Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1930)
- Date
- 1930-10-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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lästina ist vor wenigen Tagen in Berlin zu Ende gegangen. Seine äußere Aufmachung, vor allem die überaus große Beteiligung der jüdischen Gewerkschaften Amerikas, welche allein über 250 000 Mitglieder verfügen sollen, sicherten dem Kongreß eine gewisse Beachtung. Ben G u r i o n, der Präsident des Kongresses, bezeichnete als die erfreulichste Erscheinung, daß alle Generationen und alle religiösen Schichten am Kongresse vertreten waren, neben dem greisen Veteran des Sozialismus Eduard Bern st ei n , Vertreter der palästinensischen religiös eingestellten Arbeiterorganisation „Dach Weawodvh". Und die Resultate und Erfolge? Der Kongreß hat die Gründung einer „W e l tl i g a f ü r d a s A r b e i t e n>d e P a l ä st i n a" proklamiert, die sich nicht auf Zionisten beschränkt, sondern alle aufbauenden Kräfte, besonders sozialistischer Einstellung, sofern sie die historischen, nationalen und sozialen Werte der jüdischen Arbeit in Palästina zu schätzen wissen, umfassen soll. Das weitere Bestreben geht darauf hinaus, die arabischen arbeitenden Massen für die Mitarbeit zu gewinnen. Man stellt über „Kibusch Haarez" (Eroberung des Landes) „Kibusch Haam" (Eroberung des Volkes), ohne erstere ganz aus den Augen zu lassen. Im Ganzen will die Liga ein „Gegengewicht zu dem Einfluß der pluto krätifchen Elemente im Zionismus" sein. Das ist alles. Es ist nicht viel, aber man muh dem Kongresse anerkennen und zugute halten, daß er bei der. Gründung seiner „Jewifh Agency der Arbeit", in der neben dem „Bund" der Misrachiarbeiter seinen Platz haben soll, ruhiger, bescheidener und sachlicher zu Werke gegangen ist, als die zionistische Organisation seinerzeit bei der Gründung der großen I. A. in Zürich. Der Eindruck auf die Araber, sofern sie nicht bösen Willens sind, kann nur ein guter fein. Man hatte sich große Worte und große Gesten versagt und lediglich von der A r b e i t in und für Palästina gesprochen, der Arbeit, an der alle, Araber wie Juden, Arbeitgeber wie Arbeitnehmer, interessiert sind, der Arbeit, die allen zum Segen gereichen muß. Zwischen die wilden Gesten der Revisionisten und die aus einer Saite gespielten Friedensschalmeien des „Brith Schalom" schiebt sich eine Organisation, die eine Verständigung und eine Zusammenarbeit mit den Arabern als erste Grundlage der Existenz für beide Teile zeigt. Bleibt die „'Weltliga für das Arbeitende Palästina" auf dieser Linie des Feindes und der Verständigung, mehr von sozialen Notwendigkeiten geleitet, als von einer sozialistischen sich bei Neuerscheinungen auf dem Gebiete der jüdischen Literatur. Wir finden Werke von geradezu epochalem Inhalte, Dokumente von Fleiß und Scharfsinn, die bei jedem anderen Volke höchstes Aufsehen verursachen würde, die aber durch die Weltfremdheit und Unbeholfenheit der Autoren Jahre hindurch nur in einem ganz kleinen Kreise bekannt sind, bis sie sich allmählich allgemeine Anerkennung erwerben. Es scheint uns Pflicht der jüdischen Publizistik, dafür zu sorgen, daß dieser Zustand allmählich ein Ende nimmt. Aus diesen Erwägungen heraus sei hier aus das soeben erschienene Buch wiVm von Herrn Rabbiner Meier Klein in Ujhellj mit allem Nachdruck hingewiesen. Der Autor, ein Schüler des weltbekannten M a a d e r Raw bearbeitet ein Gebiet, welches ziemlich stiefmütterlich in der jüdischen Literatur behandelt wird. Das Werk soll eine übersichtliche Darstellung der 613 Gebote, geordnet nach den Wochenabschnitten, geben, aber nicht etwa in der bloß kompilatorischen Zusammenfassung, wie dies in den bekannten Handbüchern der Fall ist, sondern es versucht mit Erfolg eine erschöpfende Darstellung aller Einzelbestimmungen etwa wie der Minchas Chinuch, aber in einer Form, wie sie auch dem weniger Gelehrten verständlich ist und doch dem Kenner ungemein viel Neues bietet, da das sehr zerstreute Material in geradezu genialer Weise zusammengefaßt wird. Der erste Band enthält auf 272 Seiten eine Einleitung der Tarjäg Mizwoth. Es werden in lichtvoller Klarheit zunächst nach 13 Gesichtspunkten die Mizwoth eingeteilt; so z. B. Mizwoth, die mit Speise und Trank zu tun haben, Mizwoth, die mit Erez Jisröel Zusammenhängen, solche, die mit zivilrechtlichen und kriminalrechtlichen Dingen zu tun haben usw. Eine Darstellung sämtlicher mit den einzelnen Mizwoth im Zusammenhang stehenden Maße Parteidogmatik, dann kann daraus auch über die Interessensphären ihrer Gründer hinaus Segen erblühen. Die 7lok der chronisch kranken. Von Hermann Seckbach in Frankfurt a. M. Die Not der chronisch Kranken! Unter dieser Ueberschrift gab Dr. Gustav Löffler, Frankfurt a. M., vor einiger Zeit in der „Frankfurter Zeitung" einen erschütterndien Bericht. Zunächst schildert er folgenden Fall: „Unlängst kam in einem hiesigen Heim für chronisch Kranke ein altes Mütterchen aus einem kleinen Ort zur Aufnahme, das ein Bild entsetzlicher' Verwahrlosung darbot. Die Kranke litt an einer chronischen, mit hochgradigen Bervegungsbehinderungen verbundenen Erkrankung der großen Gelenke. Infolge einer durch Monate fortgesetzten „Pflege", die man nur als miserabel kennzeichnen darf, waren bei der dauernd bettlägerigen Frau an den meisten Knochenvorfprüngen geschwürige Hautverluste bis zu mehr als Händtellergröße entstanden, die stellenweise bis auf den Knochen reichten. Die Sanitäter, die die Ueberführung der beklagenswerten Frau besorgt hatten, erklärten, sie hätten kaum je zuvor ein so schmutziges und geradezu verfaultes Lag^r wie das der Kranken zu Gesicht bekommen." Es handelt sich, wie wir hier Mitteilen können, um einen „jüdischen" Fall, bei dessen Einweisung dem leitenden Arzt der Anstalt samt seiner Umgebung das Wort sich auf . die Lippen drängte: „Man mühte „Menfchen-Schutzvereine" schaffen, um solches zu verhüten!" In längeren Ausführungen — die nicht nur bei allen sozialen Stellen, sondern von Haus zu Haus Beachtung finden sollten — weift Dr. Löffler darauf hin, wieso solche entsetzlichen Zustände vorhanden sind: Die gewaltige Not der Familie, die Unmöglichkeit der Aufbringung der Verpflegungskosten und hierzu die Verständnislosigkeit der zuständigen Stellen. Nach Angabe der Krankenhäuser - betragen die Selbstkosten für einen Patienten 01. Klasse 9.— bis 11.— Mk. pro Dag. Wenn heute — wie Dr. Löffler bemerkt — für akut Erkrankte 0l. Klaffe 6.40 Mk. pro Kopf und Tag geleistet werden, so müssen im Durchschnitt 3—4 Mk. pro Kopf und Tag für die Verpflegungskosten des Kranken zugelegt werden. Was soll man aber, dazu sagen,- wenn für den gleichen Kranken nur Mk. 2.80 pro Tag bezahlt werden, sobald sein Leiden ein „chronisches" wird! Für diesen Betrag müssen Patienten mit chronischen Drüsen- und Knocheneiterungen, mit und Gewichte schließt sich daran an, es folgen dann 25 Grundbegriffe wie Tin jnsn Vs« ’in'i .rn^an nixn pvi» prr »nsnn bv pi'asv prr 'tai ni'aya nnan msn >n«a imi -piian» ir«» iai ,anna ,viix>»i wobei an Hand der talmudifchen Kontroversen und der entsprechenden religionsgesetzlichen Entscheidungen die Norm der Halacha klar und unzweideutig festgelegt wird. Diese Einleitung, (welche weit über dasjenige hinaus geht, was in dem bekannten Werke T»*nn 'S 117 über die ersten 58 Mizwoth ausgeführt wird), bildet den Hauptinhalt des bis jetzt erschienenen ersten Bandes. Ihm schließen sich dann die drei .Mizwoth an, welche im Buche Bereschis Vorkommen. Das Manuskript für den zweiten Band liegt bereits vor und soll veröffentlicht werden, sobald durch den Verkauf des ersten Bandes die Druckkosten bestritten werden können. Jeder talmudisch auch nur einigermaßen Interessierte wird — dessen sind wir überzeugt — sich dieses Werk erwerben, wenn er nur einige Seiten darin durchgearbeitet hat. Es gehört zu jenen S'forim, die man nicht nur einmal durchlernt, sondern die auch bei jeder Gelegenheit immer wieder zur Orientierung in die Hand genommen werden. Das Werk ist zum Preise von Mk. 6.— zu beziehen bei: Klein, Jenö, Hoydumanas (Ungarn) und W. Rosenzweig, Frankfurt a. M., Ostendstraße 80. Lassen Sie Ihre UHREN bei Neeser-LAPP, Allegasse L reparieren. Sie gehen gut und die Preise sind billig. Alles unter Garantie und Haararbeiten ist Vertrauenssache! EUGEN OCHS Spezialist dafür Moselstr.16 ♦ Taunus 1593 Unverbindlicher Besuch erbeten ■■■■■■ Lähmungen von Blase und Mastdarm usw. in den privaten Heimen weiter verpflegt werden. Daß dies eine Unmöglichkeit ist, wissen die in Betracht kommenden Stellen sehr wohl. Im „ Fra nkfurter Generalanzeiger" wird gerade diese Woche auf solch schreiende Ungerechtigkeit hingewiesen und bemerkt, daß selbst in Landesanstalten der Landeshauptmann Mk. 3.10 pro Kopf und Tag festgesetzt hat. Wenn dennoch die jüdischen Anstalten es bisher-möglich gemacht haben, ihre Betten den mittellosen, zum Teil völlig gelähmten Schwerleidenden einzuräumen und die wirtschaftliche und medizinische Versorgung derselben mit Mk. 2.80 pro Tag oder, wo überhaupt nichts zu erhalten ist, z. V. wenn es sich um Ausländer handelt, kostenlos durchzufühern, so konnte dies nur durch mühselige Herbeiholung von Geld oder Sachzuwendungen ermöglicht werden. Für den Eingeweihten ist es klar, daß dies alles nur T e i l h i l f e fein kann und immer mehr und mehr die Anstalten selbst in Not bringt. In den Tageszeitungen lesen wir es jetzt zur Genüge, wie schlimm die Zustände in der Krankenversorgung geworden sind, und wir wollen es uns gestehen, wieviel schlimmer diese Not in jüdischen Familien sich auswirkt — wo rituelle unib religiöse Grundsätze mit in Betracht kommen. Wie ein Wunder kommt es mir vor, wenn ich in der soeben erschienenen „Zeitschrift für das gesamte1 Krankenhauswesen" Gedanken verwirklicht finde, die ich seit Jahr und Tag selbst habe und die ganz besonders für unsere jüdischen Verhältnisse in Frage kommen. Anläßlich einer Tagung der Fachvereinigung der leitenden Berwattungsbeamten deutscher Krankenanstalten, die — wie üblich — in Anwesenheit der höchsten Regierungsstellen, Behörden ufw. in Eisenach vor kurzem stattgefunden hat, hielt Stadtarzt Dr. Bejach, Berlin, einen mit großem Interesse und seltenem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Aufbau und Betrieb der Hauskrankenpflege in Verbindung mit dem Krankenhaus". In erhebenden Ausführungen verlangt Dr. Bejach in bestimmten Fällen eine regelrechte häusliche Versorgung des Kranken aus ethischen, sozialen und finanziellen Gründen. Die Durchführung dieser vom Krankenhaus ausgehenden Fürsorge unter Mithilfe aller charitativen und sozialen Stellen bedeutet Verringerung der Vettennot in den Krankenhäusern, dann aber auch Verminderung häuslicher Not. Stadtarzt Dr. Bejach sagt u. a.: „Es liegt im Interesse aller Beteiligten, zunächst des Kranken, der durch Krankenhausaufenthalt teilweise seiner Familie entfremdet wird — ich denke hier besonders an Erkrankungen der Hausfrau und Mutter— im Interesse der Aerzteschaft, der Krankenkassen, der Körperschaften, die öffentliche Krankenhäuser zu unterhalten haben, oie nicht der geschlossenen Krankenhausfürsorge bedürftigen Kranken in der offenen Fürsorge zu belassen." In allseitig anerkannter, vorbildlicher Weise ist in dem Dr. Bejach unterstehenden Stadtbezirk diese Hauskrankenpflege durchgeführt. Es würde zu weit gehen, im Einzelnen hier die bewundernswerten Leistungen aufzuführen. Interessenten finden ausführliche Unterlagen in der Zeitschrift für das gesamte Krankenhauswefen, Heft 21, vom 14. Oktober 1930. y Auf jüdische Verhältnisse übertragen, könnte unsagbar viel Leid gelindert werden. In vielen, vielen Häuslichkeiten, besonders auf dem Lande, schmachten Kranke, die aus vielerlei Gründen nicht in Krankenhäusern oder sonstigen Anstalten Unterkommen können und — wir wissen es nicht oder, man verzeihe mir das harte Wort, vergessen es schnell, wenn wir davon erfahren haben. Hier könnte eine Organisation, die die „Hauskrankenpflege", wie sie Stadtarzt Dr. Bejach — 906584