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Der Israelit · 1930-10-06 · Heft 41 (6.10.1930) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 41 (6.10.1930)
Date
1930-10-06
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 18. Nr. 41. Der Israelit 6. Oktober 1930 aber immer noch zu früh, um das Fest in fein Haus zu tragen. Ein blauer, windstiller Herbstabend. Feiertagsstille lag über der kleinen Gaste mit ihren kleinen eben zur Erde gelegenen Holzhäuschen. Wie im Zwange blieb er vor einem solchen Hause stehen und schaute durch das niedere Fenster ins Zimmer. Ein Kandelaber voll brennender Wachskerzen hing über dem Tisch an der Decke und hüllte das Häuschen in Licht. Auf dem Tische unter einem Samtdeckchen Festbrote, Wein, Süßäpsel, eine Honig dose. In der Mitte die dampfende Schüssel. Um den Tisch herum glückliche Menschen, strahlende Kindergesichter. Geschenke lagen auf dem Tische, die die Kinder den Eltern angesertigt, die Eltern den Kindern gekauft. Es schien Judke, als tag seine goldene Kindheit in diesem Häuschen. „Das sind noch Menschen," sagte er sich und klopfte sich an die Brust. „Die haben ihre Seele nicht an den Satan verkauft." Es schien, daß die drinnen den fremden Blick wahrgenommen hatten. Denn es ging von innen eine Türe auf. Jemand hielt chn am Arm und fragte ihn, ob er zugereist sei und Hunger hätte. Er möge doch nur eintreten. Der Tisch sei heute reichlich auch für arme Gäste gedeckt. Es sei ja heiliges Fest, an dem G'tt über feine Menschen zu Gericht sitze, und jede gute Tat wiege doppelt. Er riß sich barsch los und verschwand, als würde er von jemand verfolgt, torkelte durch die Gassen, als bewegte er sich auf einer wankenden Brücke, und plötzlich sah er sich wieder mitten im Brennpunkte des Verkehrs. Gleichgültige Ge-, sichter zogen an ihm vorbei. Hier war alles wochentägig. Worte streifen an sein Ohr, die mit Fest und Heiligkeit nichts zu. tun hatten. Das heilige Fest, hier gehaßt und getreten, hatte sich in die stille Gaste, in das kleine Häuschen verkrochen wie seine Kindheit . . . Ein Heimweh packte ihn nach jenem Stübchen, als wäre es eine alte Erinnerung und nicht ein Erlebnis vor wenigen Minuten. Er wurde vom Strome mitgefchleift und stand nun vor einem großen Hause mit leuchender Fassade. Aus den runden Fenstern drang helles Licht auf die Straße und eine Kapelle begleitete mit Pauke, Trompete und Schlagzeug die rhytmischen Tanzschritte der Paare. Die Geräusche zogen eine große Menschenansammlung vor der Türe an. Viele, meistens Arbeiter mit Freikarten, gingen ins Haus, begleitet von den neidischen Blicken der Anedrn. Das Fest war im vollen Gange. Judke trat leise durch den Korridor. Er sah in das volle Licht, in die fröhlichen Klänge des Saales. Da entdeckte fein Auge, wonach es spähte. Markowitz, sein miharauischer Vorgesetzter, war da, war ganz im Banne des Festes. Er dachte seiner ganz gewiß nicht mehr. Er, Judke, konnte sich jetzt unbeachtet auf leisen Sohlen hinausschleichen, um in seinem abgelegenen verschlossenen Heim sein jüdisches Fest zu feiern. iv Der Hof, in dem sich Judkes Wohnung befand, lag ganz im Dunkel. Jud^e schlich sich wie ein Dieb durch die finsteren Gänge und trat ins Haus. Vier Kerzen, die die Frauen als Festlichter angezündet hatten, waren bereits stark abgebrannt. Das Kind schlief schon. Es war dunkel und trübe im Hause. Die Frauen hatten lange und vergebens auf ihn und die Feststimmung gewartet und waren schließlich in dumpfes Schweigen verfallen. Scheindel, feine Frau, klagte unter Tränen: „Es ist so spät und Du denkst nicht daran, daß heute Rofchhaschonoh ist." In einem Gefühle von Scham und Reue und tiefem Schuldbewußtsein sagte Judke nur: „Es ist vielleicht noch nicht zu spät." Die Frau, als hätte sie nur auf die Losung gewartet, brachte den Wein und die Brote. Der Tisch war wieder gedeckt. Es sah aus, als hätte die Petroleumlampe von selbst an Kraft gewonnen und erhöhtes Licht bekommen. Die mit dem Tode ringenden vier Wachskerzen flammten noch' einmal hell auf. In der Wiege erwachte das Kind und gab freudige Töne von sich. Die Mutter hob es sogleich aus dem Bettchen und' es lachte und jubelte ins Helle Licht. Wie mit Zauberhcmd herbeigeschafft, standen bald duftende Speisen auf dem Tisch, auch der Süßapfel und der Honig. Judke. begann zuerst etwas leise und vorsichtig das Kidduschgebet in der alten Melodie, die ihn von Kindheit her begleitete. Das Kind warf sein Körperchen von der Mutter zum Vater hinüber und fuhr mit den Händen aus, als wollte es nach den nie gehörten Worten greifen. Ein Glücks-., strahl durchzog das Gesicht Judkes. Seine Stimme wurde, ohne daß er wollte, lauter, fester und fröhlicher. „Watiten lonu" fang er. . Plötzlich hielt er ein. Draußen am Fenster stand jemand und ahmte die Worte nach. Judke fiel das Glas aus der Hand. Die Frauen schraken zurück. Das Kind weinte. Die Kerzen in den Leuchtern gingen endgültig aus. „Wir haben Dich durchschaut, Abtrünniger, Zelote," wurde draußen eine Stimme laut. Es war unverkennbar die Stimme des Markowitz. Am Roschhaschono morgen ging Judke in aller Oeffentlichkeit in die große Schul. Die Stelle beim Komitee hatte er ja sowieso verloren. Herzog Alba über die Vertreibung der Juden aus Spanien. Der gegenwärtige spanische Außenminister, Herzog von Alba und Berwick, gewährte der Jüdischen Telegraphen-Agcntur während seines Aufenthaltes in London ein Interview, in dem er sich insbesondere über die Frage der gegenwärtigen Gültigkeit" des gegen die Juden in Spanien im Jahre 1492 erlassenen Vertreibungs- Ediktes äußerte. Die Frage ist durch eine vor kurzem erfolgte Aktion des Präsidenten der Jüdischen Völkerbundsliga in Bulgarien, Dr. Mezan, angeregt worden, der an den Präsidenten der Internationalen- Union der Völkerbundligen die Bitte richtete, anläßlich der in Madrid abzuhaltenden Jahreskonferenz der Union festzustellen, ob er und andere jüdische Delegierte an der Tagung teilnehmen können, da seines Wissens das Edikt von 1492 nie rückgängig gemacht worden ist. Herzog Alba beantwortete die an ihn gestellte Frage mit der Gegenfrage, ob das gegen die Juden in England verfügte Vertreibungs-Edikt von 1290 je zurückgenvmmen worden ist. Eine Regierung setzt Gesetze und Erlässe, die im Laufe von Jahrhunderten erlassen worden sind, nicht einzeln außer Kraft. Durch die jetzt in Spanien geltende Verfassung sind alle vor dem Jahre 1800 in Spanien gültig gewesenen Gesetze und also auch das Edikt von 1492 automatisch außer Kraft gesetzt. Die Lage der jetzt in Spanien lebenden Juden ist genau die gleiche, wie die aller anderen Bewohner des Landes, gleichgültig ob sie spanische Bürger oder Ausländer sind. Als spanische Bürger genießen die Juden die gleichen Rechte, wie die nichtjüdischen in Spanien lebenden Ausländer. Die spanische Staatsbürgerschaft können die Juden in gleicher Weise wie alle anderen erwerben. Es gibt auch bereits eine Anzahl von Juden, welche die spanische Staatsbürgerschaft erworben haben, und. .ich selbst kannte persönlich einen von ihnen, Senor Bauer, der Mitglied des spanischen Parlaments geworden ist. Ich persönlich, sagte der Herzog Alba, bin der Meinung, daß die Vertreibung der Juden aus Spanien ein Fehler war. Aber die Juden sind nicht das einzige Volk, das zu jener Zeit aus Spanien vertrieben worden ist. Auch die Mauren sind damals vertrieben - worden, obwohl diese Maßnahme auf sehr starke Gegnerschaft stieß. Juden und Mauren waren beides fleißige Bevölkerungsschichten. und so wie die Großgrundbesitzer in den Mauren eine sehr nützliche Schicht von landwirtschaftlichen Pächtern fanden, so wußten auch die maßgebenden Handelskreise den Wert der Juden einzuschätzen und sie machten die größten Anstrengungen, um den Beschluß der Inquisition zu mildern. Die Inquisition war keineswegs, wie weithin angenommen wird, das Instrument der katholischen Kirche, die mit deren Grausamkeit durchaus nicht immer einverstanden war. Die spanische Inquisition war eine Einrichtung des spanischen königlichen Regimes zur Herstellung der religiösen Einheit im Lande, weil man damals annahm daß es ohne religiöse Einheit keine Einheit der Bevölkerung und keine Autorität der Krone, gäbe. Gegen eine starke Opposition setzten Ferdinand und Jsahella ihren Willen durch und. Juden und Mauren wurden aus Spanien vertrieben. Das sind aber alles Fragen einer längst vergangenen Geschichte, die jetzt neu aufzurühren nichts Gutes bewirken würde. Herzog Alba ging dann auf Fragen der Gegenwart ein und sagte: Die spanische Negierung kennt die noch heute anhaltende Loyalität und innere Neigung für Spanien und die spanische Sprache bei Hunderttausenden von Abkömmlingen spanischer Juden in nichtspanischen Ländern. Die spanische Regierung hat es schon vor Jahren unternommen, enge und rege kulturelle Beziehungen mit diesen Sephardim in verschiedenen Teilen der Welt aufzunehmen und trägt zur Unterhaltung ihrer Erziehungsinstitutionen, besonders in Marokko, bei. Wir wissen,, wie diese Juden über die spanische Periode der jüdischen Kultur denken, die in Wahrheit ein rühmvolles Blatt in der Geschichte füllt. Es gibt noch eine große Anzahl von Juden in Marokko, z. B. in Tetuan, die noch immer spanische Staatsbürger sind, und in einer gewissen Zahl kommen auch Juden aus Marokko nach Spanien und siedeln sich dort an. Die Zahl ist nicht sehr groß, das hat aber seinen Grund darin, daß Spanien ein armes Land ist, und daß es für einwandernde Juden daher keine großen Möglichkeiten bäietet. Das bringt uns zu der Frage, ob eine große Rückwanderung .spanischer Juden nach Spanien wahrscheinlich ist. In Spanien gibt es Arbeitslosigkeit; natürlich nicht in einem solchen Ausmaße wie hier, in England, Spanien ist ein industriell nicht so hoch entwickeltes Land wie England, aber die Einwanderung in ein Land muß sich immer nach den ökonomischen Bedürfnissen des Landes und seiner Absorptionsfähigkeit richten. Ich glaube nicht, daß die plötzliche Ankunft von hunderttausend sephardischen Juden auf einer Arche Noah in England durch die Bevölkerung, geradezu begrüßt werden würde und in Spanien liegen die Dinge in dieser Hinsicht nicht anders als in irgend einem anderen Lande. Insoweit es jedoch wirtschaftliche Möglichkeiten im Lande gibt, sind die Juden als Einwanderer in Spanien ebenso willkommen wie irgend wer sonst, und können einer sehr liberalen Behandlung gemäß den Gesetzen des Landes sicher sein. Die Frage einer Rückwanderung der sephardischen Juden nach Spanien ist in weitem Umfang von ökonomischen und an-- deren Erwägungen delikater Natur abhängig, und es scheint was immer in Zukunft geschehen mag, für eine Masseneinwanderung nach Spanien geringe Aussichten zu geben. Das Problem ist allerdings eines von vielen, die jetzt Gegenstand der Untersuchung durch die spanische Negierung sind. Die Bedeutung des Jiddischen für das Deutsche.— Line Untersuchung der Deutschen Akademie. In -den „Mitteilungen der Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums" die von der Deutschen Akademie in München herausgegeben werden, beleuchtet der Sprachforscher Heinz Kloß die Bedeutung des Jiddischen für das Deutsche. Er gibt die Zahl der Jiddischsprechenden schätzungsweise mit etwa 11 Millionen an und führt weiter aus: das Jiddische ist aus dem Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen entstanden und hat diesen Charakter im wesentlichen bis heute bewahrt. Nur der Wortschatz hat Wörter hebräischen, slavischen und — in Amerika — englischen Ursprungs ausgenommen; aber etwa 80 Prozent der Wörter sind deutsch. Das Jiddische gehört also zur deutschen Sprachfamilie. Außerhalb Deutschlands wird das Jiddische auch seit langem als deutsch angesehen. So wurden die Juden in Osteuropa während des Weltkrieges immer wieder als Träger einer deutschen Sprache verfolgt. Der französische Forscher Antoine Meillet hebt in seinem Buche „Les Langues dans I'Europe Nouvelle" (1818) hervor, daß „Das Vorhandensein des Jiddischen für die Geltung der deutschen Sprache ein wertvoller Aktivposten sei". In der „Deutschen Rundschau" (1929r S. 71 ff.) hat Paul von Sokolowski auf „die Bedeutung des Jiddischen als Schrittmacher der deutschen Sprache in Osteuropa" hingewiesen. Aber in Deutschland wurde das Jiddische bis heute wenig beachtet. Kloß untersucht die Gründe für diese Nichtbeachtung zum Schaden der deutschen Sprache. Einmal wirkt die Benutzung der hebräischen Schriftzeichen für das jiddische hemmend: weiter aber ist man gewohnt, das Jiddisch als ein „schlechtes" Deutsch, als einen „Jargon" anzusehen und zu verachten. Das ist aber eine falsche Vorstellung, die verhängnisvoll wirkt. Außerdem besteht eine Abneigung gegen die Ostjuden, die Träger des Jiddischen, die auf die Sprache übertragen wurde. „So machten es", schreibt Kloß, „eine über Alphabetenschwierigkeiten stolpernde Trägheit und ein aus falschem Deutschbewußtsein und Rassenabneigung entstandenes Ressentiment möglich, daß die Stellen in Deutschland, die für eine Betreuung des Jiddischen zuständig wären, es fast geschlossen boykottierten". Das Jiddische ist in vieler Hinsicht für die deutsche Sprache von Bedeutung. In vielen Gebieten gibt es zugleich deutsch- und jiddischsprechende Minderheiten. Hier wäre ein Zusammengehen der beiden Sprachen förderlich. Man könnte gegenseitig Erfahrungen, Publikationen usw. austauschen. In Rumänien gibt es zusammen etwa zwei Millionen Deutsche und Juden; diese Zahl reicht zur Gründung einer deutsch-jiddischen Hochschule aus: ein Ziel, das die Deutschen allein nicht erreichen können. Weiterhin sind die Angehörigen der deutschen Minderheiten, die im allgemeinen geschlossener wohnen, nicht so sehr darauf angewiesen, die Landessprache zu beherrschen; daher wird durch sie die Kenntnis des Deutschen im Ausland weniger gefördert. Die Juden dagegen beherrschen fast überall neben dem Jiddischen die Landessprache; wenn sie daher in noch stärkerem Maße als bisher am Deutschen interessiert werden, dann sind sie die geborenen Mittler der deutschen Sprache. Kloß weist auf die Bedeutung der Zusammenarbeit in den Ländern hin, wo es starke und hochentwickelte jüdische landwirtschaftliche Siedlungen gibt. So zählt Argentinien 40 000 jüdisch sprechende Farmer, die auch über eine wertvolle Fachpresse verfügen. Hier könnte der Einfluß des Deutschen durch Zusammen-

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