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Der Israelit · 1930-10-06 · Heft 41 (6.10.1930) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 41 (6.10.1930)
Date
1930-10-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 41 6. Oktober 1930 granffurt ll. 9Jt«, bctt 14. Tischn 5391 EtnCentralorgan lürdas orthodoxe Judentum |[öI JJJ Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. \\\ k r Abonnement ab Sult 1929: Deutschland 1.30 Mark monatlich; Ausland: Bterieliahrpreise (entsprechend dein deuttchen Inlandspreis zuzüglich Kosten des StreifSand-Brv- ° sandes) Deuisch-Ssterreich: Schilling 8.—: Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich 85 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 8.; Holland 2fl.; Italien ab 1.1.28.18 Lire; Ingo, slavisn SS Din.; Litauen 7.80 Zit.; Rumänien ab l. 7. 87. ISO Lei; Polen 4 deutsche Gold-- mar! zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz s Fr.; Tschecho-Slowakei 28 Kronen; Ungarn Pengö 8 ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.80 Krön.; Norwegen 3.88 Krön.; Schweden 3.8V Kro». Einzelnummer vierzig Goldpfennige. - ( Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 6v Goldvf. fürdie fiebengesp altene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 4v Pf. Die 78 um breite R^klamezeile: letzte Textseite 2.- Mk.. vorletzte Textsette 230 Mk..- Chiffregebühr in Höhe eines dopp: Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei lausenden , Jnseratanfträgen i tarifm. Preiserhöhung jeder«. Vorbehalt. Jnferatenannahme durch den . Verlag des Israelit G. m. h. H„ Frankfurt a. M, Rechneigrabenstraße 7. Tel. Hansa 21084 sow. durch sämtl. Annoncen-Exped.d In- und Auslands. Alleinige Jnseratenann. für Franks. Geschäftsanz.: Jul. Schmidt, Langestr. 7, II, Tel. Hansa 28868. Platzvorschr. ohne Berbindlichk. Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19803. — Autzerden Warschau Nr. 199787. - Postscheckamt Zürich Nr. VIU 7254. — Jnkasso-Bank Rotterdam — Postsch, Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand für alle aus Ab i an: Postsparkaffe Wien Nr.79608. —Postsparkaffenamt Budapest Nr. 18434.—Postscheckkonto rckamt Amsterdam Nr. 24889 — Postscheckamt Prag Nr. 79.080 — Banca Marmarosch Blank & Co. in onnements oder ays Inseraten stch. ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Enge und Weite. Gedanken zum Sukkausfeste. Daß wir ein Volk des B'ssi onx sind, ist eine Gewißheit, deren wir me so mne. werden, als beim Abklingen unserer Festesfkala. Was ist über die Welt alles gegangen von der Zeit an, da der Urmensch sich aus Holz seinen Götzen grob zimmerte, bis zu den neuesten Zeitgötzen, die in der abstrakten Form von Ideen, Schlagworten und Idolen die Köpfe beherrschen! Der Grieche verfeinert und vergeistigt den Holz- und Goldgötzen mit seinem schönen Mythos, der Römer schreitet mit dröhnendem Kafernenschritt und gepanzerter Faust durch die Geschichte, der Neuporther schwingt die Fackel zu Ehren des Lichtg'ites. Mohammed zieht mit Schwert und Koran durch den Orient. Dumpfes Glockengeläute aus Klöster- und Kirchentürmen läuten düsteres Menfchenleid in langen Jahrhunderten des Mittelalters ein. Es kommt das Jahrhundert der Erfindungen und in ihrem Gefolge 'neue Namen, , neue Lehren. Darwin, Haeckel ünd> der Monismus. Bis Au den aus. dem Zusammenbruch der Welt wie dicker Rauch aüffteigeüden Parolen im Denken und in der Politik der neuen Zelt. In all^ diesen Epochen menschlichen Ringens und menschlicher Jrruygen hat der Jude im Herbste frühmorgens fein Lichtlein angezündet, um mit Slichausgebeten (er hat der Welt so vieles-zu verzechen, und bittet um Verzeihung!) den Tag zu wecken; hatte er mit Schofarklängen fern neues Jahr eingeleitet; hatte-vtu am Tageder! großen Versöhnung, engelgleich weltentrückt, vor seinem G'tte gestanden; hatte er gleich danach seine Festhütre gebaut. Hier blieb und hleibt alles beim Ästen. vnttr , Wie stehen wir im Judentum zu der Parole der N e ü e n S ach bi ch k e i t (als Schlagwort gegen höheres Denken und tieferes Fühlen, das im Uebersinnkichen wurzelt, meiinen wir)? Wir find ein h öchst unsachliches Volk, unsachlich bis zum Extrem. Unsere Synagoge, unser Ritual, Gesetz, Gebet und Brauch haben sich nachgerade gegen die Sachlichkeit verschworen, schauen Her den Tag weit, hinweg, verhöhnen ihn förmlich Wenn die Ernte eingebracht ist und kalte Herbstwinde über die grauen Stoppelfelder wehen, beten wir „um Wind und Regen und Dan," und hören damit just in dem Momente aus, da es den neubestellten Acker im Frühlingsglanze nach dem Regen dürstet. Gerade um die Zeit, da Andere aus der Frische und Freude, der freien Natur zwischen Wald und Wiese in ihr festes Heim zurückkehren, schickt uns das alte Gesetz für sieben Tage aus dem festgebauten Hause in eine w a n ke n d e, dachloseHütt e. Wie paßt unser Neujahrs gebet in das Bild des Tages hinein? Man schändet unsere Friedhöfe, Noheit macht vor den Pforten unserer Heiligtümer nicht halt; in Sowjetrußland gibt es „Ligen der G'ttlofen", und wir sprechen von „der Angst und der Ehrfurcht vor G'tt, die all seine Werke und Geschöpfe erfaßt und erfüllt." Ist Israel Zielscheibe von Verleumdung und Ver- Mchtigung, wie sie die Welt kaum gesehen, konstatieren wir unbekümmert: „Ehre deinem Volke!" Es wird uns im heiligen Lande der Väter der letzte heilige Rest, die Ablagerungsstätte für unsere tausendjährige Tränen streitig gemacht, und wir singen: „Freude deinem Lande, und Wonne deiner Stadt" —-- Unsachlich sind wir, so unsachlich wie es unsere Propheten waren, die durch vereiste Volkeriwüsten den Ruf nach G'tt, nach Licht und Liebe trugen, so unsachlich und über den sichtbaren Din-? gen des Tages stehend, wie unser G ' t t e s b e - griff, der, den Völkern, i' die Frage abzwingt: „Mo ist dehn ihr G'tt?" ' Und auf der anderen Seite: Das Judenvolk — bewundernd sagen es die einen, anklagend die andern — ist em Volk des klaren Denkens, - ein Verstandsvolk, das immer die Realitäten und Notwendigkeiten des Lebens zuerst erfaßt hat; ein Volk, düs sich von Gemüt, Gefühl und' Phantom den Geist nicht trüben läßt, das mit Weitblick und schöpferischem Sinn den Völkern die besten Finanzpoliti'ker und Wirtschaftsführer gegeben hat, das im Laufe der Jahrhunderte erst aus dem Händler den Großkaufmann geschaffen, aus der Kleinkrämerei den Welthandel herausgebildet hat. Wie erklärt sich hier der Widerspruch der Natur? Damit, daß wir die Stabilität und die Kontinuität unseres Lebens aus einer Ewigkeitsquelle beziehen, aus der zwar auch die Erscheinungen des Tages, fließen, die sich aber nicht ausschöpfen läßt; weil wir, das Volk des trasi an«' auch Zeitliches und Vergängliches an.einem Ewigbestehenben messen,, das für uns — und letzten Endes auch für die Welt, die es noch nicht begriffen hat — das Maß aller Dinge ist. „Wir sind Kinder unserer Zeit, für unsere Zeit geboren, um die Wunden.unserer Zeit zu heilen. Wir müssen darum unsere Zeit bejahen!" Es ist dies eines der schönsten. Worte, die im Lause des letzten Wahlkampfes gefallen sind, und zwar aus dem Munde eines katholischen Kirchenfürsten, Kardinal Faulhaber, auf dem Katholikentag zu Münster. Wir akzeptieren dieses Wort, mit der Hinzufügung, daß wir die Wunden der Zeit für alle Zeiten zu heilen haben. Damit bejahen wir das Heute als Stufe zum Morgen, das, für uns feine Grundmauer schon in Ge st e r n hat. Lag dieses vielleicht auch schon in der Absicht des Pismondichters, der da singt: »am tonizr D’öVisr nywn nn. Das Weltbild in uns zeigt in die Ferne, nach dem großen W e l t e n h e i l. Allein wir sind Kinder unserer Zeit und können der Ausgaben und Sorgen des Tages nicht ent- - raten, darum wm ai'N av möge uns auch die k l e i n e H i l f e f ü r d e n wechselnden T a g werden. " , Das Sukkausfest wird von zwei -Symbolen gespeist, die' sich widerstreben und ergänzen, wie Tag und Nacht, das Heute und das Morgen. Ein Modell unseres wankenden, flüchtiger! Erdenlebens. ist die S u k k 0 h; in die Weite «und Unendlichkeit über und unter, vor und hinter uns weist das L u l a w. Die Sukkoh, Sinnbild unseres auf schwankem Grunde stehenden Lebens- Hauses, beherbergt uns auch, und erst recht, nachts. Lulaw, Dirigentenstab für den Völkerchor, der „vom Anfang bis zum Untergang der Sonne den Namen G'ttes preist," beherrscht den vollen T a g. Zeitliches und Ewiges reichen sich an diesem Fest die Hand, um den jüdischen Menschen, Kind seiner Zeit, aus der Zeit heraus Ausblicke in die große Weite zu eröffnen. Im Bewußtsein menschlicher, Vergänglichkeit sucht das Auge den Himmel ewiger Gesetze und Erscheinungen ab nach Halt und Stütze. Darum sollen die Sterne durch die Lücken des Daches in unsere Hütte schauen. Es sind die gleichen Sterne, zu denen Abraham in der Nacht der Verheißung das Auge emporheben durste, wie zum Zuknnftleuchteu seiner Nachkommen. Es sind die gleichen Sterne, die dermaleinst von einem neuen Himmel einer neuen Menschheit leuchten werden, in einer Zeit, da nach dem Prophetenwort uns „die Sonne nicht mehr untergeht, der Mond uns nicht mehr sein Licht emzieht und uns G'tt zum Licht des Tages ist." ovv ‘vmb n *]V '\ti-

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