Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1930)
- Date
- 1930-10-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 41. Der Israelit 6. Oktober 1930 Lassen wir der Ewigkeit einen Strahl in das flüchtige Düster des Tages dringen, und auch dieser ist geweiht und eine goldene Stufe zur G'tteshöhe, dahin alles Menschensehnen fließt. Aus der Enge der menschlichen Sukkoh ].s weist das Lulaw in die Weite G'tt-es. lvochenrundschau. Der Ruf nach Einheit. Es war zu erwarten, daß die neue Welle des organisierten Antisemitismus, die über Deutschland hereingebrochen ist, und die in den Wahlerfotgen der nationalsozialistischen Partei einen auch den Oberflächlichen erkennbaren Ausdruck gefunden hat, im Innern der deutschen Judenheit die gleichen seelischen Wirkungen auslöfen würde, wie dies nach allen geschichtlichen Erfahrungen in Zeiten der Not stets der Fall war. Man kann es vollkommen begreifen, daß, wenn der Feind vor den Toren steht, der Appell an die innere Geschlossenheit der zur Abwehr Gewillten und Verpflichteten überall ein lebhaftes Echo findet. Daß Herr Dr. Jsmar Freund, der Spiritus rector des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, diese Gelegenheit sich nicht entgehen lassen würde, um innerhalb des Landesverbandes die Losung „überparteilicher Vereinigung" auszugeben, ist so gut wie selbstverständlich. Um die „Parteizersplitterung im Judentum" zu verhüten wird —eine neue Partei gegründet, die den Namen einer überparteilichen Vereinigung für die Gesamtinteressen und die Einheit des Judentums führen soll und die „Entgiftung des öffentlichen jüdischen Lebens", die „Betonung des Gemeinsamen" usw. erstrebt. Aus einem Kommentar, den der Schöpfer dieser Partei der Ueberparteilichen veröffentlicht, ersieht man, daß er in erster Reihe auf die Milderung der Gegensätze innerhalb des preußischen Landesverbandes hinzielt; mit anderen Worten also, daß er im Landesverband die weltanschaulichen Auseinandersetzungen zwischen Liberalen, Konservativen und Zionisten nach Möglichkeit unterbind e n möchte. Es besteht kein Grund für uns, über eine Registrierung der Tatsachen hinaus diesem Vorgehen entgegenzutreten, sich dafür besonders zu begeistern, oder sich darüber besonders aUfzu- Freude. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Man sollte wohl meinen, daß das Fest, das der Freude geweiht ist, allenthalben frohe empfängliche Herzen findet und als eine wahre und echte ]»r als rechte „Freudenzeit" von allen mit frohem Sinne begangen wird. Sehnen sich denn nicht die Erdenkinder nack dem Gnadenstrahl der Freude? Gilt nicht dieser im letzten alb ihr Verlangen und Sinnen, all' ihr Streben und Schaffen? Je seltener diese Himmelsgabe wird, desto lauter rufen die Menschen nach ihr und stellen ihre volle Kraft und all' ihre Mittel in beii Dienst derselben. Nun ruft unser Judentum nach den Tagen des Ernstes und der Entsagung und Entbehrung zur Freude auf und fordert für eine ganze Woche und länger: ,,'pb* 'n na!> Dnnapi greut euch vor dem E. eurem G'tte." Wie viele gibt es aber doch, die diesem Rufe ihr Ohr und ihr Herz verschlietzen! Es ist eben nicht die Freude, die die Kinder der Welt vielfach suchen, die hier als Gebot der hl. Schrift gefordert wird. Nicht die Freude, die von Lust zu Lust schreitet und sich in Sinnentaumel und Sinnenkitzel auslöst, die zur llebersättigung führt, daß man schließlich mit dem tiefen Denker auf dem Throne ausruft: „Zum Scherze sprach ich, du best toll und zur Freude, was bedeutet die!" heischet die Religion. Sie ist vielmehr ge-» bunden an das Ewige und Heilige, an das Erhabene und G'ttliche, für sie gilt als das Kriterium, daß sie regen. Das Ganze mutet an wie eine Wiederholung des ewig Gestrigen, wie ein Schauspiel, das wir in den letzten 30 Jahren in den verschiedensten Formen und Farben wiederholt über die Bühne des jüdischen Lebens in Deutschland haben ziehen sehen. Aber eines muß doch ausgesprochen werden. Es steckt hinter diesem „Ruse zur Einheit" grade jetzt doch ein gut Stück Verschüchterung und vor allen Dingen eine entsetzliche Unterschätzung der religiösen und weltanschaulichen Aufgaben der jüdischen Religionsgemeinschaft o d e r d e s j ü d i s che n V o l - k e s — auf die Terminologie kommt es dabei gar nicht an. Wenn die Schafe vom Wolf angefallen werden, drängen sie sich umso enger zusammen. Daß der Judenhaß von außen die brüderliche Liebe im Innern steigert, ist schön und gut. aber wehe uns, wenn wir die Psychologie der Schafherde oder der Wald- und Wiesenvölker auf das qv übertragen. Mehr als irgendwo anders trägt bei uns der G e >i st den Körper. Der Kampf, den beispielsweise die Orthodoxie führt um die Wahrhaftigkeit und Authentizität des offenbarten G'tteswortes> das Ringen der überzeugten Zionisten um den jüdischen Volksbegriff, so gründlich sie ihn auch mißverstehen, ja, selbst der Kampf der Liberalen, die sich einreden, durch Angleichung der jüdischen Religion an die Religionsphilosophie der Menschheit jüdische Seelen vor der Taufe schützen zu können — das alles sind denn doch ideale Werte, um die g e - k ä m p f t we r d e n m u ß , wenn nicht der ganze geistige Untergrund des jüdischen Lebens vernichtet und damit letzten Endes auch die physische Existenzberechtigung des jüdischen Volkes in Frage gestellt werden soll. Hüten wir uns davor, diesen Kampf der Weltanschauung feige zu unterdrücken und gar zu hemmungslios der Psychologie der Schafherde anheim zu fallen. Ein Fortschritt in der Kalenderreform-Frage? Der hervorragendste Vorkämpfer der Kalenderreform in Deutschland, Dr. Rudolf Blochm a n n in Kiel, veröffentlicht in der „Preußischen Lehrerzeitung" einen Artikel über die Kalenderreform, der insofern besonder Beachtung verdient, als der Verfasser darin — unseres Wissens zum ersten Male — den von jüdischer Seite und insbesondere in unserem Blatte von Anbeginn an vertretenen Vorschlag zu einer Kalenderreform unter Vermeidung von Blankotagen als diskutabel «erfifärt und recht wertvolle Anregungen zur Durchführung eines folbestehen kann vor dem himmlischen .Vater, daß sie sein allsehendes Auge nicht zu scheuen braucht, also rein und lauter ist und in innerer Beseligung gipfelt, für die unsere Alten das wunderbare Wort geprägt haben: ms» bv nnne? Freude am Gebot, Freude durch das Gebot. Je mehr wir an solcher Freude Gefallen haben, in ihr den Sinn unseres Daseins suchen und finden, desto sicherer entgehen wir den Gefahren, den Versuchungen und Verlockungen, die mit jener anderen verknüpft sind. Die rechte Freude zu suchen und zu pflegen, das will uns unser Sukkaus lehren. Gehe in die leichtgezimmerte Hütte, fordert die Religion, und werde freudig im Gedanken an den, der auch uns wie einst Israel in schwankenden Hütten sicher wohnen läßt. In Verbindung mit dem himmlischen Vater, brauchen wir nicht Sturm und Wetter zu fürchten, wehren wir schließlich alle feindlichen Mächte erfolgreich ab und fühlen wir uns geborgen, daß wir aus gläubigem Gemüte sprechen: nvv'N' -nsn -i5nx *inoa 'nw nsn ova iava •»Saar '2 „Ja, er birgt mich in seiner Hütte am Tage des Unglücks, bewahrt mich im Schutze seines Zeltes, stellt mich hoch auf einen Felsen." Damit ist die Vorbedingung vorhanden, daß wir dankbar hinnehmen alle Gaben des Lebens aus G'ttes Hand, daß wir nicht nur in den Festwochen die zu einem Bunde vereinigten an'» n vier Pflanzen nehmen und mit ihnen in der Hand das Halle! dem himmlischen Vater zu Ehren anstimmen. Der Aufblick zu E'tt macht uns genügsam und zufrieden und läßt uns Maß hallen in unseren Ansprüchen und Anforderungen ans Leben. Wir gewinnen auch das rechte Verständnis für irdische Werte. Ohne in die Resignation eines Koheles zu verfallen, daß wir etwa in einem Anflug pessimistischer Weltanschauung'sprächen: tan °-7>an. alles ist eitel, —' überschätzen wir die Güter dieser Welt nicht, daß wir es ja nicht verlernen, froh zu werden chen Planes gibt. Dr. Mochmann schreibt folgendes: feine Herrenhüte /Jy\ bekannte Harken Fabrikate sftO/ V Haarfilz vonMkl5.-an/ Andere wiederum erheben ihre Einwendungen, weil sie am Althergebrachten strenge f e st h a l t e n wollen und auch in den vernünftigsten -Neuerungen keine Verbesserung erblicken wollen. Hierher gehören diejenigen, die glauben, an der aus dem Orient übernommenen siebentägigen Woche so starr festhalten zu müssen, daß sie jede Kalenderänderung an die Bedingung knüpfen, daß die Wochentage ohne jede Unterbrechung weitergezählt werden müssen. Solchen Wünschen könnte übrigens auch im Rahmen der Hierselbst vorgeschlageneu Kalenderreform — vorausgesetzt allerdings, daß dis fortgesetzte ununterbrochene Wochentagszählung von allen maßgebenden Jnstanzen als unerläßlich anerkannt wird — Rechnung getragen werden. Es sind dann, anstatt daß in jedem Jahre ein Tag und in Schaltjahren ein zweiter Tag über die 52 Wochen hinaus eingefügt wird, alle gewöhnlichen Jahre gleich genau 52 Wochen, d. h. 364 Tage lang zu nehmen und in bestimmten Abständen Jahre mit Schaltwochen von s ieben Tagen einzufügen. (In welchen! Zyklus solche Wochenschaltjahre von 53 Wochen oder 371 Tagen Dauer einzufügen sind, bestiinmt sich durch folgende Ueberlegung. 400 Jahre des Kalenders enthalten nach der jetzt (jedenfalls bis zum Jahre 2799 genau gültigen) Schaltregel 97 Schaltjahre, also haben sie 97 Schalttage, und dazu jedes Jahr einen über 52 Wochen hinausfallenden Tag, also insgesamt 497 Uebertage: das sind genau 71 Wochen. Man hat also dann innerhalb 409 Jahren 329 Jahre zu 634 Tagen, also mit 52 Wochen und 71 Schaltjahre zu je 371 Tagen, also mit 53 Wochen. Dafür läßt sich zweckmäßigreweise folgende Schaltregel aufstellen. Jedes durch 5 teilbare Jahr soll ein, Schaltjahr sein, jedoch nicht die durch 40 teilbaren Jahre, wohl aber die durch 400 teilbaren Jahre. Das ergibt innerhalb von 400 Jahren wegen der Teilbarkeit durch 5 zunächst 80 Schaltjahre, wegen der Teilbarkeit durch 40 aber 80 — 10 70 Schaltjahre und wegen der Teilbarkeit durch 400:80 — 10 plus 1 — 71 Schaltjahre, wie erforderlich.) Wir sind we.it davon entfernt, das dankenswerte und von einer vorurteilsfreien Gesinnung zeugende Zugeständnis, das hier gemacht wird, zu überschätzen und die dem Sabbat von der Kalendervesorm drohenden Gefahren damit etwa als gebannt zu betrachten. Aber immerhin bietet sich hier eine Grundlage, auf der eine friedliche, der Herbeiführung einer g e m e i n f a m e n Plattform dienende Arbeit auch der religiösgesinnten Kreise sowohl innerhalb der Judenheit als auch in der katholischen Kirche herbeigeführt werden könnte. Hoffen wir, daß diese Ansätze genutzt und in die Tat umgesetzt werden. selbst im Mangel, auch wenn ernst und trübe die Zeiten und Verhältnisse, sind. Wir haben ja den nie versiegengenden Quell der Freude, der in den Hütten der Armen wie in den stolzen Palästen d.er Reichen gefunden werden kann, überall wo die Liebe zur Thora heimisch ist und die nvs» bv nnnw die Freude am Gebote voll empfunden Don den ehrwürdigen Greisen zu Jerusalem heißt es. daß sie beim Jubelfeste des Wasserschöpfens in froher Genugtuung gesprochen: Heil uns, daß unsere Jugend nicht unser Alter beschämt. Sie empfanden die volle Beseligung aus der Rückschau über ein im Dienste des Heiligen und Reinen verbrachtes Leben. Sie suchten in ihrer Jugend immer nur die lautere Herzensfreude, das ge-- währte ihnen im Alter jene Ruhe, die nur den E'tt-> getreuen zuteil wird. Möge dieses wahre Lebensglück von allen, die die weihevollen Tage der Einkehr und Selbstbesinnung gefeiert, immer wieder gesucht werden. Das Sukkaus mit seinen Festsymbolen lehrt uns, wie wir echte, reine Seelenfreude erleben. — Meines Feuilleton. Aus dem täglichen Leben eines Großen. V. Chatem Sofer in den Tagen der Festesfreude. Zu jedem Feste pflegte Rabbi Mosche Soser ein Rind schlachten zu lassen um von diesem die vorgeschriebenen Ababen an die Priester zu entrichten. Die o'tn'» zu rraiy» schaltete er nicht in die Hauptgebete ein, sondern betete sie nach dem Gottesdienste für sich.