Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1930)
- Date
- 1930-10-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6. Nr. 44 D e r Israelit 30. Oktober 1930 Betracht kommenden Gemeinden (wovon also 4 dem Preußischen Landesverband bereits angehörten) die Gemeinde W. und es wurde dort in stundenlangen Verhandlungen eine Regelung verabredet, die die Gemeinden einigermaßen befriedigen konnte." Ich stelle auf Grund von Erhebungen an Ort und Stelle fest, daß an der Besprechung nicht Vertreter von 5, sondern von 2 Gemeinden teilgenommen haben, von denen 1 zu. Bayern gehört und von einem bayerischen Distrrktsrabbinat verwaltet wird, also mit Hanau nicht das Mindeste zu tun hat. Darum muß es als den Tatsachen widersprechend bezeichnet werden, wenn a. a. St. behauptet wird, „daß die Gemeinden, von denen meines Wissens 4 dem Provinzialrabbinat Hanau angehören, ihrerseits jedenfalls das Fehlen eines, eigenen Funktionärs auf das Empfindlichste vermißt und entsprechende Klagen uns geäußert haben." Die übrigen Ausführungen sind in der gleichen Weise „berichtigend". Herr R.-A. Horovitz faßt sie zum Schluß in 3 Punkten zusammen, auf die ich noch kurz eingehen will. Zu a) Ich habe nie behauptet, daß das, was von Herrn Rechtsanwalt Horovitz in Berlin vorgebracht worden ist, ihm nicht von irgend einer Seite mitgeteilt worden war. Kritisiert habe ich lediglich die einseitige Darstellung, trotz besserer Kenntnis der Vorgänge nach Erhalt meines Schreibens. Erst in der Berichtigung heißt es: „ . . . allerdings hat mir dann im März 1930 Herr Provinzialrabbiner Dr. Gradenwitz mitgeteilt, von einer Verwahrlosung der Gemeinden könne keine Rede sein. Er hat mir auch geschrieben, daß er vor 3 Jahren schon die Idee einer Zusammenfassung zu einer Bezirkslehrerfchaft geäußert habe, daß sich aller dieser Gedanke bei zweimaligem Ausschreiben Mangels geeigneter Kräfte nicht habe verwirklichen lasten." Das aber hätte Herr Rechtsanwalt Horovitz in Berlin sagen sollen, dann wäre eine öffentliche Auseinandersetzung überhaupt nicht erfolgt. Von diesem Schreiben, dessen Inhalt Herr Rechtsanwalt Horovitz erst jetzt in extenso bekannt gibt, erwähnte er in Berlin nur den Schlußsatz. War er dort etwa der Ansicht vam ton *11*7 *po? Zu b) Ich habe der Wahrheit gemäß berichtet, daß uns die Herren einen Kandidaten in Vorschlag gebracht haben, der nach ihrer Meinung für den Posten geeignet gewesen war. Daß ich ihn alllehnte, geschah nicht, weil er uns von den Herren des Berliner Verbandes empfohlen worden war, sondern auf Grundvon Bedenken, die ich dem betreffenden Kandidaten offen und ehrlich auseinandergesetzt habe. Auf den mir von ihm erstatteten Bericht über die bisher gepflogenen Verhandlungen bemerkte ich, daß nach unseren gesetzlichen Bestimmungen die Gemeinden wohl das Recht zu wählen hätten, daß aber das Vorsteheramt die Wahl zu genehmigen und zu bestätigen habe und damit komme ich zu Punkt c). Woher die Bemerkung in dem Schreiben der Gemeinde W. an Herrn Rechtsanwalt Horovitz stammt, „da wir nur mit dem Vorsteheramt arbeiten können", dürfte nach Punkt b) klar sein. Ein Hinweis aller auf eine gesetzliche Bestimmung, die dem Herrn anscheinend nicht bekannt war, war nicht nur mein Recht, sondern geradezu meine Pflicht. Wenn ich Herrn Rechtsanwalt Horovitz den Vorwurf der toaa mwn gemacht habe, so habe ich ihn nicht erhoben, weil ich etwa der Ansicht bin, man dürfe sich nicht, wenn man in einem Verbände tätig ist, wegen religiös dringlicher Fragen auch einmal in die Gemeinde.eines ande ren Verbandes begeben. Wenn M aber geschieht, dann muß esrein o»V geschehen. Heißt esaber a'vv wenn man es einer Gemeinde zur Pflicht macht, aus dem einen Verbände aus- und zu dem anderen überzutreten? Unddas ist ja gerade der springende Punkt, 'der mich zu dem Vorwurf der bma mwn veranlaßt hat. Hie^ die Karte, die Herr Rechtsanwalt Horovitz am 5. Februar 1930 an den Herrn Gemeindeältesten von W. gerichtet hat: „Der preußische Landesverband schreibt mir heute in einer anderen Sache und bittet mich gleichzeitig, die Gemeinde W. zu veranlassen, sich möglichst bald mit dem Landesverband direkt in Verbindung zu setzen. Es wird noch hinzugefügt: „Bekanntlich müßte die Gemeinde bei Einrichtung des Bezirkes ausschließlich unserem Verbände angehören." Ich bitte Sie also, sich direkt mit dem preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden Berlin-Charlottenburg, Kantstraße 158 wegen des Beitritts ins Benehmen zu setzen. Hochachtungsvoll" Unterschrift. Herr Rechtsanwalt Horovitz schrsibt, daß die konservative Fraktion des preußischen Landesverbandes, der er vorzustehen die Ehre habe, ohne Rücksicht auf Rang- und Prestigesragen, sich für eine gemeinsame Arbeit der beiden Verbände eingesetzt hat. Er wird mit mir feststellen müssen, daß seine Bemühungen bisher leider keinen Erfolg gehabt haben. Schuld daran trägt sicher auch die Art, wie der führende Kopf der Fraktion die Tätigkeit des Halberstädter Verbandes einfchätzt. Lest 1e ton qm fait la musique. Wenn die offene Aussprache dazu, führen sollte, daß in Zukunft alles vermieden wird, was geeignet ist, Verstimmungen auf der anderen Sette auszulösen, dann ist der Weg zu einer Verständigung frei. Das aller läge im Interesse aller und das hieße in Wahrheit Arbeit. MttchvMnren * nacbricbte«. Deutsches Reich. Semester-Eröffnungsfeier des Berliner Rabbiner-Seminars. Berli.., 26. Okt. Am 23. Oktober wurde das 115. Studiensemester des Rabbiner-Seminars mit einer akademischen Feier eröffnet. Zu ihr hatten sich das gesamte Dozentenkollegium, die Hörerschaft, die aus dem In- und Auslande wieder beträchtlichen Zuwachs erhalten hat, zahlreiche ehemalige Seminaristen und eine Anzahl jüngerer Akademiker eingesunden. Nach den üblichen Formalien hielt der Nestor und Vorsitzende des Dozentenkollegiums, Dr. j Joseph Wohlgemuth, hie Eröffnungsvorlesung über „Grundgedanken der Religionsphilosophie Max Schelers in jüdischer Beleuchtung". An den Beginn des Vortrags stellte Wohlgemuth einen kurzen Abriß der Grundlagen der Religionsphilosophie -des 19. und 20. Jahrhunderts: 1. Kant-Schule, 2. Schleiermacher (Gefühlsreligion), 3. Rationalismus (Hermann Eohen) und 4. seine Ueberwindung durch die neueste von Rudolf Otto vertretene Schule. Richtungweisend ist in neuester Zeit vor allem Max Scheler. Der Referent sondert aus dem großen Fragenkomplex drei Problemgruppen aus: 1. Glaube und Wissen, 2. Offenbarung, 3. Reue als Wiedergeburt. Referent sieht überall dem Judentum wesensverwandte Züge und geradezu die Einführung jüdischen Gedankenguts in die moderne Philosophie. Soweit sich christologische Tendenzen fänden, feien sie dem System nicht immanent. Wohlgemuth will die Scheu vor der Benutzung nichtjüdischen Lehrguts insoweit überwunden wissen, als es geeignet fei, eine geistig-philöfophische Grundlegung positiver Religion und jüdischer G'ttes-, Sitten-- und Gebetslehre zu bieten. Hierzu aber feien Schelers System und Methode besonders geeignet. Re< erent warnt feine Schüler, als künftige geistige Führer des Judentums vor selbstgefälliger Abfchstetzung im Geistigen. Stählung religiöser Treue in lebendiger Auseinandersetzung mit der philosophischen Forschung sei als Scheinblüte anzusprechenden religiösen Erneuerung lediglich verdeckten relgiiösen Erziehungskrise^lst in der Pflege dieser Auseinandersetzung und der Gewöhnung der Jugend an sie durch Vermittlung religiös fundierter Führer der positiven Religion, vor allem dem Judentum, eine große Chance in seinem Selbstbehäuptungskampfe gegeben! Oesterreich Ein Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe gegen den Nationalsozialismus. Wien, 27. Okt. Fürsterzbischof Dr. Piffl und die übrigen österreichischen Bischöfe haben in einem gemeinsamen Hirtenbrief gegen den Nationalsozialismus Stellung genommen, den sie als heidnischen, überhitzten Nationalismus brandmarken. Infolge dieses Hirtenbriefes und des bekannten vatikanischen Erlasses gegen die Hitlerbewegung ist es zu einer Entfremdung zwischen christlichsozialen und nationalsozialistischen Heimwehranhängern gekommen. Insbesondere bestehen Differenzen zwischen den beiden Gruppen in der Frage, ob Täuflinge als vollberechtigte Deutschchristen betrachtet werden sollen. Im Uebrigen gebrauchen alle bürgerlichen Parteien Oesterreichs den Antisemitismus als Wahlparole und überbieten einander in Beweisen konsequenter Judenfeindschast Eine jüdische Heimwehrformaffon in Oesterreich. ' Wien, 27. Oktober. Die Gründung einer eigenen jüdischen Heimwehrformation unter dem Namen „Verbandslegion heimattreuer Juden Oesterreichs" erregt allgemeines Aufsehen. Diese Gründung ist ein Beweis für die Unmöglichkeit irgend eines Zusammengehens von antimarxistisch gesinnten Juden mit den durchaus antisemitisch eingestellten Heimwehren. Bundeskanzler Vaug 0 i n empfing den Führer der neugegründeten Formation Leo Berger und sprach sich bei dieser Gelegenheit sehr lobend über die patriotischen Ziele der jüdischen Heimwehr aus, die sich die Pflege der Liebe und Treue zur österreichischen Heimat und Tradition zur Aufgabe gemacht habe, sowie eine antimarxistische Wirtschaftspolitik zu verfolgen, die Auslandsaktionen der Regierung, insbesondere Kreditwerbung und Fremdenverkehrspropaganda, zu unterstützen und Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu treffen beabsichtige. Zur gleichen Zeit hielt der Justizminister Dr. Hueb e r im ^Salzburger Festspielhaus eine Rede, in der er erklärt, die Heimwehr, die fremdes Blut und eine, rassenfremde Führerschaft, wie sie die Marxisten besäßen, ablehnen, habe nichts mit Judenblättern zu schaffen, selbst wenn sie, wie jetzt das „Neue Wiener Journal" und die „Freiheit",.Konjunkturpolitik betreiben und sich „den Haynenschwanz aufstecken". Polen. Außenminister Zalewski gegen die Kalenderreform. Warschau. 23. Okt. Wie bekannt, führt die Weltorganisation Agudas I i s r 0 e l feit längerer Zeit einen intensiven Kampf gegen die drohende Kalenderreform mit Vlankötagen. Die Vertreter der . agudistifchen Landesorganisationen haben bereits in einer ganzen Reihe von Ländern bei ihren Regierungen in der Angelegenheit interveniert und die Unterstützung dieser Regierungen in Genf erbeten. Inn Zusammenhang mit dieser Aktion ist am vorigen Dienstag das Mitglied des G. A. der Agudas Jisroel, Rabbi Tobias Horovitz-. vom polnischen Außenminister Zalewski, der gerade von Genf zürückkommt, empfangen worden. Nachdem Rabbi Tobias Horovitz die Gefahren, die das orthodoxe Judentum in der geplanten Kalenderreform erblickt, ausführlich dargestellt hatte, versicherte der Minister, er glaube nicht, daß die Kälenderreform in der beabsichtigten Weise durchgeführt werden k ö n n e. Er persönlich halte von dem Plan überhaupt nichts, weil man offenbar daran vergesse, daß es'sich hier , nicht um astronomische Experimente handelh 'sondern daß man tief in v elig i ö f e: Jstteressen emgreife. Der Minister glaubt/'daß ein neüer^Kglenh?r öiedZeitrechnung noch mehr k 0 mpliz i e p e n urü'r d e, religiös geboten: In der heutigen von - einer vielfach nur oenn es ,ei zweifellos, oay oann oie qlte Kalestoerb« rechnungsweise' weiter bestchen- Und'MMEs^Mr^e!