Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 40. Der Israelit 1. Oktober 1930 DI AKQN - Puder bewahrt Ihren Liebling vor Wundsein. zum Lebendigen. Wie kann ich zu einem Erleben dieses Triebes gelangen? Mache folgenden Versuch: Schließe Derne Augen. Halte Deinen Atem an, solange Du es irgend aushalten kannst. Ein wenig schwindet Dir schlstßlrch das Bewußtsein. Endlch vermagst Du es nicht mehr zu ertragen. Du mußt wieder atmen. In diesem Müssen liegt der Drang, der Trieb zum Leben. Im schwindenden Bewußtsein empfindest Du diesen im Unbewußten der Lebensvorgänge fließenden Trieb. Je öfter Du den Versuch wiederholst, desto mehr erlebst Du das Drängen und das Strömen des Triebes zum Lebendigen in Dir. So erlebst Du diesen Dir bei Deiner Geburt eingepflanzten Trieb zum ersten Mal in Deinem Leben als Ausfluß g'ttlicher Lebenskraft. Du bist imstande, das jüdische Volk beten 311 hören. Es betet, weil der Trieb zum Lebendigen das Volk zum Beten drängt. Dieser Trieb äußert sich im Volk in der gleichen Weise wie im Individuum. Nur läßt sich hier das Experiment nicht vornehmen, das der einzelne Mensch mit seiner Atembewegung machen kann. Denn dafür ist das jüdische Volk zu groß und räumlich zu weit auseinander gedehnt, als daß eine gleichzeitige w i l lkürliche Aktion aller Volksteile zustande kommen könnte. Würde das Experiment möglich sein, so würde sich ergeben, daß zwar das jüdische Volk eine Zeitlang sein Beten einstellen könnte. Schließlich aber würde der Lebensdrang so groß werden daß das Beten mit Naturgewalt wieder zum Durchbruch käme. Das jüdische Volk würde es nicht aushalten, durch einen Akt der Willkür sterben zu müssen. Um zu beweisen-, daß es sich hier um einen Lebenstrieb und eine lebendige Bewegung des jüdischen Volkes handelt, bedarf es des Experimentes jedoch nicht. Denn die jüdische Geschichte liefert den genügenden Beweis. Das jüdische Gebet ist ein Teil der lebendigen Thorabewegungen des jüdischen Volksorganismus; das Gebet ist sogar, weil es beim Suchen nach einer Verbindung mit denk Nur-Lebendigen mit am wenigsten materielle Zutaten erfordert, besser als viele andere Mizwaus geeignet, das Einströmen des Lebendigen in das jüdische Volk zu veranlassen. Ihre lebenserhaltende und lebenserneuernde Kraft haben nun die lebendigen Thora- und Mizwausbewegungen in den Jahrtausenden jüdischer Geschichte gezeigt; wenn dem entgegengehalten wird, daß die äußere Notlage es gewesen sei, die in so wunderbarer Weise das jüdische Volk zusammengeschweißt und dadurch am Leben erhalten hat, so ist darauf Folgendes zu erwidern: Es mag fein — darüber soll im Augenblick nicht diskutiert werden —, daß die Verfolgungen günstige Bedingungen für einen kollektiven Zusammenhalt der Judenheit geschaffen haben; aber günstige Lebensbedingungen ermöglichen nur das Leber-; weder schaffen, noch erhalten, noch erneuern sie es. Das Geheimnis des Lebens des jüdischen Volksorganismus können auch sie nicht erklären. Hier müssen besondere Lebenskräfte im. Spiel gewesen sein, ohne die das Lebensphänomen des jüdischen Volkes rätselhaft bliebe. Diese besonderen Lebenskräfte können, weil sie die Lebendigkeit erhalten und erneuert haben, nur lebendige Kräfte, lebendige Bewegungen sein, die das Leben eines Organismus bedingen; dies find die lebendigen Bewegungen der Thora. Einen anderen Charakter weist das jüdische Lebensrätsel nicht auf. Als lebendige Bewegungen sind die Mizwaus — unbeschadet ihres offenbarten Charakters — triebhafte Kräfte des jüdischen Volkes. Daher wird auch das Volksgebet, als eine der lebendigsten Mizwausbewegungen, durch das Drängen des jüdischen Volkstriebes ^zum Lebendigen hervorgerufen. ~ Willst Du diesen Trieb erleben, so werde Dir zunächst der Tatsache bewußt, daß ohne den Trieb das jüdische Volk nicht beten und nicht mehr leben würde. Wiederhole das Experiment des Anhaltens des Atmens und erlebe in dem dabei schwindenden Bewußtsein (in der Phantasie) das Experiment des willkürlichen Aufhörens des jüdischen Volksgebetes. Im gewaltsamen Durchbruch Deines eigenen Atems wirft Du dann den triebhaften Durchbruch des Volksgebetes, das jüdische Hindrängen zum Leben, zum Nurlebendigen erschauernd erleben. Sobald Du auch dies .cach einiger Uebung erreichst, hast Du die zweite Stufe der Treppe, die hinauf zum lebendigen Gebet führt, erklommen. Das Trieberlebnis bedarf noch einer Erweiterung. Die Tatsache, daß das jüdische Volk betet, und der Trieb, der es dazu drängt, haben sich in unsere Seele eingeprägt. Warum drängt der Trieb das Volk nicht dauernd zu ununterbrochenem Gebet? Weshalb die zeitlichen Intervalle und weshalb Beten gerade zu bestimmten Tageszeiten? Das Leben ist keine gleichmäßige Bewegung, wie sie etwa ein nach (angeblichen) Naturgesetzen fallender Stein anscheinend ausführt: das Leben ist vielmehr gleich einem Strom, der- Nähmaschinen Bequeme Zahlungsweise Martin Decker £S: Gr. Friedbergerstr. 18/20 im ewigen Auf und Nieder seiner Wellen dahinfließt. Ein Trieb,, der, aus dem Lebendiger^ kommend, immer mit gleichem Tempo und in gleicher Stärke drängt, ist ebenso unmöglich wie eine Natur, Me keinen Wechsel dsr Jahreszeiten kennt. Schon die erste an das Volk gerichtete Mizwoh der Thora, die Vorschrift über die Monderneuung, zeigt uns, daß auch die Thora von dem Phasenwechsel der Natur und d-es Lebens ausgeht. So wechselt auch der Trieb; einmal bricht er mit mächtiger Kraft hervor; ein anderes Mal ist er nur schwach; dann wieder ist er nicht mehr merkbar vorhanden. In diesem Wechsel tritt gerade das Lebendige des Triebes am fühlbarsten in die Erscheinung. Hier wird der Rhythmus des Lebendigen erlebbar. Und wenn es Zeiten gibt, in denen das jüdische Volk betet, und dann wiederum Zeiten, in denen das Gebet ruht, so deshalb, weil zu den Gebetszeiten der Trieb des Volkes zum Beten stark, zu den anderen Zeiten kraftlos ist. Woher dies'kommt? Offenbar hängen die Phasen des Volkstriebes wiederum ab von den wechselnden Phasen kosmischer Lebenstriebe, die die moderne Naturwissenschaft einfach als gesetzmäßige (unlebendige) Naturerscheinungen hinzustellen versucht. Nehmen wir als Beispiel die drei Hauptgebete des Tages: Schacharis, Minchoh und Maariw. Morgens, wenn die Sonne aufgegangen ist, mittags^ wenn sie den Zenith überschritten hat, und abends^ wenn sie wieder verschwunden ist, wenn also im Kosmos (oder vielmehr im Organismus Erde) die drei Hauptphasen des Lebenstriebes der Natur erwachen, wird auch im jüdischen Volk der Trieb zum Lebendigen, der Drang zum Gebet geweckt. Die Natur treibt das jüdische Volk zum Gebet. Um den Rhythmus des Triebes zum Gebet zu erfühlen, bediene Dich wiederum Deines individuellen Trieberlebnisses. Die drei Phasen der erwähnten drei Hauptgebete fallen im allgemeinen ungefähr mit den drei Hauptmahlzeiten des Tages zusammen. Sie werden durch den normaler Weise jedes Mal dabei auftretenden Hungertrieb veranlaßt. Diesen Hungertrieb lasse bei einem der Hauptgebete in Dir aufstergen und erlebe dabei, daß er gerade zu dieser Tageszeit drängt, während er einige Zeit später, nach der Uleines Feuilleton. Der Psalm 27. G'tt ist mein Licht, wen sollte ich scheuen: Meine Hilfe ist er, mein Hort in der Not. Mögen auch Feinde und Hasser mir dräuen, Mögen auch lauern Gefahren und Tod — G'tt wird mich schützen, wird liebend mich bergen, Seine Hütte bestellt er, sie wird mir zur Bürg Am Tage des Unglücks. — Es geht das Verderben >' Gnädig vorüber. Nicht kenne ich Furcht. 1 1 i G'tt ist mein Licht, mein Haupt ich erhebe:! Meine Hilfe ist er, seine Wohnung mein Zelt. Dort möchte ich opfern, möcht' ordnen Gebete, Dort nur lobsingen dem Schöpfer der "Welt. G'tt wird mich hören, meine Stimme vernehmen; Sagt doch mein Herz mir: Sein Antlitz erfleh! Verbirg nicht Dein Antlitz! Wir nah'n Dir mit Tränen! Erhöre uns doch, du G'tt in der Höh! G'tt ist mein Licht, bei ihm nur ist-Zuflucht! Meine Hilfe ist er, nimmt gnädig mich auf. Möge — von Eltern verlassen — auch Sehnsucht, Mögen Sorgen mich quälen, wie's nun der Welt Lauf, G'tt wird mich leiten, vor Feinden bewahren, Auf ihn allein hoff' ich, er stärket mein Herz. - Er ist mein Schirm in Not und Gefahren,! Er nur mein Trost in all meinem Schmerz. S—n. Gedenktage in Palästina. Ein Sittenbild. Eine Freundin unseres Blattes schreibt uns: Am Montag empfing ich eine Einladung, zusammen mit zwei deutschen Lehrerinnen nach Hebron zu fahren. Gern nahm ich an, denn schon lange verlangte es mich, die alte heilige Stadt zu sehen, die vor einem Jahre Schauplatz der furchtbaren Ereignisse war. .Die Reise war ganz wundervoll. Wir sahen das Grab R a h e l s , aber leider nur von außen, denn geöffnet wird die Grabhöhle nur am Rüstetag zum Neumonde. Wir kamen dann durch Bethlehem, eine schöne christliche Stadt mit der bekannten Stifterkirche. Eine prachtvolle Straße führt nach Hebron. Die Berge sind mit üppigen Bäumen bedeckt und dazwischen blüht der Wein. Wir sahen Wagen vollbeladen mit süßen Trauben. Aber all dieses gehört den Arabern. Wir trafen auf dem ganzen Wege wie auch in Hebron selbst keinen einzigen Juden. Bekanntlich haben nach den Ausschreitungen die Juden allesamt Hebron verlassen.. Die Araber leiden darunter schwer, denn ihre Wohnungen sind leer und der ganze Handel stockt. - Ihre Kramläden sehen keinen Kunden. Das hochinteressante Judenviertel konnten wir nicht ansehen, da seine Tbre geschlossen waren. Wir begaben uns zur M a ch p e l a h h ö h le. Aber unsere glühenden Hoffnungen wurden getäuscht. Da erhebt sich aus Quadern, die an die Westmauer erinnern, eine arabische Moschee. Der Eintritt für Juden ist verboten. Unten sind die alten Gräber der Väter und Mütter, wir durften durch das Schlüsselloch einen Blick hineintun. Wie beschämend und bedrückend für den Juden, daß ihm das Betreten des ureigenen Bodens, des Vätererbes verboten wird.! Der Monat Aw war voll schwerer Erinnerung für uns. Nach Sabbatausgang, am 9. Aw, zog sich der Strom der Jerusalemer Juden durch die dunklen, engen Straßen der Altstadt zur Westmauer. Eine gewaltige Menge, Männer, .Frauen und Kinder, Greise und Greisinnen. Es war wie ein Totengeleite und die Prozession dauerte lange über die Mitternachtstunde hinaus.. Die heilige Mauer war in tiefes Dunkel gehüllt, denn es war strengstens verboten, Lichter anzuzünden. Nur das winzige Neschomolicht des Königs David spielte auf die alten Steine. Verhaltenes Weinen drang wie aus den Mauern, und Worte der alten prophetischen Klage erhielten grausiges Leben. Auf Schritt und Tritt wird man gewahr, wie sehr wir im Eolus noch im eigenen Lande sind. Englische und arabische Soldaten umringen stark bewaffnet die Mauer, bereit, bei erster Gelegenheit. die heilige Trauer zu stören. Keiner wagte, mit erhobener Stimme zu beten und zu weinen. Die ganze Nacht hindurch, wie am Tage des 9. Aw wich der Mufti im nahegelegenen Hause nicht vom Fenster^ unti die Juden zu überwachen, ob sie auch alle Vorschriften einhielten. Schmerzlich war dieser Anblick! Aber noch weit schmerzlicher wirkte es, daß jüdische Ch aluzim in den arabischen Restaurants am Wege (die jüdischen waren alle geschlossen), sich am Tage der Trauer und des Fastens an Speis und Trank gütlich taten, ohne einen Blick für die trauernden Menschen. die rechts und links zur Mauer wallten. Wann wird die junge Generation es begreifen, daß man mit körperlicher Kraft allein keine Heimat errichtet, daß dazu auch die S e e,I e nötig ist und vor allem einiges Empfinden für die Tradition und die Vergangenheit des eigenen Volkes? ", Aehnliches erlebte man einige Tage später am ersten Jahrzeitstag für die Märtyrer. Jede öffentliche Kundgebung war strengstens verboten, erlaubt waren nur