Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1930)
- Date
- 1930-10-06
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 41 Der I s r a e l i t 6. Oktober 19-30 44 Tobias. Lin jüdisches Idyll. Wir haben zwei jüdische Idylle: das Buch Ruth, das in unserm Tenach Aufnahme gefunden hat, und das Buch Tobias, dem die Aufnahme versagt worden ist, da es Beimischungen persischer Religionsanschauungen enthält. Dieses erste Galuth seit dem Bestehen des jüdischen Reiches legt bereits Zeugnis von den Gefahren des Galuth ab. Galuth hat stets irgend welche Assimilierung zur Folge! Freilich ist bei Tobias und seiner Familie diese Einwirkung nur ganz nebenbei, das Wesentliche ihres Denkens und Tuns darf „jüdisch" im besten Sinne des Wortes genannt werden. Da das Buch Tobias nicht im Tenach steht, ist es in der jüdischen Masse unbekannt. Es stellt überfein solch reizendes Idyll dar und gewährt ein solch erhebendes Kulturbild, daß es zum Genuß der Leser des „Israelit" deutsch wiedergegeben sei. Saly Geis, Tel-Awiw. I. Tobias' Gultaien und fein Schicksal in Nineweh. Ein Mann aus dem Stamme Naftali mit Namen Tobias hatte felinen Wohnsitz in einer Stadt des oberen Galil oberhalb des Stammsitzes Aschers und links vom Meeresufer. Er gehörte zu den von Salmanassar, dem König von Assyrien, in die Verbannung Geführten. Aber auch, als er unter den Völkern gefangen war, wich er nicht von der Lehre seines G'ttes, blieb er den Satzungen der Thora treu. Ein Schützer der Armen, gab er von dem Seinigen seinen Brüdern und seinen Verwandten, die bei ihm in der Gefangenschaft waren. Obwohl er der Jüngste des Stammes Naftali war, wich er vor G'ttes Augen nicht von dem guten und geraden Wege. Er sah das Volk den goldnen Kälbern dienen, die Jerobeam, König von Israel, machen ließ, — doch seine Seele verabscheute ihre Greuel. Alljährlich zog er zum Hause G'ttes nach Jerusalem hinauf, diente G'tt, dem G'tt Israels, und beugte sich vor Ihm. Er brachte dorthin das Beste der Erstlinge seines Bodens und den Zehnten von allem, was ihm gehörte, und im dritten Jahre gab er den Zehnten seines Ertrages dem Fremdling, der Waise und der Witwe. So waren alle Tage das Recht des Mannes und fein Tun. Als Tobias groß geworden war, nahm er eine Frau aus seiner Familie. Sie hieß Channah. Channah gebar einen Sohn, den Tobias mit seinem Namen Tobias nannte. Er lehrte ihn die Wege G'ttes, G'tt zu fürchten und vom Bösen zu weichen. Nach einer Zeit wurde mit dem R-est der Verbannten auch der Stamm Naftali nach Nineweh weitergeführt. Tobias sah dort das Volk von den Speisen der Völker essen, doch er berührte sie nicht. Weil Tobias G'tt mit ganzem Herzen fürchtete, wendete ihm G'tt Liebe zu und gab ihin Gunst in den Augen des Königs Salmanassar. Der König gewährte ihm volle Bewegungs- und Handlungsfreiheit, so daß er zu den jüdischen Gefangenen gehen, sie lösten und ihnen zu Herzen reden konnte. Aus solche Weise kam er auch nach der Stadt Regosch im Lande Medien. Er trug bei sich zehn Kikar Silber, ein Geschenk des Königs. Dieses Geld lieh er gegen einen Bestätigungsbrief einem sehr armen Mann, Goweil mit Namen, den er unter den jüdischen Gefangenen in Regosch sah. Salmanassar starb, und sein Sohn Sanherib trat an seine Stelle. Sanherib haßte die Kiinder Israel gar sehr. Tobias ging wie vorher Tag für Tag nach seiner Weise zu den Gefangenen, tröstete sie und gab jedem nach Möglichkeit. Er speiste die Hungernden, kleidete die Nackten und begrub die Erschlagenen und die Toten. Um diese Zeit floh Sanherib aus dem Lande Jehuda, weil G'tt eine Seuche über ihm geschickt iDrrai ns rnsn^BJ» Grünbaum schafft den Minderheitsblock. hatte. Nach seiner Rückkehr in sein Land ergoß er seinen Grimm auf die Juden und tötete viele von ihnen. Da war es Dobias, der sie begrub. Als der König dies hörte, befahl er, Tobias zu töten, und er nahm ihm feine ganze Habe. \\\ 1*4 pp0 Marburg und Weizmann unter der Chuppa. Tobias floh mit Frau und Sohn und sich in einem Versteck bei seinen Verwandten auf. So vergingen fast zwei Monate. Da streckten die Söhne des Königs ihre Hand gegen ihren Vater aus und erschlugen ihn. Daraufhin kehrte Tobias in sein Haus zurück. Auch wurde ihm sein, ganzes Vermögen zurückgegeben. ii. G'tt prüft Tobias, der feine Redlichkeit bewahrt. Zum Schewuothfeste veranstaltete Tobias ein Gastmahl. Er sagte seinem Sohne: „Gehe doch, mein Sohn und lade alle G'ttessürchtigen aus unserer Familie ein, daß sie mit uns essen und trinken!" Der Sohn aber kam gleich nach seinem Hinausgehen wieder und sagte zu seinem Vater: „Ich habe draußen auf der Straße einen Mann tot zur Erde fallen sehen!" Tobias eilte hinaus und brachte den Toten heimlich in sein Haus, um ihn des Nachts zu begraben. Inzwischen waren die Geladenen gekommen. Tobias aß mit ihnen, — doch in betrübter Stimmung. Er mußte an G'ttes Wort durch Amos denken: „Ich werde eure Feste in Trauer umwandeln!" Nach Sonnenuntergang erhob sich Tobias vom Tisch und begrub seinen Toten. Seine Freunde aber wiesen ihn Mit den Worten zurecht: „Es ist erst ein Jahr her, daß der König dich töten wollte und du gerettet wurdest, — und nun bestattest du schon wieder die Toten!" Tobias fürchtete jedoch das Wort G'ttes mehr als das Wort des Königs. Er fuhr fort, im Geheimen die Erschlagenen in sein Haus zu bringen und sie des Nachts zu begraben. Eines Tages war er bei seiner Rückkehr von der Beerdigung so müde, daß er sich an die Wand des Hauses legte und leinschlief. Da fügte es sich, daß. eine Fledermaus den Mist laus ihrem Neste entfernte und dieser noch warm auf Tobias Gesicht fiel und sein Augenlicht blendete. G'tt aber hatte dieses Uebel über ihn gebracht, um ihn zu prüfen, damit Bescheidene G'ttes Weg lernen, wie er es tat Seinem Diener Hiob. Weil aber Tobias G'tt von Jugend an fürchtete und seinen Geboten anhing, zürnte er Ihm nicht im Herzen und kam aus seinem Munde keine Klage, daß Er seine Augen mit Blindheit schlug. Er blieb in seiner Redlichkeit fest und' segnete G'tt all seine Tage. Es spotteten über ihn seine Freunde, wie die Freunde über Hiob gespottet hatten, und sie sprachen zu chm: „Wo, wo ist deine Hoffnung, der du mit dem Hungrigen dein Brot geteilt und der du die Toten begraben hast?" Tobias aber wies sie zurecht und sagte: „Redet doch nicht so, meine Brüder! Heilige Menschen sind wir, die des ewigen Lebens harren! G'tt hat allen seinem Bunde Treuen und seinem Glauben Anhangenden sein Erbe gegeben!" Channah, Tobias' Weib, aber ergriff die Spindel und ernährte ihren Gatten mit dem Tun ihrer Hände. Eines Tages brachte sie als ihren Verdienst ein Ziegenböcklein nach Haufe. Da härte Tobias die Stimme des Böckleins und sprach: „Ich höre ein Böcklein! Geht und seht, ob es nicht gestohlen ist! Ist dem aber so, dann bringt es seinen Eigentümern zurück; denn es ist nicht richtig, gestohlenes Brot zu essen oder auch nur anzurühren!" Da zürnte die Frau über diese Worte und sagte: „Fürwahr, du siehst, daß deine Hoffnung getäuscht worden ist und daß deine Frömmigkeit zu nichts führt!" Sie hörte nicht auf, ich: zu reizen, indem sie Tag für Tag wie diese Worte sprach. (Fortsetzung folgt.)