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Der Israelit · 1930-10-23 · Heft 43 (23.10.1930) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 43 (23.10.1930)
Date
1930-10-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8. Nr. 43 - Der Israelit Löb Adler f. 21., bei dem er täglich viele Stunden Talmud lernte; undder selige Dr. Nathan, der Unzähligen seine feurige Begeisterung für das Tenach in die Seele gepflanzt hat, machte auch ihn zu einem ständigen Forscher und Sucher in der heiligen Schrift. Besonders innig schloß er sich an die rabbinischen Führer Hamburgs an; Oberrabbiner Stern, Hirsch und Spitzer wurden ihm Lehrer und Berater upd persönliche Freunde. Eigentlich hätte er selbst sich dem rabbinischen Beruf widmen müssen. Seine ganze seelische Veranlagung und sein umfassendes Thorawissen hätten ihn dazu prädestiniert. Nur die Bescheidenheit seiner Seele ließ ihn diesen Gedanken nicht erwägen, und so wurde er mit frühen Jahren für den kaufmännischen Beruf bestimmt. "' So ist sein Leben denn schlicht und einfach verlaufen. 56 Jahre war er im Bankfach tätig, in dem Ernst und der Treue eines von früh bis spät emsigen, gewissenhaften Beamten» ohne sich vom gleißenden Glanz des Geldes verlocken zu lassen. Bewundernswert, wie er in diesen Jahren der aufreibenden Arbeit immer noch die Ruhe und die Spannkraft hingebenden Lernens sich zu erringen wußte. Seines Hauses Glück begründete er, nachdem er als ein treuer Bruder für die Ausstattung der Schwestern und das väterliche Haus gesorgt hatte, an der Seite seiner frommen, - lebensheiteren Gattin, einer Tochter Moritz Wolffs, die diesen geistigen Menschen so ganz verstand. Mit ihr schuf er ein Haus, das ein Bes Waad Lachachomim wurde, wo sich immer in Abend- und Morgenstunden, und besonders am Sabbat, Freunde versammelten, um bei Salomon Jacobson Tenach und Talmud zu lernen. Als in späteren Jahren er von feiner geschäftlichen Tätigkeit zurücktrat, widmete er seinen ganzen Tag nur noch dem Lernen. Voll Verehrung blickten die Hamburger zu Salomon Jacobson auf. In dek Synagoge in der Heinrich Barthstraße, in welcher er .ständig betete und zum Choschüw sche bekohol ernannt worden war, war er ehrenamtlich der Maggid, und stets wurde fein Wort gern gehört. In allen Feierstunden des Jahres erhob er die Seele der 'Beter zur Andacht durch tiefdringende Thoraworte und ernsten Muffar. In diesen Reden zeigte sich die ganze. Eigenart seines Lernens. Nie kamen Trivialitäten aus seinem Munde, immer wußte er neue Gedanken und geistiges Neuland seinen Hörern zu entdecken. Erstaunlich war seine Beherrschung der Bibel; in all ihren Büchern war er gleichmäßig zu Hause, und die alten Erklärer Siporno, Jbn Esra und Ramban waren ihm ebenso vertraut wie die neueren: Malbim, S. R. Hirsch u. a. Er hatte sie alle gründlichst durchforscht. Eine große Allgemeinbildung, ein offenes Auge für die Dinge der Welt und eine milde, versöhnende Beurteilung der Menschen und Verhältnisse machten seine Vorträge zu gegenwartskräftigen, echt erziehlichen Belehrungen. Tiefe Menschenachtung war ihm eigen und hoher Respekt vor aller ehrlichen und aufrichtigen Religiosität: auch die Frommen unter den Völkern achtete er als Vorbilder der Treue und der Frömmigkeit. Salomon Jacobson hörte nie auf, zu studieren, immer blieb er, selbstlos und anspruchslos, bereit, von allen Lehrern zu lernen. In der Schaß-Chewro lernte er 30 Jahre lang, unter Leitung unseres ällverehrten Hermann Gumpertz '"2 tiefschürfend Talmudtraktate, wo man sich gegenseitig in der Halacha schärfte und alle Rischaunim zum Verständnis mit heranzog. Aber auch.sonst fühlte er sich nie zu stolz, aus jedem Vortrage und jeder Darbietung jüdischen Inhalts neue Anregungen zu schöpfen. So wurde er ein Mann von großer geistiger Beweglichkeit, von tiefster Anteilnahme an der ganzen Problematik unseres modernen Lebens. Er fühlte all ihre Strebungen und Strömungen mit und bildete sich über alles ein selbständiges, originelles' Urteil. Darum herrschte'in seiner Umgebung geistiges.'Leben. Es war geradezu ein Vergnügen, seinen klugen und tiefen Worten in der Unterhaltung zu lauschen. Hervorragende Persönlichkeiten wären ihm daher in Freundschaft zugetan. So Rabbi Jizchök Halevy dessen Sohn Dr. Samuel Halevy später sein Schwiegersohn wurde,-so nder Arzt Dr. Julius Preuß V'xt , dessen kühle Wissenschaftlichkeit, verbunden mit tiefer Frömmigkeit, ihm besonders zusagte,' so ausnahmslos alle Talmide Chachomim der Stadt, so der Dozent Dr. Josef Wohlgemutst Jacob Rosenheim und Dr. Nathan Birnbaum. Er war ein hervorragender Grammatiker des Hebräischen, und aus seiner Liebe zum Tenach heraus wurde er auch Baal Kore. Auf jeden Schiur bereitete er sich ungewöhnlich gründlich vor, wegen der „Kewaud Hathauro". Auch in der Refponsen-Literatur war er kein Fremder, und eine lückenlose Kenntnis, der ganzen Piutim und Slichaus-Literatur zeichnete ihn aus. „Die Worte der Thora meisterte er Dochenkalender. v. 23. Okt. b. 1. November 1930 lo. 3. — 10. Marchefchrvan 5691 Samstag 25 3 Sonntag 26 4 Montag Okt. 27 5 Dienstag 28 6 Mittwoch 29 7 Donnerstag Nov 30 8 Freitag 31 ,9 Samstag 1 10 und wußte in ihnen Bescheid zu tun an ihrer Stelle." Und aus diesen Tiefen rief er G'tt an, aus ihnen erwuchs und wuchs seine Religiosität, aus dieser lebendigen Thoraliebe folgte die Einheitlichkeit, die Ganzheit seines Lebens. Die Mincha, die er darbrachte, war nach dem Wort des Elija Rabha immer in voller Konsequenz seines ganzen seelischen Ich. So ward auch ihm zuteil, was."jener Midrasch als den Löhn der Frommen ausspricht: Eine Kinöerschar wurde ihm vom. Himmel geschenkt von lauter geistigen Individualitäten, von Menschen, denen er die Prägung der Seele gab, und die mit ihm völlig harmonierten in der Liebe und Hingabe für die Thora. Leider blieb auch ihm die Prüfung des Zaddik nicht erspart. Der große Schmerz seines Lebens war, däß er den besten seiner Söhne im Kriege hat hergebeN müssen. Moses Jacobson s. A. war einer der hoffnungsreichsten unter den Schülern des Rabbinerseminars, gleich hervorragend an Geist und Charakter, schon in jungen Jahren zur Reife eines Führers in Israel emporgediehen. In Jeschiwaus hatte er sich ein umfangreiches Talmudwissen angeeignet, und mit Stolz sah in ihm der selige Professor Hoffmann einen der kommenden Meister der Lehre. Die Trauer um seinen Tod war unaussprechlich, und nur Salomon Jacobsons unendliche G'ttergebenheit und Frömmigkeit konnte dieses Opfer bringen, ohne für alle Zeiten innerlich gebrochen zu sein. Dafür aber war der Abend' seines Lebens von reinem Frieden und hohem Glück verschönt. Er hatte die Freude, zu sehen, daß seine Kinder einen Namen und eine Stellung im Judentum zu erlangen wußten, und er selbst konnte auch seine Enkel'ins Lernen einführen. Noch m seinem letzten Lebensjahr geleitete er seinen jüngsten Sohn, der als Lehrer an der Talmud Thora-Realschule in Hamburg hochgeachtet ist, voll Beseligung unter den Trauhimmel. Zu Neilah des letzten Versöhnungstages sprach er noch vor seiner andächtigen Gemeinde in der Heinrich Barthstraße. In ungebrochener Kraft floß ihm die Rede zu, und ganz besonders das Buch Mifchle gab ihm, wie immer, Anregung zu Worten der Lebensweisheit und Lebensklugheit. Alle Hörer hob er über die Misere des Tages empor, daß sie alle materiellen Sorgen vergessen und nur die Wucht und Verantwortung ihrer jüdischen Anliegen als das einzig das Leben Bestimmende und Entscheidende empfanden. Und aus dieser Erhabenheit der Betrachtung klangen seine Worte dahin aus, daß wenn wir -darum beten: „schreibe uns ein zum guten Leben," wir uns doch nicht ein Richteramt darüber anmaßen, was für uns gut und was böse ist, sondern, daß wir uns damit ganz der g'ttlichen Vorsehung unterstellen, die allein bestimmen kann, was dem Menschen frommt und was nicht; was sie für uns gut befindet, das ist gut. In diesem Sinn sollen wir beten, in der Demut und Selbstbescheidung der Tschuwastimmung. „Wir wollen uns freudig Dir unterwerfen und zu dem Leben eingeschrieben werden, das Du, G'tt, für uns erwählt hast . . ." In dieser Stunde wurde von der Vorsehung dem 76-Jährigen in sein Lebensbuch eingeschrieben, daß er in der Freude des Sukkaustages eingehen solle ins Aulom habbo, um an sich zu bewahrheiten den Satz: „über den Tod hinaus lieben sie Dich". Nur einen Tag ichwebte über ihm die Angst des Todes, ohne daß er zu einem Bewußtsein seines Zustandes kam. Es war der einzige Tag, wo er nicht zur Tefilloh b'Zibbur an seinem gewohnten Platz in der Synagoge erschien, wo seine Seele sich bereitete, den Weg in die Unendlichkeit zu gehen. Und während neben ihm seine Schüler saßen und lernten, schlummerte er sanft zum ewigen Schlummer ein. Hamburg hat mit ihm einen seiner besten und bedeutendsten Männer verloren, der, ausgezeichnet durch den Ehrentitel Maurenu, auch die rabbinifche Anerkennung'seiner Gelehrsamkeit gefunden'hatte. Er scheidet von dieser Welt ohne einem Feind, bei allen beliebt und von allen verehrt: Seine Lippen, unentweiht vom niedrigen Gift der.Schlange, werden noch im ewigen Schlummersich regen von all den tiefen und feinen Worten der Thoraforschung, die er andern übermittelt hat. Sein Geist/ schon hienieden verklärt, wird als' Vorbild und Trost alle diejenigen « umschwebest/ denen er im Leben Nahegestanden und die sich mit ihm verbunden, fühlen für alle Ewigkeit. „Ueber den Tod hinaus lieben sie Dich." Oberrabbiner Dr. Carlebach-Ältona. rr'awn Mainz, 20. Okt. Die Israelitische Religionsgesellschaft in Mainz ist durch den allzufrühen Heimgang der Frau Franziska Koch >in schmerzliche Trauer versetzt. Am Ausgang der v"' flehten wib — ein niederdrückender Abschluß der Tischrifeste — um das Leben der teuren Heimgegangenen, aber der Allgütige hatte es bestimmt, daß für sie die wivivn nmn an dem Jvonnn *np» schon in Erfüllung gehen sollen. — Eine seltene Frau ist von uns gegangen, Tag und Nacht widmete sie sich allen ■ nur erdenklichen Zweigen des ivn ni^vr. Wo es galt, Kranken und Armen zu helfen, da traf man Frau Koch, die von ihrer hingebungsvollen Liebestätigkeit niemals Aufhebens machte, der alle ihre bewundernswerten Leistungen der selbstverständliche Ausfluß' ihrer echten tiefen Frömmigkeit waren. Besondere Hervorhebung verdient aber ihr nvrr bv rra» Vor noch nicht zwei Jahren wurde sie als Nachfolgerin ihrer unvergeßlichen Schwiegermutter, Frau Sara Koch rrr, zur Vorsitzenden der D>Em rra bv p"n gewählt, nachdem sie das Amt schon lange Jahre vertretungsweise in vorbildlicher Weise wahrgenommen hatte. Mit ihrem gleichgesinnten Gatten, Herrn Leo Koch, der der. Vorsitzende der Männer-Chewroh ist und der dem Vorstand unserer Religionsgesellschaft angehört, führte sie ein überaus glückliches Familienleben, ein wahrhaft jüdisches Haus, und es zeugte'von beispielloser Verehrung, daß ein unübersehbares Trauergefolge aus allen Kreisen der Gemeinde ihr das letzte Geleite gab. — Auf dem w'nn wa schilderte Herr Rabbiner Dr. Bamberger, selbst tief ergriffen, den schweren Verlust, den die Familie und unsere ganze' Kehilloh erlitten; im Namen der Chewraus schloß sich Herr Dr. Schlesinger an. ' ' - Der Allgütige gewähre den Hinterbliebenen Seinen Trost und gebe den Söhnen die Kraft, ihr Leben im Sinne der teuren Mutter zu gestalten. rrax2n- 2liosbad) (Baden), 20. Okt. Die erhebenden Feste «standen.dieses Jahr in unserer Gemeinde unter..einem ganz besonderen Zeichen, das an dieser Stelle einer.Erwähnung würdig sei. War es doch das 30. Jahr, seitdem ^err Wilhelm Reuter, ein sehr achtbares und geschätztes Mitglied unserer Gemeinde, das Ehrenamt eines Bal-Tefilloh am Rofch-Haschonoh und Iomkippur versieht. Herr Reuter beherrscht vorzüglich die guten, alten Nigunim und ist ein würdiger Vertreter der alten Chasonus. Mit seiner ganzen Persönlichkeit tritt er für die Erhaltung des traditionellen G'ttesdienstes ein. Sommer und Winter ist er alltäglich morgens und abends einer der ersten Synagogenbesucher. Außerordentliche Bescheidenheit, Schlichtheit und tiefe Religiosität kennzeichnen sein Wesen. Möge der Allgütige ihn unserer Gemeinde noch recht länge erhalten. — Am Sukkosfeste wurde unsere Gemeinde mit einem schönen Geschenke bedacht. Fräst Elise Bissinger stiftete anläßlich ihres 75. Geburtstages und zum ehrenden Andenken ihres im Vorjahre verstorbenen Gatten,' Herrn Anselm Vissinger,' eine prächtige samtene Schulchan-Decke mit entsprechender Widmung für unsere Synagoge. Der Synagogenrat ließ der würdigen Stifterin' einen Blumenkorb überreichen und gratulierte persönlich. Die Gemeinde wünscht der edlen Spenderin: .vrivN Äudäpest, 5. Okt. Rabbiner Samuel Gescheit ist in den Tagen «oa pa auf dem Friedhof der orthodoxen Gemeinde in Budapest zur ewigen Ruhe bestattet worden. Der Heimgegangene war das Musterbild eines Bw> p'iL. der aber sich nicht auf sich zurückzog, sondern mit den Funken seines Geistes auch Andere zur Thora und r-ms führte. In seiner Gemeinde, der er länger als drei Jahrzehnte als Rabbiner Vorstand, schuf er ein blühendes religiöses Gemeindeleben, er zauberte , es gleichsam aus dem steinigen Boden langjährigen Abfalls hervor. Sein ganzes Leben und Lehren war dem Kampf gegen die ni»s2 und der Arbeit für Thora und Emunah gewidmet. Dabei stand er mit offenem Auge und aufgeschlossenem Sinne der Kultur und den Fragen der Zeit gegenüber, im Sinne der S. R. Hirschischen Synthese von Thora im Derech-Erez. Im gleichen Sinne erzog er auch seine Kinder, die seine Traditionen, Hochhalten und weiterhüten. Er wird uns allen ein -wv> sein und sein Andenken wird bei uns ewig in Ehren bleiben. rraiun. Vermischtes. Hanau, 10. Okt. Aus einer Gemeinde^ im Rabbinatsbezirke Hanau wird uns mitgeteilt: Gelegentlich einer Bäckerversammlung haben sich die Bäcker darüber unterhalten, wo sie die Milchbrötchen hinbringen, die sie. nicht verkaufen. Ein nichtjüdischer Bäcker, der abev ziemlich viel jüdische Kundschaft hat, sagte, daß er die Milchbrötchen gut einweicht und wieder gut verknete! unter den Brotteig mengt. — Man wird sich das merken müssen. Familiennachrichken. Geburten:,, Eine Tochter Max Finkel und. Frau Jda geb. RokowsLy, Köln «. Rh. ■i&tn'e Tochter, Alfred Klugmann und Frau Fanni geb. Gugenheimer, Nürnberg. Gestorben:' Auguste Baer geb. Baer 77 Jahre alt. Mosbach (Baden). Briefkasten. K. S. D. ffs. 25.— für Abonnement verbucht. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S, Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S. Schachnowitz. ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Berlag des Israelit und Hermon ®. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck: Hermon-Druckerei, Frankfurt a. M. Die Vereitiigung der ehemaligen Schüler und Schülerinnen der S. R. Hirsch-Schule.*) In der Sitzung des Vorstandes der Vereinigung ehemaliger Schüler der Samson Raphael Hirsch-Schule am 18. Juni bezeichnest der Vorsitzende die finanzielle Lage' der Vereinigung als befriedigend. Die Mitgliederbeiträge sind im ganzen gut eingegangen, so daß eine Reihe von Bewilligungen zu Gunsten der Schule und der Schülervorgenommen werden konnte. Abgesehen von den fort-- ') Aus den „Mitteilungen^ Nr. 18.

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