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Der Israelit · 1930-10-23 · Heft 43 (23.10.1930) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 43 (23.10.1930)
Date
1930-10-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Beilage vti joi tet-iii igr» pmj RabbiZannajundderWeidenbaum. Von Julius Lfermely. (Einzig autorisierte Übersetzung aus dem Ungarischen von Maurus Mezei, Wien). Rabbi Jannaj ben Rabbi Simeon — nicht der gleichnamige Rabbi der Mifchna, sondern ein Namensvetter aus einer viel späteren Zeit —, dieser Rabbi Jannaj ben Rabbi Simeon also, der in einem Städtchen Novdpalästinas wohnte, wallfahrte alljährlich zu den Laubhüttenfesten nach Jerusalem. Der Tempel existierte schon, nicht mehr, die Stätte de^ Allmächtigen lag bereits feit mehr als hundert Jahren ist Trümmern usid gerade deshalb, weil der Tempel schon nicht Mehr existierte, war es auch nicht' mehr Pflicht, nach Jerusalem.-zu wallfahren; er aber begab . sich dennoch alljährlich dreimal 'dorthin. Nach Zion, welches, ach, so arm und klein und traurig geworden war. Und wenn man ihn fragte, warum er es tut, entgegnete er feuM^d: „Gebührt nicht der Witwe ein tröstender, teilnehmender Besuch? Und Israels Witwe ist: Zion!" Der Rabbi reiste zu Fuß, nur sein Diener und dessen Frau begleiteten , ihn; er w noch anderthalb Tagemärsche von der Stadt entfernt und er meinte, am Nachmittag des nächsten Tages dort anzulangen, aber bei einem Dorfe des Jordantales vertrat ihm der Besitzer eines Meierhofes den Weg. Er war kein Hebräer, und der Besitzer des Meierhofes, bat ihn dennoch, nicht um die Welt seinen Weg fortzusetzen ... wenn ihm sein Leben lieb sei, möge er entweder dort bleiben oder zurückkehren. „Warum?" fragte der Rabbi erstaunt, „was kann mir geschehen, wenn ich meinen Weg fortsetze?" „Daß dich Bal - Keesches erschlägt. Sual Bal-Keesches, der Unbarmherzige, der jetzt in dieser Gegend herumstreift. Tag für Tag kommen Nachrichten: bald hat er hier jemanden ausgeraubt, bald dort, und wie man sagt, schrickt er auch vor dem Blutvergießen nicht zurück. „Zurück kann ich schon nicht mehr", sprach Rabbi Jannaj zu dem Mann.. „Ich habe bis nach Haufe sehr weit und morgen abend beginnt mein Feiertag. Aber gerade deshalb, weil mein Feiertag beginnt, muß ich meinen Weg unbedingt fortsetzen. Wo. könnte ich ihn Äen«n>'sonst feiern? Hier ist kein'Tempe/,"; - - ^Du Wußt bleiben,"; sagte beharrlichi der MM „Mach: den Hebst en deines cherligen' 'Glau-' bens: wenn von Lebensgefahr die Rede ist. muß auch, der Feiertag in den Hintergrund tretend Aber übrigens: du kannst ja auch hier feiern. Einen Palmenzweig, eine Zederzitrone gibt es auch hier, auch Myrthen gibt es in meinem Garten genug, ein Zelt wird dir aber dein Diener anfertigen und du kannst in Frieden darin wohnen."- / Rabbi Jannaj hörte auf den Wirt, nicht fo sehr seiner selbst wegen, als eher feiner Gefährten wegen. Während sich sein Diener an das Aufstellen des Feiertagzeltes machte, sorgte er selbst für den Feiertagsstrauß, damit dieser nicht fehle. Emen Palmenzwekg hatte er sehr bald, auch Zedernzitronen und Myrthenäste fanden sich in Fülle, aber einen Weidenbaum konnte er nirgends finden. Ohne diesem aber ist der Strauß mangelhaft und daher unbrauchbar. „Mein lieber Herr," sprach er zu dem Wirt, „wo kann ich hier in der Gegend einen Weidenbaum finden?" - „Einen Weidenbaum, Rabbi?" erwiderte der Wirt, „solche wachsen hier wahrlich nicht; ich habe auch noch Nie einen gesehen." ' ‘ Rabbi Jannaj glaubte fast schon, daß der Eigentümer des Meierhofes gar kein Mensch, sondern nur der Satan in Menschengestalt sei, der ihn nur deshalb mit solch schönen Worten zurückgehalten hat,,.damit er den Feiertag nicht so begehen könne, wie es sich gehört.' Weil er sich aber der Lehre erinnerte, daß es überhaupt keinen Satan gibt, nur jenen, der in uns selbst wohnt, bat er den Wirt innerlich um Verzeihung und machte sich auf den Weg, um in der Umgebung nach einem Weidenbaum zu suchen. Er wandexte lange kreuz und quer, bis er endlich ungefÄhr anderthalb Stunden vom Meierhof entfernt, am Ufer einer winzigen Wasserader, den gesuchten Weidenbaum fand. .!. : Er dankte G'tt, daß er einen gefunden hatte, und nachdem er vom Baum bereits einige Aeste abgeschnitten hatte, sprach er erleichtert aufseufzend: „G'tt segne diesen Weidenbaum, weil er es mir möglich gemacht hat, das Gebot meines G'ttes zu erfüllen." . ... ,; Aber der Rabbi begiiügte sich, nicht damit. Er trug Steins zusammen und errichtete um den Baum herum einen hohen Zaun, damit nicht das weidende Vieh oder Hafen seinen Stamm, seine Rinde beschädigen, dann schrieb er den Segen auf ein Stückchen Pergament und heftete das faustgroße . Pergament an einen Zweig des Baumes. Rabbi Jannaj ben Rabbi Simeon hatte noch in derselben Nacht einen Traum. Er träumte, er sei vor das Bes Din Zedek, das Gericht, hingetreten und habe sich selbst zweier großer Sünden angeklagt. „Sprich," sagte der Vorsitzende, „welche Sünde hast du begangen, Jannaj?" „Ich war ungerecht zur Palme, zur Zeder und zur Myrthe. Auch diese haben mir, ganz so wie der Weidenbaum, die Mizwah möglich gemacht und ich habe dennoch bloß dem Weidenbaum gegenüber dem großen Danke, meiner Seele Ausdruck verliehen." „Weiter," sagte der Vorsitzende. „Ich habe aber eine noch -größere Sünde begangen, als diese, indem ich von G'tt etwas erbat, was ich nach den menschlichen Begriffen gar nicht hätte bitten dürfen. Ich habe ihn. um seinen Segen . füh hen Weidenbaum gebeten, wo doch diesör' '.weder.,Mitten. noch Früchte txägt. Auch sein Hotz ist zu-nichts zu gebrauchen,, womit sollte ihnalsoder Schöpferfegnen?". ..-,.ö / Dah.BßS, Dm Zedek, das: Gerichtzu zog sich zur Beratung' zurück, dannverkündete es vor Rabbi Jynnaj feinen Beschluß. - ‘ „Daß du dem Weidenbaum deinen Dank ausgesprochen hast, war wohlgetan. Von Palmen und Zedern gibt es ganze Wälder in dieser Gegend, auch Myrthen gibt es so viele, daß sie für zehn Städte genügen'würden, aber Weidenbaum fand sich nur ein einziger vor! Was aber das anbelangt, Jannaj, daß du den Schöpfer um seinen Segen für den Baum gebeten hast: kannst du denn wissen und können wir denn wissen, womit G'tt segnen kann? Nicht nur mit Früchten oder mit nach Honig riechenden, herrlichen Blüten kann der Herr segnen; -der Herr kann auch mit anderem segnen . . . Er wird es schon wissen!" Es wurde. Morgen,-Rabbi Jannaj erwachte. Und kaum hatte er gebetet und mit dem Feiertagsstrauß den Segen gesprochen, kam der Wirt totenbleich zu ihm hineingestürzt. _ „Rabbi," sprach er keuchend in Todesängsten, „fliehe, denn Bal-Keesches ist hier. Sual Bal- Keefches, der Räuber! Dich sucht er, den Hebräer, der gestern mittags bei dem Weidenbaum gewesen sei." „Woher weiß er, daß ich dort gewesen bin?" „Die Spuren deiner Füße auf dem Wege haben ihn hierher zu mir geführt . ... fliehe." „Es wäre vergebens, denn er würde mich einholen, wohin immer ich auch liefe. Sage ihm lieber, daß ich hier fei ... ich will von ihm selbst hören, was er will? Ich habe weder Geld noch Schmuck ... ich habe nichts. Nur mein Glaube ist mit mir und mein unerschütterlich großes Vertrauen zu G'tt." Diese letzten Worte hatte auch schon Sual Bal-Keesches gehört, der soeben in das Zelt getreten war. Aber er kam mit leeren Händen zu dem Rabbi; feine fürchterliche Waffe, den Bogen, mit welchem er auch in einer Entfernung von fünfhundert Sching fein Opfer sicher traf, hatte er draußen zurückgelaffen. Er verneigte sich tief vor dem Rabbi und sagte: , „Rabbi, willst du mit mir zu dem Weidenbaum kommen? Ich hätte dort mit dir-zu reden, du heiliger Mann." Gr sprach so sanft, daß sich nicht nur Rabbi Jannaj nicht fürchtete, der ja schließlich von G'tt .einen Schutz erwartete, es fürchteten sich auch die anderen nicht, und er ging allein mit dem Räuber. „Rabbi," begann Bal-Keesches unter dem Weidenbaum, „ich bin heute früh zu diesem Baum gekommen. Ich wollte hier geraubte Schätze vergraben, wie ich aber die Schrift auf dem Pergament las, daß du deinen G'tt um seinen Segen für diesen Baum bittest, weÄ er es dir möglich gemacht hat, fein Gebot zu erfüllen; wie ich den Zaun sah, den aus Dank, nicht wahr, du errichtet hast, damit nicht das elende Vieh den Weidenbaum beschädige: als ich das sah ünd las, da überkam mich irgendein besserer Instinkt. Ich verglich mich mit dir, den ich bisher nicht einmal vom Sehen aus kannte und ich sprach zu mir: „Wie ganz anders ist doch dieser Unbekannte, als ich es bin! Dieser Unbekannte ist glücklich, daß er ein Gebot G'ttes erfüllen konnte; er ist dankbar selbst dem seelenlosen Baum und er bittet für ihn um Segen und schützt ihn besorgt, — ich aber habe Blut vergossen und geraubt, ich war böse und herzlos und es ist mir niemals in den Sinn gekommen, daß g'ttesfürchtig zu leben, des Menschen Glück sein könne. Aber dein Beispiel, Rabbi, hat mich davon überzeugt. Ich möchte gertt auf den rechten Weg gelangen, damit auch ich das Glück fühle, sage mir nur vorher: welcher G'tt ist denn dein G'tt, den ich nicht kenne."! „Mein G'tt?!" rief Rabbi Jannaj und die heiligste. Begeisterung machte seine Augen und feine Wangen erstrahlen, „mein G'tt, fragst du?" Und er. jauchzte gleichsam vor Glück, daß er es fag-en konnte: „El. rächum wechanun •— — — Barmherzig, gnädig und geduldig ist mein'G'tt; langmütig und gerecht ist der einzige G'tt; er bewahrt feine Huld bis ins tausendste Glied und vergibt jede Sünde, er hat ein väterliches Nachsehen für jedes Vergehen und jede böse Tat . . . Einem solchen G'tt zu dienen, ist himmlisches Glück auch schon hier auf Erden!" „Ich. werde deinem G'tte folgen, Rabbi, wenn du mich zu ihm führst," sagte Bal-Keesches. „Nimm mich als deinen Diener auf und führe mich . . ." . ... In jener Nacht hatte Rabbi Jannaj ben Simeon wieder einen Traum. Er stand auch zum zweitenmal vor dem Bes Dm Zedek und der Vorsitzende sprach zu. ihm: „Nicht wahr, G'tt hat jenen Weidenbaum gesegnet! Siehst du jetzt schon, du Jannaj ben Simeon, daß ihn G'tt nicht nur mit Früchten und Blüten segnen konnte, sondern auch mit etwas anderem."

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