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Der Israelit · 1930-10-06 · Heft 41 (6.10.1930) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 41 (6.10.1930)
Date
1930-10-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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6. Oktober 1930 Der Israelit Nr. 41. 'oeite 7 <£ i n ft c i n , ferner der Generalsekretär des internationalen Gewerkschaftsbundes, für die französischen Sozialisten Jean Longuet das Wort. Der Sekretär des allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbundes, Alexander 5t n o 11, hielt eine interessante Ansprache, in der er u. a. sagte: „Der Kongreß möge nicht glauben, daß die palästinensischen Schwierigkeiten ein spezifisches Problenr darstellen. Auch wir in Deutschland haben unsere Araber. Wenn bisher relativ — ich betone ausdrücklich relativ — noch nicht so viel Blut geflossen ist, wie in Palästina, so kann, was heute nicht ist, morgen noch werden. Der Redner verwies auf Hitlers Leipziger Ausspruch, daß „Köpfe in den Sand rollen" werden, und fuhr mit Nachdruck fort: Aber die deutsche Arbeiterschaft wird, geeint im Gedanken des unverfälschten Sozialismus, geschult in gewerkschaftlicher Solidarität, die ihr drohenden Gefahren überwinden. Ihr Kongreß tagt in einem Hause, welches den Namen „ehemaliges Herrenhaus" führt. Die „ehemaligen Herren", die früher hier gesessen haben, das sind unsere Araber-Scheichs. Dieses Haus ist heute wohl „ehemals", die Herren aber sind leider noch nicht „ehemals", sie entwickeln eine lebhafte Tätigkeit, mn mit Hilfe Irregeleiteter unseres Volkes ihre frühere Stellung zurückzugewinnen. Die deutsche Arbeiterschaft wird mit ihren Araberscheichs ebenso fertig werden, wie die palästinensischen Arbeiter mit den dortigen Scheichs. Ich fühle mich gedrängt, Ihnen nahezulegen, die große Arbeit, vor der Sie stehen, nicht durch verhältnismäßig geringfügigere Interessen, durch einen Sprachenstreit, zu hemmen. Lassen Sie uns eine allen verständliche Sprache sprechen: die Sprache des Sozialismus." Die Sonntag-Vormittagssitzung brachte eine geistreiche Ansprache des Dichters Ernst Toller und alsdann ein wertvolles Referat von Dr. Arthur Ruppin über die soziale Struktur des jüdischen Volkes. Einige Ziffern aus dem Referate bringen wir an anderer Stelle. Es folgten dann weitere Ansprachen nichtjüdischer und jüdischersozialistischer Vertreter aus Rußland und Belgien. Nach der Bildung des Präsidiums sprach M. Eren über das jüdische Wanderungsproblem. Es war eine radikale Brandrede gegen den „englischen Imperialismus", für den Palästina nur strategische Bedeutung habe und die Verkündung des ,Programnres, man müsse sich bemühen, an der Seite des arabischen Proletariats den 5tampf gegen den arabischen Feudalismus und für eine sozialistische Bodenreform durchzuftthren. # * * Berlin, 1. DU. Am Dienstag nachmittag setzten sich einige Redner noch einmal mit der Linken auseinander, die eine Zusaminenarbeit mit den bürgerlichen Schichten im Zionismus ablehnen. Von diesen radikalen Methoden sei man längst sogar in Sopjet-Rutzland abgekommen. Der Kongreß möge sich auf die Unterstützung der Palästina-Bewegung beschränken und sich die Mithilfe der jüdischen Arbeiter sichern, ohne in die Partei-Politik der Arbeiter einzugreifen. Ein 5tampf gegen die zionistische Bourgeosie wäre unheilvoll. Demgegenüber gibt ein Führer der Linken seinem Erstaunen Ausdruck, daß der Kongreß kein Wort der Kritik gegen die 5tolonisten in Palästina gefunden hätte, die die jüdischen Arbeiter boykottieren. Die Linke beziehe sich nicht auf Herzl und sehe das Ziel des Zionismus nicht allein in Palästina. In Palästina sei der 5tampf für die Arbeiter zusammen mit den arabischen Arbeitern zu führen. ' Es wurde dann eine Reihe von Resolutionen angenommen. Die eine wünscht friedliche Zusammenarbeit mit den Arabern, aus der allein Segen für beide Teile ersprietzen kann. Es wurde auch ein Manifest an die jüdischen Volksmassen verlesen. Mit einer Schlußansprache Mn-Garion wurde der Kongreß am Mittwoch, 1. Oktober, 10 Uhr vormittags geschlossen. Die. Linke stimmte die Internationale an, die anderen gingen nach Hause, wohl um sich zur Kol-Nidre zu rüsten. Delegiertenlag des deutschen Attsrachi. Berlin, 30. Sept. Vorgestern fand der Delegiertentag des deutschen Misrachi statt, an dem 41 Abgeordnete der Gruppen und sieben Mitglieder der Landeszentrale teilnahinen. Die Versammlung hatte die Frage zu entscheiden, ob der deutsche Misrache sofort aus der Weltorganisation austreten solle, oder ob noch einmal ein letzter Versuch zu unternehmen sei, eine Neuprientierung der Weltorganisation in politischer, organisatorischer und finanzieller Hinsicht im Sinne der Anträge der deutschen Landsmannschaft herbeizuführen. Mit 33 gegen neun Stimmen wurde in letzterem Sinne entschieden. Die gleichgesinnten- Misrachisten aller Länder Die Woche. Berlin. Das Kollegium der Berliner G e - meinderabbiner hat an den Vorstand der jüdischen Gemeinde das Ersuchen gerichtet, mit aller Energie dahin zu wirken, daß für die auf den 30. Nov. vorgesehenen Gemeindewahlen und für die Wahlen zum preußischen Landesverband jeder Wahlkampf vermieden und eine Einheitsliste ausgestellt werde. Dresden. Unter dem Drucke des Antisemitismus find die hier bestehenden gemeindepolitischen Differenzen ausgeglichen worden. Alls Mitglieder der Gemeinde, auch die ausländischen, werden Wahlrecht erhalten. Für die Neuwahlen wird eine gemeinsame Liste der Liberalen und der jüdischen Volkspartei aufgestellt. München. Die bayr. Regierung hat einen nationalsozialistischen Stadtratsbeschluß in Koburg/ der den jüdischen Mitgliedern des Wohlfahrtsausschusses ihre Aemter rauben wollte, als ungesetzlich annulliert. Men. Der amerikanische Industrielle, Jos. Jul. Krau s, hat dem jüdischen Krebsforscher, Dr. S a l z - b o r n in Wien, 1 Million Dollar zur Errichtung eines Forschungsinstitutes zum Ausbau der Krebsheilmethode Dr. Salzborns zur Verfügung gestellt. London. Der High Commissioner von Palästina, Sir John Chancellor, hat die Rückreise nach Palästina angetreten — Das neue Gebäude des Asyls für Durchwanderer ist durch den Präsidenten Otto Schiff und Dajan F e l d - mann eingeweiht worden. Jerusalem. Der neue Chefsekretär der Palästina-Regierung, Mark 5) o u n g, hat sein Amt angetreten. Er übernimmt zugleich die Stellvertretung des High Commissioner als Nachfolger von Sir Stuard Davis, der als Schatzmeister der Regierung fungiert. — Ein Angestellter des palästinensischen Hilfsfonds, der 45jährige Elijahu Wischnewsky, ist im Tale Kidron erschossen aufgefunden worden. Die Polizei nimmt Selbstmord an, doch glauben Eingeweihte an einen Mord. Belgrad. Am 28. September wurde auf dem jüdischen Heldensriedhof in Zagreb das von der dortigen „Chewra Kadischa" gestiftete Denkmal für die jüdischen Opfer des Weltkrieges eingeweiht. Vertreter der jugoflavischen Armee, der Organisation jugoslavischer Reserveoffiziere und Krieger, sowie der Zivilbehörden, haben an der Feier teilgenommen. Tel-Awiw. Bei der Aufführung des Tonfilms in jiddischer Sprache, betitelt „Die jüdische Mutter", an einem der großen Filmtheater von Tel-Awiw kam es zu sehr schweren Ausschreitungen seitens jugendlicher Kreise, die gegen Jiddisch und für Hebräisch eintreten. Die Demonstranten, die sich meist aus Jugendlichen zusammenfetzten, schleuderten Tintenfässer und Stinkbomben gegen die Leinwand, brächen in Zischen und Pfeifen aus, sobald jiddische Textworte von der Leinwand ertönten. Die britische Polizei half den lokalen Behörden bei der Herstellung der Ordnung und nahm mehrere Ruhestörer fest. Nelvyork. Im Alter von 74 Jahren ist der amerikanische Kupferkönig und Philantrop, Daniel Guggenheim, gestorben. Er hat einer von ihm gegründeten Wohlfahrtsstiftung interkonfessioneller Art Millionen von Dollar zugewandt, außerdem mit einer großen Summe das amerikanische Flugwesen bedacht. Genf. Der tschechoslovakische Außenminister, Dr. Bene sch, erklärte einem Vertreter der ITA., daß die Prager Ereignisse einen durchaus zufälligen und vorübergehenden Charakter trügen. Der Antisemitismus habe in der Slovakei keinerlei Boden. Paris. Hier fand eine Tagung des Conseils der Jca in Verbindung mit einer Generalversammlung statt. Die Tagesordnung enthielt nur Regularien. Die nächste Sitzung des Conseils soll im September in Paris stattfinden. sollen zu einer Aktion gesammelt werden, die bei dem nächsten allgemeinen Misrachi-Tag durchzudringen versuchen wird. Gelingt das nicht, so wird der deutsche Misrachi seinen Austritt aus dein Welt-Misrachi erklären. In die Landeszentrale wurden gewühlt: die Herren Alexander Adler, Isi Eisner, Ma.r I. Kober, Edmund Löwy, Prof. H. Pick, Dr. Werner Silberstein, Dr. Snlzberger und Dr. Oskar Wolfsberg. Hilfsverein der deutschen Juden. Berlin, 3. Oktober. Unter Vorsitz des Herrn Dr. James Simon fand eine Sitzung des Geschäftsausschusses des Hilfsoereins statt, in der der Generalsekretär, Dr. W i s ch n i tz e r , über die Lage der rumänischen Juden und über die Tagung der Internationalen Konferenz für Wandererschutz in Genf berichtete. Dem Hilfsverein für jüdische Durchwanderer in Köln wurde eine Subvention bewilligt. Der Sabbat bei Amerikareisen. Hamburg, 23. Sept. Der Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser e. V., Hamburg, teilt mit, daß die Dampfer der Ballinklasse der Hapag von Mitte November ds. Is. an einen Tag früher von Cuxhaven abfahren, daher nicht mehr am Sonnabend, sondern am Freitag in N e w Port ein treffen. Die Landung der Passagiere wird mithin' im allgemeinen -im Laufe des Freitagoornrrttags stattfinden. Demnach entstehen in Zukunft jüdisch-religiösen Fahrgästen keinerlei Schwierigkeiten bei der Landung in New Park. Was die sog. Kajütsschiffe betrifft, so erfolgt die Abfertigung der ausreisenden Passagiere von gleichem Zeitpunkt an ani Freitag-Soun abend, die A n k u n s t in N e w P o i f a m Mittwoch bzw. Freitag. Wenn in dem einen oder anderen Falle ein jüdischer Passagier erst am Sonnabend zur Abfertigung in Hamburg kommen sollte, wird die Hapag es ermöglichen, daß etwa erforderliche Unterschriften später nachgeholt werden. Auch den Passagieren der Kajütsschiffe entstehen demnach weder bei der Abfahrt noch bei der A n t u nf 1 irgendwelche Schwierigkeiten. Aeutzerungen des Reichsinnenmimsiers Dr. Wirkh. N e w y v r k. 3. Oktober. Die amerikanische Presse veröffentlicht ein Interview, das der Reichsminister des Innern, Dr. Wirth, dem Chefredakteur der Jewifh Telegraphie Agency in Newyork, Herrn Jacob Landau, auf dessen Bitte gewährt hat. Zu Eingang der Unterredung führte der JTA-Vertreter aus, daß das Resultat der Wahlen zum deutschen Reichstag die ganze jüdische Welt in Unruhe versetzt habe; man befürchte, daß infolge des überraschenden Anwachsens der nationalsozialistischen Stimmen eine antisemitische Welle Deutschland überfluten könne. Es wäre bedeutungsvoll zu erfahren, wie die Reichsregierung sich zu dem Problem stellt. Der Herr Reichsminister erwiderte, daß ein Grund zur Beunruhigung nicht vorhanden wäre, da die Reicksregierung von ihrer bisherigen Haltung nicht abweichen und sich in keinem Falle in ein antisemitisches Fahrwasser treiben lassen werde. Auf die Frage, wie ein so erstaunlicher Stimmungsumschwung zu erklären sei, wies der Herr Reichsminister auf die große wirtschaftliche Not hin: der Zuwachs der nationalsozialistischen Stimmen bedeute einen gewaltigen Protest gegen diese No.t Er glaube durchaus nicht, daß alle diejenigen, die ihre Stimmen für die Nationalsozialisten abgegeben haben, damit sich als enragierte Judenfeinde haben dokumentieren wollen. Eine aggressive antisemitische Stimmung, die etwa zu Ungerechtigkeiten oder gar Gewalttätigkeiten führen könnte, sei nicht vorhanden. Die Regierung könne für die Ruhe im Lande bürgen. Es war stets ihr entschlossenes Bestreben, den deutschen Staatsbürger ohne Rücksicht aus sein Glaubensbekenntnis zu schützen. Darin sieht die deutsche Republik ihre Ehre engagiert, und zu diesem Schutze aller Staatsbürger sind wir nicht nur willens, sondern auch fähig. Oesterreich. Philipp halsmaim begnadigt. ' * Wien, 1. Oktober. Der Bundespräsident Oesterreichs, Professor Miklas, hat den Begnadigungsakt für Philipp H a l s m a n n unterzeichnet; der Akt wird heute anläßlich des Iomkippur-Feiertages amtlich publiziert. Die Begnadigung Halsmanns war der letzte Akt des zurückgetretenen Kabinetts Schober. Mit der Begnadigung und Freilassung Philipp Halsmanns hat die „österreichische Dreyfus-Affäre" eine menschlich befriedigende Lösung gefunden, indem wenig-

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