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Der Israelit · 1930-10-23 · Heft 43 (23.10.1930) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 43 (23.10.1930)
Date
1930-10-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4. Nr. 43 im . Streben nach höchster Humanität — eingeführt' hat, reichen Segen stiften und Licht in die oft trüben, traurigen Kammern vieler jüdischer Familien bringen. - Handelt es sich doch um nichts anderes als nach jüdischer' Ueberlieferüng um die Erfüllung eines höchsten und wichtigsten Gemiluth Chesed- Werkes! Hilfe für den sabbattreuen ~ Mittelstand in Deutschland. Wir haben an dieser Stelle in den letzten Monaten immer wieder und wieder auf die Notwendigkeit hingewiesen angesichts der bisher sich unausgesetzt verschärfenden besonderen Wirtschaftskrise, die über den sabbattreuen Mittelstand hereingebrochen ist, die Hände nicht in den Schoß zu legen, sondern im Bereiche des Möglichen die sich darbietenden Mittel zur Selbsthilfe rüstig zu ergreifen. Neben den mancherlei sonstigen Vorschlägen, die in unseren Aufsätzen erörtert wurden, und die insbesondere auch den Gegenstand der hier in Frankfurt stattgehabten von der „Ägudas Jisroel" veranlaßten Wirtschaftsberatungen bildeten, war es insbesondere der Gedanke eines Autfb au& des jüdischen (Be* nossen sch afüswesens, der dabei im Mittelpunkt der Betrachtungen stand. Wir haben bereits auf die praktischen Erfolge hingewiesen, deren sich die in Berlin seit einigen fahren bestehende Volksbank „Jvria" erfreut, und die zur Nachahmung auch anderwärts ermutigen. Die „Jvria" hat sich feit kurzem dazu entschlossen, ein in der Form recht anspruchsloses, inhaltlich aber dafür um so interessanteres „Mitteilungsblatt für die jüdische Genossenschaftsbewegung, in Deutschland" herauszugeben, von dem jetzt die dritte Nummer erschienen ist. Darin wird festgestellt, daß in einer ganzen Reihe von Städten Vorbereitungen zur Gründung jüdischer Volksbanken im Gange seien, die genossenschaftlich organisiert werden sollen. Es wird ihre Ausgabe sein, den ihnen angeschlossenen Kreisen des Mittelstandes Kreditmittel zuzuführen und zu diesem Zwecke Kapitalien aus allen Kreisen der jüdischen Gesellschaft heranzuziehen. Es handelt sich hier, worauf mit allem Nachdruck hingewiesen werden muß, nicht etwa — wie es im Osten vielfach der Fall ist— um die Gewährung kleiner Konsumkredite, d. h. solcher Geldsummen, die dem Darlehensnehmer die Möglichkeit bieten soll, sein Essen und Trinken für den morgigen Tag zu bezahlen, sondern um produktive Geschäftskredite. Die deutschen Juden gehörten vor dem Kriege in ihrer überwiegenden Anzahl den bürgerlichen Mittelstandsschichten eines hochkapitalistifchen Landes an. Das proletarische Elend der kleinen und kleinsten Händlerexistenzen, der osteuropäischen Judenheit war ihnen, wie Dr., B. Silbert in dem erwähnten Mitteilungsblatt mit Recht ausführt, schon seit mehrmals einssm Jahrhundert nicht mehr bekannt. Sie hätten 'vor dem Kriege die 'wirtschaftlichen Mitteh'die für eine standesgemäßeExistenz' 'genügten und die Fortführung und den Ausbau ihrer Geschäfte erlaubten. Die Nachkriegsentwicklung, die Inflation und die immer stärker um sich greifende Konzentrationsbewegung der Wirtschaft hat dazu geführt, daß die früher recht guten Bankbeziehungen dieser jüdischen Kreise schwächer geworden, und zum Teil ganz verschwunden sind. Die Banken, die vor dem Krieg auf den jüdischen Rentner und den Mittelkaufmann, angewiesen waren, sind immer mehr in das Fahrwasser der Großindustrie gekommen, und man kann heute ruhig sagen, daß es in Deutschland keine Banken mehr gibt, die das Geschäft des kleinen und' mittleren Kaufmanns interessiert. Die Privatbanken, die dieses Geschäft betrieben haben, sind zum großen Teil in der Nachkriegszeit zugrunde gegangen, oder von den Großbanken aufgesaugt worden. Dadurch entsteht die dringende Notwendigkeit, daß diese Kreise, die sowohl kleine und mittlere Kaufleute als Handwerker und Akademiker um- D e r Israelit__ fassen, sich eigene, Wirtschastsinstitute schaffen, $te genau so ihre Aufgaben zu erfüllen haben, Me es die Spar- und Leihkassen im Osten Mit ihreU durchschnittlichen Genossenschaftsanteilen von Mk. 15.— bis Mk. 20.— im Milieu der polnischen Kleinstädte tun. Es liegt auf der Hand, daß für die Verhältnisse in D e u t s ch l a n d, bei denen es sich darum handelt, die völlige Verdrängung des jüdischen Mittelstandes aus dem Produktionsprozeß zu verhüten, natürlich ganz andere Summen in jedem Einzelfalle notwendig sind. Hier, wo es sich immerhin um Tausende von, Mark handelt, müssen die genossenschaftlichen Leihinstitute bankmäßig organisiert werden. Diese Banken sollen sich zur Aufgabe machen, die in jüdischen Mittelstandskreisen vorhandenen .Wirtschaftsenergien auf zwechnäßige Weife zufammenzufassen und die dadurch geschaffenen Wittschaftsmittel auf produktive Weise zur wirtschaftlichen Stärkung bedrohter jüdischer Schichten einzusetzen. Wenn es gelänge, ein Netz solcher Banken in Deutschland zu schassen, so könnte es ein wirklicher Faktor produktiver jüdischer Arbeit' in Deutschland werden und die Vernichtung des Mittelstandes bis zu einem gewissen Grade aufhalten. Allerdings ist, wie wir früher bereits eingehend aüsführten die Errichtung einer solchen Gesellschaftsbank oder eines Netzes von Genossenschaftsbanken kein alleiniges Heilmittel für alle wirtschaftlichen Schäden.'Mindestens müßte Hand in Hand damit eine für die sabbattreuen Kreise berechnete und ihren besonderen Bedürfnissen angepaßte Berufsberatung weitesten Umfanges einhergehen. Aber auch die relativ bescheidenen Mittel, die für die Erhaltung einer solchen Berufsberatung notwendig sind, werden sich leichter Hand in Hand mit der Beschaffung der erforderlichen bankmäßigen Kapitalien aufbringen lassen. Beide Zweige der produktiven Wirtschaftshilfe, die Beratung und die Kreditgewährung, werden alsdann in ähnlicher Weife einander ergänzen und befruchten, wie es für den Kreis der Arbeitnehmer, die Stellenvermittlung und die Arbeitslosenversicherung vollzieht. Auf dem Sabbatkongreß w'ür bereits die Rede davon, daß der Genossenschaftsgedanke, nicht nur beschränkt auf die Lösung der Kreditfrage, sondern auf alle Gebiete des Wirtschaftsorganismus ausgedehnt, vieles zur Lösung der bestehenden' wirtschaftlichen Schwierigkeiten für die religiös-jüdischen Kreise beitragen könne. Zunächst hat man die Gründung einer jüdischen Handwerkergenossenschaft in Berlin ins Auge gefaßt, die eine bessere Versorgung der Handwerker mit Aufträgen organisieren, ihnen die Möglichkeit eines zentralen Einkaufs 'gewähren upd die bisher so -schwierige Anschäftung von oft köstspietit gen'Maschinen' ermöglichen soll. Man darf hoffen,! daß eine solche Genossenschaft —f es ist vor-. läufig an Handwerker des Baugewerbes gedacht -77 wenn sie? besonders tüchtige Mitgliederund eine gute Organisation hat, irrfttünde seist wird, in den 5 Arbeitstagen der Woche die normale Leistung der 48 Stunden-Woche zu vollbringen und damit konkurrenzfähig zu fein. Die Gründung'sversammlung dieser Genossenschaft jüdischer Handwerker hat unter den Auspizien des Sabbatverbandes und. .der Jvria am 16. September stattgefunden und man darf ihrer Entwicklung, weil sie unter Umständen vorbildlich für andere Unternehmungen werden könnte, mit Spannung und mit dem Wunsche.: eines vollen Erfolges entgegensehen. Genossenschaftsbanken, veranlaßt durch die Berliner Jvria sollen demnächst in E s s e n und in D ü s s e l d o r f ins Leben gerufen werden. Arbeit. Von Dr. C. C. in A. Das Problem der Arbeit lastet auf der Gegenwart drückender als alle anderen. Der Gegensatz von Kapital und' Arbeit ist schärfer als je zuvor. Die Zukunft wird noch schwere, schwere ,___ 23. Oktober 1930 Arbeitskämpfe bringen. Für uns Juden erhält diese Situation noch ihr besonderes Gepräge durch die'Schwierigkeiten, die sich Hem sabbathaltenden Arbeitslosen entgegentürmen^ und durch die Abneigung weiter nichtjüdischer Wittschaftskreise gegen-die- Beschäftigung jüdischer Angestellten. Diäfe wirtschaftliche SeiWdes Problems der Arbeit ^wird ab et" üb erschattet Uon seiner ideellen Seite. Die Arbeit befriedigt den Menschen nicht mehr. Sie läßt sein Inneres vollständig kalt; ja, sie erweckt heftige Abneigung. Die Arbeit wird als . notwendiges Uehel, als ZjvaUg, als Sklaverei empfunden^ Ein- Sklavenjoch kann niemals Inhalt einer religiösen Anschauung sein.'Religion ist Sehnsucht, nicht Abscheu. Bei uns Juden, die wir die Befreiung aus der Sklaverei als die Geburtsstunde unseres Volkes und unserer Religion feiern, kann eine neue Sklaverei, die Knechtschaft der modernen Arbeit noch viel weniger irgendeine religiöse Anziehungskraft besitzen. Da aber die Arbeit uns im Durchschnitt ein Drittel unserer Zeit in Anspruch nimmt, so hat das Judentum, das das ganze Leben religiös.durchdringen will, mindestens ein Drittel seines Geltungsbereiches verlöten. Mit'diesem Verlust allein ist es jedoch nicht abgetan. Wenn, eine Religion den Anspruch erhebt, das ganze Leben ZU erfassen, so hat sie in., dem Augenblick ihre. Ohnmacht erwiesen, als sie zur Durchführung ihres Anspruches nicht mehr imstande ist. Entweder das Judentum kann mir Antwort gebn auf meine Notrufe in der Not der Arbeitsprobleme oder es muß zugeben, daß es nicht mehr für das Ganze des Lebens richtunggebend zu sein vermag. Gibt.es aber Lebensgebiete, die von der Religion nicht mehr beherrscht werden, warum können nicht auch noch weitere Lebensgebiete der. Herrschaft der Religion entzogen werden? Das ist der innere Grund dessen, daß man immer mehr und in immer weiteren Kreisen die Religion, das Judentum auf wenige Weihestunden des Tages, des. Jahres oder gar nur des Lebens beschränkt, im übrigen aber "U religiös gleichgültig, ja, sogar feindselig benimmt. Diese immer mehr um sich greifende Krankheit ist nur dann einigermaßen mit Aussicht auf Erfolg zu bekämpfen', wenn das Judentum auch das große Gebiet der Arbeit in seinen Bereich einbeziehen kann, wenn die Thora Antwort, erlösende Antwort erteilt auf die schweren Rätsel, die die schier unlösbar erscheinenden Probleme der Arbeit heute der Menschheit aufgeben. Es handelt sich hier um eine Schicksalsfrage des Judentums, die nicht nur den jüdischen Arbeiter oder Arbeitgeber, die alle angeht, die jüdisch sind und sein wollen. Hat-das Judentum diese Schicksalsfrage beantwortet? Wo ist die Antwort? Der Ruf verhallt ungehört in d er Wüste. Man komme n icht - chit den Hinweisen auf die svFial-ethjscheN Pw>, schriften aus Bibel urid Talmud. ' Wan kann denxf modernen Arbeitsproblem nicht beikomMen, mit h'en Forderungen - gegenseitiger Menfchenhifte,,,. techtzMger Lohnzahlung, mönschenwürdiger Be^ Handlung und. Entlohnung 'deU Arbeitet. Du; kannst dem Arbeitgeber noch so oft solche Berhaltungsweisen predigen, in den weitaus meisten Fällen wirst du .vor tauben Ohren sprechen. Der Arbeitgeber tut doch, was er will, was er feinem Interesse für nützlich erachtet. Der Arbeitnehmer äuf der anderen Seite verhält sich genau so; auch er winkt ab, wenn man von ihm Identifizierung seiner Arbeit mit den Interessen des Arbeitgebers fordert: er läßt sich nicht in das kaudinische Joch des Kapitalisten spannen. Roch weniger wird das Predigen besserer Manieren die Lust und Freude zur Arbeit beleben.; Mit Gewaltmaßregeln oder nationalen' und. internationalen Gesetzen wird man zwar öie'i; Wirtschaftsindividuen zu besserer gegenseitiges' Behandlung Und zu - besserer Produktionsweise '' (vom Standpunkt der Nützlichkeit aus) zwingen; jeder tut aber nur gerade das,- was er unbedingö muß. Und wo bleibt die Lust zur Arbeit? Wo sis überhaupt' noch vorhanden war, werden Gesetz und Gewalt sie gewiß ausrotten. Liebe kann nie--l

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