Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1930-10-06 · Heft 41 (6.10.1930) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 41 (6.10.1930)
Date
1930-10-06
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2446951-2450600-2450640--77329-2534981
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 41. Seite 3 6.- Oktober 1930 Der Israelit für die Dinge und Mrhältnissi.'ttn heut ige n Wilna. Wir lassen. Daher eine SchMerung von M. Gerz unh seine Eindrücke von' einem besuche in Wilna folgen?: Wrknch und ' vornehmlich dqs -jüdische Wilna, mpchtheüte' noch' den Eindruck einer Asketenstädt, e.iner Sjadt/ - - Ätzs - tröckenen MisnagdismM..'Mqsi, sieht ...wenig. frische sichäüunD Moskau. Alle Menschen sehen so aus, als steckten sie in tiefen Sorgen oder wären sie beladen, und belastet, mit schweren philosophischen Fräsen, die ihr Gehirn aufzehren und die Gesichter verzerren. . . Dasjüdische Wilna ist die typische, ..Stadb. denkM» "den jüdischest-Hirns, d'iä Residenz d.er jüdischen Geistigkeit! Selbst ln den Konditoreien liegt tiefer Ernst in der LuW Es spielt die Musikkapelle, es treten auf Sänger und Sängerinnen," alles nach großstädtischem Muster. Aber alle Gäste scheinen' in einem Proteststreik gegen das Lachen eingegangen zu sein. Die leichte und seichte Kunst vermag nicht,'sie von ihren schweren Gedanken abzü-, lenken- . . Ob es immer so war? ■ Der Ernst und die Tiefgründigkeit wohl, aber Traurigkeit und Schwermut sind Sylpptome der Nachkriegs-/ fahre. Wilna ist verarmt, jst> dle^Kesidenz der ärmstesi Armut. Mit Ausnahme einiger weniger Bemittelter ist! die Stadt eine, Gemeinschaft von Bettlern; freilich vielHfp - -verschämten Bettlern, die nicht betteln;... r,>;) Schon in Friedenszeiten fehlte,>in Wilna, cwie übe^ °'häüpt nn Osten, .die gesunde, .b-rNte^Mittslschicht.' Heute' ' schwimmt eine kleine dünne Oberschicht auf einem Meere von Jammer und. Elend, wie man es. sich in den -Zentren kommt, wo und wann eine Versammlung stattsindet. Es ist eine Litfassäule, die man als eine echt jüdische ansprechen kann. - Viele Fensterläden und Erker sind geschlossen. Die Eigentümer sind nicht mehr da. Ein Teil ist in den Kriegsjahren zugrunde gegangen, andere sind ausgewan- -Israelitische heilierziehungsheim in Marburg di C. Wohin? keiner; weiß es. Biele sind von-den West- ^oinzen in den Tagen der VerbaNnung hierhehstge- ‘f&mtiteri und den Weg in die Heimat nicht mehr zurück gefunden. Die Zähl der Hüngerpxoletyrier wurde dutch siemehr als ausgegkiMn.'' ' ' . Der gange/, Handel des jüdischen Wilna konzentriert sich, jetzt auf einen Platz, Burghof genannt» auf das Glafergäßchen und den Altwarenmarkt. Ein Tischchen, daraus einige Pfund Aepfel, ein .paar Pfurid verschimmelter Kartoffeln und Möhren,so sieht ein jüdisches Warenlager auf dem Altmarkttz zu Wilna aus. Davor ein -verhutzeltes Müttetchen, mehrere Kinder an der Schürze, sie wartet auf Künden und 'auf Lösung. Das ganze Warenlager kann mit allem, was drum und dran ist, einen Wert von einem amerikanischen Dollar ergeben. Diesen Dollar hatte sie sich, bei dem Gemilus Chesed-Verein geliehen. Nun möge ihr G'tt den Kunden schicken, so daß sie den Dollar zurifckgeben und mit dem kleinen Rest ijhike hungrige Kinderschar einmal sättigen kann. - Ein zweiter Kramladen. Eine jüdische Frau mit einer ganzen Schar kleiner und noch kleinerer Kinder, alle schmierig, halb nackt und schwärz wie die Neger. Sie haben einen Sack, der mit Kohlen halb gefüllt ist. Das ist ihre Kohlenhandlung. Daneben ein Tisch mit leeren Flaschen und Fläschchen aller Art. Daraus zieht eine Familie ihre tägliche Nahrung. Das Charakteristische ist, daß überall bei den abgehetzten Männern und Frauen die Kinder kleinsten Alters mit dabei sind, Zeugen all der Qual und der Sorgen sein müssen. Wo soll man sonst die Kinder lassen? Kinderheime und Horts kennt man dort, so wenig, wie sonst irgendwelche soziale VersicheruMtzl und staatliche Wohlfahrtseinrichtungen. Käme . jemgnd'^Äus Amerika mit einigen Dollav^.iw; der Tasche'und wäre aufgelegt für einen' guten Spaß, er könnte 25 Dollar hervorziehen und sagen: „Juden, ich kaufe Euch den ganzen Markt auf. Hier das Geld, geht heim und kaufet Brot für Das Israelitische Heilerziehungshekm kn Marburg ä. C. Beim Handfertigkeitsunterricht. Im Heimgarten. europäischer Kultur, die ja heute auch die Armut kennen, gar nicht vorstellen kann. Wer durch die „Jatkegaß", „Glaser gast" wuivui .ivvvvii yvivjipy, ,. ** >; * . n "' Der asthistorische:-Wu.nä^r, Sch u,l h o. f ,-der-u eine -ruhmreiche HHötz.Wm'.pstsis.Jahrhunderten;r“ hat, der "'vor' wenigen fahren noch - wie mti,; Hexenkessel' kochte^sind HrpHelte, da.iwo die Ver-:,- käufer Und MeWhl.ferinnest! ist, unzähligen- Rei?uhest..ihre Weiyflasch'ech^qlhperfgultenAepfel, gekochten^'Böhney, Hiw.beerwässe^ Hühnerleber und Küchen 'feilboten, sich überschrieen und die Kunden an sich zerrten, der Schulhof, der angefüllt war von fliegenden Buchhändlern, Gewürzkrämern, „guten Juden" aller Art, von Komödianten, Schadchonim (Hejratsvermittlerrt): und Badchonim (Spaßmachern), der Platz auf dem sich. Tische an Tische mit Auslagewaren reihten, aüf, denen ungezählte -Bettler,-; Lahme und blinde die, Hände gusgestreckt hielten und von d!en. zahlreichen Konsumenten auch reiche Gab^M erhielten dieser ganzeLebensmarkt liegt'heute verödet da, als hätte ein eiserner Besen all das . Leben und Weben. Jubel und Trubel weggfeegt. . An dey Außenwänden des Schulhofes hän- ' gen Plakate, die von wichtigen Geschehnissen oft in schreienden Farben erzählen. Eine Kinovorstellung wird ängekündigt. Hunderte Anzeigen, die Wohnungen, einzelne Zimmer» Bettstellen anbieten.. Eine Agentur offeriert Singer-Nähmaschinen. In großen Lettern ist die Zeit des Lichtanzünde^s am - Freitagabend angegeben. Etwas weiter wird der „Olam" :zu einer Lewajo gebeten, zu Ehren des verstorbenen.Zwischendurch erfährt man, wo man am besten und billigsten alte und neue Kleider be- Bon der Höhe herab schaut die in weißblau gehaltene stolze Galerie der großen Schul aus die tote Straße. Sie hat gute Zeite^fgesehen-- da jüdische Töchter mit Mren ';UErwähllMstMteN; km -SchMufe... unter dW Wüptza f^MtzN/.WMWMgtVvrLmiAMler-tund Sanges die zM- Die Verhandlungen der klagemauer kommission des Völkerbundes in Jerusalem. monie zu vetschönern. In solchen Tagen pflegte das ganze Ghetto ein Fest zu fevern, Heute ist es .ein höchst seltener Fall, daß ein armseliger Hochzeitszug zum Schulhofe zieht. Gesungen und gespielt wird dabei längst nicht mehr. Eure Kinder!" Es würde dabei gewiß , eine Panik der Freude ausbrechen. Weiber würden weinen vor Glück und die Männer-mit großen Schnitten heimwärts ziehen/ Kinder'würden - mit dem Gesänge: Brot, Btzyt!.- von dannen trollen. , - Vielleicht würde, der Amerikaner,"mit. diesen 25 , Dollar kernen güten Kauf gemachthaben, > aber er würde Dutzende jüdischer Seelen für einen Tag vor dem Hunger bewahrt haben. Und erst,,hie. Wohnungsoerhältnisse. Fünf 11 ‘ Familien,in's. im e m nicht gar zu großen ZiMrner, gehören nicht zu den Seltenheiten. Der Haupternährer in einer solchen Wohnung ist der Ose n. Wenn es gut geht, ernährt er sie alle. Einer backt da Brot, der andere mürben flachen Kuchen, eine Frau kocht Bohnen und , Erbsen ab, .wieder eine brät Hühner- und ' ' Gänfeleber, eine fünfte stellt gebratene Aepfel , her. Damit ziehen sie alle auf den Markt, und wenn sie Glück haben, verwandeln sie diese guten Dinge bis zum Abend in Brot, Kar- : ioffeln üfw. Man kommt im Ganzen mit den Nachbarn ganz gut aus. Man hat gelernt, den Raum auszunutzen. Oben auf dem Ofen schläft eine ganze Familie, unten auf der Ofenbank eine zweite,- eine dritte Familie besitzt ein ganzes . Bett, eine vierte kauert sich in irgend einen Winkel und eine fünfte ist bei der vierten eingemietei. Es kommt alles auf "die Höhe des Mietgeldes an, das die einzelne Familie zahlen kann. Den ganzen Tag über ist man ja nicht zu Hause, man ist auf der Straße, auf dem Markt. Wieviel Energie, wie viel-Kraft, wie viel Erfindungssinn, wie-viel Lebenslust und'Lebensdrang wohnen doch in diesem Ghettomenschen, wenn sie unter solchen düsteren Umständen doch noch ihr Leben fristen können. Es geht alles um das Stückchen Brot! . . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.