Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1930)
- Date
- 1930-10-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Nr. 41. Der Israelit 6. Oktober 1930 stens die körperlichen- Qualen eines jahrelang unschuldig schwere Kerkerstrafe Erduldenden beendet sind. Die rechtliche Seite des Falles harrt noch der Lösung und allgemein wird gehofft, daß es den Freunden Philipp Halsmanns und den Freunden des Rechtes doch noch gelingen > wird, eine endgültige Rehabilitierung Halsmanns, an.Lessen Unschuld kein Vorurteilsfreier mehr zweifelt, zu-erreichen. '' Philipp Halsmann aus Oesterreich ausgewiesen. Wien, 3. Oktober. Philipp Halsmann, der vom Bundespräsidenten Miklas begnadigt wurde, und am 1. Oktober aus der Strafanstalt Stein entlassen wurde, ist vom Bezirkshauptmann von Krems, dem die Strafanstalt untersteht, aufgefordert worden, binnen 2 4 Stunden Oesterreich zu verlassen. Die rohe Behandlung, die dem nach Ueberzeugung aller unschuldig Leidenden während der Verbüßung seiner Kerkerstrafe und nach der Entlassung aus der Strafanstalt zuteil wurde, hat bei allen gerecht Denkenden tiefe Empörung ausgelöst. Wie die Zeitungen mitteiletr, ist die Begnadigung Philipp Halsmanns kein mit der Bewertung des seinerzeitigen Prozesses zusammenhängender Akt, sie ist also nicht als der Wille der maßgebenden Stellen, begangenes Unrecht wieder gutzuiyachen, zu werten. Die Amnestierung geschah vielmehr mechanisch im Zuge der periodischen Gnadenanträge, die viermal im Jahre stattfinden. Zugleich mit '120, anöeren Häftlingen ist Halsmann aus dem Gefängnis etnlasfen worden. Antisemitische Kreise versuchten, bis zum letzten, Augenblick eine.Kabotierung des Jnstanzenzuges. Um die Freunde Halsmanns zu terrorisieren, hatte u.^a. schon vor einem halben Jahre ein großer Teil der christlichsozialen Abgeordneten einen G'tteslästerungsprozeh gegen den. Publizisten Maximilian» Schreier durchgesetzt; die Kampagne für Halsmanns . Freilassung war auch durch den - Beleidigungsprozeß des völkischen Rektors der Wiener Universität. Grasen Gleispach, gegen den Ztzitungsherausgebsr Regierungsrat Kleebinder.lahmgelegt. - .... Halsmänn wurde nicht durch das Haupttor der Anstalt, sondern heimlich durch eine Hinterpforte in die Freiheit geführt. Er hatte darum keine Gelegenheit, den wartenden Pressevertretern Erklärungen abzugeben. Er wurde in ein Gasthaus gebracht und bewacht, nur feine Angehörigen hatten Zutritt zu ihm. Dem Gasthauspersonal wurde aufgetragen, über alles, was sie sahen und hörten, zu schweigen. Halsmann und seine Angehörigen sind entschlossen, gegen die Ausweisung keinen Rekurs einzulegen, Halsmann wird zur Wiederherstellung seiner Gesundheit zunächst eine ausländische Heilanstalt aufsuchen und sich dann nach Frankreich zur Beendigung seiner Universitätssiudien begeben. Andererseits ist Halsmann entschlossen, eine Wiederaufnahme des Verfahrens mit aller Energie zu betreiben. Plenarsitzung der Keren Hathorazenkrale in Wien. W i e n ,. 1. Okk. Die Keren Hathorazentrale trat gemeinsam mit dem Kuratorium vvst Beth.Jacob am 28. September d. I. zu einer Plenarsitzung, zusammen.. :. Anwesend waren die Herren: Rabbiner Mosche Mor-,i dechei Epstein, Jerusalem; Rabbiner Beer Friedmann, Wien-Ezortkow; Eroßrabbiner M. Friedmann^ Wien- Sadogora; Wolf Pappenheim, Wien; Dr. Deutschländer, Wien: Rabbiner Dr. Pollak, Wien; Salomon Türkl, Wien. .' Zunächst begrüßte Herr Wolf Pappenheim mit herzlichen Wortes^h.aS Mitglied der Exekutive des Rabbilnischen.Rates, Herrn Rabbiner Mosche Mordechei Epstein', den Leiter der Jeschiwah „C Hebron" in Jerusalem. ...... Rabbiner Epstein gab einen Ueberblick über die Lage des Thorastudiums im Heiligen Lande und berichtete auch über das furchtbare Schicksal der ihm unterstellten Anstalt, die im vergangenen Unglücksjahre am ineisten gelitten, .hat. Rabbiner Epstein dankte für die Hilfe der Keren Hathora-Zentrale und bat zur Sicherung des Bestandes um weitere Maßnahmen. In der angeschlossenen Diskussion wurde das Projekt einer großzügigen Weltaktion zur Erhaltung der Jeschkwoth, deren Notlage einen kritischen Höhepunkt erreicht hat, besprochen. Ueber die Tätigkeit in Rumänien, referierte auf Grund seiner persönlichen Besuche, Großrabbiner M. Friedmann, Wien-Sadagora. Er unterstrich in seinem Referat die Notwendigkeit intensiver Beth Jacob- Tätigkeit in Czernauti, Stroznic, Eura Humora und anderen Städten. Ueber die Arbeit des Keren Hathora auf dem Gebiete desniederen und mittleren Schulwesens berichtete Dr. D e u t s ch l ä n d e r. In Litauen wurden erstmalig zwei Sommerfortbildungskurse für die Erziehungsgesellschaft „Jcrwne" in Palangen eingerichtet und zwar für Lehrer und Lehrerinnen, welche von 52 Teilnehmern besucht waren. Die Keren-Hathora-Zentrale entsandte neben dem Referenten Herrn Oberrabbiner Dr. Earlebach, Altona. Von den inländischen Dozenten waren Herr 'Rabbiner. Batst, Dr. Holzberg und Herr Schmulowitz, Telsai, tätig. Die Beth Jacob-Kurse in Rabka wiesen in diesem Jahre eine abermalige Steigerung auf, (von 240 im Vorjahre, auf 320 Teilnehmern). Die Einrichtung des Ganzen war wie in den Vorjahren. Außer den Dozenten des Seminars, (Frau 'Schenierer, Frl. Landsberg, u. a.) waren die Herren Rabbiner Dr. Pinchas Kohn, Wien, Dr. Birnbaum, Hamburg, Frl. Dr. Rosenbaum, Frankfurt a. M., H. Z. Frydmann, Warschau, Orlean, Warschau und Frl. Hanna Kohn, Ansbach, tätig. Die Kursdauer erstreckte sich auf über vier Monate. In die Sommererholungskolonien von Beth Jacob, die in Pabiamci, Ozvock.,i(Mittelpolen), Rabka und St. Georgen (Slowakei), stattfanden, wurden 600 Kinder ausgenommen. Zu den Kosten der Kolonien in Polen hat der „Joint" einen größeren Beitrag als Zuschuß geleistet. Für die Zöglinge der Talmud-Thoraschule (Knaben) hat der Leiter des Keren Hathora in . Polest, Herr Deutscher, auch erstmalig eine Kdlonie eingerichtet. Zur Verlesung gelangt dann der Baubericht des Herrn A. Spira, Krakau, über die mit Intensität fortgeführten Arbeiten am Bau des Zentralinstitutes in Krakau, der so weit gefördert wurde, daß der Unterricht und Logis der Kandidatinnen zu Beginn des neuen Semesters,stm neuen Heim stattfinden wird können. Ausgenommen sind, 98 Kandidatinnen. Zum Schluß'referierte Dr. Pollak' über 'die in Wien gegründete Beth-Jacob-Zentrale für Mittel - eur-op.a. Zur Teilnahme an den Lehrerinnenkursen haben sich bereits Kandidatinnenaus Rumänien, Jugoslavien, Czechien, Griechenland und 'Oesterreich gemeldet. Es wurde beschlossen, den Fortbildungskurs, wie auch den ersten" Seminarkurs am Rausch Chaud'esch Eheschwan zu eröffnen. Für die Auswahl der Dozenten wird eine dreigliedrige Kommission ernannt.-! ^Die - provisorische Leitung hat der Direktor der Beth .Jacobzenkral^ Hejrr Dr. Deutschländer inne, bis . zur Eröffnung aller. in Aussicht genommenen Kurse, die dann die Ernennung eines hauptamtlichen Leiters notwendig macht. Ein bedeutsamer pädagogsicher Fortschritt. Wien, 1. Okt. Seit vielen "Jahren konnte die Leitung der Jessode Hathora seststellen, daß die schulentwachsene Jugend , gleich, nach Beendigung der' Bürgerschule," ohne genügende Vorkenntttlsfe, eine aussucht. entsprechende. Vorbereitung ziehen diese jckngen Leute aus, und. da sie, fast durchwegs nur 'ein Jahr auf der na'S». verbringen, kehren sie auch unwissend zurück. Ist. schon , der nstr einjährige Aufenthalt auf einer / an und für sich viel zu gering,' so erreicht' man in dieser kurzen Zest erst recht uchts, wenn man dorthin wenig Vorkenntnisse mitbringt. Wie sehr begrüßens- und förderungswert das Drangen unserer Jugend zur auch ist, wie glücklich wir uns auch schätzen müssen, daß' die Jugend einsieht, ohne „Lernen"''kein Pflichtenleben, so wäre dieser sicherlich mehr gedient, wenn sie ihre NI'«-'-Zeit, bei gründlicher Vorbereitung besser ausnützen könnte. Die Wurzel dieses Hebels, des zu frühen Aufsuchens einer ra'p» und des baldigen .Abganges, von einer na'v' liegt sicherlich auch in unseren wirtschaftlichen Verhältnissen. Unsere Jugend fürchtet, den Kamps des Lebens nicht bestehen Hü können, wenn sie zu spät ihre kaufmännische Ausbildung anstreben würde, deshalb will sie rasch ihrer „Lernpslicht" genügen. Diesem unhaltbaren Zustande will die „Jessod-Hathora" abhelsen. Dem r-ia'v' Vorbereitungskurse soll ein einjähriger Handels!nrs angegliedert werden, damit während des Borbereitüngsjahres für das Jeschiwolernen, die Schüler gründliches Wissen für ihre spätere kaufmännische Laufbahn erlangen. Geplant ist für diesen Kurs das .Lernen der verschiedensten sM cher jüdischen Wissens während des ganzen Ta-, ges durch eine direkt hierfür bestellte tüchtige Lehrkraft. In den Abend st u n d e n u sollen alle Fächer des Handels und kaufmännischen^ Wissens in Verbindung mik einer Fremdsprache unter Leitung einer hervorragenden Persönlichkeit gelehrt werden'. ,Der ganze Tag. sstll voll und ganz dem Lernen gew^met sein, w.y^rD unsere Jugend auch dem von vielen befürchteten etwaigen hystn Einfluß der Großstadt entzogen wird. Durch diesen Kurs verlieren die Schüler bei ihrer kaufmännischen Ausbildung keine Zeit, gewinnen aber ein .volles Jahr für die n^v'-Vorbereitung und. sie. werden mit entsprechendem "jüdischen ' Wissen ausziehend, mit mehr Erfolg von der zurückkammen. Angarn. Die Numerus claufus-Tragödie in Ungarn. — Der beste Mittelschüler Ungarns darf nicht auf die Universität, weil er Jude ist. "' ■ ' Budapest, 26. Sept. „Egyenlöseg" gibt in seiner Rösch Haschanah-Rummer einen Ueberblick über die grausame Auswirkung des Numerus clausus auf jüdische Studierende. Von 900 jüdischen'JisscriptionsbewÄbern wurden üur 106, welche das Abitur mit Auszeichnung bestanden hatten, zum Studium an der Budapester Universität zugelassen. 44 ebenfalls ausgezeichnete Abiturienten wurden zurückgewiesen. Roch schlimmer sind die Verhältnisse an den Provinzuniversitäten. Einer Mitteilung des Debreczener „Hirlap". zufolge ‘ wurde dem besten Mittelschüler des letzten Jahres, Eugen Samuel, der nicht nur das Abitur mit höchster ' Auszeichnung bestanden, sondern auch in einem offenen Wettbewerb aller ungarischen Mittelschüler den ersten Preis in. Mathematik errungen hat, die Immatrikulation an der Universität Debreczen verweigert. ~ Schweiz. Ein Fest in Montreux. Montreux, 30. Sept. Mit der Einweihung einer neugeschriebenen Sefer Thora verband die Villa Q u i s i s a n a, in der seit vier Jahren die Thora ihre Schweizer Residenz ausgeschlagen hat, das Fest des Semesterschlusses, und es kam noch manch anderes hinzu, das vierfachen Grund zum Feiern bot. Trotz der ungünstigen Zeit zwi-- scheu den Festen waren etwa 40 Gäste aus allen Teilen der Schweiz und der Grenzländer, darunter eine Anzahl Rabbiner, am Feste beteiligt. Mit den 70 Jüngern der Jefchiwa und den Herren und Damen, die sichzür Zeit in Montreux und Umgegend zur Kür aufhalten, waren rund 120 .Menschen am Sonntag nachmittag in den mit Guirlanden geschmückten und Lampions beleuchteten Räumen" der Jefchiwa anwesend. Mit einem spontanen hebräischen Gesang der Schüler wurden gegen 3 'Uhr mittags die. Gäste empfangen. Es begäpn daß ' große Verhör durch den vielb'estmndeiten Begründer und * Leiter der Jefchiwa, Rabbi Elijähu Bötfchko.JJn den, . v'ordjeren Bänken faßen die Herren Rabbiner und' Ehrengäste, dahinter die Teilnehmer, besonders die Bäter und dazwischen die Jünger mit ihren gewährten Lehrern, von denen manche noch selbst ist'jugendlichem Altei" sind. In dem zum Hauptraume geöffneten Zimmer fast man eine große Anzahl von Damen, auch Ausländerinnen, die, hier in den Bergen weilend, sich das größte Wunder von Montreux anfehen wollten. In über zweistündigem Frage- und Antwortetet konnte uns gezeigt werden, wie tief diese Jungen in die Materie eingeführt. werden, mit welchem Eifer und mit welcher Liebe, aber auch mit welch glänzendem Erfolge hier an jungen jüdischen Seelen gearbeitet wird. Düs '! Verhör schloß mit einer flamyrenden Ansprache 'des Leiters, die, von tiefster Liebe zur heiligen Sache und zu den Kindern getragen, von dem Mussarfchwung aus Telfch ' und Radin beseelt, tiefsten Eindruck auf Klein und Groß, machte. Freilich gab es zu Rekorden der Leistungen auch einen Rekord an; Arbeit und Anstrengung^ und hier j setzte der Appell an die Rabbiner, an die Väter, an die Schweiz und auch an das Ausland ein, das grandiose 1 Werk> dessen finanzielle Sicherung die Kraft 'ein'es Menschen übersteigt, auf seiner Höhe zu erhalten und> noch weiter hinan zu führen.