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Der Israelit · 1930-10-17 · Heft 42 (17.10.1930) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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j jn;J. c; i Seite 10. Nr. 42_ kleine und große Städte, Dörfer und Weiler, wo der Friede in den Häusern und Augen der Menschen wohnt. Einen Tag vor Jomkippur, liegt die Landschaft des Berner Oberlands in ihrer grandiosen . Herrlichkeit wie ein großes Musfarbuch vor uns, darin die zackigen Höhen die Buchstaben, die grünen Täler zu ihren Füßen die Vokale, die geschlungenen Flüsse die Tonzeichen sind, und das Ganze besagt: „Mensch, wie klein und winzig bist du im Angesichte dieser Giganten, gleich einem zerbrechlichen Scherben; wie welkendes Gras, verwehender Windhauch, verfliegender Traum." „Und dennoch bist du mehr denn sie alle, dieweil du s i e , stumme Zeugen der Ewigkeit, sehen, begreifen und erleben kannst. Ihre Schönheit erhebt deinen Sinn, ihre Größe zwingt deinen Blick zu Ihm, der groß ist über aller Größe." „Hoch oben, sagen die Buchstaben und Vokale, ist Schnee und Gletschereis, aber Sonne küßt die Eisdecke und Wasser fließt zu Tal und sammelt sich zu lieblichen blauen Seen, an deren Gestaden die goldene Rebe blüht. Aus Schnee und Eis ist Lieblichkeit und Wärme und Gedeihen geworden. Wann, Menschen, wird Sonnenkuß, das Eis in eurem Herzen treffen, daß daraus Freude und Frieden, Liebe und Harmonie wird? Wann, Menschen? Jomkippur ist vor der Türe und — Genf ist nur ein paar Wegemeilen entfernt . . Wir sind in I n t e r l a k e n , wo wir für die Nacht Rast halten. Im Hotelzimmer lernt unser Mentor, in dessen Auto wir fahren, mit seinem ihn begleitenden Hausrabbi noch einen Traktat aus Mischna vor dem Schlafengehen. An der Grenzscheide zwischen der Schweiz und seinem Heimatlande helfe ich ihm tags daraus in der jüdischen Buchhandlung den Esrog aussuchen. Es muß der beste, schönste und vollkommenste sein. Dieser Herr und der kleine Kreis seiner Gesinnungsfreunde in einer badischen Stadt und Gemeinde, die von jeher als Zentrum der Negation das Land und das Reich mit Reformideen speiste, sind ebenfalls lebendige Zeugen. dessen, daß die Sonne nur untergeht, um anderswo wieder neu aufzuleuchten . . . Montreux hat seinen Schofar, der aus fiebenzig jugendfrischen Kehlen ins Land und in die Länder hinausschallt das ewige Lied der Lehre. Die W e st f r o n t d e r T h o r a , vor achtzig Jahren vom großen Rabbiner am Main aus letzten Restbeständen zufammengefügt, ist nicht durchbrochen. Vor vierzig Jahren wunderte mit Breuer eine ungarische Jeschiwa von Ktaw Sofer'schem Geiste nach Frankfurt hin, die Zahl ihrer Jünger nähert sich heute, allen Wandlungen und Umwälzungen zum Trotze, dem Hundert. Vor vier Jahren kletterte mit einem begnadeten Menschen ein Stück litauisches Thoraleben die Höhe von Montreux hinauf. Keine Macht der Welt wird mehr diese Thorastätte von ihrer Höhe verdrängen. Im Jubel des Festes geht eine Sonne in herrlichem Farbenglanze unter. Im Brausen der Morgengebete leuchtet eine Sonne neu auf. Es ist die gleiche Sonne, die gleichen Töne, nur Standort und Szenerie haben ein wenig gewechselt ... Ainderecke. Das alte Schabboslämpchen. Von Markus Fried. Tief im Herzen Deutschlands liegt ein kleines Amtsstädichen, hübsch eingebettet zwischen Talmulden, sanft ansteigenden Höhen und rauschenden Wäldern. Die jüdische Gemeinde war nie - o_Der Israelit __ sehr groß, sie zählte etwa 25 Familien, die in vollster Harmonie miteinander verkehrten. Hierzu paßte auch die Tatsache, daß der alte Lehrer bereits mehr als 50 Jahve am Orte wirkte. Bereits das dritte Geschlecht wuchs unter seinen Augen auf. Er selbst war kinderlos. Es war an einem ziemlich rauhen Februartag, da empfing er den Besuch eines nahen Verwandten, ebenfalls im Lehrberuf stehend. Rach einigen Stunden gemütlichen Beisammenseins kam die Rede auch auf die Mazzobäckerei, die sich im'Orte befand und wegenihrer rituellen Zuverlässigkeit weit und breit sich eines guten Rufs erfreute. „Ich möchte doch nicht versäumen-, die Bäckerei von Lang in Augenschein zu nehmen," sagte Jonas Kohn, „nachdem ich dach einmal hier bin und jahrzehntelang meine Mazzos von hier beziehe." — „Das kannst du leicht," entgegnete Vetter Albert Rosenberg, „du triffst es gu!t; . -es herrscht zur Zeit Hochbetrieb. Die Bäckerei ist nur drei Häuser von hier entfernt, gegenüber dem großen Brunnen, an dem du vorbeigingst. Gern würde ich dich hinbegleiten, doch muß ich wegen des Brustkatarrhs leider das Zimmer hüten und meine Frau ist ja verreist, wie du siehst." — Lehrer Kohn machte sich auf den Weg zur Mazzobäckerei und wurde dort äußerst freundlich -empfangen-, sowohl als langjähriger treuer Kunde wie als Vetter des Lehrers, zu dem man feit je freundschaftliche, ja herzliche Beziehungen unterhielt. Mit Interesse besah er den ganzen Betrieb, die Maschinen in ihrer vollen Tätigkeit, die zwei Oefen, alles modern eingerichtet und den strengsten Roligionsvorfchriften entsprechend. Die hohe Befriedigung war eine beiderseitige. Herr Kohn befand sich gerade im Verpackungsraum, von dem aus man in den hinteren, überbauten und darum etwas düsteren Teil des Hofes sehen konnte. „Hängt dort nicht ein Schabboslämpchen an der Decke?" fragte Lehrer Kohn den Bäckereibesitzer. „Gewiß, gewiß," entgegnete Lang, „gehen Sie nur hinaus undbetrachtenes." Lehrer Jonas Kohn begab sich hinaus zu dem Lämpchen. Es war etwa 30—35 Zentimeter hoch, sechszinkig und sah recht verwahrlost aus. Das Luzer *) war gelötet, die „Kändelchen" zum Ablevten dies ablausenden Oeles fehlten ganz, außerdem waren die Zinken stark vom Grünspan he im gesucht. „Schön sieht das nicht aus," begann Lehrer Kohn, „wie lang hängt das Lämpchen schon hier?" „Ich habe es schon über drei Jahre," entgegnete Lang, „d. h., -es gehört eigentlich nicht mir. Ein älteres Fräulein aus einem naheliegenden Dorfe übergab es mir zum Verkaufe. Das Lämpchen ist dort ein Familienerbstück gewesen und sah einst bessere Tage. Die drückende Rot zwang 'die bisherige Besitzerin zur Veräußerung des teuren Familiengutes." „Und was soll der -etwaige Preis sein, der für das Lämpchen angesetzt -ist?" „Eigentlich habe ich freie Hand. Ich kann, nach bestem Gutdünken und- Gewissen handeln. Glauben Sie, daß 15 Mark ein entsprechender Preis sei?" Durch das arme Lämpchen fuhr ein freudiges Zucken. „Soll -ich doch noch zu alten Ehren kommen, zum früheren Glanze ineinem jüdischen Heim zurückkehren? O, wie bangte mir in meiner langen Einsamkeit vor dem ferneren Schicksal! Wenn nur der Verkauf zustande käme. Wie glücklich wäre ich, wie fühlte ich mich erlöst!" „Ihr sollt 15 Mark dafür erhalten," sagte Kohn, „packet das Lämpchen zu meinen Mazzos, dann geht es in einer Fracht hin." „Gut, Herr Kohn," erwiderte Lang, „doch wage ich die Bitte, noch eine Kleinigkeit zum Erstehungspreise zuschießen zu wollen. Man tut eine Mizwoh an dem armen Mädchen." „Auch das soll geschehen; ich kann es ja vom Mcrafer nehmen. Ob es dieser oder jener damit Bedachte ist, bleibt sich schließlich gleich," meinte Jonas Kohn. *) Der unten hängende Behälter zum Auffanqen des ablaufenden Oeles. _ 17. Oktober 1930. Am liebsten wäre das Lämpchengleich von der Decke weggehüpst vor Freude, hätte es nicht der eiserne Hakenso unbarmherzig sestgehcllten. — --Es war anfangs Nifcm. Im Hause des Lehrers Jonas Kohn war man schon weit im Schütteln, -insbesondere war der Speicher längst hergerichtet zum Lagerplatz der Mazzos. Endlich kamen sie. Doch welche Ueberraschung! Man packte das Lämpchen mit aus. „Ja, was soll denn das. sein? Isis -ein Irrtum, ein Schabern-ack? Woher stammt das Lämpchen? Für wen soll es sein? Wir haben doch schonzwei große und prachtvolle Schabboslampen! Wozu dieses kleine, unansehnliche Ding?" So klang es vorwurfsvoll in die Ohren des Hausvaters, der vom ganzen Kauf nichts-erzählt hatte in Erwartung der Dinge. Das Lämpchen aber durchfuhr ein wahrer Schauer bei diesem frostig,en Empfang. Lehrer Kohnsuchte die Gemüter zu beruhigen, so gut es ging, wies auf feine Vorliebe für jüdische Altertümer hin, auf den 'im ganzen niedrigen Kaufpreis und die damit verknüpfte Mizwoh -. Es half alles nichts. Das mißliebige Schabboslämpchen wanderte auf den- Dachboden ineine -dunkle Ecke, wo es von neuem über fein hartes Los sinnen konnte. — — — Sommer war vorüber. Auf des Vaters Wunsch aber machte sich Frieda -an das Putzen des Lämpchens. Wohl wurde -es ansehnlicher; doch der Grünspan war zu tief -ei-ngesresfen und wiederum mußte die Schabboslampe wie ein mißliebiger Eindringling in die Ecke. Lehrer Kohn aber blieb hoffnungsstark. Ohne Wissen und Willen der Seinen brachte er das Lämpchen zum Uhrmachermeister Schedel, der auch Meffinggegenstände mittels allerlei Laugen zu reinigen verstand. Spenglermeister Schneid,er fertigte sechs neue Mesfingkändelchen an. Beide Handwerker hielten das ihnen auserlegte Schweigeverbot. Am Erew Sukkaus aber, bevor noch die Angehörigen aufgestanden waren, hängte Lehrer Kohn das fertiggestellte Lämpchen in die Sukkoh. Als er von der Synagoge nach Hause kam, fand er d-ie Seidigen mit einem vielsagenden Lächeln versammelt, den staundenden Blick zu dem in strahlendem Glanze sich zeigenden Schabboslämpchen -erhoben. Das Lob und der Ausdruck voller Zufriedenheit waren nur hie und da von dem leisen Vorwurf unterbrochen, daß der Vater dies alles heimlich ins Werk gefetzt hatte. „Ich wollte euch angenehm überraschen," sagte Lehrer Kohn mit gütigem Lächeln. Das „alte" Schabboslämpchen, das jetzt der Liebling der ganzen Familie geworden war, konnte es kaum erwarten-, bis abends Schehechionu über feinen neuen Lichterglanz gesprochen wird. „Diese Brocho gehört mehr als zur Hälfte für mich selbst," meinte es in stolzer Freude, „welch eine Wandlung inwenigen Wochen!" ^eüRO O* JULIUS SCHMIDT FRANKFURT AM MAIN O LANGESTRASSE 7 2 TELEFON HANSA 25865 — FRANKFURTMAIN 142 353 4t EINZIGE INSERATEN-AN- NÄHME FÜR FRANKFURTER GESCHÄFTS-INSERATE DES »ISRAELIT« AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FOR SAMTUCHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN, WOCHEN- UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINALPREISEN ♦ANNAHME VON DRUCKSACHEN (HANDEL, GESCHÄFTE, PRIVATE) FOR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLER. AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ- UND BUNTDRUCK statt Zu g aben: „Qual it ät” Uft ist und bleibtder Beste!

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