Nationalhestn in Palästina macht eine Untersuchung und Ueberprüsung des Mandatssystems wünschenswert. Ich bin über das Vorgehen der Arbeiterregierung, dessen logische Folgen unausweichlich sind, nicht weniger aufgebracht als die Juden. Uebrigens muß ich sagen, daß mich die Ereignisse nicht überrascht haben. Schon vor langer Zeit sprach ich mit Dr. Weizmann über meine Befürchtungen in dieser Hinsicht. Im Jahre 1918, zur Zeit der Friedenskonferenz, habe ich verlangt, daß das Palästina-Mandat Frankreich übertragen werde. England. Reuwahl der Exekutive auf dem Zionistenkongreh i im Jebruar.! London, 23. Okt. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, wird der für Februar 1931 einberufene Kongreß als ordentlicher Zionistenkongreß gelten. Das neue Schekel-Jahr wird am 1. November 1930 beginnen, die Wahl der Delegierten zum Kongreß wird auf der Basis der zwei feit dem letzten Zionistenkongreß verflossenen Schekel- Jahre vorgenommen werden. Es steht noch nicht fest, an welchem Tage und in welcher Stadt der Kongreß einberufen werden wird. Bodenkaufs- und Einwanderungsverbot widersprechen dem AHmdat. Londo n, 27. Okt. General Smuts hat dem-englischen Ministerpräsidenten MacDonald telegraphisch seinen Dank für dessen rasche und ausführliche Beantwortung des ersten von General Smuts an MäcDonäld abgefandten Telegramms Ausgesprochen. Weiter führt General Smuts u. a. aus: 7' Ich" hoffe, däßJhre Erklärungen einige Mißverständnisse befeititzen werderü Besonders begrüße ich Ihre ZuskchöwMIdaß da^ jüngste ^Weißbuch Kittö endgültige Festlegung der RegieruNgßpdlikick. tfr. Bezuh Auf das Na-