Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1930)
- Date
- 1930-10-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450640--77315-2534967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
6. Oktober 1930 Von den Schweizer Rabbinern und zugleich im Rainen der Väter richtete nun Herr Rabbiner K o r n f e i n, Zürich, ein paar schlichte Worte der Anerkennung, der Mahnung und der Aneiferung an die Schüler. Draußen im Garten, wo die Akazien und die^ ^Edeltannen am Hange in der Nachmittagssonne dunkel schimmerten, rief nun lauter Gesang. Dort, waren von Baunp;u' Bäum Guirlanden' gezogen, als gäbe es eine italienische Nacht. Unter einem Baldachin harrte das neue Sefer inmitten anderer Seforim des feierlichen Umzuges. Lachurim umringten mit brennenden Fackeln die Chuppa. Unten am Fuße der Hänge leuchtete der See kristallklar, und dahinter über den französischen Bergen ging > eine Sonne unter, so groß, so blutrot, 'so von tausend schimmernden Farben begleitet, wie wir es noch nie gesehen haben. Siebenzig junge Menschen sangen Psalmlieder, immer wieder ausklingend in die Worte: „Freut euch und jubelt in der Freude um die Thora!" Es folgten Rundgänge im Garten bei Fackellicht und untergehender Sonne. Mit Sang,' Klang ünd Tanz wurde das Sefer in den großen'Saal der Jeschipio gebracht, und im Anblick der heiligen Rollen, die, wie am Simchas-Thora, hoch aufgepflanzt ^astanden, hielt' Herr Redachteur Schachnowitz, Frankfurt a. M., die Festrede.' In großangelegtem Aufbau zeigte, er die, drei ausbauenden Richtungen im,.Judentum des - letzten Jahrhunderts: Chassidismus, Muffar und die Regeneration im Westen von S. R. Hirschischem Geist; zeigte-das Besondere einer jeden dieser drei Methoden, was sie. von einander trennt und miteinander verbindet, und, danach bemessen, die. eigene Bedeutung d^r.Jeschiwa zu Montreux. Eine spontane Ovation, die den Worten folgte, war mehr aus der Weihe des Augenblickes geboren, die sich in einer Welle der Begeisterung ihren Höhepunkt schuf. Darauf wurde die Thorarolle zu Ende geschrieben und mit Gesängen eingehoben. Nach einer längeren Pause, die mit allerlei Attraktionen, u. a. mit einer zweiten Ansprache des Leiters ausgefüllt wurde, harrte eine ungemein reich gedeckte Tafel der Gäste und Jünger, wobei man,»wiederum die unsäglich aufopfernde Liebe der Frau Botschko zum Lebenswerke ihres Gatten bewundern konnte. Bei Tisch wurden noch ganz vortreffliche Reden gehalten von den Herren Rabbiner Dr. Brom, Luzern, Nabb. Dr: B o h r e r, Gailingen, Dr. M. Ascher, Bex les Bains, N. Sternbuch, St. Gallen, Dr. Levin g e r, München und S. E p st e i n, Freiburg. Als man mit Esten, Reden, Singen und Tanzen fertig war, war es ungefähr Zeit, mit den Slichaus zu beginnen.;/ Am Montag mittag gab es, nachdem die meisten Gäste abgefahren waren, noch eine kleine .intime Nachfeier rm Hause des Herrn Botschko. mit' Festmahl und Tischreden des Herrn Rabb. B o t s ch k o, des um die Jeschiwah sehr verdienten Herrn Stefamskn aus Zürich und mit Dankesworten des Herrn Schachnowitz. Es. war ^in herrlicheß^Treffon der Schweizer nThorafreunde ,.uno, ..bei alles, rauschenden Festfreude, 'eine Schüw'o - Demonstration, reinstes und' s ch ö n st e r. A r t. ... ■ -• 111 n - \! .i-m . . .i;, r, uni!. - ‘; Polen. - Keine jüdische Einheitsfront bei den Sejmwahlen. Warschau, 3. Okt. Die zionistische Partei Polens hat beschlossen, den non der Aguda und anderen jüdischen Gruppen propagierten einheitlichen jüdischen Wahlblockdie Sejmr'ahlen a b z u l e.h n e n und zusammen mit ''einigen allgemein-wirtschaftlichen Organisationen gesondert vorzugehen. Der M i s r a ch i hat sich, obgleich er anfänglich 'denfalls für den einheitlichen jüdischen Wahlblock '-'ar, der zionistischen Parteidisziplin untergeordnet und wird gemeinsam mit den Zionisten gegen die Aguda und die mit ihr verbündeten Gruppen vorgehen. Das Wahldnnitee der „Agudas Jisroel" macht in einem Wahlaufruf die Zionisten für das Nichtzustandekommen der jüdischen Einheitsfront in einer Zeit äußerstes Gefahr für ie physische und wirtschaftliche Eristenz der Judenheit rrantwortlich. Die Zionisten entschuldigen' ihr Bor-! chen damit, daß sie eine „unabhängige" jüdische Politik > erfolgen müßten. Der Israelit Tschechoslowakei. Rabbinernot in Mähren und Schlesien. B r ü n n, 21. Sept. - Nach einer offiziellen Statistik sind gegenwärtig in 'Mähren und Schlesien von den Kultusgemeinden, die nachdem"Gesetze von 1891 bestehen, 37 ohne Rabbiner unter-einer Gesamtzahl von 59 Gemeinden. Dieser Mißstand ist zum Teil darauf zurückzuführen, daß die Anstellung ausländischer Kandidaten von der Regierung nicht zugelassen wird. Die Haltung des Ministeriums in dieser Hinsicht ist nicht ganz verständlich, da für die katholischem und evangelische Kirche Ausländer Anstellung finden. -Sie können berufen werden, wenn sie Nachweisen, daß sie in ihrer Heimatgemeinde zum Geistlichen wählbar sind und wenn sie sich vor Uebernahme ihrer Funktion einer Prüfung vor der betreffenden Instanz der Kirche unterziehen. Eine solche Instanz existiert für die Juden allerdings nicht und sie ist auch in einheitlicher Form gewiß nicht möglich, aber es ließen sich wohl Mittel und Wege finden, um eine Ersatzeinrichtung zu schaffen, ohne die .Gewissensfreiheit zu beeinträchtigen. Rußland. Mißerfolg der antireligiösen Rofch Haschanahkamyagne in Rußland. Moskau, 28. Sept.; Die antireligiöse Kampagne, welche von den jüdischen Kommunisten für Rasch Haschanah proklamiert wurde, ist völlig wirkungslos geblieben. An beiden Rasch Haschanah-Tagen 'waren die Synagogen in Moskau und in den übrigen Städten Rußlands überfüllt. Der von den jüdischen 'Kommunisten geplante antireligiöse Marsch fand nicht statt. Die Charkower jiddisch-kommunistische Zeitung „Stern" schreibt in einer Betrachtung über das Versagen der antireligiösen Propaganda „Unsere Kulturbrigaden haben geschlafen, statt zu marschieren". Auch „Emes" gibt den Mißerfolg des antireligiösen Marsches zu und ruft zu dessen verstärkter Wiederholung anläßlich' des Jom Kippur auf. Jeder jüdische Arbeiter solle' an diesem Tage arbeiten und . den Tageslohn dem. Fonds für den Bau eines Sowjetslugzeuges zuführen. Die nichtjüdische Presse Sowjetrußlands hatte die jüdischen Kommunisten in ihrer antireligiösen Kampagne nachdrücklich unterstützt. In vielen Städten hatten die nichtjüdischen Zeitungen seitenlange Artikel jn jiddischer Sprache über den Kulturmersch gegen die- Religion gebracht. Rumänien. Rumerusclaususauch an Volks- und Mittelschulen in Rumänien. Buk a.r e st, 29, Sept. An einer Anzahl Mittelschulen in Siebenbürgen ist eine Art Numerus clausus für jüdische Schüler und Schülerinnen eingeführt worden. Aus budgetären Rücksichten verfügte das Unterrichtsministerium die Abschaffung vrin Doppel- und Parallelklassen in allen-.Mittelschulen. 'Um'" d^'m Andrang der lernbegierigen.- .Jugend '■ zu den regulären Klassen gereM werden zu -ktznnep, helfen, sich, die einMnen' Ortsschukbehörd.en,, Dadurch, hgß.sie die Mdischen Schüler fast restlos zurückwesten. An einigen Klariseriburged Schulen find ca. 90 , Prozent der sich. ineld!enden 'jüdischen' Schül.erschaf't zurückgewiesen.- worden. Abg. Dr. Fischer/der in dieser ^rage beim Unterrichtsminister und' beim Premierminister intervenierte, erklärte dabei, das sei nicht mehr Numerus clausus, sondern schyn Numerus nullus. Die Mitglieder der Regierung versprachen, die Angelegenheit zu untersuchen, wiesen aber gleichzeitig auf die schwierige .Lagein.: den, Staatsschulen hin. - - Der Borjcha-Prozeß in Szighet. -M arm a r o s ch - S z i g h e t, 1. Oktober. , Das Gericht in Marmarosch-Szighet hat die Forderung der jüdischen Gemeinde, den Prozeß gegen die Urheber der antisemitischen Exzesse in Borscha der Sicherheit halber nach einer anderen Stadt zu verlegen, weil in Szighet ununterbrochen antisemitischer Terror herrscht, der Leben und Eigentum der Juden dieser.Stadt, die die! Mehrheit der Bevölkerung bilden, gefährdet, zurückgewiesen, so daß dev Prozeß am 7. Oktober,in Marmarosch-Szighet stattfindet: Dadurch ist. nicht allein die jüdische Gemeinde von Szighet gefährdet, sondern man befürchtet, daß das Gericht unter dem Terror der Straße Nr. 41. Seite 9 den 17 Mitangeklagten jüdischen Bürgern von Borscha nicht wird Gerechtigkeit widerfahren lassen. Diesen schuldlos Angeklagten wendet sich die allgemeine Teilnahme aller gerecht Denkenden in. Rumänien zu. Jn Borfcha fanden zuletzt von Tausenden Personen besuchte antisemitische Versammlungen statt, in denen die Agitatoren Cuzas die Losung ausgaben: „Keine Steuern zahlen, mit denen man die Juden entschädigt, rein christliche Stadtverwaltungen, nicht mit Juden zusammen wohnen!" Eine Regierungskommission schätzte den Schaden, den die jüdische Einwohnerschaft von Balaceana durch die fürchterlichen Exzesse und Zerstörungen erlitten hat, auf nur 200.000 Lei (ca. 5000 Mk.), obwohl Gendarmerie und Staatsanwaltschaft seinerzeit den Schaden mit 2% Millionen Lei — nach Ansicht der Juden viel zu niedrig — bemessen hatten . Unter der Judenschaft Balaceanas herrscht darüber Empörung und Verzweiflung, weil die neu festgesetzte Schadenssumme lange nicht 10 Prozent der wirklichen Schäden decken würde. Palästina. Gegen die Kinderehe in Palästina. Jerusalem, 26. Sept. Wie 'die Jüdische Telegraphen-Ägentur erfährt, bereitet die Palästinaregierung, einer Anregung des Völkerbundes folgend, einen Entwurf zur Festsetzung des heiratsfähigen Alters auf mindestens 14 Jahre vor. Der palästinensisch-jüdische Verband für Frauenrechte hatte eine Altersgrenze für Eheschließung von 16 Jahren vorgeschlagen, doch kann sich' die Regierung aus Furcht vor einem feindseligen Widerstand der palästinensischen Mohammedaner — analog dem der Hindus gegen das Sarda-Geseh — zur vollen Berücksichtigung dieses Vorschlages nicht - entschließen. Das Rabbinat von Palästina hat, obwöhl es von den Schäden der Kinderehe überzeugt ist, eine Unterstützung der Forderung der jüdischen Vereinigung für Frauenrechte abgelehnt, da die Kind'erehen in den Sephardischeir Gemeinden noch immer volkstümlich sind. Die Sephardim würden einen radikalen Vorstoß gegen die Kinderehe als einen gegen ihre Gemeinden gerichteten feindseligen Akt empfinden. Sind die schuldigen Araber Safeds von Kollektivstrafe befreit? Jerusalem, 29. Sept. Bekanntlich hat die Palästina-Regierung in ihrem Bericht für das Verwaltungsjahr 1929 bestimmt, daß im Zusammenhang mit den Kollektivbestrafungen jener Orte, deren Einwohnerschaft sich an den Ueberfällen gegen die Juden im August 1929 beteiligt haben, auch die schuldige arabische Einwohnerschaft von Safed bestraft werde. Nunmehr berichtet die arabische Zeitung „Al Hayat", daß die Saseder Araber vom .Gericht von jeder Kollektivstrase befreit wurden. Die Jüdische Telegraphen-Agentur, die beim Sekretariat der Palästina-Regierung über' die Angelegenheit Erkundigungen einzog. wurde dahin informiert, daß die Regierung in ihrer Mitteilung nm Bericht für' 1929 die Tatsache der Kollektwbestrafung vorweggenommen habe, daß 'aber..bisher keine Untersuchung Ztattgefunden hübe, und deshälß noch kein Gerichtsbeschluß vorliege. - ' Die klagemauerfrage. Jerusalem, 3. -Okt. Die J.T.A veröffentlicht folgende in sich widerspruchsvolle und unklare Mitteilung: „Dje von Oberstaatsanwalt Norman Bentwich entworfene Verordnung über die Regelung der K'lage-. mauersrage wurde vom Büro der Oberstaatsanwaltschaft endgültig tertiert und wird nach Abschluß des Uebereinkommens zwischen Juden und Mohammedanern in Kraft treten. In dem Verordnungsentwurs wird das Recht der Juden, an der Klagemauer zu beten, anerkannt, unabhängig davon, ob die Mohammedaner über ihre Anerkennung des bloßen Rechtes der Juden auf freien Zugang zur Klagemauer hinausgehen werden oder nicht. Weitere Verhandlungen zwischen Juden und Mohammedanern über die Frage des Gebetsrechtes werden nicht geführt werden, da Rabbinat und Agudah unter dem Drucke der jüdischen öffentlichen Meinung außerhalb Palästinas es vorziehen, die Entscheidung in dieser Frage den Bevollmächtigten des Völkerbundes zu überlassen."