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Der Israelit · 1930-10-01 · Heft 40 (1.10.1930) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 40 (1.10.1930)
Date
1930-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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“2.GKT30 1. Oktober 1930 Frankfurt a. M., den g, Nschri sss, Nr. 40 Ein Centralorgan fiir das orthodoxe Judentum Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Viertel Abonnement ab Zu» «»“-S usland: Streifband-Berahrpreise 1 Juli anves) Deut r.: Tschecho-TlowäNi 25 Kronen; Ungarn slavten oo Lin.; »uauen /.du »u.y awui«»«« «V .. mark »um Tageskurs ober 7 Zloty: Schwerz 5 Fr.; Pengö 5 ab 1. Juli 1927; Dmremar^ 3.^Krorn;^N^wegen^50^Kron.; Schweden 3.50 Krön. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 5V Goldes, die stebengespaltene Nonvareille-ZeUe. Abonnenten zahlen bei Stellengesuche« und Farnilienanzeigen nur40Pf. durch sämtl. Annoncen-Erped. d.Jn- und Auslands. Alleinige ^useratenann.fur FrE Geschiiftsanz.: Jul. Schmidt, Langestr. 7, ll. Tel. Hansa N865^Platzoorschr^ohnEEEM- .„„.....„vrt direkt an den Verlag auf P.?W5ckkonto^Frankflnt^sMain^Hr^19802 Warschau Nr. 190757. - Postscheckamt Zürich Nr. VIII7254. Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. Bete«. Wegweiser zur kollektiven INizwoserfüllung und zur S'wonoh,) Von Dr. C. C. in A. Für einen üef religiös empfindenden Menschen scheint nichts unerträglicher, nichts dem Wesen wahrer Religiösität widersprechender zu sein als die Forderung des Judentums, Gebete mit vorgeschriebenem Inhalt zu vorge sehr leb enen -Zeiten zu verrichten. Gebetsstimmung-, Andacht, K'wonoh könnten nicht kommandiert werden; es müsst jedem überlassen bleiben, je nach Stimmung und seelischem Bedürfen zu beten. Nur dann sei Andacht im Gebet. Kommandierte Andacht dagegen erzeuge das Gegenteil dessen, was Zweck und Inhalt des- Betens fein müsse; es erzeuge Heuchelei, äußerliches Tun, Lippenbewegungen, bei denen das Herz unbeteiligt bleibe, -Erledigung eines anbefohlenen Pensums nach der Art von Schulaufgaben, im besten Fall mechanisches Herunterleiern einer eingedrillten Litanei; ebensogut könne man sich tibetanischer Gebetmühlen bedienen. Darüber könnten auch die synagogalen G'ttesdienste nicht hinwegtäuschen; denn die Andacht, die dgrt erzeugt werde, habe ganz andere Ursachen als die mnerfeelischen des Betens: Chor, Predigt, Gesang, stimmbegabter Chasan,! G'tteshausweihe durch Architektur, Einrichtung und innere Ausgestaltung; usw. Sind diese Vorwürfe berechtigt? Im Gebet sucht der Mensch Verbindung mit G'tt.. G'tt ist der Nur-Lebendige. Je lebendiger der Mensch ist, je-vollkommener er stme Lebenskraft gestaltet, desto leichter gelingt ihm die Verbindung mit dem Nur-Lebendigen, desto inniger ist sein Beten. Der einzelne Mensch ist ein abgerissenes Blatt vom großen Baume des Lebendigen. Die Lebenskraft des Blattes ist nur ein kleiner Bruchteil der im ganzen Baum verkörperten^ Lebendigkeit. Wer vermag inniger zu beten, leichter sich mit dem Nur-Lebendigen zu verbinden, das Blatt oder der Baum? Das Jndwidual-Gebet birgt aber auch eine 'Gefahr. Das Für-sich-Beten führt leicht zu einem Für-sich-Sein, ist sogar häufig aus einem Fürsich-Sein entstanden. Jede Zelle, die für sich fein wollte, würde den Zusammenhang mit dem Organismus, dem sie angohört, verlieren; sie würde allmählich aus dem Reich des lebendigen Organismus ausscheiden und dadurch zum Absterben vernäher. Ihr Gebet ist nur in ihrer Vorstellung eine Annäherung an G'tt; sie redet es sich ein. Die Wirklichkeit zeigt und zeitigt das Gegenteil, und zwar auch dann, wenn der einzelne, f ü r andere betet. Dies hebt seine Isolation nicht ans. Der Betende befindet sich den anderen, für die er betet, gegenüber. Er bildet keinen einheitlichen lebendigen Organismus zusammen mit den anderen. ' - - Der Einzelbeter ringt vergebens um G'tt was er für den lebendigen G'tt Hält, ist in Wirklichkeit nur feine persönliche Ekstase, ein Zustand der Ueberreizung von (Befyivn und Nerven, in welchem die Wahrnehmungsfähigkeit der äußeren Sinne vermindert oder ausgeschaltet ist. Sein Beten kann nicht zu G'tt führen. Wo findet das Blatt die es nährende und am Leben erhaltende Lebenskraft? Doch im Baum, in feinem ihm übergeordneten Organismus! Der Baum findet feine Lebenskraft im Organismus Erde und so fort bis zum Organismus Kosmos und von ihm zu G'tt, dem Nur-Lebendigen. Wollte das Blatt auch nur eines der ihm übergeordneten Lebewesen überschlagen und etwa sich darum mühen, unmittelbar' aus der Erde seine Lebenskraft zu ziehen, so würde es verdorren. Der Mensch ist wie ein Blatt am Baumes Auch er sucht vergebens das Lebendige, wenn er sich als Individuum unmittelbar an G'tt wendet. Die Wurzeln seiner Lebenskraft ruhen in seinem (naturgegebenen) Volksorganismus. Ist er nicht imstande, den Lebensstrom, der in seinem ihm übergeordneten Volksorganismus kreist und der durch ihn als Zelle hmdu-rchgeht, zu erfühlen und zu erfassen, so wird es ihm nimmermehr gelingen, das Lebendige G'ttes zu erreichen. Dort, wo das Leben ihn unmittelbar berührt, spürt es der Beter nicht und er will es dort erringen, wo es auf seinem höchsten Gipfel sich befindet, im nur-lebendigen G'tte? Nein, das wahrhafte lebendige Gebet ist nicht beim Einzelbeter zu finden; das Gebet führt zu G'tt nur über das Volk; für das Individuum beginnt das Fühlbare des Lebendigen erst da, wo das Individuum aufhört, Jndviduum zu fein, im Volk. Das Lebendige des Volkes allem ist daher die Grundlage für eine Verbindung mit dem Nur-Lebendrgen, für das Beten. Nur das Volk kann beten; dem Menschen als Individuum ist der Weg zu G'tt versagt.*) Alle großen jüdischen *) Das scheint uns eine offensichtliche, mit der Thora urtdtt [ein. Sie Ed. imm« leben-fern« w«- "u kb n h K 1L -den, anstatt, wie im echten Gebet, immer lebens-! Die Red. Beter waren im Volk verwurzelt; sie waren nur deshalb große Beter, weit sie weiter nichts als die Exponenten ihres Volkes waren und sich mir als solche fühlten. ' Nur das Volk kann beten. Damit da« Polk beten kann, müssen seine Zellen, die Menschen, zur selben Zeit Gebete gleichen Inhalts verrichten. W?gn ein einzelner Mensch betet, so ist dies ooch nur dadurch mögliche daß fein ganzer Körper pn Beten mitwirkt, daß alle Zellen des menschlichen Organismus sich glelchzenig iü iSS? selben Gebet vereinigen. Würde ein Beten zustande kommen, wenn jede Zelle den Organismus nach einer anderen Richtung zieht? Wie im Organismus Mensch,, so im Organismus Volk. Das Volk betet, wenn ferne Zellen, die Volksaugehörigen, nur selben Zeit dasselbe beten. Damit haben wir die erste Stufe für das wahrhafte jüdische Gebet erkannt: Jeder jüdische Beter muß darauf verzichten lernen, als Einzelner zu G'tt im Geber Vordringen zu können; er muß sich bewußt werden, daß allein die jüdische Gemeinschaft, das jüdische Volk zu beten vermag; er muß fühlen, daß, das jüdische Volk betet, wenn seine Zellen, die einzelnen Juden zur gleichen Zeit dasselbe tun, also Gebete gleichen Inhaltes sprechen; gerade in der zeitlichen,,, und inhaltlichen Gleichheit der Gebete muß er die Gebetsbewegung der Gesamtheit allmählich erleben lernen;, er muß mit seinem inneren Gehör deutlich vernehmen, wie die Gemeinschaft aller jüdischen Volksgenossen gleichzeitig mit seinem Gebet dasselbe Gebet wie er selbst spricht . Erst wenn der Beter mit seinem inneren Ohr die Gebetsworte des Volkes wirklich hört, hat er die erste Stufe, die zum lebendigen Gebet führt, erreicht. Erheben wir unseren Fuß zur zweiten Stufe. Wenn das jüdische Volk betet und immer wieder betet und schon seit Jahrtausenden gebetet hat, so muß dies daraus beruhen, daß irgend etwas das jüdische Volk zum Beten treibt. Es muß im Volk ein Trieb zum Beten vorhanden sein. Denn daß das Volk ständig den bewußten Willen zum Gebet hat, vielleicht sogar noch ständig gegen einen dem Gebet entgegenstehenden Trieb zu kämpfen hat und ihn überwindet, kann doch wohl niemand behauptell wollen. Das Gebet kann also nur aus einem Trieb zum Beten hervorgehen. Für den Beter gilt es nunmehr, diesen nationalen Gebetstrieb zu erleben. Da das Gebet die Verbindung mit G'tt, mit dem Nur-Lebendigen Herstellen soll, so ist der Trieb zum Gebet lediglich eine Unterströmung des allgemeinen Triebes

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