Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1930-10-23 · Heft 43 (23.10.1930) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 43 (23.10.1930)
Date
1930-10-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450600-2450642--77357-2535011
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

23. Oktober 1930 . _ Len würden, so daß ein Legislative Council in jedem Falle bestehen wird. Die zu wählenden 12 Mitglieder des Council sollen aus indirekten Wahlen bestimmter Korporationen heroorgehen. Die Regierung kündigt ferner an, daß sie entschlossen sei, mit den schärfsten Mitteln gegen jede Art von Störung der Ordnung oder Aufruhroersuch vorzugehen. Die englische militärische Besatzung .wird aus zwei Bataillonen Infanterie, zwei Flugzeuggeschwadern und vier Abteilungen Panzerautos bestehen. Das Polizeiwesen wird einer Reform unterzogen. In ihrem wirtschaftlichen Programm geht die Regierungserklärung noch weiter als der Bericht Simpsons und spricht ein Verbotdes Verkaufs von Boden außer an die Regierung .selbst f ü r Z w e ck e ihres Planes der landwirtschaftlichen Entwicklung und der Schaffung einer Bodenreserve aus. Die Regierung verwirft in ihrer Erklärung das System der Einwandererauswahl durch die Iewish Agency und fordert, daß in Zukunft die Auswahl der Einwanderer unter der Kantrolle der Regierung geschehen solle; die Regierung sei auch entschlossen, eine schärfere Kontrolle über die im Lande verbleibenden Pseudo-Touristen und diejenigen, die auf ungesetzlichem Wege die Grenze nach Palästina überschreiten, Muszuüben. Die Regierung versucht, das Verbot der Bodentrans- «ktionen dadurch zu rechtfertigen, daß solange das jetzige System der extensiven Bodenbewirtschaftung durch die Araber besteht, freier Boden nicht verfügbar sei; erst bei Einführung einer intensiven landwirtschaftlichen Betätigung, bei Durchführung von Meliorationen und Bewässerung werde eine dichtere Besiedlung des Landes möglich und Raum für neue Ansiedler geschaffen sein. Das Einwanderungsverbot rechtfertigt die Regierung durch die Arbeitslosigkeit unter den Arabern, sowie, in einem gewissen Masse, auch unter den Juden. Die Regierung rverde den Stand der Arbeitslosigkeit genau untersuchen und das Ergebnis dieser Untersuchung zum Ausgangspunkt für Einwanderungsbestimmungen machen. ' In einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur erklärte Professor Chaim Weizmann, daß der XVIII. Zionistenkongreß im Verlauf des Monats Februar 1931 zusammentreten wird. Bis dahin werden er, Weizmann, und die Exekutive die Geschäfte weiter führen. Die Politische Kommission ist für den 3. November einberufen worden. Für Montag, den 27. Oktober, wird nach dem Panillon-Theater zu London ein Massenmeeting einberufen werden, in welchem der Protest der Juden gegen die neue Palästina-Politik der englischen Regierung zum Ausdruck kommen soll. Den Vorsitz in dieser Versammlung wird Nahum Sokolow, Vorsitzender der Zionistischen Exekutive und Ehrenvizepräsident der Iewish Agency, führen. Als Redner werden Professor Chaim Weizmayn und d'Avigdor Goldsmid austreten. Weitere Rücktritte. London, 22. Ott. Neben Weizmann ist nun auch Lord M e l ch e t t von seinem Posten in der Iewish Agency und der zionistischen Organisation zurückgetreten. In seinem Demissionsschreiben wirft er England Undankbarkeit und „Verrat an einem leichtgläubigen und heimgesuchten Volke" vor. Zur gleichen Zeit wird aus N e w y o r k germ.^et. daß Marburg dem Beispiele Lord Melchetts folgte und zum Proteste gegen die englische Politik seinen Posten nieder gelegt hat. Er begründet seinen Schritt damit, daß die Erklärungen im Weißbuche im krassen Widerspruche zu den Zusagen stehen, die der Kolonialminister Lord Paßfield gemacht hat. Ganz kindisch mutet eine Erwägung der Pari s e r zionistischen Führer an, eventuell den Boykott englischer Waren und den passiven Widerstand in Palästina als Repressalie vorzuschlagen. Optimistischer sieht Oskar Wassermann in Berlin, der Vorsitzende des Finanz- und Wirtschaftskomitees der Iewish Agency,die Dinge. Er hält die Palästina- Arbeit nicht für gefährdet. Die Enttäuschungen würden den Opfermut der alten Palästinafreunde nur bestärken und das Werk weiter bringen. Die Iewish Agency, wie die anderen Institutionen blieben fest und setzten ihre Arbeit zuversichtlich fort. Der Israeli t_ polen. Wahlabkommen zwischen zionistischem Block und Deutschen im Lodzer Rayon. Warschau, 17. Okt. In Lodz ist zwischen dem zionistischen Block und den Vertretern der Deutschen ein Wahlabkommen geschlossen worden, wonach Juden und Deutschen in einer Reihe von Wahlkreisen gemeinsam kandidieren werden. In den Wahlkreisen Lodz-Stadt, Plozk, Kalisch und Warschauer Wojwodschaft werden die Juden auf der gemeinsamen Liste die erste und alle übrigen ungeraden Stellen, die Deutschen die zweite und alle übrigen geraden Stellen besetzen. Umgekehrt wird es in den Wahlkreisen Lodz-Umgebung und Lodzer Wojwodschaft sein. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Lodz und Führer der Alexandrer Chassidim, Benjamin Ruß, wird als Spitzenkandidat des zionistischen Blocks im Kalischer Wahlkreis aufgestellt. Fünf jüdische Wahllisten eingebracht. Warschau, 17. Okt. Die staatliche Wahlkommission hat 13 eingebrachte Wahllisten bestätigt. Unter diesen sind 5 jüdische Listen, 6 polnische, eine Liste der ukrainischen und weißrussischen Minoritäten und eine deutsche Liste. In Ostgalizien standen sich zwei zionistische Listen gegenüber, die offizielle der Landesexekutive mit Dr. Opas Thon, Dr. Rosmarin und Dr. Schreiber an der Spitze und eine zweite, die von den Anhängern der Warschauer Grünbaum-Richtung eingebracht worden war. Die Liste der Landesexekutioe ist auf Grund von Verhandlungen zwischen allgemeinen Zionisten, Hitachduth und Misrachi zustandegekommen und sieht Kandidaturen von Vertretern aller dieser Fraktionen in einzelnen Wahlkreisen vor. Nach neuesten Meldungen hat sich Grünbaum entschlossen, die Liest seines Blocks in Ostgalizien zurückzuziehen. Italien. Das neue jüdische Gemeindegeseh in Italien. Rom, 19. Okt. Der Mmisterrat hat den Entwurf zu einer königlichen Verordnung über die Organisation der jüdischen Gemeinden in Italien, sowie die Vereinheitlichung und Modifizierung der auf die Juden Bezug habenden gesetzlichen Bestimmungen angenommen. Die neue Verordnung sieht einen Zwangsverband der jüdischen Gemeinden vor, welcher als einziger berufener Vertreter der jüdischen Interessen gelten wird. Der Verband wird, wie ein Communique des Ministerrats mitteilt, unter der Kontrolle der Regierung stehen, entsprechend jener „Richtung des modernen öffentlichen Rechts, die alle Tätigkeitsformeln, besonders solche auf kollektiver Grundlage, zwecks entsprechender Ueberwachung der Staatsautorität unterstellt wissen will." Dem Bund der Gemeinden wird ein Rabbinerkollegium zur Seite stehen, das jedoch nur beratende Funktionen zu erfüllen haben und nicht einmal eine Disziplinargewalt über die Rabbiner der einzelnen Gemeinden besitzen wird. Der Beschluß der italienischen Regierung, eine einheitliche Organisation der italienischen Juden zu schaffen, geht ayf die neue Religionspolitik zurück, welche durch das im Jahre 1929 mit dem Vatikan beschlossene Konkordat inauguriert wurde. Mit dem Entwurf eines jüdischen Gemeindegesetzes war eine sechsgliedrige Spezialkommifsion betraut worden, in der der Oberrabbiner von Rom, Dr. Sacerdoti, der Präsident des jüdischen Gemeindeverbandes, Advokat S e r e n i und der Professor des kanonischen Rechts an der Mailänder Universität Professor Mario F a l c o als Vertreter der Juden fungierten. Palästina. Demonstration gegen Shiels in Tel-Awiw. Tel-Awiw, 15. Okt. Im Zusammenhang mit den Demonstrationen, die am 9. Oktober gegen den Unterstaatssekretär für die Kolonien, Dr. Drummond Shiels, vor dem Palatin-Hotel stattgefunden haben, hat die Polizei in den Gebäuden des Brith Trumpeldor und des jüdischen Schützenvereins, sowie in der Wohnung des Organisators des Brith Trumpeldor, des ehemaligen Sergeanten im jüdischen Regiment, Arber,, Haussuchungen vorgenommen. Die Freilassung der wegen der Demonstrationen gegen Dr. Shiels Verhafteten gegen Bürgschaft wurde von Nr. 43. Seite 7 der Polizei ab gelehnt. Die erste Vernehmung vor Gericht wurde für Mittwoch, den 15. Oktober, festgesetzt. Das Mitglied des Gemeinderates von Tel-Awiw, D i amant, nahm in einer Interpellation gegen die seiner Meinung nach brutale Behandlung der Verhafteten durch die Polizei Stellung. Die Polizei von Tel-Awiw habe sich durch ihr Vorgehen, so wird in der Interpellation ausgeführt, als palästinensische OGPU qualifiziert. Aus London teilt das Hauptbüro der Weltunion der Zioniften-Revisionisten mit, daß es auf Gruno zuverlässiger Information durch die revisionistischen Organisationen Pampinas in der Lage sei, mit aller Bestimmtheit festzustellen, daß weder die revisionistische Organi-. sation nöch der Brith Trumpeldor in Palästina die Demonstration gegen Dr. Shiels in Tel-Awiw veranlaßt haben. An den völlig spontanen Kundgebungen haben einige Hundert Personen verschiedener Parteizugehörigkeit teilgenommen. Unter den sechs Personen, die im Zusammenhang mit der Demonstration verhaftet wurden, befinden sich die Revisionisten A ch i m e i r, S e - gal, Tagansky und B e n d a v i d. Die Tatsache, daß die Mehrheit der Verhafteten Revisionisten sind, sei darauf zurückzuführen, daß die Behörden gegen die Revisionisten voreingenommen seien. Charakteristisch für diese Einstellung sei auch der Umstand, daß die Gefangenen gefesselt in das Jaffaer Gefängnis gebracht wurden. Personalien. Solomon Jacobson Hamburg. 20. Okt. Im Midrasch „Elija Rabba" (Abschn. 6) heißt es: „Hat jemand die Bibel gelesen, aber die Mischna nicht gelernt, so steht er immer noch draußen. Kennt er die Mischna, aber die Bibel nicht, steht er immer noch draußen. Kennt er Bibel und Mischna, aber den Talmud nicht, bleibt ihm immer die Thora ein Geheimnis. Wer aber Thora, Newiim und Kethubim gelesen, Mischna, Midrasch, Halachoth und Hagadoth gelernt und die talmudische Weisheit kennt, wird, selbst wenn er hinstirbt über die Thora, ewig in Freude sein im Olam habba, wie es heißt: „Ueber den Tod hinaus lieben sie Dich". Ein Mensch, der von Thora erfüllt ist, und der über sich selbst gewacht, daß er nicht zu Sünde und Schuld kommt, zu dem spricht G'tt: Mein Sohn, gesegnet seist Du, Dir soll Beseligung sein auf Erden und in Deinem Munde die Worte der Thora für alle Zeit bewahrt und behütet bleiben. Heil dem Menschen, der die Thora meistert und Auskunft über sie an seiner Stelle geben kann. Von ihm heißt es: Aus Thoratiefen rufe ich Dich, G'tt. Ferner heißt es: „Und das ist die Lehre der Mincha" (mit verbindendem waw im Gegensatz zu nbiyn mm nrn). denn wer Maaßim tauwim tut, Thora um ihrer selbst willen lernt, und bringt er auch nur ein Mincha in Pfennigswert auf den Altar, bin ich mit ihm in Barmherzigkeit, gebe ihm ’Vsa tmaa. Kinder von hoher Entwicklung, die sich mit Thora beschäftigen und die Mizwaus halten und für alle Zeit bleibt die Thora in seinem Mund geborgen." Solch ein Mann, der bis ins innerste Heiligtum des Judentums gelangt und bei dem alles aus der tiefsten Seele heraus mit Naturkraft gewachsen war, der in keiner Beziehung draußen an der Schwelle des Judentums verharrte und bei dem jede Tat in innerster Verbindung mit seinem ganzen Wesen und seiner Persönlichkeit stand, solch ein Mann war unser lieber Salomon Jacobson der am ersten Tag des Sukkausfestes von dieser Welt Abschied genommen hat, ohne Krankenlager, ohne Kampf, um die irdische Hütte mit der himmlischen des Leviathan zu vertauschen. Die 75 Jahre seines Lebens waren aus einem Guß, durchtränkt und geweiht mit dem Licht der Thora, die Sinn und Gehalt seines ganzen Erdenwallens gewesen ist. Eine Stimmung der Jenseitigkeit, zarter G'ttinnigkeit, des Kauras Ruach eines Zaddik lag über seinem Leben wie über seinem Sterben, und dieselbe stille, erhebende G'ttesseligkeit über seiner Bestattung am ersten Tage Chaul-Hamaued, als man mit verhaltener Träne und stummer Klage ihn dem Schoß der Erde zurückgab. Jeder von den Unzähligen, die seiner Bahre folgten, hatte das Gefühl: „möchte auch ich sterben, wie die Frommen sterben, es sei mein Lebensziel dem seinen gleich." Ganz in die Nähe seines seit langem in der Ewigkeit ruhenden Vaters, des frommen, unvergessenen Jsachar Bär Jacobson 'nt hat man ihn aus dem Ohlsdorfer Friedhof bestattet, in feiner symbolischer Andeutung, daß hier des Lebens Vollendung an seinen Beginn anknüpst, daß hier das Ende schon durch den Anfang gut war. wptna *m min« aiv- Ja, es war eine herrliche, thoraerfüllte Atmosphäre im elterlichen Hause.Salomon Jacobsons, die ihn, wie alle seine Geschwister, unsichtbar wie ein Schutzwall das Leben hindurch begleitet und umschirmt hat. Die schönsten Traditionen der Hamburger Kehilla: tiefe Verbundenheit mit ihren Führern und Lehrern und innigste Verwurzelung im Boden ihrer altehrwürdigen Institutionen waren in dem Dahingegangenen verkörpert. Als Schüler der Talmud Thora-Realschule wurde er Lieblingsschüler von Rabbi

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.