Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Nr. 38 , Beste Kraft schöpfte sie für ihr Tun aus echter, innerlich wahrhaftiger Frömmigkeit, und dies G'ttoertrauen half ihr auch, ihren kränklichen Körper meistern und während ihres längeren Krankenlagers geradezu ergreifenden Gleichmut zu erhalten. Ihre erzieherische Saat ging in herrlichen Früchten auf. Mit beispielloser Liebe und Treue wurde sie von ihren Söhnen und Töchtern bis zu ihrem letzten Atemzuge gehegt und gepflegt, die die teure Mutter scheiden sahen in dem Bewußtsein, deren unendliche Liebe tausendfältig wiedergegeben zu haben. Ihre Bestattung gestaltete sich zu einer großen Kundgebung all der Beliebtheit und Verehrung, deren sie sich erfreuen durfte. Tief ergriffen schilderte Herr Prov;-Rabbiner Dr. L. H i r f ch f e l d die edlen Tugenden und Eigenschaften der Entschlafenen, rrasan- Alm a. D., 14. Sept. Am 14. ds. Mts. feierte Herr Julius Strauß seinen 60. Geburtstag. Herr Strauß hat sich große Verdienste um das Judentum, um die hiesige Gemeinde und seine Umwelt erworben. Seit vielen Jahren entfaltet er führend und vorbildlich eine rege, echt jüdische Tätigkeit in verschiedenen Vereinen. Trotz umfangreicher geschäftlicher Inanspruchnahme bekleidet er als Vorstand des Männerwohltätigkeitsvereins dieses Amt mit größter Hingabe und musterhafte,! Besorgtheit. Freigebige Unterstützung aller Hilfesuchenden und weitherzige Förderung aller Anstalten und Institutionen war und ist ihm stets ein Herzensbedürfnis. An seinem Jubeltage vereinigten sich Verwandte und Freunde, Anstalten, Vereine und Gemeinde zu eindrucksvollen Ehrungen. Möge der Höchste ihm noch viele Jahre zu seinem Wohle und dem Wohle seiner Familie schenken. Vermischtes. Berlin, 1. Sept. Im Laufe des Monats Juli fand in Berlin ein Kantorenfortbildungskurfus statt, der von einer größeren Anzahl von Kantoren aus dem Reiche besucht worden ist. Den wissenschaftlichen Teil bestritten Rabbiner Dr. F r e i m a n n, Berlin und Musikschriftsteller Eugen Dawison, der seit Jahrzehnten für dem Beruf auch lehrend tätig ist. Beide Vortragenden gaben auf Grund ihres großen Wissens eine Fülle von Anregungen in ihren Vorlesungen. Während Dr. Freimann msbesondere das historische Moment der Entwicklung des G'ttesdienstes und der Gebete behandelte, sprach Dawison über wichtige fachliche Fragen, insbesondere über die Stellungnahme des Kantors zur jüdischen Musik. Die Themen „Das betende Ich im Singen und Sagen", „Die Bedeutung des Kantors innerhalb des G'ttesdienstes" u. a. m., fanden selbstverständlich ein lebhaftes Echo. In praktischen Uebungen wurden alle Gebiete berührt, die den Beruf des Kantors umfassen. Oberkantor Davidsohn behandelte die Vortragsgestaltung von Kompositionen der drei Wallfahrtsfeste. Ausgewählte Gebetstücke der Hosten Festtage und deren traditionelle Weisen gaben interessanten Stoff für Improvisationen und zeigten, wie dem Beter der geistige Gehalt nahegebracht werden kann. Berlin, 14. Sept. In der Agricolastraße im Tiergartenviertel wurde der Grundstein zu einer neuen konservativen Synagoge gelegt. Sie soll spätestens im Frühjahr mit 800 Plätzen eröffnet werden. Die Weiherede bei der Feier hielt Herr Rabbiner Dr. F r e i m a n n. Berlin, 16. Sept. Ein jüdischer Arzt, Dr. Deligtisch, wurde, wie Berliner Blätter berichten, aus dem Potsdamer Krankenhaus einzig aus dem Grunde entlassen, weil er Jude ist. Das Arbeitsgericht verurteilte den Magistrat, dem Arzt noch einen Monat das Gehalt weiter auszuzahlen. Da es aber um anderes geht, hat der Vglkswohlfahrtsminister die Akten über den Fall eingeftird'^rt. Fulda, 11. Sept. Am 1. September waren es 3 Jahre, daß im hiesigen Kreissiechenhaus eine jüdische Abteilung unter dem Protektorat von Herrn Proo.-Rabb. Dr. C a h n ins Leben gerufen wurde. Die Pflege, die von katholischen Schwestern mit Liebe ausgeführt wird, läßt nichts zu wünschen übrig. Die Betreuung und wirtschaftliche Leitung wird mit großer Sorgfalt und Selbstlosigkeit von Frl. S e e l i g ausgeübt. Gar mancher Insasse oder Insassin verbrachte den Lebensabend dort in Frieden. Was nur im Rahmen der Anstalt vom Kuratorium getan werden kann, geschieht, um den Ansprüchen gerecht zu werden. Augenblicklich sind, so viel wir erfahren konnten, einige Plätze für alte Leute frei. Der 1. Vorsitzende des Kuratoriums, Herr Gustav N u ß b a u m, erledigt die Anfragen. Grünstadt, 5, Sept. Zu der bereits gemeldeten Schandtat auf dem hiesigen jüdischen Friedhof ist noch zu berichten, daß es der hiesigen Ortspolizei glücklicherweise gelungen ist, die beiden 17jährigen Burschen Adam Strack und Jakob Kraft von hier der Gräberschändung alsbald zu überführen. Beide legten ein volles Geständnis ab und erklärten, die Tat aus reinem Mutwillen verübt zu haben. Das gerichtliche Nachspiel wrd wohl noch näheren Aufschluß darüber bringen, ob diese ruchlose Handlung nicht etwa doch, wie wir anfangs wähnten, auf die Verhetzung seitens einer gewissen judenfeindlichen Partei zurückzuführen ist. Die beschädigte Einsegnungshalle ist übrigens bereits wieder auf Veranlassung des hiesigen Bürgermeisters instand gesetzt worden. .... Der Israelit Sladllohn, 8., Sept. Auch in unserer Stadt, wo Jahrzehnte hindurch größte Harmonie zwischen Juden und Nichtjuden herrscht, wurde der konfessionelle Friede durch die Nationalsozialisten gestört, die eine furchtbare Hetze unter der Bevölkerung von Stadt und Land, veranstalteten und zum Boykott gegen die jüdischen Geschäfte aufforderten. Da zu ihren großen Versammlungen Juden nicht zugelassen, ja, hinausgewiesen wurden, organisierten die jüdischen Bürger gemeinsam mit dem jüdischen Abwehrkomitee des ganzen Bezirkes eine öffentliche Ausklärungsversammlung mit freier Aussprache, wie ffie Stadtlohn noch nie gesehen. Obwohl von den Natioj nalsozialisten vor dem Besuche der Versammlung gewarnt war, strömten alle Schichten der Bevölkerung in Scharen zur großen städtischen Turnhalle,. in der 1000 Menschen dicht gedrängt saßen und standen, während hunderte Menschen vergeblich Einlaß suchten. Herr Hugo Oppenheimer, Stadtlohn, leitete die Versammlung und erteilte Herrn Rabbiner Dr. Neuhaus, Mühlheim (Ruhr) das Wort zum Vortrag: „Wahrheit und Klarheit über Nationalsozialismus". Wer die Rede hörte und als Jude die Wirkung beobachtete, die sie auslöste auf die Versammlung, aus die hunderte Arbeiter und Arbeiterinnen bis herauf zu den Intellektuellen, dem kamen Tränen der Rührung in die Augen. Der Redner verstand mit rhetorischem Geschick und volkstümlichen Humor, seine Zuhörer zu packen und ihnen zu beweisen, daß die AnmaaamBmamammmmamaBasmammamtm Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat Oktober! Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt a,M. Der heutigen Rosch ha schono-Rummer liegt, wie alljährlich, ein Luach für das neue Jahr als Gabe für unsere Abonnenten bei. schuldigungen der Judengegner jeden Kern der Wahrheit entbehren. Es ist im Rahmen eines Berichtes unmöglich, die wunderbare Rede wiederzugeben. Unter dem Beifall der Versammlung sprach der Referent: Wir Juden, die wir in Deutschland geboren und erzogen, die wir deutsche Schulen besucht und an deutschen Universitäten studiert haben, die wir in deutscher Kultur groß geworden und als Deutsche für die Ehre des deutschen Vaterlandes gekämpft und geblutet haben, die wir Deutschlands Niedergang erlebt haben, wollen als treue deutsche Staatsbürger auch an Deutschlands Aufstieg arbeiten. Die Versammlung erhob sich ehrend von den Plätzen und stimmte mit dem Redner ein in das Hoch auf das deutsche Vaterland. Brausender Beifall dankte dem Redner. Trotz der freien Aussprache meldete sich kein Nationalsozialist, nur begeisterte judensreundliche Stimmen erhoben sich und dankten dem Referenten und dem Einberufer der Versammlung. Möchten nur überall diese Erfolge sich mehren. Wilna, 14. Sept. Infolge der Treibereien der Bundisten hatte der Wilnaer Stadt-Magistrat vor 2 Jahren die religiösen Schulen von der Liste der mit städtischen Subventionen zu fördernden Unterrichtsanstalten gestrichen. Nach langen Bemühungen bei der Zentralregierung in Warschau ist es jetzt endlich gelungen, diesen Streich der jüdischen Feinde des religiösen Schulwesens zu parieren und eine Verordnung der Regierung herbeizuführen, durch die der Magistrat angewiesen wird, Jawne-Schulen paritätisch mit den anderen Erziehungsinstitutionen zu unterstützen. Der Erfolg hat in allen orthodoxen Kreisen große Befriedigung ausgelöst. Paris, 17. Sept. Hans Herzl, Sohn von Theodor Herzl, hat am 16. September Selbstmord begangen. Die jung verstorbene P a u l i n e, die älteste Tochter Theodor Herzls, kam an diesem Tage in Bordeaux zur Bestattung, und kurz darauf hatte der Bruder am frischen Grabe seinem Leben ein Ende gemacht. Hans Herzl war bekanntlich vor einigen Jahren zur katholischen Kirche übergegangen, ließ sich später evangelisch umtausen und hielt sich zuletzt wieder für'einen Juden. Der Selbstmord dürfte eine Folge geistiger Verwirrung sein. Jtewtforf, 15. Sept. Am 14. September fanden in mehreren Synagogen Gedenkfeiern zur ersten Jahrzeit von Louis M a r s h a l l statt. Saloniki, 14. Sept,, Demnächst werden hier fünf neue jüdische Schulen auf Kosten der Regierung errichtet. Bisher waren 2700 jüdische Kinder auf französische' und italienische Schulen angewiesen. Wir wollen hoffen, daß die jüdischen Schulen auch wirklich jüdisch sind. - .. . 19.. September 1930 Sprschsaäl. Jüdische GüststaMü im ÄNnter. nJn. diesem Matte ist schon öfters das.Thema „Jüöfche Gaststatten" behandelt worden. Leider erweist es sich als notwendig, im Interesse des Judentums, immer wieder hieraus zurürkzukommen. Nachfolgendes Beispiel möge der -jüdischen Oessentlichkeit vor Augenführen, wie ein gewisser Teil jüdischer Hoteliers, indirekt dazu beiträgt, daß viele Juden, die Speisegesetze übertreten. In einem landschaftlich schön gelegenen kleinen Taünusluftkurort befindet sich außer drei nichtjüdischen Gaststätten ein jüdisches Gasthaus unter Aufsicht des „Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser, Hamburg". Einige jüdische Wanderer kommen am 1. Weihnachtsnachmittag in das Hotel und wünschen ein Abendessen. Antwort: Wir haben im Winter geschlossen. Daraus erklären die jüdischen Gäste, daß eine einfache Mahlzeit genügt, denn die Schwierigkeiten der jüdischen Hoteliers werden ja voll und ganz anerkannt. Antwort: Wir haben im Winter keine Aufsicht. Aber auch der Bescheid, daß man in dieser Beziehung dem Wirt volles Vertrauen schenke, nutzte nichts. Es blieb den Touristen nichts anderes übrig, als eine andere Gaststätte aufzusuchen, um sich eben mit rohen Eiern, Brot usw. zu begnügen. Aber was mußten die von dem jüdischen Hotelier abgewiesenen Personen wahrnehmen? In beiden Gaststätten, die ausgesucht wurden, und die voll besetzt waren, waren 95 Prozent aller anwesenden Gäste Juden. Dieser Prozentsatz erscheint sehr hoch, doch man muß berücksichtigen, daß Christen zum größten Teil das Weihnachtsfeft zu Haufe im Kreise der Familie verbringen. Unter diesen 95 Prozent Juden befanden sich nur ganz wenige, die sich mit Mehlspeisen begnügten. Aber nun woraus es ankommt: Es steht fest, daß ein großer Teil der Gäste gerne eine jüdische Gaststätte ausgesucht hätte, wie aus persönlichen Rücksprachen festgestellt wurde. Die jüdische Oessentlichkeit hat ein Recht, zu fordern, daß jüdische Hotelbesitzer, die im Sommer von ihren Glaubensgenossen leben, auch im Winter ihre Gäste bewirten, denn schließlich bezahlt man doch, und will nichts geschenkt haben. Mancher nichtjüdische Gastwirt möchte vielleicht auch gerne seine Feiertage in Ruhe verbringen; er fühlt sich jedoch seiner Kundschaft gegenüber verpflichtet und bewirtet seine Gäste. Die Schwierigkeiten, mit denen ein jüdischer Gastwirt zu kämpfen hat, sind bekannt, und jeder Jude, der auf koscher Wert legt, ist gerne bereit, einen kleinen angemessenen Aufschlag zu zahlen. Der Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser aber, dessensegensreiche Tätigkeit für das Judentum voll gewürdigt wird, möge es wenigstens bei den im Winter geschlossenen Hotels durchsetzen, daß in Zukunft jeder Jude, der eine Mahlzeit in einem jüdischen Hotel bestellt, auch bedient wird, ob Sommer oder Winter, denn schließlich will ein großer Teil der jüdischen Geschäftsoöer Vergnügungsreisende nicht nur während der Saisonmonate im Sommer, sondern auch im Winter koscher leben. H. H. (Der Herr Einsender scheint zu übersehen, daß ein jüdischer Gastwirt bei der Beurteilung der Frage, ob er seinen Betrieb auch während der Wintermonate aufrecht erhalten kann, sich ebenso wie jeder andere Geschäftsmann von der Frage der Rentabilität leiten lasten muß. Die Tatsache, daß eine größere Anzahl jüdischer Stammes genossen an den Weihnachtsfeiertagen in-den nichtjüdischen Gaststätten des Ortes speisten, ist für die Beurteilung der Rentabilität des rituellen Hotels während der Wintermonate noch lange nicht entscheidend. Man müßte also, um gerecht urteilen zu können, zunächst sehr genau über die örtlichen Verhältnisse unterrichtet fein. Von vornherein ist anzunehmen, daß jeder Hotelbesitzer, wenn es nur irgend geht, viel lieber während des ganzen Jahres Geld verdient, als nur während der kurzen Sommersaison. Die Red.) Familiennachrichten. Barmizwoh: Berthold, Sohn des Herrn Simon M. Knoller Berlin N. W. 6. Louisenplatz 8 D’axa nms- Joseph, Sohn des Herrn Isaak-Beer Prilutzki Charlottenburg, Weimarerstr. 3—4 naiv nav. Geburten: Eine Tochter, Karl Löwenstein und Frau Melanie geb. Kuh. Somborn (Hessen-Nassau). Geburtstag: Am 28. September 1930, wird Samuel Wolf Bravmann Unteraltertheim bei Würz bürg 81 Jahre alt. Briefkasten. Hamus. Der 14. Tamus 1910 entspricht dem 21. Jultt Metz. fr. 25.—. für Abonnement verbucht. „Metz". Betrag eingegangen und verbucht. Die Buchhandlung Hugo Oppenheimer, Frankfurt a. M., Rückerstr. 57, verfügt über eine große Auswahl prachtvoller Geschenkwerke in Hebraica und Iudaica, in deutscher und fremdländischer Sprache. Auch Zeitschriften und Schulbücher können bei Hugo Oppenheimer bezogen werden.