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Der Israelit · 1930-10-17 · Heft 42 (17.10.1930) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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17. Oktober 1930 Nr. 42 Frankfurt a. M., den —25. xmn sm Abonnement ab JE IMS: Deutschland? 1.3V- Mark monatktcht, A7nsl ä « d^. Meüel- Frankretch 23 Fr.; Belgien ab 1.7.27 Belga 8.; Holland 2 fl.; Italien ab 1.1.28.18 Lire: Jugoslavien 86 Din.; Litauen 7.80 Lit.; Rumänien ab l. 7. 27.15V Lei; Polen 4 deutsche Goldrnark zum Tageskurs oder 7 Zloty: Schweiz 6 .Fr.; Tschecho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn Pengö 5 ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.60 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. - Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Jsräelit erscheint jeden' Donnerstag. Inserate 50 Eoldvf. für die stebengesp altene NünvareMe-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und FamMenanzelgen nur 40Pf. Die 75 mm breite Reklamezeile: letzte Textseite 2.- SM., vorletzte Textsette 250 Mk.; Chiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Inserataufträgen tartfm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Inseratenannahme durch den Berlag des Israelit D. m.b. H., Frankfurt a. M, Rechneigrabenstratze 7. Tel. Hansa 21081 sow. durch sämtl. Annoncen-Exped. d. In» und Auslands. Alleinige Inseratenann. für Franks. Geschäftsanz.: Jul. Schmidt, Langestr. 7. II. Tel. Hansa 25865. Platzvorschr. ohne Berbindlichk. Bukarest - Filiale t Wien Nr.78808.^ Postsparkastenamt Budapest Nr. 18424.— ■ - ” --- Nr. 79.060 -BancaMamarosch Blank 8tCo. in ahlungsverpfltchtungen ist Frankfurt a. M. Symptomatisches aus dem religiösen Leben einer Einheitsgemeinde. ' Main schreibt uns aus V res lau: Wer die Vorgänge des jüdischen Lebens in der letzten Zeit aufmerksam beobachtet hat, konnte 'in der Gemeindeorthodoxie einen Frontwechsel feststellen. War es ihr bisher lediglich darum zu tun, die Anerkennung ihrer Gleichberechtigung mit der selbständigen Orthodoxie zu erringen, so konnte man in der jüngstest Heit wiederholt ein Verlassen ihrer bisher beobachteten Verteidigungsstellung und den Uebergang zum Angriff -gegenüber her selbständigen Orthodoxie .wahrnehmen. Man wies darauf hin, wie die in der Gemeinde verharrende Orthodoxie sich prächtiger Synagogen erfreue, in welchen der G'ttesdienst in feierlicher Weise vollzogen wird, ganz im Em- , 'klast^ mit. den Vorschriften des im stiiv . vorgeschriebenen Ritus. Ja,' selbst der AlmeMok! ^^arh Mieder ist? die Mitte der Synagoge zurückyerlEi nachdem er seit Jahrzehnten von dortverdrästgt war.? Auch stüch' andere Tatsachen wurdest gebührend ins Licht gerückt,-so 'aufdie Wv'nv/ Hingewiesech die mit aller! j Sorgfalt geihändMbt werde. Ihr gegenüber seiest religiöse Bedenken nicht mehr angebracht. Kranken- und Altershäuser müßten in chrem Haushalte sich 'den Förderungen des RrtuS unterw^en. Selbst die Friedhöfe weisen besonders angelegte Zugänge; auf, die den deren Betretung ohne Gewiffestskonflikt ermöglichen. Bei einer so gearteten Sachlage sollte mast. glauben, müsse das religiöse Leben einen hohenStand der Blüte zeigen.' Merkwürdigerweise ' wurde jedoch /dieser allerwichtigste Punkt in bedenklicher Weise stets ■ mit Stillschweigen übergangen. Wer fedoch um . sere innere Lage etwa , genauer kennt und über all den äußeren /Glanz hinweg bis auf den Kern zu dringen vermag, weiß, daß trotzdem das innere jüdische Leben die schwersten Verfallserscheinungen aufweist. . Wer könnte sich auch nur einen Augenblick darüber.hinwegtäuschen, daß das jüdische Bewußsts ein > die, Ware Erkenntnis i der G r und f a!tz e, von denen es getragen wird, Veinen Tiefstand erreicht haben, wie. kaum jemals l zuvor im Verkaufe unserer Geschichte? Man wird Daher kaum fehl gehen bei der Annahme, daß j .nichtnsowohl. das Bewußtsein der eigenen Stärke es war, vermöge welcher die Gemeindeorthodoxie die Zeit zu einem Ausfallsversuche für gekommen hielt, vielmehr war es die Erkenntnis von der Stärke ihrer Bundesgenossen, nämlich: Das Dahinfchwinden des klaren jüdischen Bewußtseins und der Erkenntnis der Grundsätze, von welchen dieses getragen wird, die zu solchem Vorgehen den Mut gaben. Sehen wir zunächst einmal von Einzelheiten ab. Glaubt einer ernstlich, daß die Reologie oder der Liberalismus, wie er sich jetzt nennt, in einer fast unbegreiflich erscheinenden Anwandlung reinster Leutseligkeit sich zu derartigen Zugeftändnissen bequemen würde? Glaubt einer ernstlich, daß man sich aus der anderen Seite zu Konzessionen, die nur mit schweren 'wirtschaftlichen Opfern zu erkaufen stich, ohne Gegenleistungen verstehen werde? Endlich aber: glaubt einer ernstlich, daß man ein Judentum auf der Basis von Konzessionen auf dem Gebiet von Synagoge, 'ip>a -nv'NV und dergl. aufrichten kann? Dieses Judentum, das von Hause aus mit dem Anspruch der Weltüberwinldung auftritt, sollte.sich^ selbst damit absinden und; sich gar noch glücklich.i;preiijen> wenn'öö sich selbst stuf die schmale Atzung' von Konzessionen gestellt sieht? So. einfach liegen henn W Dinge keistessalls.' Die geoachten Konzessionen muß MtzH Gemeinde-. orthodoxie chit weit über deren wirklichen Wert gehenden, ugeistigest Tribüten' erkaufech! die über das Maß des Tragbaren hinaus gehen. Sie bürden der Zukunft des Judentums Lasten aus, um cker denen - e^ unfehlbar zusammenbrechen' muß. Das erste Zugeständnis cmsi feiten der GemenMeorthodoxie ist in der Schaffung des unhaltbaren Begriffes von der neutralen Gemeinde zu erblicken, Das ist die reinste Fiktion, die durch das Statut: selbst immer wieder durchbrochen wird. Man mag : die Sache drehen und wenden, wie immer, man will, — es ist und bleibt eine unhaltbare. Fiktion. Danach wäre das Judentum als solches eigentlich bar jedes positiven Gehaltes und erschöpfe sich' lediglich in der Darstellung zweier öder mehrerer Kulte. Dazu also mußte das Judentum eine viertaufeudjahrige Geschichte durchschreiten, m deren Verlaufe zwei Weltregiorün aus feinem Schoße hervorgehen sehen, um schließlich selbst. an der trostlosen Einöde zu landen, wo es sich dem reinsten Nichts gegenübersieht! '. Man unterschätze jenes Zugeständnis auch nach feinen praktischen Auswirkungen keineswegs. Jede neue religiöse Bewegung > unterliegt der Gesellschaft, mehr nocb dem Staate und seinen Organen gegenüber einem gewissen Deklarationszwange. Solch eine Lage hat immer ihre, großen Unbequemlichkeiten. Man denke beispielsweise an Akte, in welchen durch die Gesetzgebung die Neuregelung der Verhältnisse einer Religionsgesellschaft erfolgen solle, wie dies in Preußen gegenwärtig tatsächlich der Fall ist. Der Liberalismus aber weiß sich dank der Toleranz der Gemeindeorthodoxie dieser Notwendigkeit enthoben. Er kann unter der Flagge des einzig beglaubigten historischen Judentums segeln, dessen Rechte für sich in Anspruch nehmen, — in seinen Tendenzen aber eine durchaus entgegengesetzte Richtung verfolgen. Auch an einer zweiten Stelle schneidet sich der Kreis des religiösen Lebens mit demjenigen der Gesellschaft: auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes. Unser höheres Schulwesen trägt durchwegs einen simultanen Charatter. Der Religionsunterricht, an diesen Anstalten wird aber von den einzelnen Religionsgesellschaften besorgt und geleitet. Durch die Haltung der Gemeindeorthodoxie tritt aber das Judentum nach außen Hill dem Staate und der Gesellschaft gegenüber — als Einheit auf. In vollkommenem Einklänge da-Mt steht es, daß die B r e s lauer jüdische Gemeinde an höheren Schulen für die Angeh orig en de r l i bera lin u nd o r - t h o d ö x e n. Ri chtun g d e n g l ei ch e n R el ig io n s unter r i ch t e rt e'il e n lä ßt. Derselbe wird hier von den beiden Gemeinderabbinern, obgleich sie, wie bekannt, die entgegengesetzten religiösen Mchtungew vertreten, gegeben. Von den Gewissenskonflikten, in welche durch eine solche Einrichtung der konservative Rabbiner verwickelt wird, soll hier zunächst nicht geredet weriden. Die Liberalen würden nicht übel aufbegchren, wollte er es wagen, den Inhalt unseres überlieferten Rekigionsgefetzes und seiner Lehre in seiner schroffen Absolutheit hierbei zum Vortrage zu bringen. Das Leben indes geht aber, folgerichtig wie es denkt und die Dinge in ihrem wahren Wesen aufzeigt, über all diese innerlich unhaltbaren, künstlich ausgesuchten Klügeleien einfach zur Tagesordnung hinweg. Ein Vorfall aus jüngster Zeit hat trotz aller Vertuschungsverfuche die tiefe Kluft aufgedeckt, an deren Rande wir ahnungslos, wie wir nun einmal find, unser, mehr noch das religiöse. Leben unserer Kinder hingleiten ließen. . An einer, hiesigen höheren Schule wird, wie bereits gezeigt,, der jüdische Religionsunterricht teilweise von dem liberalen Rabbiner Dr. Bo-

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