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Der Israelit · 1930-10-06 · Heft 41 (6.10.1930) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 41 (6.10.1930)
Date
1930-10-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4. Nr. 41. Der Israelit 6. Oktober: 1930 Grundforderung a l l e s Lebendigen, nicht nur in der Religion, sondern auch in der Kunst, in der Arbeit, im Denken und Forschen, im Sprechen, in der Erziehung, in der Heilkunde usro. Wenn Du also die'höchste Stufe Der Lebensvollkommenheit im Gebet, in der Annäherung an G'tt, den Nur-Lebendigen, erreichen willst mußt Du imstande sein, beim Beten Dich mit jedem anderen betenden Juden zu identifizieren, jeden anderen betenden Juden an Deine Stelle zu setzen. Dies übe folgendermaßen: Du hast in den Uebungen. der fünften Stufe die lebendige Gebeiskraft, die von Dir ausstrahlt, erlebt. Es könnte nun jemand daran denken, mit dieser Ausstrahlung andere Juden unmittelbar suggestiv oder gar hypnotisch zu beeinflussen. Dies würde den anderen zwar zum Betenden, aber zu einem solchen Beter machen, der nur als willenloses und unlebendiges Werkzeug des Suggerierenden betet. Zwang erzeugt niemals Leben, gleichgültig, ob er durch Gewalt oder durch Suggestion ausgeübt wird.- Wenn in dem -anderen Juden nicht der eigene lebendige nationale Trieb zum Gebet geweckt wird und dieser Trieb ihn zum Beten treibt, bleibt sein Gebet tote Lippenbewegung. Aus sich selbst heraus, muß bei. dem. anderen der Trieb wachsen. Du mußt daher das Selbst des anderen werden und nun in Dir als dem anderen den Trieb und die Lebendigkeit des Gebets wachsen lassen, wie Du es bei Dir in den vorausgegangenen fünf Gebetsstufen getan hast. Wähle Dir hierfür in Deinem Minjan eine bestimmte Person aus; stelle Dir in Deiner Phantasie so lebhaft, wie möglich, vor, Du wärest diese andere Person,- fühle physisch, wie von dieser Person lebendige Kraft ausgeht und in Dich einstrahlt: am meisten wirst Du die Einstrahlung in Höhe Deiner Brust spüren; je mehr Du ihre Kraft in Dich einstrahlen läßt, desto mehr wirst Du die andere Person. Am besten wähle Dir den Schliach Zibbur (sog. Vorbeter) aus, weil Du schon mit der an Dich heranftutenden Stimme seines Vorbetens und getragen von ihrer Kraft an Dich Heranströmen fühlst. Gerade in seinem Vorbeten, etwa bei der Wiederholung des Achtzehn-Gebets (der Sch'maunoh-Esrei), wirst Du am leichtesten in ihm und als sein Ich die Uebungen der ersten fünf Gebetsstufen erleben können. Je mehr seine Lebenskraft Dich voll ausfüllt, je lebendiger Du Dich daher in den Gebetsübungen mit ihm zu identifizieren vermagst und in ihm die fünf Stufen aufsteigst, desto lebendiger wird Dein eigenes Gebet, desto lebendiger der Gebetstrieb der Gemeinschaft, desto triebhafter, lebendiger, herrlicher das Beten Deines Volksgenossen, Deines Schliach-Zibbur, mit dem Du Dich identiMerst. AllmäWch'wirst Du die. Fähgreit lernen, anstatt Dein Ich mit dem Ich einer bestimmten Person einzutauschen, eine unbestimmte beliebige jüdische Volkszelle zu Deinem Ich zu erwählen und von ihr Einstrahlungen zu empfangen. Es wird dann schließlich nicht meM Hne einzige Jndivh dual-Zelle [eifth mit derMuhDich AentiftzierM sondern Zöllen Das Volk, '^em- Du zugehörst, daskollektive weite unendliche Leben, in dem Du eingebettet strömst. Auf dieser Stufe hast Du im Gebet die Schranken Deines Für-Dich-Seins niedergerissen. Dein Gebet hat die Fesseln des Körperlichen, des. Individuellen gesprengt und die Verbindung mit dem Nur-Lebendigest dem Ganzen, dem Einzig Einen, dem Einen Einzigen errungen. Unendliche Lebenskraft strömt von ihm auf Dein Volk, das heißt: aus Dich, nieder. Die sechste Stufe führt Dich zur Vollendung des Betons; Du bist damit in den zweiten Abschnitt der. K'wonoh, in das innere Schauen G'ttes einge-, treten. (Nachwort des Verfassers: Vorstehende Aufsatzfolge ist durch die Ungeduld einer Anzahl meiner Leser veranlaßt. Sie haben m meinen Aufsätzen soviel von der Forderung vernommen, die Thora müsse als lebendige Bewegung des. lebendigen jüdischen Volksorganlsmus, nicht als Gesetz, verwirklicht werden, daß sie oft die Frage gestellt haben, wie man dies mache, wie man zur kollektiven Thorabewegung gelangen könne. .Gruudfä,tzlich,;chag dazu - beWerkt Mrden, dptz, Erleben überhaupt nicht Ohrbar ist""es können höchstens in der Seele die Geleise, die zum Erleben führen, ausgebaut und geglättet werden. Wenn jemand trotz solcher Hilfsmittel kein Erleben verspürt, so fehlt ihm eben die Erlebnisfähigkeit; er darf diesen seinen Mangel aber nicht den dargebotenen Hilfsmitteln zur Last legen. Er wird die Erlebnisfähigkeit einst bei Verallgemeinerung der kollektiven Thorabewegung von selbst — mit der Gesundung des gesamten Volksorganismus — erlangen. Das Verständnis der Uebungen wird dadurch erschwert, daß zuvor in weiteren Artikeln die Voraussetzungen für die Anschauungen, auf denen die Uebungen beruhen, hätten geschaffen werden müssen. Die Ungeduld der Leser möge die Vorwegnahme entschuldigen. Sie mögen, dann aber auch da schwerer Verständliche als gegeben hinnehmen, so wie man einfach, ohne nach dem Warum zu fragen, eine nährende Speise genießt. Die Gebetsübungen sind ein Ausschnitt aus einem größeren Werk des Verfassers mit dem Titel „Uebungen der Seele". Es geht von Absichten aus, die denen des bekannten Buches „Exercitia spiritualia" („Uebungen des Geistes") Des Ignatius von Loyola, des Begründers' des Jesuitenordens, entgegengesetzt sind. Ignatius wollte Geist und Willen, meine UebungestWllen das Unbewußte, Seele und Trieb, formest';-. Für jede Stufe find m >i n d e st e n s zwM Wochen Uebungszeit zu rechnen, eine Woche'W die -Versuche/ bis die UebuM glückt, und eine Woche -für die Ausführung, füUdeu ganzen ZyklMMo' mindestens ein Vierteljahr. Nicht eher zur nächsten Stufe fortfchroiten, bis die vorhergehende vollständig sicher ist. Keine Stufe überschlagen. Uebungszeiten sind die.-drei Hauptgebetszeiten '.des Tages. Keine GöGtszeitals Uebungszeit. auslaffen. Die Muße dafür muß eben vorhanden fein; sonst beginne gar nicht erst mit den Uebungen. Die Sabbate und- Festtage bleiben übungsfrei. Den Erfolg einer. Uebung darf man glicht wollen, noch weniger: erzwingen wollen. Es muß alles wie von selbst, mühelos emtreten. Wenn Du den Erfolg will st, wird erdferner -als je fein. Der Wille erzeugt sofort im,.Unbewußten eine Gegenströmung, die den Erfolg verhindert. Es ist wünschenswert und vielleicht auch Notwendig, nach Beendigung sämtlicher Uebungen den Zyklus von Zeit zu-Zeit zu wiederholen. , j. Die Vorstellung vom Inhalt des BeteNs, vom i Gebet, gehört nicht zur K'wonoh. Der Inhalt ist » für den Gebetstrieb genau so selbstverständlich wie beim Atmen die Art und Zusammensetzung des gasförmigen Gebildes, das wir Luft nennen und dessen-Analyse für das Atmen undfeinen? Trieb gleichgültig ist. Wenn der GebetMhalt - anders wäre, als er es (von altersher) tatsächlich ist, würde das jüdische Volk ihn als Gebet gar. Nicht sprechen. Auf solche Gebete würde eben der Gebets tr i e b nicht reagieren. Nur der Forschungsdrang des Menschen läßt ihn nach dem Inhalt fragen und diesen analysieren. Dieser Forschungsdrang hat eine eigene Bedeutung im Lebendigen, die mit dem Gebetstrieb nicht vermengt werden darf. Die Frage der Einreihung des Gebets in eine objektive Form, d. h. die Frage des G'ttesdien- ’ stes, ist hier ebenfalls auszuschalten. In ähnlicher Form und gleicher Stufensolge wie das Beten lassen sich alle Mizwaus üben, ja sogar die Bewegungen der Arbeit, die des Denkens und Forschens und die des Sprechens. Alle sind sie in gleicher Weise kollektiv. Das Allheilmittel sind solche Uebungen aber nur, wenn sie , die jüdische Gesamtheitsseele zu formen imstande sind. Die jüdische Gesamtheitsseele äußert sich in der öffentlichen Meinung, in der öffentlichen jüdischen Meinung; diese wird nickst durch die verstandesmäßige Ueberzeugung, sondern durch seelische Triebkräfte gebildet. Sie breitet, sich unzwär ein sehr guter Arzt, ein friedfertiger Mensch, weder juristisch noch menschlich . noch kollegial läßt j sich etwas gegen ihn einwenden, seine Praxis ist--vom volfsgefundheitlichen Standpunkt für dey-z-Art^An: '-Vorteil, denn er ist zweifellos der beste Arzt in 'der Gegend, aber — er ist Republikaner und Jude. 'Er'hängt a>n Verfassungstage die..Fahne ,der Republik aus-dem - Fenster. Der Herr Apotheker stellt an jedem Geburtstag Ludendorffs dessen,'-Bild,: feierlich bekränzt,., in has -..Auslabefenster und "illuminiert es am' Abends Er flaggt an „nationalen" Festtagen seine Apotheker-nnt: emeni Hatecktreuz, er findet, daß die Verfassungstreue des jüdischen Arztes eine Provokation ist: die anderen Aerzte murren, daß am Verfassungslage außer den amtlichen Stellen auch ein Arzt schwarzrotgold flaggt. (12 Millionen Bibeln im Jahre 1929 verlauft.) Laut dem ^Jahresbericht der Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft wurden im . letzten Jahre 12 neue Bibelausgaben veranstaltet, darunter zwei für Asien, zwei für die ozeanischen Länder und acht für Asrikg. Die Gesamt-! zahl der von der Gesellschaft veranstalteten Ausgaben beläuft sich uuf 630. Im Jahre- 1929 wurden über eine Million vollständigst Bibelexemplare, über eineinviertel Millionen Exemplare des Neuen Testaments und 9 795 000 Exemplare? einzelner Bibelteike abgssetzt. Im Ganzen wurden 1929 775 000 Bücher mehr verkauft als 1928. Die ägyptische Vertriebsstelle, welche -Nordostafrika und einen. Teil von Asien versorgt, hat rund 150 000 Bücher in '92 Sprachen ausgegeben. In Palästina und Syrien wurden die Ausgaben der Heiligen Schrift von Christen, Mohammedanern und Juden getauft. Ein Vertreter, der Gesellschaft hat vier Reifem nach Kleinpsien unternommen und ist dabei in. Gegenden gekommen, die vorher noch kein Fremder betreten hat. Rußland ist das einzige Land, das dem Bibelverkauf verschlossen bleibt. (Erinnerungen von Franz Oppenheimer.) Professor :Frgnz Oppenheimer "setzt im llnterhaltüngsblatl der „Voss. Zeitg," (Nr. 224) seine von der. Oeffentlichkeit mit stay^ tem Interesse äüsgenommeNen Erinnerungen fort, die dies^- mal eine. „Fahrt nach Ober-Ost" zum Gegenstände.-haben. All" Leiter des „Komitees für den Osten" würden Oppenheimer und Justizrat Bodenheimpr, Köln -.inZ Hauptquartierdes Oste'n's! .'t/emstn. In-»Radom äuge-' laugt, berichtet Oppenheimer, meldeten wir, uns bei Exzellenz Ludendorff. Damals hatte ich den allerstärtsteii Eindruck von der Gedantentraft und Persönlichkeit des Siegers von Tannenberg. Daß auch wir keinen schlechten Eindruck hinterlassen hatten, bewies uns die Einladung zur Tafel des Obersttommandierenden, an "der wir dem verehrungswürdigen Hindenburg vorgestellt wurden. Zur Rechten Hindenburgs saß ein greiser General, 'zu seiner Linsen ich, mir zur Linken Ludendorff und an dessen Seite mein Kollege Bodenhermer. — Wir'" sind dann.anderthalb Jahre später noch einmal ins Hauptquartier berufen worden: damals war Ludendorfs; bereits" der ungekrönte König von Ober-Ost. Wir wurden >aufs freundlichste empfangen und auch wieder zur Tafel besohlen. Ich : fand Ludendorff stark verändert, schon äußerlich. Psychisch fand ich ihn bei aller Konzentration doch fahrigem''er war in grenzenloser Weise' überarbeitet, und offenbar begann ihm damals schon die Macht zu Kopf zu steigen. Ich hatte ihn außerordentlich hoch perehrt und war-, recht traurig über diese Veränderung: ich habe mich damals vertrauten Freunden gegenüber sofort dahin" geäußert, daß ich an ihm die ersten Zeichen des Cäsaren-Wahnsinns zu bemerken glaubte, dem er später, zu unserem Schmerze immer mehr verfiel. (Der Kalender des Indischen Frauenbundes.) Der Jüdische Frauenbund, gibt in diesem Jahrezum fünften Male seinen beliebten Künstkalender heraus. Diesmal wird in 60 Abbildungen und einem verbindenden Text jüdische fünft unb jüdisches Kunst ge - werbe und zwar beschränkt aus.Architektur,, Plastik und Kunstgewerbe selbst vorgeführt,. .während^.das Malerische autzgeschaltet ist. Die Auswahl haben hie Bear-- beiter Eistrst Cohn-Wiener und Karl Schwärz ge* tryffen. f.. > * j Ausgrabungen auf dem Wormser." Jüdische»- Friedhof.) - Wie-/bereits - milgeteilt,ü:-wurde unter dem israelitisches Friedhof zu .Worms., ein-unterirdischer, einst zur Wormser Städtbefestigung gehörender Gang aufgesunden. 'Dänt der» "Initiative des Vorstandes' der israelitischen Religionsgemeinde in Worms ist der.Zugang zu diesem unterirdischen Wehrbau, der einst das Innere mit dem äußeren Andreastor verband, freigelegt worden. Das Interessanteste dieses etwa aus dem 15. bis 16. Jahrhundert stammenden Ganges ist ein Bodenbelag. Es. sind Mische-»'Grabsteine/' teilweise sehr HWtt' Alters. Dahlie mit der Schrift nach unten lagen: ist diese verhältnismäßig gut erhalten. Einer der ältesten Steine datiert von 1305 und ist deshalb von kulturhistorischer Bedeutung, weil' .es :d<r 'Grabstein. des Rabbi-. (Kiefer ist." Er war, wie,die-. Inschrift erzählt) ein. bedeutender Gelehrter. Ein Stein aus dem Jahre 1645 .bringt in der innigen^ bilderreichen Sprache stiner. Inschrift. bemerkenswerte'; Einzelheiten ausdem Leben einer Cipöre Gütlin, Frau des. Rabbiners! Abraham Walch. Grabsteine von" 1541 1556 und ‘ 1562 kämen ans Licht mit teilweise sehr schönen, reichverzierten Buchstaben ützd Ornamenten. Dann wieder solche, deren Schriftcharatter-. in das 12. und 13, Jahrhundert weist. Alle Steine werden sorgfältig 'in Stand gesetzt, und auf. denr alten Friedhof: an gesonderter-Stelle aufgestellt werden. Der unterirdische Gang unter.' dem alten Friedhof wird/wieder ^wgäpglichgemalt und mit einer .Treppenanlage ver-

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