Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1930-10-06 · Heft 41 (6.10.1930) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 41 (6.10.1930)
Date
1930-10-06
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450600-2450640--77326-2534978
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 20, Nr. 41 Der Israelit 6. Oktober 1930 „Wie;/kann ich auch anders," erwiderte Rabbi Meisels, „nun}: da der Hund den Namen Abraham führt, wird er ja niemals, . mehr Offizier werden können." : Zu Rabbi Jecheskel Landau, dem Prager Oberrabbiner, kam einmal ein Rabbiner einer kleineren Stadt und klagte ihm, daß er in seiner Gemeinde gar keine Zeit fände, seinen eigentlichen Arbeiten nachzugehen, da seine Gemeindemitglieder ihn mit nichtigen Angelegenheiten den ganzen Tag aufhielten. „Was ist da zu tun?", frug der Rabbi um Rat. „Ganz einfach": sagte der weise Rabbi Jecheskel. „Nimm in Zukunft bei allen reichen Gemeindemitgliedern, die Dich besuchen, eine Anleihe auf; den armen Leuten aber hilf mit Ausborgen einer ansehnlichen Summe Geldes. Ich versichere Dich: Du wirst beide Teile so schnell nicht wieder bei Dir sehen." * Ein bekannter Rabbi kam einmal tu das Haus eines reichen Juden, um ihn um eine Spende für wohltätige Zwecke anzugeben. . Der Reiche jedoch, als er vom Kommen , des Rabbi hörte, schloß sich in sein inneres Gemach ein, um sich vor dem Rabbi zu verbergen. Dem Rabbi blieb'die Sache nicht unbekannt und in seiner nächsten Sabbathpredigt führte er, auf diesen Fall anspielend, u. a. aus: „Erst in der jüngsten Zeit ist mir' der Ausspruch unserer Ehachomim: 'w ninpa *ixvp D’mis noasn n!>vu ^Größer ist bie llebung der Gastfreundschaft, als der Empfang der G'ttesherrlichkeit"), ganz klar geworden. Beim Erscheinen der Schechina heißt es: via nwn mo’i „M oses verbarg sein Angesicht, vor r-ivwn cs'utik aber, — so bemerkte ich, — verbirgt man nicht nur sein Angesicht, sondern seinen ganzen Körper." * In den Tagen, da Rabbi Jakob Ornstein den Rabbinerstuhl in Lemberg inne hatte, kam einmal der österreichische Kaiser nach Lemberg und wollte auch die dortige große Synagoge besuchen. Es wurden, alle Vorbereitungen getroffen, um den Kaiser würdig und feierlich zu empfangen; die Synagoge rvurde blitzblank geputzt und frisch hergerichtet. Der Tag des hohen Besuches kam heran und der Kaiser zog" in aller Feierlichkeit in die Synagoge ein. Da gewahrte man zu aller Schrecken, daß das Kaiserbild, das gewöhnlich an der Synagogenwand hing, und das man während des Reinemachens, ümgedreht hatte, nicht wieder in die richtige Lage zurückgebracht worden war und nun so, mit seiner Rückseite dem Kaiser zugewandt, hing. Alle erröteten vor Scham und Schrecken! — Majestätsbeleidigung! Rabbi Jakob Ornstein, im ersten Augenblick auch überrascht, kam aber blitzschnell ein guter Gedanke: „Eure Majestät wissen:" Hub er ruhig und würdig zum Kaiser zu sprechen an, „daß wir Juden täglich beim Morgengebet Tesillin anlegen. Sie sind uns das Zeichen der Verbundenheit G'ttes mit seinem Volke. Am Sabbat aber, dem Tage, der an sich schon Zeichen ist des Bundes zwischen G'tt und Israel, bedürfen wir keines weiteren äußeren Zeichens und sind vom Legen der Tesillin befreit. So ist auch das Verhältnis zwischen Euer Majestät und uns: Immer hängt das Bildnis Eurer Majestät an der Wand, Um unserer Treue und Ergebenheit zu Majestät sichtbaren Ausdruck zu geben. An dem Tage aber,; b(a' Majestät uns durch seine höchsteigene Anwesenheit beehrt, bedürien wir nicht mehr dieses äußeren Zeichens und haben daher das Bild Eurer Majestät umgedreht." <Die Struktur der jüdischen Eirijmaiiderungsmassen in Amerika und Palästina.) Dem soeben im Jüdischen Verlage, Berlin, unter dem Titel „Jüdische Wanderbewegungcn vor und nach dein Weltkriege" erschienenen neuen grundlegenden Werke von Dr. Michael T r a u b , das in zusammenfassender Darstellung die moderne jüdische Wanderbewegung schildert und eine vergleichende Uebersicht der Vor- und Nachkriegswanderung gibt, entnehmen wir folgende interessante Feststellungen: Die Juden stehen in der nordamerikanischen Gesamteinwanderung im Durchschnitt der letzten dreißig Jahre nach den Italienern an zweiter, seit der Einführung der Einwanderungsbeschränkungen nach den meisten westeuropäischen Völkern an neunter Stelle. Insgesamt haben die Vereinigten Staaten von 1899 bis 1928 1 881 556 Juden aufgenommen. Bei keinem Volke finden wir während dieser Zeit eine solch gewaltige Frauen- und Kindereinwanderung wie bei den Juden: 863 090 jüdische Frauen und 475 000 jüdische Kinder sind 1899—1928 nach den Vereinigten Staaten eingewandert. Jede siebente Frau und jedes fünfte Kind, die im Durchschnitt von drei Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten landeten, waren jüdisch. Unter 24 Völkern stehen die Juden dem Prozentsatz der relativ Bemittelten nach während der letzten Jahre an vorletzter, dem der gänzlich Mittellosen nach an erster Stelle. Kennzeichnenderweise hat die berufliche Gliederung der jüdischen Einwanderungsmassen seit dem Kriege eine erhebliche Aenderung erfahren. So weist die Handwerkergruppe, die 1915—1924 in der jüdischen Einwanderung gegenüber der der Vorkriegszeit um ein Drittel zurückgegangen war, während der letzten Jahre eine merkliche prozentuelle Steigerung auf — ein charakteristisches Symptom der fortschreitenden Produktivierung des jüdischen' Wirtschaftslebens in Osteuropa. Einen interessanten Einblick in die Struktur der jüdischen Einwanderungsmassen gewährt auch das Palästina-Kapitel. Viel stärker als in anderen Einwanderungsländern ist hier die Landwirtschaft unter den jüdischen Einwanderern vertreten. Prozentuell bedeutend war auch im Durchschnitt des letzten Jahrzehnts der Zuzug von Handwerkern und sonstigen' gelernten Arbeitern nach Palästina. — Außer den Vereinigten Staaten und Palästina werden im Buche von Dr. Traub auch Kanada und Argentinien eingehend behandelt. Daneben sind in einem umfassenden Tabellenanhang zum ersten Male in dieser Vollständigkeit fast alle die jüdische und allgemeine.Wanderbewegung der letzten drei Jahrzehnte illustrierenden Zahlen publiziert. . Gleich schwankendem Schifflein... Von I. Schönberg. Gleich schwankendem Schifslein auf zürnendem Meer, ■; gepeitscht von her Wellen stürmendent Heer, gleich herbstlichent Baume, windumbräust, von wilder Stürme Wut zerzaust bist Du Israel im wogenden Sein, verwittertes Denkmal ewiger Pein. Doch dröhnet auch schaurig der Winde Heulen und schwirrt's, Dich umlauernd, gleich drohenden Keulen, und wähnet unbänd'ger Fäuste Gewalt im Wahn zu entwurzeln, was ewig Dir galt; verzage nicht, laß rückwärts gleiten den Blick und schau es im Dunste der Zeiten. Siehst Du der Völker Trümmermal? Sie traf des Schicksals Feuerstrahl, - der Dein Gewand ini Flug gestreift, da Lünderfernen er durchschweift, im Grimme erschlagend, wer des Hasses gift'ge Saat, frevelnd, in blühende Erd' gestreut. Doch Du, zur Ewigkeit gereist, wardst zeitenlos. Im Völkermeere rastlos treibend, Zeuge der Unendlichkeit . . . Ainderecke. Auf dem Dachboden. Von Cläre Schragenheim. Oben auf dem Boden zwischen Schachteln und Kästen kehl eine sehr große Kiste, sie ist sorgfältig zugedeckt. Darin ruht das Pessachgeschirr. Ganz ruhig steht es da, sauber gewaschen liegt es, bis wieder das. liebe Pessachfest kommt. Auf dem Boden ist es sehr still, selten kommt jemand herauf. Aber eines Tages wurde die Tür geöffnet und mit ziemlich viel Lärm wurden große Bretter heraufgetragen und in eine Ecke des Bodens gestellt. Als die Tür wieder geschlossen war, ließ sich ein Stöhnen aus jener Ecke vernehmen, wo die Bretter standen, und das größte Brett sagte: „Ach,, wie herrlich und schön war es da. unten, und ich dachte, schön, wir würden immer dort bleiben. Aber'die ganze Herrlichkeit dauerte nur acht Tage." -.; ■ Da ließ sich aus der Kiste,, in' der das Pessachgeschirr ruht, aUch^ eine Stitstme vernehmeü!' ^Es swar die großem Suppenschüssel, in der am Pessach'-imnier eine .besonders schöne Suppe mit Mazzothklößen ist. „Ja, was habt Ihr denn da unten gemacht, warum seid _ Ihr acht Tage nicht hier oben gewesen? Wir hatten' schon rechte Sehnsucht nach Euch. „Ach" antwortete das Brett, „weißt Du. denn nicht, daß wir jedes Jahr im Herbst'herunterkommen, auf den Balkon getragen werden und aus uns eine schöne Sukkoh gemacht - wird? Es tut zwar etwas weh,- denn wir bekommen manchen Schlag, mit dem Hammer. Aber wir halten den kleinen Schnierz gern aus, denn wenn wir fertig zusammengestellt sind, dann wird es ganz herrlich. Nicht nur wir großen Bretter werden ausgestellt, nein, auch die schmalen Leisten werden quer über uns ge- : legt so daß wir eine richtige -Hütte /bilden,' Dann werden herrlich duftende Tannenzweige über uns gelegt, mit schöner Bumer Tapete werden wir bekleidet, Bilder werden aufgehängt, an die /Decke unter, den Tannen kommen schöne Ketten mihi , Körbe aus ' glänzendem, bunten Papier." - ' „O wie schön, wie herrlich muß das aussehen", rief der große Bratenteller aus der - Kiste. „Erzähle weiter, ' was mag da noch alles kommen!" „Ich bin ja auch noch nicht fertig, ich will noch ’ allerlei erzählen", sagte das große Brett. „Nein", rief da ein anderes Brett, welches besonders stolz war und sich wichtig oorkam, denn es war das Brett, in welchem das Fenster angebracht war, „nun laßt mich weiter'erzählen." ■ . : ' „Mein Fenster wird blank geputzt, denn hier auf dem Boden wird es natürlich staubig, wenn ich hier ein ganzes Jahr stehe. Wenn ich dann sauber bin bekomme ich eine schöne Gardine, und über mir an der Decke werden auch - noch. Aepfel, Birnen,' Weintrauben, ja sogar manchmal auch ein Esrog gehängt, auch eine Lampe kommt an die Decke. Dann werden Tische, Stühle, Teppich hereingetragen, so daß es bei uns wie in der schönsten Stube aussieht; ich glaube sogar, noch viel schöner. Denn wenn der Tisch dann gedeckt ist, und' die Leute hereinkommen, sagen sie immer: O, wie schön ist. das hier! Besonders der erste Abend ist sehr feierlich. Der Vater macht Kiddusch, alle sind so fröhlich, und es schmeckt alles viel, viel schöner als in dem größten Speisezimmer." „Na, nun höre, aber auf", rufen da aus der Kiste mehrere ‘ Stimmen. Es waren sechs Teller, die alle zu gleicher Zeit sprechen wollten. Aber ein besonders großer und schöner Teller ries: „Seid still, man spricht doch nicht so durcheinander. Laßt mich reden." Es war nämlich der Teller, auf den die Mutter am Pessach die Mazzoth legt. „Ich wollte nur sagen, daß ich mir nicht denken kann, daß es bei Euch in der Sukkoh schöner ist als im Speisezimmre am Sederabend, wenn wir da sind." „Kommt Ihr denn auch mal vom Boden herunter?", riefen alle Bretter sehr erstaunt. „Wir dachten, dieses Vorrecht hätten nur wir." „Nun müssen wir aber lachen", erscholl es aus der Kiste. Es war der blanke Fischtopf, der sich meldete'. „Also Ihr glaubt wirklich, wir liegen immer so still in der Kiste. Man sieht, Bretter sind doch recht dumM. Habt Ihr noch nie etwas von Pessach gehört? Leider dauert es noch eine ganze Weile bis wir an die Reihe kommen. Erst muß der Winter vorbei sein, und solange es kalt ist, liegt man ja auch schön warm so dicht bei-- einander. Aber wenn es Frühling wird, und die Sonne guch hier auf dent Boden durch das kleine Fenster scheint, dann merken wir es auch hier in der Kiste. Und eines Tages hören wir, wie die Leute zu uns auf den Boden kommen." - /• ,,Ach, ich freue mich schon heute", rief die Kafsejemühle. „ich möchte mich wieder so lustig drehen und Kaffee für Pessach mahlen." „Sei nicht so vorwitzig", rief die Kartoffelschüssel, „laß .Große reden, ich erzähle weiter. Also da geht die Tür auf, unsere Kiste wird vorsichtig geöffnet, und wir alle, Teller, Schüsseln, Töpfe, Pfannen, Kaffeemühle, und alles was in der Kiste ist, wird herüntergetragsn. Wie das schon lustig auf der Treppe klappert. Daun kommen wir 'in eine schöne, saubere Küche. Blitzblank ist da alles. Auch wir werden nochmals gewaschen, und dann wird in der Küche gekocht, gebacken, gebraten, daß es eine Lust ist. Und abends, wenn um Sederabend gegessen wird, — was ein Sederabend ist, wißt Ihr doch hoffentlich alle, — freuen sich alle über uns. Jeder sagt: Ach, das schöne Pessachgeschirr. Nie schmeckt das Essen so Prächtig wie am Pessach. Und deshalb gla-ube ich auch, daß die Sukkoh etwas zu viel geprahlt hat." „Nein," riefen da alle Bretter zusammen, „wir haben garnicht geprahlt. Das Sukkohfest ist wunderschön. Es heißt: „Basukkaus Teischwu Schiw'as Io?- m i m". Und deshalb dürfen wir sieben Tage unten bleiben." „Und wir", rief sämtliches Geschirr, '„glaubt Ihr, wir bleiben nur einen Tag unten? Nein wir bleiben auch eine ganze Woche unten, denn es heißt: „Sieben Tage sollt Ihr Mazzaus essen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.