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Der Israelit · 1930-10-01 · Heft 40 (1.10.1930) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 40 (1.10.1930)
Date
1930-10-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1. Oktober 1930 Der Israelit Nr. 40. Seite 5 *Ür >W» Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Außerordentliche Beratung des Hauptvorstandes der „Ort".Gefellschaft Abt. Deutschland. Berlin, 26. Sept. Am 18. d. M. fand in Berlin unter dem Vorsitz von Herrn Wilhelm Graetz eine erweiterte Vorstandssitzung der „Ort"-Gesellschaft, Abt. Deutschland, unter Beteiligung einer Reihe angesehener Führer der Berliner Judenheit statt., Dr, Singalowsky hielt ein ausführliches Referat über den gegenwärtigen Stand der „Ort"-Arbeit in den verschiedenen Ländern. „Ueberall in der jüdischen Welt," bemerkte er einleitend, „herrscht jetzt eine nicht allein der Jahreszeit, sondern auch der tatsächlichen wirtschaftlichen und politischen Lage entsprechende, Elul- Atmosphäre. Da wir aber, abgehärtet durch die schweren geschichtlichen Erfahrungen, gewöhnt sind, so manches Unwetter zu ertragen, so gilt es in diesem Moment erst recht, alle moralischen Kräfte zu sammeln, um das Banner jener edlen, erhabenen jüdischen Aufgaben hochzuhasten, die unserem Sein den höheren Sinn verleihen. In knappen Zügen schilderte Herr Dr. Singalowsky die Entwicklung der Aufbauarbeit des „Ort" während der letzten Periode. An Hand mehrerer Zahlen beleuchtete er die Errungenschaften aus den Gebieten der fachlichen Erziehung der Jugend, der Heranziehung der deklassierten jüdischen Bevölkerung zur Industrie und der Befestigung der jüdischen Landwirtschaft in Rußland, Polen und Beßarabien. Durch den Ausfall eines großen Teils der in Amerika aufzubringenden, für die Aufbauarbeit' im Osten bestimmten Gelder, sei das jüdische Aufbauwerk stark gefährdet. Die Front der bittersten jüdischen Not ist ungeheuer ausgedehnt. Sie erstreckt sich auf alle Länder des riesigen europäischen Ostens. Im Zeitalter verschärften wirtschaftlichen und sozialen Kampfes, höchst konzentrierten Kapitalismus und aktivster Einmischung der Regierungen in das gesamte.Wirtschaftsleben, in dem Zeitalter der Monopolisierung, des Genossenschaftswesens und allerlei Staatssozialismus, — in diesem Zeitalter wird die ökonomische Funktion von Hunderttausenden jüdischen Händlern gänzlich aufgehoben. Die logische und soziologische Konsequenz ist die wirtschaftliche Umgruppierung. Bon diesem Standpunkte aus ist die Bedeutung der „Ort"-Tätigkeit und die Tragweite der gegenwärtigen Krise zu beurteilen. Herr Dr. Traub berichtete alsdann über die Entwicklung der „Ort"-Gefellschaft in Deutschland, die trotz 'der herrschenden Wirtschaftskrise auch während der letzten Zeit keine Verlangsamung erfahren hat. So ist die Zahl der Mitglieder von 1671 Ende 1929 auf 2300 Mitte 1930, die der Aktions-Ausschüsse im Reiche von 48 Ende 1929 auf 61 Mitte 1930 Lestiegen. Die Mitgliedsbeiträge sind von 6261 i. I. 1926 auf 9510 i. I. 1927, 16.587 i. I. 1928, 27.274 i. I. 1929 und auf 19.313 im ersten Halbjahr 1930 gestiegen. Die Gesamteingänge betrugen 1928 74.735.58 und 1929 : 120.721.39 Mark. Nachdem Herr Dr. Traub über einige in Deutschland und speziell in Berlin im Rahmen der einzuleitenden Notaktion während der kommenden Wintermonate geplante Maßnahmen berichtete, kam.es zu einer lebhaften Aussprache, an der die Herren Dr. Brodnitz, Dr. Jsrnar Freund. San.-Rat Dr. Alfred Goldschmidt, Kommerzienrat Hamburger, Direktor Dr. Wilhelm Kleemann. Geh. Rat Prof. I. Rosin, S. Schalit, Kammergerichtsrat Leo Wolff u. a. m. teilnahmen. Einstimmig wurde die Bedeutung des „Ort"-Werkes als einer der aktuellsten Aufgaben der. jüdischen Gegenwart anerkannt und die Pflicht der gesamten deutschen Judenheit betont, der durch die ungünstige Wirtschaftslage stark behinderten ^,Ort"- Arbeit ihren vollen moralischen und materiellen Beistand zu leihen. In diesem Sinne wurde eine Reihe von bedeutsamen Beschlüssen gefaßt, die die Grundlage der weiteren intensiven „Ort"-Propaganda in Deutschland bilden werden. U. a. wurde auch beschlossen, sich an die Rabbiner mit der Bitte zu wenden, während der kommenden Feiertage von der Kanzel herab aus die lebenswichtige Bedeutung der in Osteuropa zu bewältigenden jüdischen Aufbauarbeit hinzuweisen. Angesichts der außerordentlichen Dringlichkeit des ausgestellten Arbeitsprogramms hab.en sich sämtliche Anwesende bereit erklärt, die Not-Aktion des „Ort" in Deutschland nach Kräften zu unterstützen. Schweiz. — Würdigung der Arbeiten der Mandatskommission durch die Politisch? Kommission der Völkerbundsversammlung. G e n f, 24. Sept. In der am 23. September abgehaltenen Sitzung der politischen Kommission kam die Sprache auf die Arbeiten der Mandatskommission,- von sämtlichen Rednern wurde Die Woche. Berlin. Der 70. Geburtstag des Historikers Dubno w ist am Mittwoch von einem großen Freundeskreis feierlich begangen worden. — Die Habima hat am 24. September im Theater am Nollendorfplatz zum ersten . Male Gutzkows Uriel Acösta in einer sehr freien Bearbeitung von Liwschitz unter der . Regie Granowskis aufgeführt. Die Kritik I äußerte sich günstig. — Die jüdische Gemeinde in Oranienburg, einem nördlichen Vororte Berlins, ist der Berliner Gemeinde einverleibt worden. — Am Roschhaschono beging ein Mitglied der Berliner Gemeinde, Herr Moses Salomon, seinen 100. Geburtstag. London. Ueber die letzten Wandlungen Hans Herzls, dessen Selbstmord wir bereits berichteten, wird noch gemeldet: In den letzten Jahren hat Hans Herzl zuweilen dem Gottesdienst in der Liberalen Synagoge in London beigewohnt. Einmal drückte er den Wunsch aus, Mitglied des Weltverbandes für das liberale Judentum zu werden, dessen Präsident Dr. Montefiore ist, wenn diese Mitgliedschaft nicht die Zugehörigkeit zur iüdischen Religionsgemeinde voran s s e tz e. Hans Herzl versuchte, Dr. Montefiore ' zu bewegen, als Haupt des liberalen Judentums von England in die Jewish Agency für Palästina einzutreten. — Der Londoner Verband der jüdischen Hilfsorganisationen hat die Einleitung einer Kampagne zur Aufbringung von 50 000 Pfund zugunsten der notleideiiden Juden Osteuropas beschlossen. Der größte Teil dieser Summe ist für unmittelbare Hilfeleistung, ein Teil aber auch für das konstruktive Hilfswerk in Rußland bestimmt, während ein anderer Teil den bestehenden Hilfskomitees in Polen, Rumänien und anderen Teilen Osteuropas zugewiesen werden soll. Baltimore. Der jüdische Staatsanwalt von Baltimore, Paul W o l m a n wurde in der Schlußberatung der 31. Jahrestagung amerikanischer Kriegs-Veteranen durch Akklamation zum Oberkommandanten gewählt. Ebenso einstimmig erfolgte die Wahl von Rabbi Emanuel I. Jack os Jankers zum Bünöeskaplyn,,,.Als Oberkoylmandant der' Veteranen befehlet er. eine Organisation von 150 000 Veteranen aus allen Kriegen Är Vereinigten Staaten der letzten Jahrzehnte. Newyork. Die Einwanderungs- Behörde hat 40 jüdische Einwanderer, unter ihnen vier ganze Farmlien, auf E l l i s I s - land zurückgehalten. Dep Großteil dieser Einwanderer stammt aus Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei. Es wird-.untersucht, ob die Einwanderer später der Oeffeütlichkeit zur Last fallen könnten: nach den neuen -Einwanderungsbestimmungen werden solche Personen von der Einwanderung ausgeschlossen. — Unterstaatssekretär Dr. Shiels ist nach Palästina abgereist. In seiner Begleitung befindet sich sein Privatsekretär und ein Beamter des Koloniakämtes. Jerusalem. Die palästinensische Regierung plant die Einführung einer Einkommensteuer in Höhe von 21/2 bis 5 Prozent des Einkommens. die glänzende Durchführung dieser Arbeiten durch taktvolle und ihrer Sache voll ergebene Männer hervorgehoben. Der englische Vertreter Charles Roden Buxton brachte zum Ausdruck, daß die Mandatskommission bei seiner Regierung hohe Achtung genieße. Diese habe die Arbeiten der Mandatskommission zustimmend verfolgt und sie stütze in aufrichtiger Weise das Mandatssystem. Em Beweis hierfür fei Hendersons Erklärung, daß er trotz abweichender Anschauung im Einzelnen der Mandatskommission das Recht der Kritik zubillige, ja, die Ausübung dieses Rechtes sogar für ihre Pflicht halte. Der Vertreter Italiens, Bonin Longare, brachte die vorjährigen Ereignisse in Palästina zur Sprache, mit denen 1 feine Herrenhute bekannte Marken Fabrikate Haarfilz von Mk15.-an/ vy sich auch die sechste politische Kommission nicht nur aus geographischem und ökonomischem Interesse, sondern auch wegen der der gesamten Christenheit und der ganzen zivilisierten Welt teuren Erinnerungen, die dieses Land birgt, beschäftigt habe. Dank den energischen Bemühungen der Mandatskommission sei eine gründliche Aenderung der Lage (?) eingetreten. Die Anstrengungen zur Beseitigung der Schwierigkeiten, welche noch im Vorjahre der Mandätsdurchführung entgegenstanden, seien glücklich beendet und hätten befriedigende Resultate gezeitigt. Der italienische Vertreter gab schließlich der Hoffnung Ausdruck, daß sich die traurigen Vorfälle in Palästina nicht wiederholen werden. Der Franzose Francois Poncet schloß sich den Erklärungen des italienischen Delegierten an. Frankreich freue sich über die Wiederherstellung des Friedens in Palästina, erstens weil es als Mandatar Syriens ein Interesse daran habe, daß eine befreundete Macht in einem ängrenzenden Gebiet nicht vor Schwierigkeiten gestellt sei, und zweitens im Hinblick auf die historischen Erinnerungen, welche Frankreich an die heiligen Stätten knüpfe. Der deutsche Delegierte Koch-Weser brachte seine Befriedigung über die glückliche Lösung der Palästinafrage durch den Völkerbundsrat (?) zum Ausdruck. Er glaube, jeder Freund des Völkerbundes wisse Henderson Dank für seine Erklärung, welche diese Lösung ermöglicht habe. Die Tatsache, daß die Mandatskommission das Palästinaproblem gründlich studiert hat, fei von hohem Interesse. Er hoffe, daß die Ratschläge der Mandatskommission und des Völkerbundsrates eine für beide Teile billige und gerechte Lösung ermöglichen werden. Der Pole Tarnowski unterstrich die Interessen seines Staates in Palästina und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims und der Wohlfahrt der übrigen Bewohner Palästinas in Zukunft auf keine Hindernisse stoßen werde. Der finnische Delegierte Valvanne wurde anstelle Procopes, der nicht in der Lage ist, bis zum Schluß der Session in Genf zu bleiben, zum Berichterstatter für Mandatsfragen gewählt. Die Zusammensetzung der sechsten Kommission war diesmal eine wesentlich andere als bei der Beratung der Minderheitenfragen. Während Briand, Curtius, Zaleski und Benes fehlten, waren Procope und der Vertreter Persiens, Khan Ala, anwesend. Anstelle Professor Rappards war der Führer der Schweizer Delegation, Bundesrat Motto, erschienen. Ferner nahmen zwei Mitglieder der Mandatskommission, der Spanier Palacias und der Portugiese Graf Penha Gercia an der Sitzung -teil. — Die Gerüchte, daß die katholischen Mächte unter dem Einfluß des Vatikans das Problem der heiligen Stätten zur Sprache britzgen würden, haben sich nicht bewahrheitet. '• 1 : Tsch^chö-AMvakei. Antideutsche und antijüdftche Demonstrationen in Prag. ” \ Prag, 25. Seytu! Am 23. September, 11 Uhr abends, fanden aufLdem Wenzelsplatz in Prag große antideutsche und antijüd.ischö Demonstrationen statt, die sich zunächst gegen diif-Vörführung deutscher Tonfilme richteten, aber schließlich zu politischen Kundgebungen ausarteten. Auf dem Wenzelsplatz und auf dem Altstädter Ring vor dem Rathause wurden Ansprachen gehalten. Man rief: „Es lebe das flaoische Prag! Nieder mit den Deutschen! Nieder mit den Juden!" Die deutschsprachige Presse der Tschechoslovakei teilt mit, daß die Kundgebungen von den tschechischen Faschisten organisiert wurde, deren Boulevardpresse seit Tagen zu Krawallen auffordert. Die besonnenen tschechischen Kreise stehen diesem Treiben ablehnend gegenüber. Doch wird darauf hingewiesen, daß die tschechisch geschriebene Presse zum überwiegenden Teil die Kundgebungen billigt und mit Befriedigung zur Kenntnis nimmt, daß die Polizei sehr zurückhaltend und schonend gegen die Demonstranten vorgegangen ist.

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