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Der Israelit · 1930-10-17 · Heft 42 (17.10.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Sonne hinter den Bergen ['ÄS** Ein Tschuwoh-Tag in der Schweiz. Eine Reminiszenz: Es - war im Jahre 1902. Ich war erst einige Jahre in /der Schweiz und mit den Verhältnissen der dortigen Judenheit wenig vertraut. Zwei Tage vor dem Roschhaschono-Feste erreichte mich in meiner Weltabgeschledenheit eine Depesche aus einer mir bis dahin unbekannten Stadtmit französischer Schreibart. „Schicket Chasan zu Roschhaschono". Da ich in meiner Dorfgemeinde keine Vorbeterschule erhielt und auch sonst keine Chasanim aus Lager hatte, andererseits aber eine jüdische Niederlassung, die an den heiligen Tagen sich sammeln und zu ihrem G'tte beten wollte, nicht enttäuschen mochte, machte ich mich noch gleichen Tages auf die Beine durch den herbstlichen Wald nach dem Städtchen Baden. Dort konnte, ich mit Hilfe des mir befreundeten Rabbiners einen Mann, im Hauptberufe Hausierer, ausfindig machen, der sich in den Gebeten, Bräuchen und Melodien womöglich noch, besser auskannte, als in den Hosenträgern, Knöpfen und Kämmen seines Hausiererkrames. Die Sache war gemacht und ich trat zufrieden den Heimweg an. Der Rüstetag zum Feste senkte sich. Ich trat, fertig für den heiligen Dienst, aus meiner Wohnung, um mich in die nahe Synagoge zu begeben. Da versperrte mir wieder der Postbote den Weg. Er hatte ein Telegramm in der Hand. Text: „Kein Schosar am Platz". Unterschrieben war der Hausiererchasan. Diese Stadt und diese Gemeinde hat heute siebenzig Thörajünger und heißt Montreux. * Als am Sonntag, drei Tage vor Jom-Kippur, im Garten der Jeschiwa die neugeschriebene Thorarolle, in weiße Seide gehüllt, in der Mitte anderer Rollen, hoch aufgepflanzt zwischen Fahnen, Guirlanden und Ampeln stand, und ein Gesang sich erhob, als seien alle Jahrhundertelang unterdrückten guten jüdischen Geister plötzlich erwacht, sähen wir jenseits des glitzernden Sees, über den Bergen Savoyens, ein Farbenspiel am Himmel, wie wir es noch nie erlebt hatten. So rund, so rot, so groß und blank und alle Farben der Berge, Seen, Wälder und Wiesen mit hinübernehmend ging die Sonne unter, daß das Augegeblendet war, während der Mund, sang. Wie, eine Riesenampel am. abendlich blauen HimtnelSdach vom Weltenlenker eigens dazu angezündeh lachte und leuchtet^, sie zu unserem. Feste, und es schien, als neße sie sich Zeit, als bewegte sie sich jm,. Tanzschritte Es hätksPW^werlohE'wegen dieses.SönnenuntergangesÄUin herzukommen. ÖbeNaM Horizonte das Wunder hinter den Bergen; unten ein Wunder der Thora auf der -Höhe vor der Stadt ohne Schofar.^ .Und das dritte Wunder: Das " eine Wunder hebt das andere ni cht-auf,sti e; ge Hörem zueinander.; Die untergehende Sonne schickt letzte Grüße''der Festgemeinde, und. im Jubel des Festes ist Jedermanns Auge 'ÄN der goldenen Kugel am westlichen Himmelszelte - gebannt. Sonne und Thora, Thora und Sonne, sie gehören in diesem Augenblicke zu einander. Eimnal stand sie, die Sonne, der Thora, hinter jenen französischen Bergen so hoch und so hell, daß ihre Strahlen nach der gesamten Diaspora drangen. Sie ging dort unter, wer weiß warum? Uäd sie leuchtet hier auf einem Berge vor einer mondänen Kurstadt wieder auf. Das ist, jeder hörts, der Sonne Abschiedslied an diesem; wundersamen Abend von Montreux. .... ' ' ' K •' ' . : Ein Nachmittag war verklungen, ein Abend vergangen, eine Nacht verronnen, wie deren uns nicht viele im Leben beschiöden sind. So ganz losgelöst von -den Anliegen und Beschwerden des Tages, den Ewigkeitshauch der Sonne und der Thora in der Seele, saß man bei Tisch, ergötzte man sich an Geistesfunken, die zwischen Gang und Gang sprühten, sang und tanzte man. Wer wollte durch.;Schlaf; die kostbaren Stunden und Minuten dieser Wundernacht von Montreux mindern? Und nun war es draußen ganz tiefe Nacht, hatten sich See und Berge kurz vor dem Erwachen wie fröstelnd noch einmal tief eingehüllt in ihre grauen dicken Nebeldecken. Aber von Ost her weckte schon ein leises Singen und Klingen, und es leuchtete grau und, zart durch die Wolkenbänke. Ein feiner Tau stieg auf. Wenn man die Hand zum Fenster hinausstreckte, brachte man sie naß wieder herein, Nebelschwaden stiegen auf und nieder, wie wandernde Bäche. Der See und die Kuppen lägen unter ihren Decken bis zur Unsichtbarkeit. Und siebenzig Jünger mitsamt einigen noch anwesenden Gästen sangen Sl i chau sg.e b '; '' 7- .,;• ' 7'' Waren das -noch die glichen 'Jungest, die gleichen Gesichter, die gleichen|Stimmen-die' stleichen Seelen? Wö waren di^' Jubeltöne, die launigen Reden, die känzenden- ^chkitte vost^vorhm? Die jungest' Menschen' wärest von eister Welle Kr Andacht, wie diö'jünKst'Weiden'vösts Sturmwinde geschüttelt? SiebestKg junge Menschenseelen schmolzen ineinander zu einer Seele, der reinsten und schönsten, die ich je in Andachtsschauer gesehen habe. „G'tt 0 G'tt, ein G'tt der Barmherzigkeit und der Gnade. ^—- —" -; ,-Maß der Barmherzigkeit, rolle herab auf uns und vor deinen' Schöpfer werfe unser Flehen, Und für dein Volk Erbarmen erheische-" „Ich bedenke, G'tt, dieses und erschauere; da ich feste, wie jede Stadt auf ihrem Fundamente errichtet, die Stadt G'ttes aber erniedrigt ist bis zur untersten Gruft-:-" Jeder Satz, jedes Wort zittert in unzähligen Schwingungen aus. Weinen ohne Worte gleitet hinüber zum folgenden Satz, in steigender Inbrunst. Die Engel im Himmel singen undweinest mit ... Ich sehe hinaus. Als hätte das Gebet aus siebenzig jungen reinen Seelen die Pforten des ßr.a _1930 Himmels gespalten, hebt sich langsam und stetig der schwammige Nebel. Einer nach dem anderen werfen die Berge den grauen Schleier ab. Der See unten fängt rötlich zu glitzern an und über den anderen Bergen östlich steht eine Sonne, weniger rot, weniger rund, weniger buntsarben, aber so groß und so gewaltig wie gestern abend, als sie im Jubelgesang schied. Etwas blaß und ernst b e t e t sie mit der kleinen Gemeinde, wie sie gestern mit ihr gelacht, gesungen und getanzt hatte. Sie hatte vor den verschlossenen Himmelstoren gewartet, bis sie die Jungen mit ihrem Gebete aufriffen . . . * Alles, was ich auf dieser kleinen Spritztour durch die Schweiz zwischen Roschhaschono und Jomkippur sah und erlebte, konnte ich nur noch im Bilde der unter- und aufgehenden Sonne sehen. „Sichronos", Erinnerungen von dreiundzwanzig Jahren stürmten auf mich ein und aus mir heraus, um Wort und Bild zu werden. Was hatte sich da in diesem Vierteljahrhundert alles ereignet! Damals gab es in der Schweiz zwei im Abblühen schon begriffene, aber immerhin noch blühenden Landgemeinden, von,.denen die eine heute ein Ältersasyl und.die andere einen Hriödhof hat., Die Sonne ging nur unter, um anderswo von. neuem.aufzuleuchten. Drei oder vier neue Systagogest'sind , inzwischen in der Schweiz neu entstandest, Rabbinate gegründet; worden. In Zürich, wo!sich damals die I. R. G. mit' ihrem G'ttesdienst einige Treppen hinauftappen mußte, erhebt sich heute ein Synagogenprachtbau, der eine Sehenswürdigkeit der Stadt ist. Und in Bafel, der Stadt 'der Kongresse, das freilich damals schon im Beshamidrasch eine unverwüstliche jüdische Urzelle besaß, steht heute die Religionsgesellschaft mit eigener schöner Synagoge als Sammelpunkt der Gesetzestreuen. Es geht vorwärts im Reiche des jüdischen Geistes, ist der Schweiz und sicher auch anderswo, wenn man die Dinge in zeitlichen Zusammenhängen von Vierteljahrhunderten wertet. * , Auf dem Heimwege geht es eine Strecke weit im Auto zwischen blauen Seen und mächtigen Felsenwänden, die schneeweiße Hauben auf dem Kopfe tragen, als hätten sie schon Jomkippur, durch natürliche Schluchten hindurch, an Flüssen und lieblichen weinbedeckten Hängen vorbei, durch Jünger der Jeschiwa zu Montreux.

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