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Der Israelit · 1930-10-06 · Heft 41 (6.10.1930) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 41 (6.10.1930)
Date
1930-10-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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6. Oktober 1930 Der Israelit Nr. 41. Leite 5 sichtbar allmählich aus, um dann plötzlich, ausgelöst durch irgendein äußeres Ereignis, in die Erscheinung zu treten; die Kriegsbegeisterung von 1914 hat uns hierfür ein Beispiel gegeben. Wecken wir die Triebkräfte für das Werden der öffentlichen jüdischen Meinung, wecken wir den jüdischen Morgen!). Die Konservativen im preußischen Landesverband. Von Ben Scholaum. In Nr. 36 Ihrer Zeitung glaubt „Ben Aron" an seiner Behauptung betr. Verbandszugehörigkeit und Frauenwahlrecht festhalten zu müssen. In diesem Sinne hält er sich nach wie vor verpflichtet, die Konservativen im Preußischen Landesverband auf die große. Verantwortung hinzuweisen, die sie bei Zustandekommen solcher Beschlüsse übernehmen. Wie weit die Anschauungen von Ben Aron hinsichtlich Frauenwahlrecht und Zwangszugehörigkeit rechtlich haltbar find, wird sich Zweifel-, los bald Herausstellen, Heute veranlaßt mich jedoch fein wohlgemeinter Warnungsrüf zu einer prinzipiellen Betrachtung, die ich im Interesse aller Derjenigen für wichtig erachte, die, wie ich, durch die Zugehör i g k e r t z u i h r e r H e i m a t g e m e i n d e, Mitglieder des Preußischen Landesverbandes geworden sind, ohne sich nach ihrer pers ö n l i ch e n § e s i n n ü n g d -e r Gemeinde- Orthodoxie z u z u r e ch n e n. Daß es im Leben der jüdischen Gesamtheit, speziell aber innerhalb der strenggläubigen Glaubensgenossen zu einer Trennung und Absonderung in AustrittsNemeinden kommen mußte, wird jeder gewissenhaft und aufrichtig denkende Jude im tiefsten Herzen bedauern. Ueber diese Tatsache hinaus jedoch wollen wir nicht vergessen, daß wir alle doch ein einheitlich verbundenes Volk von Brüdernsind, die durch ihre Vergangenheit und Schicksalsgemeinschaft, nicht aber zum wenigsten durch ein gemeinsames mefsianisches Ziel aneinander gebunden sind. „Kinder, seid ihr eures G'ttes, ihr sollt euch nicht Zerschneiden!" Handelt es sich doch zumeist um Glaubensgenossen, die auch.sonst im Leben durch ihre ehrenhafte Gesinnung, durch Tüchtigkeit und Klugheit und ihre ganze soziale Stellung hervorragen und mit denen zu verkehren und zu arbeiten, im allgemeinen durchaus angenehm ist. Wenn >ste es für richtig gefunden haben, die eine, unteitbare Thora zu einer täble d’höte zu gestalten, an welcher a 1a carte gespeist wird, wo links der Altar der vermeintlichen Aufklärung und rechts dar Altar des vermeintlichen Rückschrittes steht, so können wir ihnen dahin nicht folgen. \ Wir müssen das Leben unserer Gemeinden rein hakten; bildet doch die Gemeinde den unsterblichen , und klaren Quell lebendigen Wassers, der uns und die uns nachfolgenden Geschlechter tränken, soll. . Aber darüber hinaus muß ich jede Trennung aus, Gründen der wahrhaften Religiosität und der höchsten. Gewissenhaftigkeit ablehnen. , - Die Zugehörigkeit zu einer G e m e i n d e ist zugleich ein G l aü b e n s b e k e nn t n is. Mit meinem Steuergroschen, den ich ihr zahle, gebe ich nicht nur meine Hand, sondern auch mein Herz zugleich. Indem ich ihr zugehöre, billige i ch d ie relig i ö s e A n s chau u ng , d i e durch' sie vertreten wird und bekenne mich, hier zu. Anders ist. die Zugehörigkeit zu einem L a n d e s v e r b a n d. Wenn es auch Verbände gibt, die, wie derHalberstadter (ustddas ist selbstverständlich das^ wünschenswertste) aus gleichgesinnten Gemeinherr Zusammengesetzt sind, (obgleich auch in diesen Gemeinden liberale und streng konservative Juden zusammen leben) so ist der Preußische Landesverband aus Gemeinden aller religiösen Schattierungen gebildet worden. . Indem ich aber durchmeine Gemeind e dem Preußischen Landesverband angehöre, bekenne ich mich damit in keiner Weife zu irgend einer „Richtung" innerhalb des Judentums. Der zionistische Jude, der Mitglieddes Landesverbandes geworden ist, gibt damit auch kein Jota seiner Weltanschauung auf; im Gegenteil sucht er alle anders Gesinnten von der Erhabenheit und Richtigkeit seiner Ideen zu überzeugen und wird alles, was seiner Gesinnung widerspricht, nicht gelten lassen. Beschlüsse des Plenums, die sich damit nicht decken, lehnt er ab und hat damit de facto ausgesprochen, daß die Verantwortung für solche Entscheidungen nicht übernimmt. Auch er hätte es sicherlich begrüßt, nur mit gleich gesinnten Glaubensbrüdern zusamimen verhandeln zu können, trägt aber wohl oder übel der Tatsache Rechnung, daß seine Gemeinde, in welcher ja auch Juden verschiedener religiöser Anschauungen leben, ihn auf -eine Plattform gestellt hat, die es ihm nicht ermöglicht., nach seinen Idealen zu handeln, sondern wie es die Umstände erfordern, selbst wenn sie ihm nicht Zusagen. Er hat damit seiner religiösen Gewissenhaftigkeit vollständig Genüge getan. Der Preußische Landesverband bildet in diesem Sinne lediglich ein Parlament und keine Gemeinde. Niemand kann durch eine Zugehörigkeit zu diesem Parlament ein Religionsbekenntnis nach irgend einer Richtung hin konstruieren, wie es bei der Gemeinde der Fall ist. Wenn diese Ansicht nicht richtig wäre, so müßten ja Mitglieder der jüdischen Gemeinden-, die sich dem Preußischen Landesverband anschließen, (in diesem Falle allerdings lediglich die sogenannten Austrittsorthodoxen) in gleicher Konsequenz auch aus ihren Gemeinden austreten. Wo sollte aber das Ganze hinführen? Wohin soll die Trennung und Spaltung getrieben werden, die uns doch allen gleich unheilvoll erscheint und schließlich der Gesamtheit unheilbaren Schaden zufügt? Dies allein ist der Grund-, der mich veranlaßt, diese Frage in aller Ausführlichkeit zu behandeln, und deshalb möchte ich sagen, auch im Geiste dessen, der die erste Austrittsgemeinde in drangvoller Zeit geschmiedet und ausgebaut hat: An den Mauern unserer Gemein - den m u ß d i e T r e n n u n g a üf höre n." Wenn man auch glaubt, nach Bes Schamai irr letzter Konsequenz Gefahren und Unklarheiten aus solchem Zusammenschluß befürchten zu müssen, (die nicht vorhanden sind), hier muß nach Bes Hillel entschieden werden-, weil sonst die jüdische Gesamtheit zugrunde geht. Unsere Weisen sagen: „Man verhänge keine Geseroh über einen jüdischen Zibbur, bei dem er nicht bestehen kann!" Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde ist ein r e l i gi ö s e s Bekenntnis — die Zugehörigkeit zu einem L a n d e s v e r b a n d m i tnich-ten! Daß manche meiner religiösen Gesinnungsgenossen sich mit dem Inhalt dieser Zeilen nicht Einverstanden zeigen werden, dessen, bin ich mir heute schon bewußt. Daß man nicht ganz mit Unrecht und Bitterkeit auf die lieblosen Aeußerung-en Einzelner Hinweisen wird, die im Preußischen Landesverband gegen Halberstadt ausgesprochen wurden, ist auch anzunehmen, obwohl bei den Tagungen immer und immer wieder in den Bechlüssen des Plenums der Wille zum Ausdruck gekommen ist, mit Halberstadt gemeinsam zu arbeiten. Suchen wir die Brücke zu finden, durch gegenseitige Achtung und brüderliches Zusammengehen zum Wöhle der Gesamtheit gemeinsame Wege zu suchen, wenn auch jeder „bei seiner Fahne lagern wird." — I n bi e s e m Si n n e j e d o ch i st e s eine S e l b st v e r st ä n d l i ch k e i t, d a h i m Preußischen Landesverband d i e religiöse Autonomie der Gemeinden und das re l ig i ö s e G e w is f e n d e s E i nzelnen nicht angetastet und belastet wird. Ueber den Schulchan Aruch kann nicht nach der Majorität abgestimmt werden. (Anmerkung der Redaktion. Der Verfasser des vorstehenden Aufsatzes gehört einer in ihren Institutionen und ihrer Führung streng gesetzestreuen Gemeinde an, die jedoch dem Berliner Landesverband beigetreten ist. Unseres Wissens ist bisher noch von keinem rabbinischen Führer der selbständigen Orthodoxie die Behauptung aufgestellt worden, daß in einem solchen Falle der Einzelne halachisch verpflichtet sei, aus ‘ feiner Gemeinde auszutreten. Die Polemik hiergegen erscheint also gegenstandslos. Ob dagegen der Unterschied, den der Herr Verfasser konstruiert zwischen dem BekenntNischarakter einer Gemeindezugehörigkeit und den bekenntnislosen, rein parlamentarischen Charakter eines Zusammenschlusses von Gemeinden in einem Verbände, haltbar ist, möchten wir nicht ohne weiteres entscheiden. Jedenfalls folgt aus dem Schlußsatz der vorstehenden Ausführungen, den wir nur kräftig unterstreichen können, daß die gesetzestreue Minderheit im Landesverband eine zwangsweise Einführung des Frauenwahlrechts unter keinen Umständen dulden kann.) Zur Frage der jüdischen Restaurakionsbetriebe. Zu dem jüngst an leitender Stelle veröffentlichten Notruf des Herrn Julius Löwenthal in E f ch we g e schreibt uns der „Verein jüdischer Hotelbesitzer und Restaurateure": Nicht erst jetzt, schon seit Bestehen unseres Vereins, also feit 6 Jahren, wenden wir uns immer wieder an die jüdische Oeffentlichkeit im Sinne eines stärkeren Besuchs unsrer Häuser. Wir haben uns im letzten Jahre an Vereine und Logen gewandt, vor kurzem an alle deutschen Rabbiner und schon oft an die Presse, die sehr oft ihre Aufgabe nur darin sieht, aus Mißstände hinzuweisen, anstatt auch positiv für uns zu werben (nicht nur im bezahlten Inseratenteil). Der Widerhall aus dem Publikum ist sehr gering. Wir stimmen selbstverständlich der Tendenz des Artikels des Herrn Löwenthal zu, aber in wichtigen Fragen irrt der Herr Verfasser. Es gibt nicht nur wenige Kur- und Badeplätze, sondern eine große Zahl, mit sehr gut geleiteten, erstklassig geführten jüdischest Hotels in Deutschland, aber selbst diese rentieren zum größten'Teil nicht. Die orthodoxen Gäste dieser Häuser tragest hieran auch Schuld. Man wohnt eben, selbst weM. das jüdische Haus noch fo viel Bequemlichkeiten bietet, sehr oft lieber im christlichen Hotel mit dem klingenden Namen. Man strübllückt dort und' nimmt'uuchchort das milchigtrefene Souper ein. Der jüdische Hotelier ist gut genug, das Mittagessen — selbstverstanMch ohne Getränk —- verabfolgen zu dürfen. Hunderte.. Male erleben wir jüdische Gastwirte es, daß man uns gegenüber den christlichen Häusern zurück- Das ist ein Krebsschaden, denn gerade am Frühstück und am Logis wird verdient. Gegen diesen Unfug des mitchig-trefenen Essens einzuschreiten ist eine Ausgabe, der sich die Herren Rabbiner immer wieder unterziehen müßten. Von der geradezu beschämenden Gleichgültigkeit der liberalen Juden in dieser Beziehung ganz zu schweigen, die selbst heute, in der Hochflut des Antisemitismus, noch im christlichen Haus wohnen und essen, wo sie lieber einen Hakenkreuzler als Gegenüber mit in Kauf nehmen, statt sich auf das so oft im Munde geführte Judentum zu besinnen und dorthin zu gehen, wo sie gerne gesehen und gut ausgenommen sind und wo es auch nicht teurer ist, ins jüdische Hotel oder Restaurant.

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