Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2. Nr. 15 Der Israelit Blatter das orthodoxe Judentum bedeutet. In diesen Jahren des Kämpfens und Ringens, da der Waad Leumi keine Gelegenheit vorübergehen läßt, um das orthodoxe Judentum zu schwächen, seine Existenz zu leugnen oder seine Würde zu beeinträchtigen, ist jede moralische Stärkung des Waad Leumi eine Schwächung des orthodoxen Judentums. Deshalb sollte die neue Position, die der Waad Leumi einzunehmen ihn Begriffe ist, das orthodoxe Judentum anspornen, auch seine Lage im Innern zu festigen, neue moralische Geltung zu erstreben und sein Ansehen in den Augen des thoratreuen Publikums zu erhöhen. Noch ein weiterer Gesichtspunkt ist wichtig. Der Waad Leumi hatte bisher keinerlei feste Einnahmequellen. Das gerade ist einer der Gründe, weshalb er sich bemüht, die großen Summen des Erziehungsbudgets und des S a n i - tätsbudgets durch seine Hände laufe n z u l a s s e n. Erkann dadurch sein Budget für sein eigenes Büro und für seine eigene Propaganda sicherstellen, worin auch die Kosten für die Vergewaltigung des orthodoxen Judentums und für die Schwächung seltner politischen Geltung einbegriffen sind. „Neben einem beladenen Wagen ist es leicht, zu Fuß zu gehen," sagt das Sprichwort. Aus Budgets von Hunderttausenden von Pfunden kann man Beamte und Büros bezahlen und eine Propaganda nach Herzenslust führen. Es gibt noch andere Momente, die vom Standpunkt der Orthodoxie aus bei dem beschlossenen Uebergang der Erziehungsverwaltung in die Hände des Waad Leumi als ungünstig zu bewerten sind. Indessen hat es noch Zeit, diese Punkte zu beleuchten. Wie bereits angedeutet, liegt es nicht in unserer Macht, die Ausführung des Beschlusses zu hindern, und es entspricht auch gar nicht unserem Anstandsgefühl, uns in die Angelegenheiten anderer Leute zu mischen, die keine direkten Beziehungen zu uns haben. Allein, wir haben uns dennoch für verpflichtet gehalten, auf die Tatsachen selbst hinguweisen, weil sie doch vielleicht geeignet sind, den Willen des orthodoxen Judentums zu positiver Arbeit zu stärken, wenn es sieht, wie sehr die Kräfte der Zerstörung aus der Gegenseite sich konsolidieren und festigen." Keren Hakora- und BethZacob- Campagne in Süd-Afrika. Schon bei der ersten Kenessio Gedaulo im Jahre 1923 wurde der Beschluß gefaßt, in Amerika und in Südafrika eine großzügige Aktion zu Gunsten der Keren Hathora und Beth Jacob- Organisation einzuleiten. In Amerika ist es Herr Rabbiner Dr. Leo Jung, der in unermüdlicher Tätigkeit immer wieder vom Neuen bestrebt ist, unserem Werke ideelle und materielle Hilfe zuzusühren. Nach Afrika jedoch, war es uns bis vor kurzem nicht gelungen, eine geeignete Persönlichkeit für Propagandazwecke zu entsenden. Nun hat Herr Rabbiner Emanuel Z i m m ermann, London, das bekannte und prominente Mitglied der Keren Hathora-Zentrale, unseren langerwünschten' Plan zur Verwirklichung gebracht, indem er die aufopferungsvolle Reise nach Afrika auf sich genommen hat. Seiner hingebungsvollen' und mit andauerndem Eifer gepflegten Werbearbeit ist es gelungen, die verschiedensten Kreise der afrikanischen Judenheit für unsere idealen Bestrebungen zu interessieren, so daß man heute schon in Afrika zu der Erkenntnis gekommen ist, daß die Keren Hathora- und Beth Jakob-Bewegung zu den wichtigsten Erziehungswerken der Gegenwart gehört. Er hat mit ganz besonderem Erfolg die Städte: Johannesburg, Eapstadt, Bloemfontein, Kimberley, Boulvarjo, Tweestreet, Eastlondon und Port Elizabeth bearbeitet und wurde überall auch seitens der Presse wärmstens unterstützt. In besonders dankenswerter Weife haben die Blätter: „The Zionist Record" „The African Jewish World" seine Bemühungen gewürdigt. Auf Anregung von Herrn Rabbiner Zimmermann wurden die führenden jüdischen Persönlichkeiten zur Rabbi S. Rosenzweig Präsident der K. H. und B. I. in Johannesburg, Südafrika. Gründung eines Keren Hathora- und Beth Jakob-Komitees herangezogen, in dessen Exekutive die Herren: Chief-Rabbi Pros. Dr. I. L. Landarm (Ehrenpräs.) Rabbi S. Rosenzweig, (Präsident), S. Herman, (Vizepräsident), I. Rabinowitz, (Schatzmeister), Rabbi B. Gordon, Rev. L. Lipshitz, Rev. M. Gervish, Rev. W. H. Wyscheik, (Germiston), Rev. A. M. Kaplan, Rev. A. M. Herman, Mister H. Teger, M. P. E., Mr. B. Ehaskelson, Mr. W. Cohen, Mr. N. Kuper, Mr. D. Rauchmann, gewählt wurden. Nach Abschluß dieser so erfolgreichen Tournee planen die Herren eine Werbeaktion in Belgisch- Kongo und wir hoffen und wünschen!, daß auch dort mit denselben ideellen und materiellen Ergebnissen zu Gunsten dieser produktiven Schöpfung gearbeitet werde. Zettist's« Von Aron Keller in Köln. E'ingesehen hat man es bereits feit einigen Jahren, daß die Entwicklung der Aguda in Deutschland den toten Punkt erreichthat; die Ursachen des Nebels an der Wurzel zu erfassen, die Aguda-Maschine zu reparieren und sie wieder in Gang zu bringen, das ist das große Problem, um dessen Lösung alle die bemüht sind, denen das Wohl der Aguda am Herzen liegt. Auf die Fülle der gefundenen Fehler, richtig geundenen Fehler innerhalb der VereiNsleitungen auf die Menge der zurechtkonstruierten Versuche, die auf eime Besserung der augenblicklichen Lage hinzielen, will ich nicht mehr näher eiü,gehen. Sie alle sind mehr oder minder richtig. Eines aber ist bei allen Vorschlägen auffallend und ist ihnen zugleich gemeinsam: Sie alle kommen von Führern hier Jugendgruppen, wo aber bleiben unsere wahren Führer? Gewiß meine ich auch den Organisations-Vorstand, der Ich übrigens als völlig unzureichend erweist, was laben aber darüber hinaus unsere großen Führer versucht, wozu haben sie geraten, um eine Neubelebung des doch zumindest einen großen Teil der Orthodoxie umfassenden Vereines herbeizuführen? Warum haben vor allen Dingen unsere überragenden Führer nicht zu einer Zeit eingegriffen, wo die Vereinsmafchine zwar schlecht und schwer, aber immerhin doch lief, um sie nicht in völligen SWstand geraten zu lassen? Was )at man früher getan und was versucht man jetzt? Hier kommen wir auf den ersten großen Grund für das Versagen sämtlicher Tätigkeit im Westen in den letzten Jahren. Nichts haben unsere Aguda-Jngenieure unternommen und nichts haben sie empfohlen. Die oberste Leitung der Aguda hat die deutsche Landesorganisation, diese wieder ihre Gruppen im Stich gelassen und ich selbst überlassen. Was einem jeden Agudisten in Deutschland und Holland — diese beiden Länder kommen im Westen zunächst in Frage — bemerkbar wurde, der Stillstand und die Ohnmacht der' Organisation, sie wurde und wird noch immer nicht von unseren wahren Führern wahrgenommen. 19. September 1930 Ist die Untätigkeit allein schon geeignet, eine Entmutigung all derer herbeizuführen, die sich gerne in den Dienst der Gemeinschaft stellen, die aber'nicht mit Anweisungen von oben herab versehen werden, so ist aber eine andere Tatsache, die ebenfalls keinem im Westen wohnenden Agudisten entgeht von direkt katastrophalen Folgen für den Glauben an die Existenz und Existenzberechtigung der Aguda im Westen: es ist die nicht wegzuleugnende Tatsache, daß die Agudaleitiung das Schwergewicht ihrer Tätigkeit nach dem Osten verlegt hat, es ist die Beobachtung, daß alles sanktioniert wird, was aus dem Osten stammt und im Osten sich befindet, und daß gleichzeitig, was nicht Osten ist, einfach übergangen wird. Ist dies nicht rein äußerlich auch schon bei der letzten Kenessio Gedaulo zum Ausdruck gekommen? Es ist gewiß nicht der Neid, frer mich antreibt, gegen die Politik zu protestieren., die für den Westen gar nichts übrig hat. Die Haltung, der Führung, welchen Motiven sie auch entspringen mag, ist unerträglich: hat sie sich vom Westen abgewandt, weil — was allerdings unwahrscheinlich ist — sie mit den hier herrschenden Zuständen zufrieden ist, weil sie die Ansicht vertritt, daß hier schon der Höhepunkt.erreicht ist, und daß es nun notwendig sei, die ganze Kraft an einer anderen Stelle, im Osten, zu konzentrieren, so bedauern wir, die bisher erzielten Leistungen als noch sehr tief unter dem Punkt stehend bezeichnten zu müssen, den wir als unser Ideal im Auge behalten. Hat sie den Rückzug vom Westen in der Einsicht, gemacht, daß hier doch Hopfen und Malz verloren' sind, dann geben wir zwar zu. daß bei den noch in voller und echter Jüdifchkeit lebenden Ostjuden ein weit geeigneterer Resonanzboden für die Idee der Aguda vorhanden ist, und wir freuen uns auch darüber, betonen aber, daß wir uns so ohne werteres nicht für verloren geben. Es bleibt noch eine dritte Erklärung für die passive Haltung der Agudaführung gegenüber dem Westen, und ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich diese als die wahrscheinlichste vermute, die da sagt: Zwar dürfen wir Deutschland nicht ganz aufgeben, müssen aber gestehen, unter den jetzt herrschenden Umständen keine Möglichkeiten für die Propagierung unserer Idee zu sehen. Bequem ist es gewiß, allen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, und anstatt dessen sich einem üand!e zuzuwlenden, wo einem die Erfolge — relativ wenigstens — entgegen fliegen. Wer aber die Lage mit einem Fernglas betrachtet, wird sehen, daß, falls nicht in einer gewissen Richtung Abhilfe geschaffen wird, auch auf den Osten keine allzu großen Hoffnungen zu setzen sind. Die Wogen der Begeisterung, wie sie augenblicklich noch im Osten für die Aguda als politische Partei wie auch als Weltanschauung sich bemerkbar machen, sie werden mit der Zeit abebben, und die Agudisten werden, wenn sie ans dem Zustande des noch frischen „Brenns" in den Zustand einer ruhigen und objektiven Kontemplation übergehen, in dieselbe Krisis hineingeraten, in der sich der Westen jetzt befindet. Der Aguda fehlt Etwas, und zwar überall. Wo es noch nicht deutlich in Erscheinung getreten ist, handelt es sich nur um eine Zeitfrage. Es fehlt ihr etwas, was sie in geregelten, durchaus normalen Zeitverhältnissen, die nicht besonders begünstigt sind durch einen von außen her kommenden Druck, weitlerzutreiben und höherzubringen vermöchte. Die Aguda krankt an dem Mangel der elementaren Voraussetzungen für den Bestand einer gesunden Organisation. Um zu organisieren, ordentlich, zuverlässig und verantwortlich zu organisieren, braucht man Beamte. Die Agudas Jisroel droht völlig einzuschlafen, weil man immer noch glaubt, ohne eine genügende Anzahl von Beamten äuskommen zu können. Weil man fürchtet, in die Fehler anderer Organisaionen zu verfallen, begeht man selbst den grüßen Fehler, indem man die Ansicht vertritt, auf das, was die LebensnotwendigkM jeder Organiation darstellt, verzichten zu können. Diese Selbsttäuschung hat sich schon schwer gerächt.