Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1930)
- Date
- 1930-10-06
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Oktober 1930 Der Israelit Nr. 41. Seite 19 gehen vergrößert werden, und die Zusammenarbeit wäre für die deutschen Niederlassungen ein Gewinn. „Es sollte auch nicht übersehen werden", führt Klotz aus, „datz die Hauptverbreitungsgebiete des Jiddischen in Osteuropa außerhalb der Ukraine zugleich die einzigen Gebiete... sind in denen das Deutsche nicht nur als Mutter» spräche..., sondern auch als Verkehrssprache... gesprochen wird. Ermöglicht wird das zum großen Teil durch das Vorhandensein des Jiddischen, und sein Untergang würde den Verlust des letzten Herrschaftsgebietes der deutschen Sprache bedeuten." Klotz macht beachtenswerte ^Vorschläge zur Pflege des Jiddische^. So wäre es nötig, kurze jiddische Texte in Antiqua herauszugeben, damit Nichtjuden zunächst einmal über die Schwierigkeiten des fremden,- Alphabets hinwegkommen; ein kleines Wörterbuch für den praktischen Gebrauch sollte dem Deutschen vie Kenntnis der wichtigsten fremden Vokabeln im Jiddischen vermitteln. Klotz verlangt eine Zusammenarbeit mit dem Jiddischen Wissenschaftlichen Institut in Wilna, das sich die Pflege des Jiddischen zur Aufgabe macht. Warum? Von Hermann Seckbach. Unaufhörlich klingt die Frage in mir wieder: Warum?!! Es war an einem herrlichen Sommertag: draußen schien die Sonne und vergoldete mit ihrem Scheine die prall herunterhängenden Aeste der Bäume in den Anlagen, die wir durchwanderten; die Natur zeigte sich im Spätsommer nochmals in voller Pracht. Da ging ein Zug halbwüchsiger Jungen an uns vorüber, begleitet von unzähligen Kindern. Ein wüstes Geheul Hub an, Schimpfworte übelster Art wurden den Vorübergehenden entgegengeschleudert. Und die Kinder, die unschuldigen, kleinen Knirpse, jauchzten voll Freude, sich daran beteiligen zu können. — — — „Sehen Sie," sagte mein Begleiter, „das ist unsere Zeit. Wir hören Kraftworte, wie Sport, körperliche Ertüchtigung usw., derweilen gleitet die Seele unserer Kinder — unmerklich vielleicht — in den Sumpf der Großstadt, und — das ist das Traurigste, entfremdet sich uns." — — — Ganz fassungslos sah ich den Sprecher an. „Ja, ums. Himmels willen, wie kommen Sie denn nur auf solche Gedanken? Unsere Kinder, die im Thorageist erzogen werden, haben G'ttlob einen Zaun, an dem sie sich halten können, und der sie beschützt vor dem Strudel der Straße." „Ja. gewiß das sage ich mir auch," erwiderte mein Freund, „und dennoch, müssen wir beachten, datz wir in einer Zeit der „Jugendbewegung" stehen — impulsiv, stürmisch und voll Tatendrang — die das Alter nicht zu Wort kommen lassen will. Alles drängt nach „Organisation" und wie soll ein Köpfchen all das in sich aufnehmen, wo wir „Alten" uns oft nicht klar sind." Und auf meinen fragenden Blick fuhr er fort: „Ich komme Ihnen gleich in eigener Angelegenheit. Denken Sie, neulich kam mein Junge zu mir — dem ich gleich ansah, datz ihm draußen irgend etwas gegen den Strich gegangen war — mit der Frage: „Papa, warum leben wir? Warum müssen wir dieses Leben leben?" Versteinert stand ich zuerst vor meinem Kinde, dann aber sagte ich mir, datz unmöglich hinter meinem Jungen, der immer lustig, vergnügt und lebensfreudig ist, eine ernste Sorge stecken könne. „Junge", sagte ich, „laß Dir — durch irgend eine Veranlassung, die du mir garnicht zu erzählen brauchst — dein Köpfchen nicht verwirren. Wir leben auf G'ttes Erde, nach seinem Willen und haben Pflichten, die wir erfüllen müssen. Und wenn im Lebenskampf sich leider gar oft die Menschen nicht einig sind, dafür gab uns der liebe G'tt einen Ruhepunkt, einen Sonnenschein, der uns nach G'ttes Vorschrift ein Mikdosch meat, ein Heiligtum sein soll, und in das wir uns zurückziehen können, wenn draußen im Leben Stürme uns umtosen. So war es immer, selbst in den schlimmsten Zeiten, die wir Juden durchleben mutzten. Nach deiner Frage müssen wir nun wahrlich immer mehr die jüdische Häuslichkeit, den Familiensinn und die Zusammengehörigkeit pflegen. Und wenn allwöchentlich die liebe Mutti die Sabbatlichter entzündet und du mit deinen Eltern und deinen Geschwistern, wie immer bisher, in festlicher Stimmung den Schabbos erlebst, dann wirst du gewappnet sein, wenn die Frage an dich kommt: „Warum...?" „Merkwürdig," wandte ich hier ein, „es berührt mich wundersam, was Sie mir hier erzählen. Und ich glaube, das hat mit der Jugendbewegung nur scheinbar zu tun, denn zu allen Zeiten gab es Kämpfe bqf den Großen und bei den Kleinen; auch ich, ich gestehe es, stellte als Junge einstens die Frage: „Warum?" Vielleicht war es für mich tragischer, erschütternder als bei Ihrem Jungen — denn ich mutzte diese ° Frage — da meine Eltern nicht mehr lebten, mir selbst stellen. Sieghaft blieben, in meinen Gedanken zwei sonnige, gütige Augen einer Mutter, die meinen schweren sorgenvollen Lebensweg begleiteten und — die jüdische Häuslichkeit. die ich später begründete." Mein Begleiter und ich, wir drückten uns warm die Hände — wußten wir doch — warum-! WeitereMnkefürkleingememden Von B. C. 1. Wann ist Mincha? Frühestens darf man Mincha beim Beginn der zweiten Tageshälfte beten. Das entspricht der Zeit des zweiten täglichen Opfers; maisn pa bedeutet die zweite Tageshälfte. Im Tempel wurde jedoch, um alle privaten Opfer rechtzeitig vorher erledigen zu können, vor Ablauf dreier Tagesviertel^das zweite Tamid geopfert. Diese Vorsicht war an Sabbaten und Festtagen unnötig, da an ihnen keine Prioatopfer gebracht werden durften. Deshalb ist es in vielen Gemeinden üblich, werktags gegen Tagesende, aber an ü"t>w (gegen K"» 233,1) um ein halbes Tageszwölftel nach dem Mittagszeitpunkt Mincha zu beten. Von dieser Zeit, — in Ostdeutschland 12.30 Uhr, im Westen 1 bis 1.15 Uhr nachmittags, an ist es verboten, eine Mahlzeit, eine größere Arbeit, eine gerichtliche Verhandlung oder selbst Thoralernen zu beginnen ohne vorher zu beten. i Dieses Verbot gilt jedoch auch für jeden Tag. — auch für die Werktage, an denen man erst nach drei Tagesvierteln Mincha betet. Es ist nur für solche Leute außer Kraft, die zu einem bestimmten gemeinsamen Mincha- E'ttesdienst verabredet und ihn zu besuchen nicht verhindert sind. Wer also nicht jeden Werktag Minjan zu Mincha haben kann, darf nach Ablauf der ersten Tageshälfte an den minjanlosen Tagen nicht, ohne vorher Mincha zu beten, die genannten Dinge beginnen. Also würde ein untätiges Tagesviertel entstehen; deshalb ist man in solcher Verlegenheit nach ntb berechtigt und verpflichtet, sofort nach 13/24 des Tages Mincha zu beten. — Ob bis Nacht oder nur iy4 Tageszwölftel vor Nacht (Plag hamincha) Mincha gebetet werden darf, ist niemals entschieden worden: nur darf man, wenn man innerhalb der letzten iy4 Tageszwölftel Mincha betet, nicht in der gleichen Zeit vor Nacht auch Mario beten. Nur einem Minjan, das ja nicht zwei Mal zusammenzubringen ist, ist die Kombination von Mincha gegen Tagesende mit Mario vor Nacht gestattet. Wer ohne Minjan betet, hat nach Nacht Mario zu beten. Das Minchagebet reißt wohl den Arbeitstag auseinander, wenn es bald nach der ersten Tageshälfte gesprochen wird. Aber es ist ja ein kurzes Gebet und somit nur ein Prüfstein für unseren Opfgrwillen zum Gebete. Es sollte auch in den Gemeinden stets so gelegt werden, datz nicht nur, wie es vielfach geschieht. nur die älteren, nicht im Berufe stehenden Leute oder gar nur die Gemeindebeamten daran teilnehmen können. Es ist am besten, wenn allabendlich zu einer im ganzen Jahre feststehenden Zeit werktags ein Gemeindeschiur stattfindet, etwa um 7 oder („nach dem Abendessen") um 8.30 Uhr, — und vorher oder nachher, je nachdem es die Jahreszeit erlaubt. Mincha oder Mario gebetet wird. Dann können gerade die Rührigsten daran teilnehmen. Auch der Memeler Gebrauch, gegen 2 im Eeschäftsviertel Mincha zu veranstalten, kann, sinngemäß angewendet, ein gutes Mittel sein, um die rührigsten Gemeindemitglieder zu Mincha zu sammeln. Mincha ist das Gebet, dessen Einrichtung dem Stammvater Jizchek zugeschrieben wird, also demjenigen, der das größte Opfer des Lebens gebracht. Darum sei Mincha das Gebet der Gemeinde der Rüstigsten. Und gerade diese sollten wir zu den täglichen Mincha-G'ttesdiensten sammeln. Es darf nie der Anschein entstehen, als sei die Tageseinteilung nach den drei Gebetzeiten etwas für die, welche mit dem Kampf ums Dasein fertig sind, für die, welche keine Sorgen uni ihr täglich Brot haben oder gar nur für die Diener der Thora, Horen für Mönche. Nein, Stunden der Sammlung fürs Leben sind unsere Tefilloth, und als solche verlangen sie die Teilnahme der Rührigsten. Und wen keine Minchastunde ins G'tteshaus ruft. — ihn rufe die vom Gesetze verlangte Arbeitspause des Beginns der absteigenden Tageshälfte ins Bewußt-: sein: Der Schatten steigt, die Sonne fällt, wir nahen G'ttes Toren, i'isra nsai nas’i rra' pnrn ms’ mm« 2. Darf man Wohltätigkeit zurückweisen? Als Sammler gewiß nicht, selbst dann nicht, wenn sie sichtlich ungern geübt wird. Unfreundliche Gesichter ertragen ist die wichtigste Tugend des Wohltätigkeitssammlers. Nun sei folgender zwei Fälle gedächt, — die buchstäblich so geschehen sind, wie sie im Folgenden erzählt werden: a) Ein frommer Familienvvater, der einzige an einem größeren Orte, der am Sabbat sein Geschäft geschlossen, mutz es nun für immer schließen. Ein Sammler bemüht sich für ihn bei seinen jüdischen Mitbürgern, alle geben. Einer aber spricht dabei: „Es ist gut, datz ich am Sabbat arbeite; nur dadurch können diejenigen existieren. die am Sabbat ruhen." Im übrigen gibt auch dieser Geber gern und viel. b) Ein weitgereister, liberal erzogener jüdischer Kaufmann erzählt dem Sammler einer gesetzestreuen Organisation: „In einzelnen Städten gibt es ja auch noch orthodoxe Gemeinden. Gewiß, — das ist eine Einrichtung, die viel schönen Opfermut beweist. Aber meist sind das doch nur unbedeutsame und stille Nebengruppen der modernen Hauptgemeinde: und selbst da, wo sie als Organisation sich von dem Verbände der Hauptgemeinde losgelöst haben, scheint es doch, als könnten ihre Mitglieder in ihrem privaten und erwerblichen Leben nicht ohne kräftige Unterstützung. ihrer liberalen Verwandten existieren und infolgedessen auch ihrer eigenen Gemeinde ohne solche Hilfe nichts bieten. — Auch dieser phantasievolle Causeur hat zu einer guten jüdischen Sache sein Scherflein gut und gern gegeben und obigen Spruch wohl nur zur Beruhigung seines liberalen Gewissens gesagt; aber so bei ihm wie bei dem Wohltäter unter a) geschieht die Wohltätigkeit nicht ohne gleichzeitige Förderung des Wahnes, ins heutige Leben lasse sich dies gesetzestreue Judentum nicht e i n f ü g e n. Die Frage, ob die Wohltätigkeit dieser Spender angenommen werden darf, ist demnach nicht halachischer Art, sondern rührt an unser innerstes jüdisches Gewissen: Sollen wir dem Gebote der Stunde folgend jedwede Wohltätigkeit annehmen oder der Stimme der Ehre von Thora und Mizwoth folgend, ihrem Rufe als lebenspendender Macht zuliebe eine solche wie die geschilderte ablehnen? Die Leser mögen sich hierzu äußern. Ein jeder wird, das Beste wollend, seinen Rat erwägen und erteilen, und Hilfe wird der Menge der Ratgeber entsprießen •fyi» ana nswm Anekdoten. Es war an einem kalten Freitag-Vormittag, und der greise Rabbi Reb Dowid Deutsch (Oberrabbiner von Waag-Neustadtl, der Metropole des Waagtales in der Slovakei) satz über große Folianten gebeugt und lernte. Da trat ein armer Wanderer ein, der den Rabbi um eine milde Gabe bat. Der Rabbi, der sein kärg-, liches Gehalt regelmäßig seiner Rebbezin (Rabbinerin) zum Wirtschaften übergeben hatte, ging in die Küche, um von. der Rebbezin einen kleinen Betrag für den armen Durchwanderer zu verlangen. Als der Rabbi nun wieder in die Stube trat, war der Arme schon verschwunden, aber-mit ihm, auch die auf dem Tische liegende Taschen u h r des Rabbi. Als der Rabbi dies bemerkte, ging er wieder in die Küche und erzählte lachend das Vorgefallene seiner Frau. Diese war entrüstet: „Und da lachst Du noch?" wunderte sie sich. „Gehe lieber dem Dieb nach und verlange die Uhr zurück!" Sie wußte, wie sehr der Rabbi, ein minutiös genauer Mensch, die Uhr vermissen würde, und zuletzt gar eine neue kaufen müßte, was eine nicht unbedeutende Belastung des ohnehin schon belasteten Budgets bedeutete! Der Rabbi lachte: „Ich will diesem Armen dankbar sein, denn er hat mir einen Ausspruch unserer Weisen verständlich gemacht. Da heißt es: Oni schoschuw K'mes!" — „Ein Armer gleicht einem Toten!" — Nun jetzt weiß ich erst, was das heißt! Beide, ein Toter, wie ein Wanderarmer, müssen bewacht werden." Einmal wollte Rabbi Dowid Deutsch mit einem Wagen in ein Nachbardorf fahren. Während der Fahrt bemerkte er, daß der Wagen an einem Emblem der christlichen Religion vorbeigefahren war, ohne daß der christliche Kutscher seinen Kopf entblößt hatte, wie es die anderen stets taten. Unter irgend einer Ausrede befahl der Rabbi, augenblicklich umzukehren, und fuhr nachhause. In der Gemeinde wußte man sich die rasche Heim-- kehr ves Rabbi nicht zu erklären, doch mochte niemand darnach fragen. Kurze Zeit darauf wurde im Städtchen bekannt, daß der Kutscher, mit dem der Rabbi fahren wollte, als Mörder entlarvt und dem Eerichtezur Bestrafung übergeben wurde. Jetzt erst erzählte der große Rabbi, warum er einige Wochen früher so schnell nachhause kam. (Mitgeteilt von Awrohom Zwi Adler, Preßburg.) Rabbinische Geschichten. Aus dem Sammelbuche meines Vaters Von Jakob Lupolianski, Karlsruhe i. B. _ Dr. Dembo, bekannt als eifriger Beschützer der Schechita, besuchte den ersten Zionisten-Kongreß in Basel. Auf der Heimreise kam er durch Kowno, wo er mit einigen Freunden zusammentraf. Auf die Frage derselben, was er in Basel getan habe, erwiderte er ihnen: „Ich habe die maßgebenden Führer gebeten, bei Errichtung des Judenstaates die Schechita doch nicht aufheben zu wollen." * In einem Kupee eines Eisenbahnzuges saß der berühmte Rabbi Beer Meisels von Warschau, — ihm gegenüber ein getaufter Jude, der jede Gelegenheit wahrnahm, den Rabbi und sein Judentum zu höhnen. Der Getaufte nahm eine goldene Uhr aus der Tasche, zeigte sie Rabbi Meisels und wies dabei auf den oberen Deckel derselben hin, der das Bildnis eines Juden trug. Dann drehte er die Uhr um und zeigte ihm spottend die Rückseite, auf der ein Hund abgebildet war. „Ganz recht", stimmte Rabbi Meisels bei, „so eben sieht ein Jude aus, der sich umdreht und seinen Glauben wechselt." * Ein anderes Mal traf es sich, daß Rabbi Meisels neben einem nichtjüdischen Offizier zu sitzen kam, der einen wohlgepflegten Hund bei sich hatte. Unr den Rabbi zu ärgern, ries der Offizier seinem Hunde jedesmal zuch „Komm, mein Hündchen Abraham!" usw. Rabbi Beer Meisels blieb ruhig und sagte nur in mitleidigem Tone: „Armer Hund, armer Hund!" „Was bemitleidest Du so meinen Hund?", fragte erstaunt der Offizier.