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Der Israelit · 1930-09-26 · Heft 39 (26.9.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 39 (26.9.1930)
Date
1930-09-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Wir schließen uns dieser Hoffnung an, in der Erfahrung, daß '131 fVLi ■noawnixa die Gebote, für die Israel gelitten hat, ihm am meisten ans Herz gewachsen sind. Auf Verunglimpfung unserer Gesetze ist unsere Antwort: Treue zum Gesetz! Und Treue um Treue, Anerkennung und Sicherstellung des G'ttesgefetzes wird die letzte Antwort Ser Welt fein. Eine Tribüne für Inden und Antisemiten. Im September ds. Js., als die Wahlschlacht am wAd-esten um den Judenpunkt brandete, kamen die „Süddeutschen Monatshefte" auf den sonderbaren Gedanken, in der jüdischen O e f f e n t l i chk e i t bekannte Männer zusammen mit Führern der a n t i f e m i t i s ch e n Bewegung in e inem Hefte zu Meinungsäußerungen über die Judenfrage zu vereinigen. Daraus ist ein Sonderheft unter dem Titel „Die Judenfrage" entstanden, in dem die Namen Jsmar E l b o g e n, Leo SB a e cf u. v. a. neben denen von Graf Ernst Reventlow und Theodor Fritsch prangen. Ohne in eine tiefere Wertung der zum Teile an sich wertvollen Artikel, einzugehen, sei hier etwas Grundsätzliches zu der Frage gesagt, ob es klug und nützlch und angebracht von jüdischen Männern an verantwortungsvoller Stelle war,J sich an eine n literarischen Tisch mit Leuten zu setzen, die nicht belehrt sein wollen, die m ihrer öffentlichen Wirksamkeit auch ncht belehren, sondern> gläubige Massen in einen Ungeist verstricken wollen, der als Verderben Deutschlands und feiner Menschen von allen Warsehenden längst erkannt ist. Man verstehe , wohl: Es geht in diesem Hefte nicht um eine Auseinandersetzung, nicht um Frage und Antwort, nicht um Rede und Widerrede, sondern die Herren referieren unabhängig voneinander über die ihnen gesteWen Themen und reden weit aneinander vorbei, jeder zu s e i - n e r Gemeinde. Etwa so, daß ein objektiver Leser aller Aufsätze ößs Heftes sich sagen könnte: Der Israelit Was die Indien von ihrem Judentume schreiben, kann schon stimmen, widerspricht aber in keinem Punkte dem, was die Herren Antisemiten hinterher g e g en I u d e n u n d I u d e n t u m geltend machen. Die Gegner haben übrigens das letzte Wort, ihre Anklagen bleiben unwidersprochen und unwiderkegt. Unter diesen Umständen könnten die guten jüdischen Namen in diesem Hefte auf naive Gemüter sogar wie eine Sanktion und Legitimierung der gehässigen Ideologie eines Reventlow und Fritsch wirken. Was verschlagen die gründlichen Angaben Ekbogens über die „Wanderungen der Juden", was die Artikel über den Zionismus, den Zentralverem oder über das Max Raumann'sche Mißgebilde: wie sollen diese Informationen das hinterher festgelegte Dogma der Judienschuld aus dem Geleise werfen? Der Unbefangene wird mit Interesse und ohne Voreingenommenheit sich von Leo Ba eck darüber belehren lassen, daß das Judentum eine Weltreligion fei und keine Staatsrebigion, daß es sich stets laus der Zwangsjacke des Staates zur messianischen Höhe und Weite den Weg fteizumachen wußte. Das wird ihn aber nicht hindern, nachher Reventlow den „überall verderbenden Einfluß der Juden in Deutschland" zu glauben, und mit 'ihm in der Judenfrage ein „internationales Problem zu sehen, das in Deutschland mustergültig für alle Welt seine Lösung -im völkischen Sinne findet." Es ist sehr lehrreich, von Dr. Karl Maiva Kaufmann zu hören, daß der Katholizismus sich vielfach im Geistigen mit dem Judentum begegne; es tut wohl, von Lic. Dr. Ernst Mehring eine Mahnung an die Evangelische Kirche zu vernehmen, schärfer, entschiedener und eindeutiger -als bisher gegen die völkische Bewegung hervorzutreten, im eigenen, im kirchlichen Interesse. Es freut uns, zu erfahren, daß. der italienische Faschismus mit der deutschen Hakenkreuzkultur nichts gemein habe (Kurt K o r n i ck e r in Rom), oder daß das Judentum in Sowjetrußtand nichts weniger als vorherrschend sei. Dann aber wird eine Kanone aufgefahren, -die alle diese kümmerlichen Blüten einer wärmeren Menschlichkeit restlos wegsegt: Theodor Fritsch, Aer Freund und Bundesgenosse Dinters und Hitlers, referiert über die „Geschichte der antisemitischen Bewegung", in der Weise und Tonart, in der eben diese Sorte sprechen kann. Er faselt von einer „jüdischen Diktatur", einer „internationalen Gefahr". Run, man kennt das Vokabularium des Hammer-Verlage s. Eine Kirche, die lehre, alle Menschen seien vor G'tt gleich, frevele gegen G'ttesgebote I 'Nr. 39. Seite 3 üjj IWeit über 1000 schreibfertige zur Auswahl mit 14 karat. Goldfeder ab Rmk. 3.— Ceka, Juwel, Osmia-Supra Parker-Duofold, Wahl, Waterman Montblanc, Pelikan und andere Marken CARL KLIPPEL Kaiserstrasse 75 Schreibwaren aller Art und arbeite an der sittlichen Zerstörung der Menschheit. Es genügt! ... Wir wollen annnehmen, daß die jüdischen Mitarbeiter dieses Heftes von ihren Gegenparten und dem, was aus ihrem Lästermunde kam, keine Kenntnis hatten. Von den „Reinen Jerusalems" bezeugt aber der Talmud, daß sie sich nie eher -an eine Tafel setzten, als bis sie Ne Liste der Tischgenofsen kannten... Im übrigen meinen wir/ daß dieses „Judenheft" als eine der vielen sonderbaren Blüten der Wahlkampagne zu werten sei, und hoffen, daß sich ein ähnliches Experiment nicht wiederholt. Der Weg der Teschuwoh, ein Mld des jüdischen Lebens'). Von Willy Wolf in Köln. Motto: Hosea, Kap. 14, Verse 2 u. 3. Es war um das Jahr 3200 feit der Erschaffung der Welt. Der Prophte Hosea hielt Ne letzte seiner uns überlieferten Reden. Kaum eine seiner herrlichen, ewig denkwürdigen Ansprachen hatte schönen Anlaß, kaum eine war vom Höhenschwung verheißenen Glückes beflügelt. Denn fast alle seine Worte waren Mahn- und Strafpredigten an fein in Götzendienst versunkenes Volk. Aber der Ausklang des vorletzten Kapitels birgt in drei Worten: ■»jy» inv' an: „Eine Sinnesänderung wird sich vor meinen Augen ver- *) Der vorliegende Aufsatz ist auf der Erklärung von N. Josef Wolf daß eine zielnähere Bezeichnung als iy ist. aufgebaut. Ein sprechender Beweis für diese Erklärung ist Megillath Esther, Kap. 4, Vers 2. für uns: auch Ihr an Genüssen verwöhnten Städler, Ihr vergeht doch in Euren Steinhaufen, daß nach der hetzenden Jagd um Erwerb Ihr einem anderen Euren Teil verdankt. Ich weiß, Du würdest mich hier unterbrechen, dies alles sei Großstadt, aber nicht Kehillo. Für Deine Straße stimmt dies, aber in anderen Straßen leben auch von jüdischen Müttern geborene Kinder, die oft ein Leben führen, das der Zimmernachbar nicht kennt und unsrer Torah nicht zur Ehre gereicht. Doch 'wie ist's mit dem Lande? Daß das wahrhaft jüdische Leben hier den Gesetzen des Schulchan Aruch viel entsprechender und der ^Lebensstandard an gesellschaftlichen Verpflichtungen ein viel geringerer ist, dürste bekannt sein. Die ruhige Lebensweise und die durch die ganze landwirtschaftliche Umgebung hervorgerufene starke Naturverbundenheit läßt viel eher d i e Macht erkennen, die die Erträgnisse des Feldes und die Schönheiten der Natur hervorgebracht hat. Ueber die starke Verbundenheit mit G'tt, wie wir sie an der Beteiligung am Vorbeterdienste und sonstigen Ehrenämtern von allen Berufsschichten sehen, wäre manch soziales Bild zu zeigen. Wie liegen nun heute die Eristenzverhältnisse auf dem Lande? Es stimmt, die hohe Miete ist nicht aufzubringen. Jedoch die Erhaltung des Anwesens und die Ausstattung mit den neuesten hygienischen Einrichtungen dürsten der Miete gleichkommen. Der Lebenskampf ist genau so schwer wie überall. Der jüdische Frucht-, Vieh- und Manufakturwarenhändler besitzt nicht mehr das Monopol; auf dem kleinsten Platze haben die Filialen der Darlehnskassen und Reiffeisenvereine dem kapitalarmen Kaufmann das Geschäft abgenommen und finanzieren es selbst. Sich übexajl ausbreitende Viehverwertungsgenossenschaften regeln den An- und Verkauf und sind in der Lage, lange Ziele gewähren zu können. Der kleine Schnittwarenhändler wird von den überhand nehmenden Kaufhäusern und Konzernen fast erdrückt. Ob in einem Lebensmittelgeschäft. wo die großen Filialgeschäste durch Ihre enormen Reklamen das ganze Geschäft an sich gezogen haben, noch Umsätze zu erzielen sind, kann sich ein jeder selbst ausrechnen. „ Die jüdischen Verhältnisse liegen arg darnieder. Der allgemeinen Geburtenbeschränkung sind die deutschen Juden um Jahrzehnte vorausgegangen, und in den niederen Schulklassen machen sich deren Folgen heute schon stark bemerkbar. Durch die späten Eheschließungen muß der Nachwuchs den frühgealterten Eltern sofort eine materielle Stühe bieten, als Folge der in der Stadt gefundenen Stelle wird die Jugend religiös indifferent. Die Ee^ bote werden meistens nur aus Tradition noch gehalten und die sich findende Umgebung übt einen solch starken Einfluß aus, daß der Mensch trotz guter Erziehung Produkt seiner Umgebung wird. Mit einer erstaunlichen Passivität stehen die Eltern dieser religiös entfremdeten Generation gegenüber. Der Lebenszweck ist nur Geschäft und wieder Geschäft und das Gefühl für die Selbstverantwortlichkeit jedes Menschen läßt diese Kluft entstehen. Hauptbedingung ist, daß die Eltern mit energischen Etteln versuchen, religiöses Leben in die Kinder zn verpMnzen. Auch muß durch Subventionen versucht werden, größere Gemeinden mit tüchtigen jüdischen Lehrern zu erhalten. Die Verbindung von Rabbinen und Landgemeinden dürfte oft viel inniger sein. Nicht nur bei Jubiläumsbesuchen, sondern auch spez. in den Tagen der Tschuwoh ist ein Stückchen Mußar jeder Zeit gerne gehört. In den Organisationen, die sich mit den hier gezeigten Fragen befassen, müssen wir auch mit dieser Materie bewanderte Landleute mitberaten lassen. Tatsache ist, daß durch die gezeigten Umstände der Zustrom in die Städte nicht Nachlassen wird und wir uns mit der Lösung dieses Problems befassen müssen. Das Landjudentum muß in viel stärkerem Maße mit Gelehrtenfrömmigkeit durchtränkt werden, damit die Ausübung und der Sinn der Mizwaus viel lebendiger wird. Wie stark müssen die außerjüdischen Einflüsse sein, wenn man ein jüdisches Fest mit einem Tanzvergnügen in Einklang bringt. So weit müßten wir doch jeden bringen, die Grenzen zwischen Minhag und dem Din zu unterscheiden. Es ist eine der w i ch t i g st e n Aufgaben der Stadt, außer der Erhaltung frommer Gemeinden, die Frömmigkeit der einströmenden Massen zu erhalten und nicht in den Steinhaufen versiegen zu lassen. Der durch, den harten jahrelangen Existenzkampf an den Erwerb so stark gewöhnte Landjude neigt oft auch durch Unwissenheit in jüdischen Dingen zur Gleichgültigkeit und es darf nicht unsere Schuld sein, Menschen den orthodoxen Gemeinden verloren gehen zu lassen. Wo ist das Volk, wo sind unsrem Führer, die sich der Lösung dieses Problems annehmen wollen? Wer hilft mit. daß unsre Klallaufgaben auch ins Land hinausgetragen werden? — — — (Das Newyorker Ghetto.) Nach einer Untersuchung der Handelskammer von East-Side bleibt dieser Teil von Newyork auch weiterhin ein großes Geschäftszentrum, an welchem die Juden zu 75 Prozent beteiligt sind, obwohl in den letzten. Jahren die Juden immer mehr von dort abwandern und 2000 Läden, sowie zahlreiche Wohnhäuser infolgedessen leer stehen. Das Gebiet umfaßt etwa 85 Straßen und Avenuen mit ungefähr 500 Häuserblocks. Es gibt 12 000 Läden, von denen, wie erwähnt. 2000 augenblicklich leer stehen. Eine große Anzahl von Läden mutzte ausgelassen werden, jedoch nicht infolge schlechten Geschäftsganges, sondern weil die Stadtregulientng es erforderlich machte.

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