Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1930)
- Date
- 1930-10-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450642--77356-2535010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6. Nr. 43 der anderen Seite eine Non cooperation proklamiert wird und die Wahlen sabotiert werden, auch die zu wählenden Mitglieder durch die Regierung ernannt wermit nur ausgesprochen antisemitische Gruppen, und zwar die großdeutsche Partei, der Landbund und die unabhängigen Nationalsozialisten. Inzwischen teilt die oberösterreichische, salzburgische, Tiroler und Vorarlberger Landesparteileitung des Landbundes mit, daß die unter Führung Schobers stehende Wahlgemeinschaft ohne ihre Zustimmung gegründet worden sei und daß der Landbund selbständig in den Wahlkampf gehen werde. Diese Zersplitterung der Mitte, die ausgesprochen judenfeindlichen Parolen aller bürgerlichen Parteien, sowie die Tatsache, daß auch die Sozialdemokratie unter dem Einfluß der allgemeinen antijüdischen Psychose bemüht ist, ihre infolge Erreichung der Altersgrenze ausscheidenden jüdischen Parlamentarier durch Nichtjuden zu ersetzen, erhöht die Wahlchancen des einzigen jüdischen Kandidaten Oberbaurat Robert Stricker. Es ist wahrscheinlich, daß ein großer Teil der durch den Block der Mitte brüskierten demokratischen Partei für Stricker eintreten wird. Vor den Wahlen. Wien ,20. Okt. Justizminister Dr. Hueber erklärt sich und seine Heimwehren solidarisch mit Hitler. Zum Zeichen des Protestes ist eine Reihe von jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten, darunter einige Mitglieder der alten Aristokratie, aus dem Heimatblock ausgetreten. U. a. haben auch Graf Vetter von der Lilie und der bekannte Militärjurist Dr. Franz Weisl, der Vater des Orientschriststellers, RedaMonsmitgliedes der revisionistischen Zeitung „Doar Hajom" in Jerusalem, Dr. Wolsgang von Weisl, dem Heimatblock - den Rücken gekehrt, der sich öffentlich für den Rassenantisemitismus einsetzt, obwohl er für die Wahlkampagne große Geldsummen von Juden erhalten hat. Dagegen hat die unter Führung des Bundeskanzlers Dr. Carl Vaugoin und des Außenministers Prälat Dr. Seipel stehende Christlichsoziale Partei ihr antisemitisches Programm, welches sie seit ihrer Gründung durch den antisemitischen Bürgermeister von Wien, Dr. Carl Lueger, stets verkündet hatte, fallen gelassen. Sie erklärt nunmehrdie Interessen aller Bürger des Staates schützen zu wollen. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, daß der ehemalige christlichsoziale Abgeordnete Dr. Jerzabeck, einer der berüchtigsten Rassenantksemiten Österreichs, der seinerzeit empfohlen hatte, die Juden mit Schwefelsäure zu taufen, nicht wieder kandidiert wird. Vor den Wahlen in Oesterreich. Wien, 20. Okt. Die Jüdischnationalen haben sich denn doch noch entschlossen, mit eigener Liste und der Kandidatur Strikk e r s in den Wahlkampf zu treten. In einem Aufrufe ist zu lesen: „Aus der Erkenntnis heraus, daß das in seiner Sicherheit und Ehre bedrohte Judentum Oesterreichs nicht stumm bleiben darf und die Möglichkeit haben muß, vor dem österreichischen Volke und vor der ganzen Welt seine Stimme zu erheben, die unverfälschte jüdische Stimme, hat sich eine Vereinigung jüdischer Männer und Frauen dazu entschlossen, mit einer jüdischen Liste in den Wahlkampf einzutreten. Keine der bisher im Parlamente vertretenen und keine der jetzt wahlwerbenden Parteien will und kann Vertreterin bedrohter jüdischer Interessen, „Juderychutztruppe", sein. Jüdische Vertreter müssen auf dem Platze sein. Nicht auf ihre Zahl kommt es an, sondern auf ihre Ergebenheit im Dienste der jüdischen Sache, auf die Eindringlichkeit ihrer Sprache, aus die Würde ihrer Haltung." Tschechoslowakei. Eine Abordnung der flovakifchen Judenheit beim Präsidenten Masaryk. P r a g, 16. Okt. Präsident Masaryk, der einige Tage in Bratislava geweilt hat, empfing dort als die Vertreter der slowakischen Judenheit Dr. Leo Sipos, sowie für die orthodoxe Bratislavaer Gemeinde den Oberrabbiner Schreiber und den Landespräses Oberrabb. Koloman Weber. Rabbiner Schreiber sprach den hebräischen Se- D e r Isra e l i t gen über den Präsidenten, woraufhin Rabbiner Weber in einer Ansprache hervorhob, daß sich auch die orthodoxe Judenheit in der Tschechoslowakei frei entwickeln könne. Aus die in slowakischer und deutscher Sprache gehaltenen Ansprachen erwiderte Masaryk: „Ich danke Ihnen und allen Mitbürgern Ihres Glaubens. Ueber mein Verhältnis zu Ihnen ist oft gesprochen worden. Ich bin ein Mensch der Arbeit, und Sie wissen, daß ich für Sie getan habe, was sich tun ließ. Ich bin den Grundsätzen treu geblieben, die ich immer befolgt habe, und seien Sie versichert, daß es in der demokratischen Republik auch Ihnen gut gehen wird." In seiner Ansprache an die Deputationen der Deutschen, Ungarn und Juden führte Präsident Masaryk u, a. noch aus: „Es ist wichtig, gerdae hier in der Slo¬ Die Woche. Berlin. In einer Unterredung mit einem Vertreter des W. T. B. erklärte der neue Polizeipräsident, daß er gesonnen sei, rücksichtslos gegen die Nationalsozialisten vorzugehen, die, wie die Unruhen aus Anlaß der Reichstagseröffnungzeigten, jede Gelegenheit benutzen, tätlich gegen Juden vorzugehen und jüdisches Eigentum zu zerstören. — Das Provinzialschulkolle - g i u m hat an die Leiter dyr höheren Lehranstalten ein Rundschreiben ergehen lassen, in dem mit Hinblick auf die jüngsten Ausschreitungen die Schüler vor Beteiligung an Demonstrationen und unter Hinweis auf die Konsequenzen solcher Verfehlungen dringend gewarnt werden. München. Hitler erklärte ausländischen Pressevertretern, die Nationalsozialistische Partei habe mit den Rowdies in Berlin nichts zu tun und daß solche sofort aus der Partei ausgeschlossen werden. Man hat noch nicht gehört, ob die in Berlin vom Schnellrichter verurteilten Demonstranten bereits aus der N. S. A. P. D. hinausgeschmissen _ wurden. Trier. Bei Anwesenheit des Reichspräsidenten in Trier wurde mit der Geistlichkeit der anderen Konfessionen auch Oberrabbiner Dr. Altmann vom Reichspräsidenten empfangen. Bei der Festtafel, zu der der Oberrabbiner geladen war, hatte die Stadtverwaltung für diesen ein eigenes Gedeck besorgt. London. Man spricht davon, daß Sir Herbert Samuel demnächst zum Vizekönig von Indien ernannt wird. In Indien selbst rechnet man damit wie mit einer fertigen Tatsache, die die Zeitungen mit Freuden begrüßen. — Die Mitteilung der ITA. über den. Termin des nächsten Z i o - nistenkongresse wird von der Exekutive nicht bestätigt. Man hält den kommenden I an u a r für den geeigneten Monat, doch ist noch kein fester Beschluß über das Datum gefaßt worden. Jerusalem. Im Monat August 1930 sind 328 Juden nach Palästina eingewandert, 185 Juden haben das Land verlassen. — Im Alter von 65 Jahren verstarb Rabbi Meir Franko, der letzte sephardische Rabbiner von Hebron. Franko hatte bei dem Gemetzel in Hebron, bei dem auch zwei seiner Kollegen umgekommen sind, einen Nervenzusammenbruch erlitten, von dem er sich nicht mehr erholt hat. Tel-Awirv. Alle Beteiligten an der Demonstration gegen Shiels sind definitiv f r e i g e s p r o ch e n worden wakei, daß alle Nationalitäten und Glaubensbekenntnisse nach Einheit und gemeinsamer Arbeit streben. Prag ist nicht nur die Stadt der Tschechen, sondern die Stadt aller Nationen der Republik. Ich sehe keinen Unterschied zwischen den Staatsbürgern — ich spreche als Präsident — der Staat ist dazu da, um - die Ausgaben der Völker zu erfüllen; Staat und Volk sind nicht ein und dasselbe, der Staat soll mit dem Volk Mitarbeiten." ^Rikualmordprozeß in Velka Berezna. Prag, 20. Okt. Am Montag, den 20. Oktober, begann vor dem Bezirksgericht in Velka Berezna der Prozeß gegen den jüdischen Hausierer Moritz Steinberger aus Uzhorod, der beschuldigt wird, zwei Kindern, dem 11jährigen Vasil Kosta und der 8jährigen Helene Bogdan, Verletzungen an den Oberarmen zugefügt zu haben. Die Klage lautet lediglich auf leichte Körperverletzung, aber in dem verlesenen Protokoll der Gendarmerie wird angedeutet, daß die Verletzungen wahrscheinlich zu Ritualzwecken vorgenommen wurden, und daß eine Blutentziehung ,__23. Oktober 1930 stattgefunden hat. Die Anklage stützt sich hauptsächlich auf eine Aussage der ungarischen Lehrerin Aranka Szöke aus Nova Simera, wo die Delikte angeblich begangen wurden. Die Lehrerin brachte zur Anzeige, daß die beiden Kinder ihr erzählt hätten, zwei Juden hätten ihnen Blut abgezapft und als Entschädigung 50 Heller gegeben. Die einvernommenen Kinder verwickelten sich in Widersprüche und gaben schließlich zu, daß sie sich , die Verletzungen selber an einer zerschlagenen Fensterscheibe; beigebracht haben. . Trotzdem wurde die Klage gegen Steinberger erhoben, der, wie erst einige Monate später festgestellt wurde, zu den von den Kindern angegebenen Zeit in Nova Simera geweilt hat. Bei Beginn der Verhandlung kam zur Sprache, daß. die Klage eigentlich von der Seite der Geschädigten, nämlich den Eltern der Kinder, hätte erhoben werden müssen. Als man dann die Mutter der Helene Bogdan, die als erste das Ritual::.ordgerücht verbreitet hatte und als Privatklägerin in Betracht kam, einvernahm, erklärte sie: „Ich habe nichts gesehen, ich verstehe nicht, was Sie von mir wollen!" Das Gericht beschloß sodann, die Verhandlung zu - vertagen, um festzustellen, ob überhaupt ein Privatkläger vorhanden ist. In der fortschrittlichen Oeffentlichkeit und Presse der Tschechoslowakei hat die Art der Untersuchungssührung und nmgeerhebung große Empörung heryorgerufen." England. Schwere Krise des Zionismus. — Weizmann zurückgetreten. London, 21. Okt. Die britische Negierung hat heute den Bericht ihres PalästiNa-Bevollmächtigten, Sir John Hope Simpson, über die wirtschaftlichen Entwicklungs- und die Einwanderungsmöglichkeiten Palästinas und gleichzeitig, auch ihr zukünftiges politisches und Arbeitsprogramm bezüglich Palästinas veröffentlicht. Der Inhalt dieser beiden Dokumente hatte zur Folge, daß Professor Chaim Weizmann dem Kolonienminister Lord Paßfield eine in schärfsten Worten abgefaßte Erklärung übergeben hat, in der er zum Ausdruck bringt, die gegenwärtige britische Regierung habe die ihr gemäß dem Mandat obliegende Förderung der Entwicklung des Jüdischen Nationalheims preisgegeben. Gleichzeitig kündigt Weizmann in dem Schreiben an, er sehe keine Möglichkeit für sich, mit der britischen Regierung weiter zusammenzuarbeiten und er lege darum seine Aemter als Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency nieder. Der von der Regierung nunmehr veröffentlichte Bericht Sir John Hope Simpsons empfiehlt die Einstellung jeder Einwanderung ausländischer Juden nach Palästina, so lange arabisch e A r b e i't er zur Besetzung der vorhandenen freien Arbeitsstellen noch verfügbar sind. Ferner verwirft Simpson das System dev Bodenkäufe durch den Keren Kajemeth und nennt diese Art von Bodentransaktionen eine unerwünschte Bodenbesitzänderung. Simpson schlägt die Einsetzung einer Regierungskommission zur Durchführung der landwirtschaftlichen Entwicklung Palästinas vor. Diese Kommission soll aus einem Engländer als Vorsitzendem, einem Juden und drei Arabern bestehen. Erst nach Vollendung des Planes der Regierung für landwirtschaftliche Entwicklung werde es möglich sein, 20.000 jüdische Familien in Palästina auf dem Lande anzusiedeln. Bei dem jetzigen Stand der Landwirtschaft in Palästina, heißt es in dem Bericht Simpsons, benötigt jede arabische Vauernfamilie zu ihrer Existenz eine Vodenfläche von 130 Dunam. Zieht man dies in Betracht, so ist der heutige Vorrat an landwirtschaftlichem Boden unzureichend, so daß eine Landlosigkeit besieht, die auf 29,4 Proz. ziz. schätzen ist. Gegenwärtig sind in Palästina nur 6% Millionen Dunam kulturfähigen Bodens vorhanden, nicht — wie frühere Schätzungen besagten — 10 bis 11 Millionen Dunam- In dem zweiten durch die Regierung veröffentlichten Dokument, der programmatischen Erklärung über die zukünftige Politik in Palästina, wird die Schaffung eines Legislative Council angekündigt, der sich ‘aus dem High Commissioner, 12 durch die Bevölkerung zu wählenden und 10 durch die Regierung zu ernennenden Mitgliedern zusammensetzen wird. An diese Ankündigung ist die Warnung geknüpft, daß, falls von der einen oder