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Der Israelit · 1930-10-06 · Heft 41 (6.10.1930) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 41 (6.10.1930)
Date
1930-10-06
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Eine Landflucht mit Hindernissen. ' - , oder ■ Me ich am hoschanorabbo fastete. Eine selbsterlebte Geschichte von Jzchacki. Es war. in den Jahrenzwischen Krieg und Krisis, da. man für einen Hering einige MMiarden und für einen Liter Milch eine Billion zahlte, dabei viele Menschen von der Flut der Milliarden und Billionen erdrückt waren und es dennoch welche gab, die von diesen vierstelligen Zahlen nur die Nullen befaßen; da die Züge so liefen, daß wer am Ausgangspunkte mit Kinderbillet emstieg, an der Endstation die andere Hälfte nachzahlen mußte ... Damals geschah, es, daß ich von einer entfernten Verwandten im Kurhessischen ein Schreiben mit d^r Bitte bekam, doch /einmal zu Hoschan-orabbo hinzukommen. Sie seien, wie ich wüßte, im. Trauerjahre um die Mutter, da wäre es, doch üblich, daß in der Nacht im Hause gelernt wird. Die kleine Gemeinde hatte aber feit Jahren keinen Lehrer mehr, so möchte ich doch die Sache üdernehEn, als letzten Liebesdienst usw. In den zehn lehrerlosen Jahren war in der Gemeinde Vieles verloren gegangen, manch gute Tradition erstorben. Nur der Tod, der sich auch in lehrerlosen Gemeinden nicht absetzen läßt, hatte dort noch einige Bräuche und Kulte „lebendig" erhalten. Zu diesen gehörte wohl auch bas Lernen in der Hoschanorabbonacht. Es wird daran festgehalten. Man appellierte an mein Pietätsgefühl und ich konnte nicht widerstehen. Nun begann eine verwickelte Geschichte mit Zügen, die ich versäumte, mit Zügen, die mich versäumten und Zügen, die sich selber versäumten; mit verpaßten Anschlüssen, mit Wanderung als Rollgut im Packwagen zusammen mit rasselnden Milchkannen, in der Nachbarschaft muhender Kühe. Nach einer langen Odyssee langte ich doch in vorgerückter Abendstunde am Ziele an. Die Sache im Lernhause war bereits im vollen Gange. In der großen Stube war der Tisch nach beiden Seiten lang ausgezogen, und Kuchenberge türmten sich, als hätte eine Feinbäckerei ihren ganzen Vorrat hier ausgeschüttet. Schnapsflaschen: eine ganze Destillation, dazwischen Haufen von Aepfeln und Nüssen: eine ganze Obstniederlage. Neun Mitglieder der Gemeinde sahen mit ihren männlichen Kindern gemütlich und leger, die Stallkappen auf dem Kopfe, zumeist m Westen ohne Kragen, die Beine übereinander, tranken, rauchten, schmatzten und schwatzten. Das Häuschen w-qr mit Rauch angefüllt, der wie: mit einer feinen Seidenhülle die Delikatessen auf dein Tische umschlang. \ . Ich wurde mit der Würde; und, ’ Erregung empfangen, wie ein „Professor." aus der Stadt .empfangen wird, der zu einem Schwerkranken ins Dorf herbeigerufen wird; 's Herzche, der den Parn.es und gelegentlichen Vorbeter zugleich in der lehrerlosen Gemeinde stellte, machte die Honneurs. Wir setzen uns gleich an die Arbeit, dasheißt: ich an den Tikkun, die anderen an die Schnapsgläser und Kuchenteller. Aus . den Pfeifen und Zigarren, dampfte der Raüch wie aus einem Schlote. . vj: Nach dem fünften Buch Moses sagte ich: „Es wäre eigentlich richtiger gewesen, den Tisch in der S u k k och zu decken." Großes Staunen. Die Alten sahen sich an, horchten aus, wie beim Klange-einer-fernen Musik. Die Jungen wußten nicht mehr, was sie sich unter einer Sukkoh vorstellen sollten. Nach dem ersten Tillimbuchie bemerkte ich: „Wie ist's, meine Herren, morgen mit Minjan?" Ein lebhaftes Echo. Die braven Leute waren sichtlich froh, wieder einmal in ihrer kleinen verlassenen Synagoge einen richtigen Minjang'ttesdienst zu haben. „Aber es muß recht früh fein," baten sie. Sie muhten früh hinaus, die einen auf den Kartoffelacker, die anderen auf den Markt.. Das konnte mir nur recht fein, denn auch ich wollte früh nach Haufe. „Ächteinviertel," sagte einer, und ich merkte nicht sein ominöses Schmunzeln, „geht der Zug nach Frankfurt". „Ja,, achteinviertel," stimmten sie alle, mit übertriebenem Eifer, wie im eingelernten Chore, ein. „Wenn wir kurz nach sechs anfangen, dann sind wir rechtzeitig fertig." „Wo ist. das Gemeindelulow, kann ich den Esrog sehen?" Große Verlegenheit. Nach einigem Schweigen stellte sich heraus, daß kein Lulow da war. Herzche hatte wohl, einen Esrog in Frankfurt angesehen, sollte-aber fünf Billionen kosten, das konnte er ohne Zustimmung der Gemeinde nicht wagen. Die Gemeinde aber war der Meinung, wenn der liebe G'tt Krieg über die Welt schickte und die Edelfrüchte so teuer wachsen ließ, so ginge es schließlich auch einmal ohne sie, man konnte ja das Fest auch so feiern. ' In L. gab es auch einen S imch a st h o r a b a l>l. Mir war es nicht gang festlich zumute. Etwas monoton klang die Fortsetzung des Lernens. Gegen zwei Uhr nachts waren wir fertig. Ich mit dem Tikkun, die anderen mit den Schnapsflaschen. Nach einigen schlaflosen Stunden war ich bald nach Morgengrauen in der kleinen, verlassenen Synagoge. Alle Männer waren'da. Manche hatten sogar. Tefillm an. B a ch w e i d e n hatten alle. Ich dachte darüber nach, ob nicht auch der alte Brauch der Bachweide irgendwie mit dem Tode zu tun habe. Rasch und tonlos ohne Lulow wickelte sich das Gebet ab. Ich eilte an die kleine Bahnstation, um so rasch wie möglich nach Hause, 3U Lulow, Sukkoh und Frühstück zu kommen. Der Herr Stationsvorsteher, den ich erst nach langem Suchen in irgendeinem Schuppen fand, zeigte auf die Uhr und lachte. „Da sind Sie aber um eine halbe Stunde zu spät, der Zug ging halb acht. Der nächste fährt fünf Uhr nachmittag und ist, wenn es gut geht, nach zehn Uhr in Frankfurt." Mit dieser entsetzlichen Gewißheit ging ich zurück ins Haus. Die Familie saß frohgemut beim Kaffee. Ein riesiger Zwetschenkuchen bedeckte den bloßen Tisch zur Hälfte, wie ein bunter Teppich. Alle lachten, wie über einen gelungenen Streich, als sie mich erblickten. Die Gchen hatteft mich nämlich heremgelegt, gaben den Zeitpunkt für den Abgang des Zuges absichtlich eine halbe Stünde später an, damit ich-ihn versäumte. Sie hatten es gut gemeint und es sich so schön ausgedacht, .-Wollten wieder einmal einen richtigen Festg'ttesdienst haben, womöglich mit Predigt und Vortrag. Mir war es nicht zum Lachen. Zu Haufe wartete-meiner ein Fest voll Licht und Freude in Synagoge und Familie. In einem Bethaufe war mir eine hohe Ehrenfunktion zugedacht, und hier faß ich bei den neun Leuten, ohne Lulow, ohne Sukkoh mit einem glänzenden Zwetschenkuchen, den ich nicht anrühren mochte. Dieser letztere Umstand, gewissermaßen ein Hungerstreik, erregte meine Gastgeber am meisten. Als sahen sie 'ihr Unrecht ein, schlichen sie sich still und schuldbewußt von dannen. Die einen auf den Kartoffelacker,- die anderen 'auf den Markt. Die Frauen blieben da, um weiter mit Eifer für das Fest zu kochen und zu backen. .Ich ging noch einmal zur Station hinaus, verhandelte mit dem Mann im Schuppen, als könnte er mir eine Eisenbahn bauen. „Wie weit ist es zür nächsten Station auf der Strecke von L. nach Frankfurt?" „Wenn Sie gut zu Fuße sind, dann sind Sie in knapp zwei Stunden in B. > Dort fährt kurz nach elf der Zug von L. durch; wenn er kommt, heißt das." „Und wenn er nicht kommt?" „Dann kommt vielleicht eine Stunde später der Gegenzug von Frankfurt nach L." L. ist eine bessere Kleinstadtgeme-inde mit pflichtbewußtem Lehrer. Ich beschloß, mich auf alle Fälle auf die Beine zu machen. Der Zeiger stand auf halb neun. Ein feiner Tau stieg von den Feldern auf. Ein dichter Nebel verstellte ein wenig dre Sicht. Am Horizonte kündigten aber rote Streifeneinen schönen, klaren Herbsttag an. Ich schritt fürbaß aus. Eine Strecke Wegs konnte ich mit einem von einer Kuh gezogenen Leiterwagen fahren, der sich langsam fortbewegte, .aber den Füßen eine willkommene Ruhepause gerv ährte. Schlimmer war es mit einem jungen Gaul an einem kleinen Wagender in jugendlfchöm Größenwahn deutlich die Absicht kundgab, uns im Raketentem-po in die Hölle zu fahren, kurz davor aber noch die Freundlichkeit hatte, uns' auf einen weichgedüngten Acker abzusetzen. Gegen elf Uhr war ich in der Station. Der Tag warf den Nebelschleier ab und stand blank und silberklar da. Es roch nach Rüben, Most und ausgereiftem Obst. „Wann kommt der Zug nach Frankfurt durch?" stürzte ich atemlos auf denin Bereitschaft stehenden Mann mit der roten Kappe. „Er müßte in zehn Minuten da sein, ist aber noch nicht gemeldet. Eine weitere Viertelstunde verging, er war immer noch nicht gemeldet. Der Herr Vorsteher zählte an den Messingknöpfen feiner Uniform. „Kommt er, kommt er nicht, er kommt, er kommt nicht . . Aber diesmal hatten die Uniformknöpfe gelogen. Nach einigen Minuten bimmelte es. Nach weiteren zehn Minuten kam der Zug angesaust. Ich sprang hinein-, wie man sich in ein Rettungsboot flüchtet. Gegen fünf Uhr nachmittags waren wir glücklich in Frankfurt. Lulow und Esrog waren bereits als Requisit in die Kinderstube eingegangen. Der gelbe Apfel steckte eingekrampft in den Fingern Lottes, der zierlichen großen Puppe. Der rotbäckige Hans hielt den oberen Teil des Lulöws, wie ein Schießgewehr in der starren Zelluloidhänd, während sein Stiel dem Teddybär Lurch die braunen Arme gezogen war. Am Lulow/waren noch Blätter genug; und der Esrog hatte Noch glücklicherweise die.Krone. Ich nahm sie an mich, nicht ohne Protest i von feiten der Kinder, die sich auf alte Hoschanorabborechte' beriefen, sprach den Hegen und/eÄte dann in hie Sukkoh zum Frühsfück. Es war genau eine Stundevor Festdeginn. Ich habe es den guten Leuten nie nachgetragen, und ich will gern hoffen, daß sie inzwifchen mit Hilfe eines der Verbände einen Lehrer oder Anschluß an einen solchen erhalten haben, der ihnen zu dem letzten Reste jüdischen Willens, auch einiges Wissen um die jüdischen Dinge beibringt. Im roten Golus Eine Rlarannengeschichte aus Rußland. (Schluß.) Judke begab sich auf die Straße. Nach Hause wollte er in dieser Stunde nicht, er fürchtete die Tränen der Frauen, die ihm stets am Sabbat und Feiertagen mit ihren religiösen Anwandlungen schwer zusetzten. In eine kleine entlegene Synagoge zu gehen, getraute er sich nicht. Unversehens kam er in eine kleine schmale Straße, es war inzwischen ganz dunkel geworden,

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