Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1930)
- Date
- 1930-10-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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6. Oktober 1930 Der Israelit Nr. 41. Seite 3 TS ffA T$ ist und bleibtder Beste! Zugaben: Qualität' statt Krisen in der zionistischen Organisation. Daß in der Zeit des Niederganges und der mangelnden äußeren Erfolge in jeder Gemeinschaft die vorhandenen inneren Gegensätze leicht zu starken Spannungen, ja, manchmal zu krisenhaften Explosionen führen, ist ein psychologisches Gesetz, dessen Ursachen leicht erkennbar sind. Auch die zionistische Organisation maß diesem Gesetze jetzt ihren Tribut zahlen. Revisionisten, linke Poale Zion, Vrith Schalom sind die Träger ebenso vieler kämpferischer Richtungen innerhalb des Zionismus, Richtungen, die auseinanderstreben und die dauernd zusammenzuhaiten nicht ganz leicht sein dürfte. Größeres Interesse hat für uns noch vom religiösen Standpunkte aus der, wie es scheint, recht scharfe Konflikt, der innerhalb der m i s r a ch i st i s ch e n Fraktion zwischen dem deutschen und holländischen Misrachi einerseits und den hinter der derzeitigen Leitung stehenden östlichen Landesgruppen andererseits ausgebrochen ist. Man erfährt darüber Näheres aus der Clul-Nummer der deutschen Misrachi- Zeitschrift Zion, die unter der Ueberschrist „In offener Opposition" der gegnwärtigen Misrachi- Leitung schärfsten Kampf ankündigt. Aeußerlich betrachtet sind es im wesentlichen finanzielle und organisatorische Fragen, die dem Gegensätze zugrunde liegen. Man wirft der gegenwärtigen Leitung leichtsinnige Wirtschaftsführung vor, macht sie verantwortlich für die katastrophale Finanzlage der Fraktion, die mit einer ungeheuren Schuldenlast zu kämpfen hat, zu deren Tilgung keine vernünftigen Maßnahmen angewandt worden seien. Ob hinter diesen finanziell-organisatorischen Gegensätzen tiefere geistige Antagonismen schlummern, ist nicht ohne weiteres zu erkennen. Man weiß aber von früher her, daß gerade in Deutschland und Holland diejenige Richtung des Misrachi am stärksten vertreten ist, die sich der geistig-religiösen Gefahren der Fraktionsbildung innerhalb einer religiös-neutralen Organisation bis auf den heutigen Tag am deutlichsten bewußt blieb. Die Männer der derzeitigen Leitung haben für diese Gefahren nie ein Organ gehabt und stehen dem mehr prinzipiell gerichteten Denken der Deutschen und Holländer meist verständnislos gegenüber. Die weitere Entwicklung zu beobachten, wird darum auch vom allgemein jüdischen Standpunkt aus sehr interessant sein. Zu den innerzionistischen Konflikten ist jetzt auch eine Spaltung im Weltverband H a s ch o - m e r H a z a i r hinzugetreten, aus dem die Landesorganisationen von Rußland,' Lettland, Oesterreich und zum Teil Litauens ausgeschieden sind. Beten. (Wegweiser zur kollektiven IMzwoserfüllung und zur k'wonoh.) Von Dr. C. C. in A. (Schluß.) Die fünfte Stufe: Bevor Du betetest oder bevor Du mit wachsender Lebenskraft betetest, hat der jüdische Volksorganismus auch schon gebetet, hat der Trieb das jüdische Volk auch schon zum Beten gedrängt. Ohne diesen im Volke vorhandenen Trieb hättest Du den Weg zum Gebet überhaupt nicht gesunden. Es müssen also außer Dir jüdische Volkszellen, jüdische Menschen vorhanden sein und vorhanden gewesen sein, die mit solcher Lebenskraft gebetet haben, daß sie den Gebetstrieb des jüdischen Volkes brennend erhalten haben und daß sie mit ihrem Feuer auch Dich zu entzünden imstande gewesen sind. Diese glühenden Beter sind daher die Lebensträger, die gesunden Lebenszellen des jüdischen Volksorganismus. Ihre Gesundheit, ihre Lebenskraft teilt sich den übrigen Volkszellen mit; denn Gesundheit steckt genau so an, wie Feuer Feuer entfacht oder wie Krankheit Krankheit verbreitet. Die gleiche Möglichkeit ruht in Dir; auch Du bist berufen, durch Dein Beten Träger der jüdischen Volksgesundheit, der jüdischen Lebenskraft zu werden und zu fein. Ebenso könntest Du durch Nicht-Beten, also durch Krankheit, das ganze jüdische Volk allmählich mit Deinem Krank-Sein infizieren, den jüdischen Lebenstrieb vernichten, die lebendigen Bewegungen der Thora zum Stillstand bringen; Dein Pesthauch kann das jüdische Volk töten. In Dir ruht also Krankheit oder Gesundheit des jüdischen Volkes. Dein Gebet muß daher so intensiv werden, als wenn Du nur noch allein Träger der jüdischen Lebenskraft wärest. Du bist jetzt genötigt, mit Deinem Gebetsfeuer in sämtlichen übrigen Volkszellen den Trieb zum Beten wieder zu entflammen, auf das ganze jüdische Volk auf dem weiten Erdenrund Lebenskraft im Gebet auszustrahlen. Nach dem G'ttesdienste an den Festabenden führten ihm die Väter ihre Knaben zu, daß er sie segne. Die psi 'm vor Kiddusch in der Sukkoh wie die vor Lulowbenschen sagte er nicht. Er sprach morgens den Segensspruch über Lulow mit größter Inbrunst stets in der Sukkoh. Alle Familienmitglieder, auch die Enkelkinder, die männlichen wie die weiblichen, aßen während der Festtage mit ihm in der Sukkoh. Er schlief auch in der Sukkoh, verrichtete darin Nachmittag- und Abendgebet und man sah ihn kaum außerhalb der Sukkoh. In der Nacht zu Hoschano-Rabbo lernte er mit seinen Schülern in der Sukkoh aus dem Tikun bis 2 'Uhr nachts. Am Schemini Azeres nach dem Mittagessen ging er aus der Sukkoh in seine Wohnung, wo er von den ihm aüsgetragenen Früchten genoß. Nach Mincho trug er im Lehrhause eine Sugja vor, dann wurde Maariv gebetet. Danach wurden die Rundgänge mit den Thorarollen vollzogen ohne besondere Gebete, aber mit verschiedenen Gesängen, zum Teil Hymnen, die Rabbi Sofer selbst gedichtet hatte. Nach dem Abendessen kamen die Schüler zu ihn: und wurden reichlich bewirtet. Es wurde dabei gesungen und Freude an der Thora bekundet bis in später Nachtstunde. Morgens ließ er die Hakofaus ebenfalls erst nach Beendigung des Gottesdienstes abhalten. Aufgerufen wurde jeder, und zwar so, daß je nach sieben Aufgerufenen die neue Folge wieder mit Kohen und Lewi begann. Der Rabbi selber wurde zu rr-nn aufgerufen. Nach dem G'ttesdienst ging Rabbi Mosche in die große Schul, um auch dort an den Rundgängen teil- > zunehmen. Er wurde dort auch noch einmal zur Thora gerufen, s omohl zu wie zu nun ^nn- Nach dem Mittagsmahl kamen die Notabeln der Gemeinde, um mit ihm' Stunden der Festfreude zu ver- An sonstigen Festtagen war der offizielle Empfang für die Mitgleder aim zweiten Festabend nach Tisch festgesetzt. (Ausstellung jüdischer Künstler in Breslau.) Der Verein Jüdisches Museum E. V. in Breslau, dessen Ausstellung: „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens" im Jahre 1929 die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf sich gezogen hat, bereitet nunmehr eine gänzlich andersartige Ausstellung "vor. Wie jene Ausstellung auf dem Gebiete jüdischer Kunst und Kulturgeschichte ganz neue Wege gegangen ist, so wird auch die kommende Gelegenheit geben, das Schaffen jüdischer Künstler der letzten 50 Jahre in eigenartiger, bisher nie dargebotener Zusammenstellung zu sehen. Sie soll den Titel führen: „Pissaro — Liebermann — Chagall und Zeitgenossen". Ihre künstlerische Leitung lixgt in den Händen des Direktors des Schlesischen Museums der Bildenden Künste, Dr. Erich Wiese. Man wird in der Ausstellung kleine geschlossene Sammlungen der drei Künstler finden, nach denen sie genannt ist, daneben soll aber auch das Werk von 20 anderen jüdischen Künstlern gezeigt werden. Namen wie Lesser Ury, Mar Pechstein, Th. Th. Heine zeigen die Linie, auf der sich die Ausstellung bewegen Die Ausstellungsräume befinden sich in Breslau, Schweidnitzerstraße 24—25. Die Monate Dezember—Januar find für die Ausstellung in Aussicht genommen. Man erwartet, daß diese Schau viele Besucher nach Breslau führen wird. Die Lebenskraft des Betens ist bei den Hebungen der vierten Stufe so mächtig geworden, daß Du physisch fühlst, wie Deine Lebenskraft auch aus Deinem Körper ausstrahllt. Diese Strahlung richtet sich zunächst auf bestimmte jüdische Menschen, insbesondere auf diejenigen Volksgenossen, die mit Dir zusammen in demselben Minjan beten. Allmählich wirst Du aber auch in der Lage sein, Deine Gebetsausstrahlung in die Weite' zu richten, ohne daß sie bestimmte Personen erreichen soll, ohne daß sie überhaupt auf irgendwelche Ziele abgestimmt ist. In dieser Weise kraftvoll ausgestrahlt geht sie erst ein in den einen einheitlichen Lebensstrom, der auch das jüdische Volk umfaßt. Erst dann gewinnt sie die Kraft, auf die Lebendigkeit des jüdischen Volksorganismus einzuwirken und sie zu vermehren, die Kraft, das ganze jüdische Volk mit Gesundheit und Gebetstrieb anzustecken. Du stehst auf der fünften Stufe zum lebendigen Gebet. Der Gipfel ist nahe; denn nun heißt es, nur noch eine, die sechste Stufe zu ersteigen. Höckste Lebensvollkommenheit ist das Eingehen in den ganzen einheitlichen Strom d>:s Lebendigen, ohne daß der Mensch durch sein individuelles Wollen oder durch sein individuelles Selbstbewußtsein dem Fließen dieses Stromes Schranken oder Hindernisse in den Weg stellt. Deshalb kann der Mensch als Einzelner nicht wirklich beten, weil er gerade durch fein individuelles Beten die durch das Beten zu erreichende Ganzheit des Lebens stört. Ganz kann der Mensch von sich aus in das vollkommene Leben, in das Nur-Lebendige, in Gllt niemals eingehen, solange das Individuell- Körperliche an ihm die letzte Möglichkeit ausschileßt. Aber er kann die hemmenden Schranken insoweit beseitigen, als er sein eigenes Ich in immer höhere lebendige Einheiten und Organismen einreiht. Dazu drängt ihn, wie ich im Aufsatz „Trieb" („Israelit" Nr. 30 und 31) dargelegt habe, der gute Trieb, der kollektive Trieb. Dieser Trieb weckt im Menschen die Sehnsucht nach Einswerdung im kollektiven Organismus. Der Jude hat also im jüdischen Volksorganismus aufzugehen, wenn er die Einswerdung erreichen soll. Dies bedeutet, daß er sich nicht mehr als der bestimmte Jude I. fühlt, sondern als beliebig vertauschbare Zelle im Volksorganismus. Er muß — ebenso wie sich selbst — sich auch als den Juden B. oder Z. erleben können. Dieses von mir „Identlfizierung" genannte Können eines Menschen („Identlfizierung" mit irgendwelchen, jeweils in Betracht kommenden lebendigen Zel- Ien des Kosmos; nicht zu verwechseln mit Nachahmung) entscheidet über die Lebensvollkommenheit, die er zu erreichen vermag. Sie ist die Der Verein begibt sich — wie der JTÄ geschrieben wird — mit dieser Ausstellung bewußt auf ein neues Gebiet. Er will damit der jüdischen Oeffentlichkekt sagen, daß er seine Aufgabe, nicht nur in pietätvoller Pflege der Schätze unserer Ältvordern, sondern auch in der Förderung des Schäffens der zeitgenössischen jüdischen Künstler sieht. üBon. dieser Ausstellung wird sicherlich eine starke Anregung für das jüdische Leben der Gegenwart ausgehen. (Tragödie eines jüdischen Arztes in Ostelbien.) In der vom Reichstagsabgeordneten Julius Moses herausgegebeneu Zeitschrift „Der Kassenarzt" wird unter der Überschrift „Arzt in Ostelbien" u. a. berichtet: Der praktische Arzt Dr. N. ließ sich vor zwei Jahren in dem kleinen, etwa 8000 Einwohner zählenden Städtchen X. in Ostelbien hart an der polnischen Grenz« nieder. In seinem Berufe außerordentlich tüchtig, ist seine Privatpraris die größte in X. geworden. Die Leuts haben zu ihm Vertrauen. Trotz seiner Tüchtigkeit ist ihm vom ersten Moment an das ^Leben in X. zur Hölle gemacht worden. Seine Antrittsbesuche wurden von den älteren Kollegen nicht erwidert. Er ist gesellschaft-- lich verfehmt, er ist für die Honoratioren Luft. Die Krankenkasse verweigert ihm die Zulassung zur Privatpraris, obgleich er jetzt nach 2V2 Jahren an der Reihe ist und über ein umfangreiches Wissen verfügt. Dr. N. pflegt Patienten zur Röntgenuntersuchung einem anderen Kollegen zu überweisen. Dieser andere Arzt revanchiert sich dafür, indem er einem Patienten erklärte: „Sagen Sie mal, weshalb gehen Sie als ehrlicher Ehrist zu diesem Juden N.!" Durch unzählige Nadelstiche, durch unsäglich kleinliches Kesseltreiben will man Dr. N. zwingen, möglichst bald wieder aus der Stadt zu verschwinden. Und warum dieser Terror? Es ist Ostelbien. Dr. N. hat einen Fehler, der ihn dort -unmöglich macht. Er ist