Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1. Oktober 1930 Der Israelit Nr. 40. Seite 3 Befriedigung des Hungers, verschwunden sein wird, um sich erst allmählich wieder bei der nächsten Sonnenphase des Tages einzustellen. Diese Phasen des Hungertriebes übertrage in Deiner Phantasie auf den jüdischen Volksorganismus, iildem Du Dir das Gebet als den nationalen Hunger nach dem Nur-Lebendigen vorstellst. Du fühlst, wie im Fortschreiten des Gebetes dieser Hunger, dieser Trieb allmählich gestillt wird; Du fühlst, wie die Lebenskraft des Nur-Leb endigen immer stärker in den Volksorganismus einströmt und wie dieser am Schluß des Gebetes mit Lebendigkeit gesättigt ist. Du fühlst diese Kraft strahlen als wirkliche Strahlung; Du fühlst dadurch die Kraft des Volkes wirklich ansteigen. Dieses Erleben kannst Du unterstützen, wenn Du den Kraftstrom erlebst, der in Dir beim Einatmen wächst, und wenn Du den lebendigen Atem, den Dein Volk beim Gebet einatmet, als wirklich einströmende Kraft spürst. Uebe nur! Es muß und wird Dir gelingen! Auch hier empfiehlt es sich, zur Unterstützung Deines Erlebens das Schwinden des Bewußtseins durch Anhalten des Atmens (jedoch dieses Mal ohne Erleben Deines individuellen körperlichen Atmens und seines Triebes) herbeizuführen. Immer bleibt aber Voraussetzung, daß Du auch wirklich das Gefühl Deines individuellen Hungers hast. Am leichtesten wird Dir das Erlebnis der Phasen des nationalen Triebes beim Morgengebet gelingen; denn einerseits hast Du das Morgenbrot noch nicht gegessen, der Hungertrieb stellt sich also auf natürliche Weise ein, andererseits ist der Magen durch die Länge der seit der letzten Mahlzeit verstrichenen Zeitspanne leerer als zu anderen Tageszeiten. Hast Du das Gefühl des Hungers nicht, so stelle Dir die durch das Beten erfolgende Triebbefriedigung vor als nationales Einatmen g'ttlicher Lebenskraft. Du mußt spüren, wie das Volk im Beten ematmet; Du mußt auch den Atem des Volkes spüren. Wenn Du durch fortdauernde Uebung zum Erleben des Rhythmus des nationalen Gebets'triebes gelangt bist, hast Du die dritte Stufe zum lebendigen Gebet betreten und damit den ersten Abschnitt der K'wonoh erreicht. Nun zur vierten Stufe! Der Lebenstrieb hat das Bestreben, durch alle Zellen eines organischen Körpers hindurchzugehen. Der ganze Organismus lebt und strebt zum Leben. Wenn eine Zelle vom Lebenstrieb unberührt bleibt, so muß sie krank sein. Es kann nicht anders sein; sie ist krank. Wird also ein Jude nicht vom Trieb des jüdischen Volkes zu den Mizwausbewegungen, insbesondere vom Trieb zum Beten erfaßt, so ist er krank, krank auch dann, wenn er äußerlich noch so gesund erscheint. Das jüdische Gebet gehört zur seelischen und körperlichen Gesundheit eines jeden Juden. Wenn Du daher als Jude die jüdischen Volksgebete sprichst, so glaube nicht, daß Du dies tust kraft Deiner Gewohnheit, die Du Dir von Jugend auf angeeignet hast, oder kraft Deiner Pietät gegenüber Deinem Väterglauben oder kraft Deines ausdrücklichen Willens zur Erfüllung eines g'ttlichen Befehles; nein, fühle, daß Du betest, weil Du ein gesunder Jude und Mensch, ein gesundes Glied des jüdischen Volkskärpers bist; erlebe diese Deine Gesundheit; spüre im Beten, wie ein Strom der Gesundheit, ein Strom jüdischer Volks- und Lebenskraft in Dich hinein und durch Dich hindurchfließt. Lasse als Mittel solchen Erlebens im Anhalten des Atems Dein Bewußtsein schwinden. Im Halbbewußten wird ein Zustand der Ruhe über Dich kommen; es beginnt — zuerst schwach, dann stärker — ein Lebensstrom in Dir zu kreisen, dessen Quelle Du allmählich erfühlst. Die Quelle liegt im Volk, in dessen lebendigem Gebetsstrom Du gegenwärtig stehst. Du spürst, wie dieser Gebetsstrom in Dich hineinfließt und an Stärke immer mehr zunimmt. Daher wird auch das Strömen in Dir immer mächtiger. Der Lebenstrieb Deines Volkes erwacht auch in Dir, weckt auch in Dir die Lust zum Beten, den Drang nach Lebensvermehrung, das Sehnen nach dem Nur-Lebendigen. Du kannst jetzt nicht anders; Du mußt beten. Und je länger Du betest, desto kräftiger, desto gesunder wirst Du Dich fühlen. Am Schluß des Gebetes wirst Du wie neu geboren feM, gesunder sowohl an seelischer wie auch an körperlicher Kraft. Du hast die vierte Gebetsstuse erklommen. (Schluß folgt.) Wochenrundschau. Die Wahlen wirken sich aus. Zunächst in Worte n. Aber es gibt Worte, die mehr sind als das, die schon als Taten, oder wie in diesem Falle, als' Untaten von einiger Tragweite angesprochen werden können. Goebbels, ein Führer der Berliner Nationalsozialisten, einer von denen, die seit den Wahlen mit angeschwollenem Kamme wild um sich herfuchteln, drohte in einer großen Versammlung.mit Judenpogromen. Das ist für Deutschland immerhin ein Novum. Weit über 1000 schreibfertige Füllfederhalter zur Auswahl mit 14karat. Goldfeder ab Rmk. 3.— Ceka. Juwel, Osmia-Supra Parker-Duofold, Wahl, Waterman Montblanc, Pelikan und andere Marken C ARL KLIPPEL Kaiserstrasse 75 Schreibwaren aller Art Zwar wird die Drohung in einem Lande, in dem Polizei und Reichswehr immerhin noch ein sicheres Instrument in der Hand der Regierung sind und trotz der „Hundertsieben" eine Verfassung von einem greisen Reichspräsidenten mit soldatischer Treue gehütet wird, Drohung bleiben, aber sie wird dazu führen, daß der Name und das Ansehen Deutschlands in der Welt noch tiefer sinken, als es bereits durch die Bemühungen dieser gleichen Sorte von Politikern geschehen ist. 3000 Nationalsozialisten haben am Freitag Abend die Drohungen und Großredereien ihres Führers angehört und ihnen Beifall gespendet. Ein neuer Mann, Dr. L o e p e l m a n n , der zur Galerie der „Hundertsieben" gehört, sekundierte dem Meister. Er verlangt für seine Partei das R e i ch s w e hr m i n i st e r i u m und das R e i ch s i n n e n m i n i st e r i u m . natürlich auch die Polizeigewalt über Berlin. Sonst nichts. Mit einem Worte, alle Machtmittel des Staates, um mit diesen den Staat zu stürzen, die Republik, wie er sagte, schachmatt zu setzen. Goebbels ist übrigens auch bereit, jeden Eid zu schwören und hinterher, wenn es nötig fein soll, „die Republik in ein Chaos zu verwandeln". Fällt ein Führer, dann fei die Antwort ein „Judenpogrom"! Rechtsstehende Blätter, so auch die Hugenbergsche Presse und die Reventlowsche „Deutsche Zeitung" berichten über dieses Referat ohne Kommentar. Linksgerichtete Organe hängen diese Aeußerungen so tief es geht, um zu zeigen, wessen die im Siegesräusche befangenen Brüder bereits fähig sind. Die Auslandspresse, und nicht zuletzt die Auslands b ö r s e, reagiert daraus in ihrer eigenen Art. Gottesdienste in den Synagogen. Aber auch diese durften nicht öffentlich bekannt gegeben werden. In dgn gesetzestreuen Zentren waren die Synagogen überfüllt, besonders in Al e a - S h e a r i m , wo die Gedenkfeier tiefsten Eindruck hinterließ. In Hebron, wohin cpn Jahrzeitstage , Hunderte zu den Märtyrergräbern hinströmten, waren die Gebete so innig und flössen die Tränen so reich, daß die Araber in einer mystischen Angst sich in ihre Häuser verkrochen und sich an diesem Tage auf der Straße nicht blicken ließen. Im Gegensätze zu der heiligen Trauer der Alten merkte man in den Kreisen der Modernen wenig von Trauer und Gedrücktheit. Die Kinos in Jerusalem waren geöffnet und gefüllt. Man erzählte, daß im Hause eines hohen Beamten der zionistischen Leitung in Jerusalem an diesem Abend große Gesellschaft mit Tanz und Ball gegeben wurde. Man rechtfertigt sich in diesen Schichten mit der Redewendung, es sei besser, das normale Leben zu seinem Rechte kommen zu lassen und über die Dinge der Vergangenheit leichter hinwegzugehen, als sie für die Dauer zu stabilisieren.-— (Diese Berichte, die von zuverlässigster Stelle kommen, sind doppelt erschütternd, erschütternd in dem, was sie von der ehrlichen tiefen Trauer der Alten berichten und noch erschütternder in dem, was sie vom Verhalten eines durch alle Schickungen nicht zu belehrenden Teiles der neuen Jugend zu vermelden wissen. Die Ereignisse nicht stabilisieren? Hätten wir die Liebe zu Zion^und Jerusalem nicht in der zweitausendjährigen Trauer treulich gehütet, es gäbe heute auch keinen Zionismus und auch nicht die Idee eines Jüdischen Nationalheimes! Die Red.) (Geheimrat Marc Rosenberg, der Historiker der Goldschmiedekunst, 78jährig verstorben.) Im Alter von 78 Jahren verschied in Baden-Baden der frühere langjährige Vertreter der Kunstgeschichte an der Technischen Hochschule in-- Karlsruhe, Geh. Hofrat Dr. phil., Dr. ing., h. c. Marz R o s e n b e r g. Geboren 1852 in Kamienietz (Rußland), wanderte er früh nach Deutschland aus und gab Arbeiten über die Schütze in den Schlössern von Karlsruhe, Dessau und Weimar heraus. Er gab eine großangelegte „Geschichte der Goldschmiedekunst" heraus, später veröffentlichte er sein international berühnrt gewordenes vielbändiges Werk „Der Goldschmiede Merkzeichen". 'Er war Schüler Springers und Justis und habilitierte sich 1883 in Karlsruhe, wo er vier Jahre später zum Extraordinarius und 1893 zum ordentlichen Honorarprofessor für Geschichte des Kunstgewerbes ernannt wurde. Die Technische Hochschule" zu Aachen ernannte ihn für seine Forschungen auf dem Gebiete der Technik und der Geschichte der Edelmetallkunst zum Doktor-Ingenieur ehrenhalber. (Gibt es eine jüdische Philosophie?) Im Anschluß an den Vortrag Prof. R o b a ck s auf dem Jnternationalcn Philosophenkongreß in Oxford über „Jüdidische Philosophie" fand eine Diskussion statt, in deren Verlauf der bekannte Spinozaforscher Prof. Gebhardt die Meinung vertrat, daß eine jüdische Philosophie als nationale Kontinuität nicht existiere. Prof. Roback unterbrach den Redner mit der Frage, ob die holländische Philosophie eine derartige Kontinuität aufweise, so daß z. B. Spinoza in ihren Zusammenhang eingereiht werden könnte. Prof. Gebhardt mußte zugeben, daß dies nicht der Fall sei, bemerkte jedoch, es sei übersehen worden, daß es zwei jüdische Völker, „Sephardim" und „Aschkenazim",. gebe, und daß es auch aus diesem Grunde eine einheitliche jüdische Philosophie nicht geben könne. In seiner Erwiderung führte Prof. Roback aus, es erübrige sich, den Boden allgemein verbreiteter Anschauungen zu verlassen, um in anthropologische Details einzugehen. Wenn man, einer oft behaupteten Assimilation zum Trotz, den Juden als solchen deutlich zu erkennen pflege, besonders dann, wenn es sich unc einen Makler oder Bankier handle, dann müsse man sich auch fragen, ob in geistigen Dingen so ohne weiteres Rasse und Vererbung überwunden werden können, ob durch sie zumindest nicht unterbewußte Gedankengänge und Denkformen beeinflußt würden, ohne daß der Philosoph sich selbst über diesen Einfluß Rechenschaft abzulegen in der Lage sei. (Die Juden in Peru.) Ein Leser der von Robert Stricker herausgegebenen „Reuen Welt" schreibt dieser Zeitung aus Lima (Hauptstadt Perus) u. a. In Lima und in anderen peruanischen Städten leben einige Hundert jüdische Familien. Die älteren Ansiedler kamen aus der Türkei (spaniolische Juden) und Deutschland, später siedelten sich rumänische Juden und wenige Juden aus Polen, Ungarn und Oesterreich an. In den letzten Jahren haben sich alle Juden Perus in der „Union israelita del Peru" organisiert. Die.Union sorgt für Befriedigung geistiger Bedürfnisse, Unterricht, Empfang und Verpflegung jüdischer Ein- und Durchwanderer. Die Union ist-von der peruanischen Regierung mittels Dekretes anerkannt. Als vor kurzem der polnische GenerWtsmsul in Lima, Prof. V. de Szyszlo in einer an die Matter gesandten Erklärung gegen die in Polen lebenden Juden loszog und ausführte, die Palen hätten mit den polnischen Juden, von denen nur wenige als anständige Menschen zu werten seien, nichts gemein, veranstaltete die Union eine Protestversammlung. In der großen Tageszeitung „EI Mundo" rechnete der Redakteur Oscar Fritz, ein deutscher Jude und Mitglied der Union, mit deni antisemitischen Generalkonsul ab und tadelte Polen, das solche Beamte in die Welt schickt. Unter dem Eindruck dieser Proteste bequemte sich der Generalkonsul zu einigen abschwächenden'Bemerkungen.