Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1930)
- Date
- 1930-09-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 39 De r Israelit 26. September 1930 über 300 Zeugen beantragt. Unter der jüdischen Bevölkerung von Sziget herrscht Beunruhigung, da schon jetzt zahlreiche Mitglieder der „Eisernen Garde" in die Stadt gekommen sind, um dem Prozesse beizuwohnen. Die Behörden haben umfassende Maßnahmen getroffen, um Ruhestörungen während des Prozesses zu verhindern. Die jüdischen Zeitungen äußern Empörung darüber, daß die Gerichtsbehörden auf die Angaben Damilas und seiner Genossen hin die Anklage auf 17 friedliebende jüdische Bürger ausgedehnt hat. Kongreß der Juden Betzarabiens. Kischinew, 14. Sept. Palästina. Bevorstehende Einigung im Klagemauer-Konflikt? Jerusalem, 17. Sept. Ueber den Stand der von der Regierung angeregten Verhandlungen zwischen Arabern und Juden in der Klagemauerfrage, in denen Oberstaatsanwalt Norman Bentwich eine bedeutsame Rolle spielt, wird der ITA aus absolut verläßlicher Quelle Nachstehendes milgeteilt: Das Haupthindernis der endgültigen Einigung, auf deren Zustandekommen die Regierung größten Wertlegt, ist die Weigerung der Moslems, den geregelten jüdischen Gottesdieyst zuzulassen, wobei sich die Mohammedaner auf das Schariah-Gesetz berufen, welches den Gottesdienst Andersgläubiger auf Wakfboden und heiligen Stätten, verbietet. Für den Fall eines Vergleichs in der Klagemauerfrage wird die Regierung Maßnahmen treffen, um den Juden den ungehinderten Zugang zur Klagemauer zu sichern. Es ist jedoch unwahrscheinlich, daß sie in der Lage sein wird, den - Juden über die arabischen Zugeständnisse hinaus Freiheiten zu sichern, auch wenn die Klagemauerkommission die Berechtigung dahingehender Ansprüche anerkennen sollte. Ein Kongreß von Vertretern der jüdischen Bevölkerung Beßarabiens wurde zum Zwecke der Organisierung der beßarabischen Abteilung des „Allgemeinen Rates der rumänischen Juden" in Kischinew abgehalten. Den Vorsitz führte Oberrabbiner und früherer Senator Zirels o h n. Deputierter Michael Landau gab eingehend Bericht über die Lage der jüdischen Bevölkerung in Rumänien. Nach einem kurzen Ueberblick über die Geschichte der Emanzipation in Rumänien erklärte er, daß die Liberalen den Antisemitismus in Rumänien eingeführt hätten, um dadurch zugleich eine Waffe gegen die christlichen wie gegen die jüdischen Studenten zu haben. Was die jetzige nationalzaranistische Regierung anbetrifft, so habe sie die Hoffnungen, die die Juden in sie gesetzt haben, arg enttäuscht. Sie habe nicht nur nichts gegen die antisemitische Bewegung getan, sondern der Innenminister Vaida habe die Bewegung noch unterstützt und ermutigt. Abg. Lendau zitierte einen vertraulichen Bericht eines Polizeiinspektors, der nach den Ereignissen in Targul-Frumos die oberste Behörde dahin informiert hat, daß die Juden allerlei ökonomische, kulturelle und politische Organisationen ins Leben rufen, um die Rumänen zu unterjochen und das christliche Element zu vernichten. Der Berichterstatter empfahl die gewaltsame Auflösung aller jüdischen Organisationen als Mittel zur Beruhigung des Landes. Dep. Landau zitierte ein zweites nicht minder charakteristisches Dokument betreffend Maßnahmen, die der Gendarmeriechef des Ortes Ciuciuleni bei Kischinew ergriff, als es hieß, daß dort der, übrigens später von der Regierung verbotene, Kongreß der antisemitischen Studenten stattfinden würde. Die Einwohner des Dorfes haben zu Protokoll gegeben, daß der Gendarmeriechef die Einwohner versammelte, um ihnen zuzureden, sie sollen zum Schein die Ruhe bewahren, wenn aber die Bauern einmal versammelt seien, wollte er an .ihrer Spitze über die Juden herfallen, um ihnen alles Hab und Gut wegzunehmen. Herr Landau gab noch weitere Beweise von Patronisierung des Antisemitismus durch die Behörden. England. Line Rosch-Hafchanah-Botfchaft des Chief Rabbi Dr. X h. Hertz. London, 18. Sept. In seiner Neujahrsbotschaft befaßt sich der Chief- Rabbi von England Dr. I. Hertz in folgender Weise mit der geplanten Kalenderreform: Im Laufe des kommenden Jahres ist ein entschiedener Angriff auf eine Grundinstitution des jüdischen religiösen Lebens zu erwarten. Gewisse kaufmännische und finanzielle Jnteressenkreise bieten ihren ganzen Einfluß auf, um einen Beschluß des Völkerbundkomitees für Verkehr und Transit zu provozieren, durch den die Einführung sogenannter Blankotage in den Kalender empfohlen werden soll. Ein solcher Beschluß wäre mit den schwersten Folgen für die Religionsgemeinschaften verbunden. Eine Verschiebung des Sabbats auf einen anderen Tag in jedem Jahr würde den Sabbatgedanken in den Massen unseres Volkes untergraben. Die Beobachtung des Sabbats würde der überwiegenden Mehrheit glaubenstreuer Juden erschwert werden und sie tiefgehenden inneren Konflikten aussetzen. Nur durch gemeinsame Abwehr durch die Juden der ganzen Welt kann diese den jüdischen Interessen drohende Gefahr gebannt werden. Ich hege die beste Hoffnung, daß alle Teile der britischen Judenheit diesen Kampf für Verteidigung des Sabbats und Unantastbarkeit unserer religiösen Freiheit freudig und mit allen Kräften führen werden. Berlin. Das Lübecker Schöffengericht hat zwei Nationalsozialisten, einen 20-jährigen Bäcker und einen 29-jährigen Schlosser, zu je drei Monaten und zwei Wochen Gefängnis wegen schwerer Mißhandlung verurteilt. Beide hatten einen jüdischen Oberprimaner, der in Begleitung seiner Kusine auf dem Heimweg war, beschimpft 'und mißhandelt. — Ein schwerer Einbruch wurde in der Nacht zum Sonnabend in die Synagoge in der Alten Schönhauser Straße 10 verübt. Diebe waren in der Nacht eingedrungen und haben wertvolle Gegenstände entwendet, unter anderem den Schmuck der Thora und einen wertvollen Kronleuchter sowie zwei silberne Hände. Worms. In Worms wurde soeben ein unter dem alten israelitischen Gemeindefriedhof liegender unterirdischer Gang, 36 Meter lang, 1,50 Meter hoch und 0,80 Meter breit, freigelegt. In dem Gang selbst wurden wertvolle Funde gemacht. Bisher wurden acht Grabsteine gefunden, die teilweise aus dem 13. Jahrhundert stammen und einen Einblick in die Geschichte des mittelalterlichen Judentums geben. Warschau. In dem Städtchen W o w o l i e c, in der Nähe Lublin, überfielen polnische Hooligans einen jüdischen Zug, der sich aus Anlaß einer Thora- Weihe in die Synagoge begab. Der an der Spitze schreitende Ortsrabbiner Jehuda F r e i - b e r g wurde am Kopfe schwer verletzt: erhebliche Verletzungen erhielten auch andere Bürger. Einige Kinder erlitten in der entstandenen Panik Verletzungen durch Fußtritte. Rom. Laut vatikanischen Blättern hat Papst Pius das Eroßkreuz des Ordens des Heiligen Sylvester dem Komtur Guiseppe Toeplitz verliehen. Toeplitz, der vor vielen Jahren aus Polen nach Italien kam, ist Generaldirektor der ..Banca Commerciale Jtaliana", des größten Bankinstituts in Italien. Wien. Aus offiziöser Quelle wird die am 17. September vom österreichischen Pressebüro gebrachte Nachricht von der Begnadigung Philipp H a l s m a n n s dementiert. Die Regierungsstellen verweigern jede Auskunft über diesen Punkt. Das österreichische Pressebüro hält teilweise an der Richtigkeit seiner Mitteilung fest und behauptet, die Begnadigung sei bereits grundsätzlich feststehend, die offizielle Bekanntmachung aber erst nächste Woche zu erwarten. Budapest. In Biharpüspök in der Nähe von Nagyvarad ist im Alter von 102 Jahren der letzte jüdische 48er Honved Josef F l u k e i s e n , der unter der Fahne Bems kämpfte, gestorben. Moskau. Der gegen 32 Mitglieder der jüdischen Kreditgenossenschaft „Selbständigkeit" durch mehr als einen Monat geführte Prozeß wegen Uebertretung der Wirtschaftsgesetze endete mit der Verurteilung sämtlicher Angeklagten. Die Mehrzahl von ihnen wurde mit Zwangsarbeit von neun Monaten bis zu zwei Jahren, einige mit je fünf Jahren F r e i h e i t s v e r lu st bestraft. — Buenos Aires. In den Straßenkämofen, welche am vergangenen Sonnabend hier stattfanden und die zum Sturz der Regierung Jrigoyen geführt haben, wurden drei Juden getötet und zehn verwundet. Eines der drei jüdischen Todesopfer, Chaim Rosenblatt, war seinerzeit Polizist in Palästina. Das Gebiet der jüdischen Kolonien in Argentinien ist von den Unruhen nicht berührt worden. Der Großmufti hat sich bereit erklärt, das Recht der Juden, zur Klagemauer einzeln oder in Gruppen zu pilgern und dort Gebete zu verrichten, formell anzuerkennen, wenn die Vertreter der Juden eine Erklärung zeichnen, wonach sie sich aller Eigentumsansprüche auf die Mauer begeben und ihre Forderung, an der Mauer regelrechte Gottesdienste mit allem Zubehör abzuhalten, 'allen ließen. Beide Parteien müßten sich verpflichten, den Platz vor der Mauer rein zu halten, die Moslems außerdem, die jüdischen Beter nicht zu stören, die Juden, den mohammedanischen Gottesdienst im Gebiete der Omarmoschee zu respektieren. Brief aus Palästina. Hochzeit und Bestattung. — Familienfeste. — Bescheidenheit. — Der Omonuth-Verlag. Jerusalem, 20. Sept. In Palästina sind das Verheiratet- und das Begrabenwerden ganz schlichte, unauffällige Angelegenheiten, wenn es nicht gerade Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens betrifft. In der Regel vollzieht sich der religiöse Akt ohne Reden und daher in wenigen Mi-- nuten. Bei den religiösen Zeremonien geht es sogar zu sang- und klanglos zu, obwohl es sonst wahrlich nicht am Singen und Klingen mangelt. Jede religiöse Handlung muß mit einer Atmosphäre der Weihe umgeben sein und zu andächtiger, nachdenklicher Stimmung führen, wenn sie ihren erzieherischen Absichten gerecht werden soll. Das wird hier zu wenig beachtet und ist im Hinblick auf die vielen religiös indifferenten Elemente unter dem hiesigen Publikum zu bedauern. Rühmenswert ist aber die bescheidene Arrangierung der Hochzeits- und sonstigen Familienfeste. Meist mir eine Tafel mit Kuchen, Wein und Obst, und wer zur Trauung, die im Freien unter einem Baldachin stattfindet, kommt, setzt sich auch an den Tisch. Man unterhält sich mit seinen Nachbarn, zwischendurch stimmt einer ein Lied an, die Tischgesellsstaft stimmt ein, und dann gibt es einen Tanz. Welche Unsummen werden in anderen Ländern bei uns Juden für Hochzeiten verwendet! Wegen sogenannter gesellschaftlichen Verpflichtungen und wegen des Prestige tun sich viele bei solchen Gelegenheiten finanziell weh und fördern überdies das Märchen vom Reichtum der Juden! ' Das jüdische Aufbauwerk in Palästina wäre nie geworden und das trotz der großen Summen des Auslandes mühsam Erreichte längst zusammengebrochen, würde unter den hiesigen Juden nicht die Kunst geübt, die Ansprüche an die Lebensgenüsse auf das" Primitivste einzustellen. Z. B. sind Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen die Regel, und eine Wohnung von drei Zimmern gilt schon als Luxus. Nur dann können die wirtschaftlich ausgeschiedenen Juden des Auslandes wieder 'esten Boden gewinnen, wenn sie nicht mehr nach dem lieben Nächsten sehen, sondern sich rücksichtslos so einrichten, wie es ihren Einkommenmöglichkeiten entspricht. Notwendig ist auch Berufswahl statt nach sozialen Erwägungen, wie bei den ausländischen Juden, nach: persönlicher Eignung, wie bei den palästinensischen Juden. Der palästinensische Jude kennt auch keine Reflexionen,, sein Sein ist ihm selbstverständlich, er hat dadurch in sich Sicherheit und Würde. Den ausländischen Juden liegt es gewissermaßen meist auf den Lippen, ZU sagen: „Entschuldigt, daß ich Jude bin? Wenn alle Juden mir glichen,, würde es keinen Antisemitismus geben." ' Ein guter Teil des Wirtschaftslebens der Juden Palästinas verdankt der Initiative, der Zähigkeit und dem zielbewußten Wollen Einzelner sein Bestehen. Auf diese Weise ist z. B. Tel-Aviv die Zentrale des hebräischen. Verlagswesens geworden. Die interessanteste Erscheinung dürfte hier Frau Susanna Persitz, die Schöpferin des Jugendschriftenverlags „Omonuth,,, sein. Dieser Verlag wird demnächst ein eigenes Druckerei- und Verlags-Gebäude einweihen, das schon durch seine imponierende Größe zeigt, wie der „Omonuth" nicht nur unter den jüdischen Verlagen, sondern unter den Verlagen überhaupt Rang einnimmt. Frau Persitz, eine der führenden jüdischen Per-! sönlichkeiten im Lande — so sitzt sie im Stadtrat von! Tel-Aviv und steht den Schulen und Krankenanstalten! vor —, lebt gewissenhaft nach den Traditionen des 'Judentums. Dies kommt auch in den Veröffentlichungen ihren Verlages zum Ausdruck, da er Bücher destruktiver Tendenzen gegenüber der jüdischen Welt- und Lebensanschauung nicht verlegt.