Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 38. Seite 9 19. September 1930_.___ andere von Angehörigen des Beduinenstammes gehalten xvurde, wurde ein seidenes Tuch geworfen. Die Juden knüpften in dieses Tuch zwei, die Araber drei Knoten, worauf beide Parteien gemeinsam die Worte sprachen: Hiermit erklären wir, daß zwischen uns von nun an und für immer Frieden herrschen soll. Als Anzählüng auf. das vereinbarte Sühnegeld wurden von den Kolonisten 50 Pfund erlegt, der Rest wird im Verlaufe von zwei'Monaten bezahlt werden. Sodanp wurde ein Schaf geschlachtet und mit Reis gekocht- Die ganze Gesellschaft nahm um das Feuer Platz und beteiligte sich an dem Mahle. Esrath Naschim. Ierufalem, 22. Sept. Eine derlebensnotwendigsten Wohlfahrtsanstalten im heiligen Lande ist die jüdische Irrenanstalt Esrath Naschim in Jerusalem, die einzige Irrenanstalt im heiligen Lande.. Wer die furchtbaren Zustands kennt, die auf diesem Gebiete in Palästina herrschten, bevor Esrath Naschim seine Wirksamkeit begann, ist sich klqr darüber, daß eine derartige Anstalt mit allen Mit-, kein, trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse, erhallen werden muß. Die Anstalt seufzt heute unter einer hohen- Schuldenlast - und bedarf dringend der stalkräftigen Unterstützung aus allen Ländern der Diaspora. Die vorjährigen -Pogrome haben, -weil viele der Ueberlebenden durch das Erlittene und Geschaute schwere Gemütsstörungen davontrugen, der Anstalt neue Lasten auferlegt. Es wäre wünschenswert,, daß die Jahreswende, die überall zum Geben, anregt, auch Esrath Naschim neue tatkräftige Freunde und Spender zuführt. Die Adresse der Anstalt: Ierusalem, P. O. B. 140. Italien. Ungleiche Behandlung der Religionen im neuen italienischen Strafgesetzbuch. Rom, 10. Sept. Das Konkordat zwischen dem Vatikan und der faschistischen Regierung enthält Bestimmungen, die in der -italienischen Gesetzgebung verankert werden sollten: da in Italien alle Bürger vor dem Gesetze gleich sind, nahm man an, daß diese Bestimmungen keine Begünstiguiag des katholischen. Kultes enthalten, sondern sich auf alle Kulte gleichmäßig beziehen werden. Dies ist nun nicht der Fall: die nichtkatholifchen Kulte in Italien' werden, wie schon einmal mitgeteilt wurde, sowohl auf dem Gebiete des obligatorischen Religionsunterrichtes, als auch in der Ehegesetzgebung zurückgesetzt. Einen noch krasseren Unterschied macht das neue Strafgesetzbuch in Bezug auf den Schutz der verschiedenen Religionen vor verbrecherischen Handlungen gegen den Kultus selbst wie gegen Gegenstände und Personen der Kulte. Der bekannte jüdische Iurist Dr. Mario Falco, Professor für kanonisches Recht an der Universität Mailand, veröffentlichte hierüber eine Studie, der zu entnehmen ist: - Das bisher geltende Strafgesetzbuch 'machte mit Bezug auf Verbrechen gegen die Religion keinen .Unterschied zwischen Staatsreligion und den übrigen zugelässenen Kulten.-Die faschistische Regierung war es, die dieser althergebrachten Gleichheit der Religionen vor dem Gesetz eig^End.e. .-machte: ., sie tat dies schon vor Abschluß de^ Konkordats. Schon im königlichen Dekret' vom ’lfc! Juli 1923 wurden die Bestimmungen über Pressevergehen gegen die Religion in der Weise geregelt, daß der verantwortliche Redakteur einer Zeitung bestraft und die Zeitung selbst konfisziert wird, wenn die katholische- Staatsreligion in den Spalten dieser Zeitung beschimpft wurde. Für Beschimpfung anderer Religionen war eine Strafe nicht vorgesehen. Roch krasser wird dieser Unterschied herausgearbeitet in dem Entwurf zum neuen Straf-. Gesetzbuch, welcher eine Beschimpfung der katholischen Staatsreligion nicht aber eine solche anderer Religionen unter Strafe stellt. Ferner wird der Fluch gegen die G'ttheit oder Personen und Symbole der katholischen Staatsreligion bestraft, während ein solches Verbrechen gegen andere Religionen ungefühnt bleibt. Rur bei Beschimpfung von Priestern oder Kultgegenständen anderer Religionen. sieht das Gesetzbuch eine Bestrafung vor. lEinige juridische Gesellschaften, deren Gutachten das Ministerium eingeholt hat, hatten sich gegen diese verungleichmäßige, Behandlung der Kulte erklärt, auch das Konsortium der jüdischen Gemeinden Italiens hat dem Justizministerium ein Memorandum in diesem Sinne überreicht. Die parlamentarische juridische Kommission D e r Israelit__ hat ebenfalls den Wunsch geäußert, daß eine unterschiedliche Behandlung der einzelnen Religionen nicht Platz greifen solle. Der Justizminister hat aber bei der Redigierung des endgültigen Entwurfes alle diese Vorschläge junberücksichtigt gelassen. Noch haben Regierung und Parlament nicht das letzte Wort gesprochen. Aber Prof. Mario F a l c o ist wenig optimistisch; er meint, wenn eine Frage des"! Rechtes nach politischen Notwendigkeiten gelost wird, so haben. Vertreter des Rechtes nichts mehr zu sagen. Amerika. keine Beeinträchtigung der jüdischen Einwanderung nach Nordamerika. N e u y o r k, 12. Sept. Der Generaldirektor der HJAS of America, Ass o f s k y, gab. dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen- Agentur nachstehende Erklärungen über die neuen Einwandemngsbeschrünlungen in den Vereinigten Staaten: Die neuen Beschränkungen dürften die jüdische Einwanderung nicht, beeinträchtigen, denn die überwiegende Anzahlder jüdischen Einwanderer besteht aus Verwandten amerikanischer Bürger. Da für die Ankunft von Einwanderern dieser Kategorie in der- Regel schon vorher Vorsorge getroffen ist, besteht keine Gefahr, daß sie der Oeffentlichkeit zur Last fallen werden. HJAS hat seinen europäischen Büros Weisungen gegeben,' die Tätigkeit der amerikanischen Konsuln in ihren Ländern aufmerksam zu verfolgen und jede ihnen bekannt werdende Gesetzwidrigkeit in der Behandlung von Juden, die um eine Einwanderungserlaubnis ansuchen, nach den Vereinigten Staaten zu nielden. Die jüdischen Emigranten werden gleichzeitig seitens HJAS davor gewarnt, den amerikanischen Konsuln bekannt zu geben, daß für Erwerbsmöglichkeiten für sie in Amerika vorgesorgt sei. Sie würden dadurch auf Grund des Arbeitsvertragsgesetzes automatisch die Einwanderungsberechtigung verlieren. In Zusammenhang mit der neuen Eimoanderungsbefchränkung werden demnächst eine Reihe von Konferenzen amerikanischer Konsuln in Europa abgehalten werden. Am 22. September wird eine solche Konferenz in London stattfinden, aus der die Konsulaisbeamten von England, Irland und benachbarten Gebieten zusammenkommen werden. Am 26. September findet eine Beratung der Konsulatsbeamten aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Oesterreich, Schweden, der Tschechoslowakei, Ungarn, Italien und Jugoslavien in Stuttgart statt, schließlich am 1. Oktober eine Konferenz der Konsulaisbeamten aus, Polen, Finnland, und Lettland „in Warschau. Es wird den Konsuln aufgetragen werden, die Einwanderungsgesetze strenger zu handhaben und die Einwanderung von Elementen, die der Oeffentlichkeit zur Last fallen könnten, unbedingt hintanzuhalten. Es soll den Konsuln mehr Machtbefugnis im Hinblick'"auf--die,. Verweigerung von Visen erteilt werden, wenn sie persönlich den Eindruck haben, daß der Unterhalt des Einwanderers in Amerika nicht gesichert sei. Einwanderer, denen so die Einreise zunächst verweigert wird, sollen jedoch nicht ihren Platz .innerhalb der Quote verlieren und Visen bekommen, sobald die Arbeitslosenziffer , in Amerika > wieder auf den normalen Stand gesunken ist. Personalien. Hanni Lewinski Berlin, 14. Sept. Wer Hanni Lewinski gut gekannt hat und diesen Menschen von einzigartiger Prägung an der Stätte seines Schaffens jahrelang izu beobachten Gelegenheit hatte, wie Schreiber, dieses, der wird den tiefen Seelenschmerz empfinden können, den ihr Heimgang über alle ihr Nahestehenden gebracht hat. Es gibt buchstäblich keine Tugend, die nicht bis zur höchsten Vollendung in ihr gereift war, keine gute Eigenschaft, die sie nicht besaß. Ueberall, sei es fm Hause ihres Bruders als treue Sachwalterin der häuslichen Interessen, sei es in ihrem ehrenamtlichen Beruf, strahlte dieses, ach so sonnige Gemüt soviel Lebensfreude und soviel' Liebe auf ihre Mitmenschen, daß sich jeder glücklich schätzen durfte, der je in ihren. Kreis getreten. Schon in frühesten Jugendjahren wurde der Grund zur Gestaltung und späteren Entfaltung der reichen Gaben ihres Geistes und ihres Herzens, mit denen der Allmächtige sie gesegnet hatte, gelegt. Als Tochter des als bedeutender pnV und wahrhafter v'sv rri' bekannten und verehrten Dajan Josua Lewinski in Breslau, empfing sie als junges Mädchen im elterlichen Hause die starken religiösen Eindrücke und Impulse, wie sie eben nur m einem von echt jüdischem Geist erfüllten Hause denkbar sind. Das religiöse Vorbild des Vaters beeinflußte ihr Gedanken- und..Empfindungsleben in solch starkem Maße, daß sie all ihr Tun und Lassen nur in seinem Sinne aufgefaßt wissen: wollte. So für das Leben gerüstet, kam sie bei Kriegsausbruch nach Berlin. Es dauerte nicht lange und sie stand im Mittelpunkte des jüdischen Lebens der gesetzestreuen Kreise dieser Stadt. Zunächst betätigte sie sich in der Agudas Jisroel Jugendgruppe und widmete sich mit großem Eifer den erzieherischen und organisatorischen Aufgaben der gesetzestreuen Jugend in einer Zeit, die an die religiöse Widerstandskraft der jungen Generation hohe Anforderungen stellte. Schon hier zeigte sich, was ihre außergewöhnliche Aktivität zuwege brachte. Aber dieses bildete, erst die Basis für ihre eigentliche Lebensaufgabe^ Als vor sieben Jahren aus Anregung aus orthodoren Kreisen Berlins das „Jüdische Hilfswerk" ins Leben gerufen wurde, war sie es, die an der Spitze eines Stabes von hingebungsvollen Mitarbeitern und Angestellten ip : einer Zeit schwerer wirtschaftlicher Krise die Leitung in die Hand nahm und von dem Tage der Gründung bis zU ihrem Tode mit rastloser Energie diese Institution, die sich heute des höchsten Ansehens im jüdischen Wohlsahrtswesen unserer Stadt erfreut, von Stufe zu Stufe' führte, allen Schwierigkeiten zum Trotz. Welche Vielseitigkeit der Betreuung und der Hilfsbereitschaft wurde von ihr in diesen Jahren entfaltet. Angesangen mit der allmonatlichen Versendung von Lebensmittelpaketen an Hunderte bedürftiger Familien, Krankenkost an Patienten, Kohlenbelieferung im Winter, Kleidungsstücke und Wäsche, regelmäßige und einmalige Bargeldunterstützungen, Unterbringung von Rekonvaleszenten bis zur Versorgung der Patienten in den städtischen Krankenhäusern am Pessach mit ritueller Kost — alles entsprang ihrer Initiative und alles wurde nach ihren Gesichtspunkten und Angaben bis zum kleinsten technischen Detail durchgeführt. Und mit welch individueller Sorgfalt wurde jeder einzelne Fall behandelt, der an!sie herantrat. Welch heiliges Ethos gepaart mit einem psychologischen Feingefühl und Taktempfinden ohne gleichen sprach aus ihrem Wesen, wenn ihr ein Bittsteller gegenüber saß und sein Leid schilderte, und mit welcher Leichtigkeit gelang es ihr dabei, die Herzen der vom wirtschaftlichen und sozialen Elend Gepeinigten zu erobern und einen Teil des ihr eigenen unverwüstlichen Optimismus in sie hineinzureflektieren und sie so mit neuem Lebensmut zu erfüllen. Die Krönung ihres Wesens lag jedoch in ihrer grenzenlosen Bescheidenheit, die sich in all ihren Lebensbeziehungen äußerte. „Hier wurde soziale Arbeit im ursprünglichsten jüdischen Sinne, echtes unverfälschtes v'ivn init den Mitteln der mo-' dernen Wohlfahrtspflege geleistet", so charakterisierte Herr Rabbiner Dr. Munk ihr Lebenswerk am Tage der nni2p. Und was leistete dieser zarte. und schwache Körper noch darüber hinaus. War sie , doch ihrem Bruder anstelle der früh dahingegangenen GcHin treusorgende Hüterin der Kinder. Aber auch hiermit' war ihr Schaffensdrang noch nicht gestillt. Trotz stärkster Bindung an lokale Verpflichtungen und Ausgaben suchte ihr großes jüdisches Herz allezeit Anschluß an den Klall. So war sie durch ihre Verbundenheit mit der Agudas Jisroel in vorderster Reihe bei fast allen Aktionen, sei es für Erez Jisroel. Keren Hatora, Bes Jaakauw etc., zu finden, überall mit ihren reichen Erfahrungen, mit ihrem klugen Rat und ihrer nie erlahmenden Arbeitskraft zur Seite stehend. In ergreifenden Worten entrollten auf demnmapnn'o die Herren Rabbiner Dr. Esra Munk und .Dr. Meier Hildeshei mer das Lebensbild., der ' Entschlafenen. Auch in den im Trauerhause gehaltenen Hespedim kam der Schmerz über Hen furchtbaren Verlust immer wieder zum Ausdruck. Wir alle, die ihr im Leben nahe standen, in der Arbeit mit ihr Berührung halten und darüber hinaus ein unübersehbarer, Kreis von''Freunden wissen, was mit Hanni Lewinfki dahingegangen '"ist, So unendlich ihrss Verdienste sind, so unersetzlich bleM,,sihr Verlust.' Unauslöschliche Dankbarkeit und treuestes Ang'idepken von uns allen ist ihr gewiß. Sie selbst ist nicht inestft»,gber ihr Werk, dem sie ihre Kräfte bis zur Selbstöstt^,, äüßerung geweiht hat, wird leben. Möge uns das rroT, das die Entschlafene sich erworben hat, in diesen Elul-Tagen beistehen. r-rasan. Ld. Gießen, 14. Sept. Am Ws a-> hat ein ganz großer Kreis den Heimgang von Frau Therese S o n d h e i m geb, Stern beweint. Eine edle, brave und fromme Frau, eine der immer seltener werdenden r-ivapnx D*m ist in fast vollendetem 70. Lebensjahre mit ihr dahingegangen. Vor 30 Jahren siedelte sie an der Seite ihres gleichgesinnten Gatten, der ihr schon vor 15 Jahren in die Ewigkeit vorausgegangen ist, von Obergleen nach Gießen, um als treue Mitglieder unserer Religionsgesellschaft ihren Kindern eine gute Erziehung, sowohl in religiöser als auch profaner Hinsicht geben zu können. Das Haus, das beide führten, war ein in jeder Weise vorbildliches, beide verstanden p« -pn oy nun zu verbinden und auf dieser Grundlage ihre Kinder — sechs Söhne und zwei Töchter — zu gesehestreuen und wackeren Menschen heranzubilden: In ihrem Witwenstande verstand es Frau Therese Sondheim, ihr Haus zu einer Gaststätte zu gestalten, wo jedermann von dem Hauche mütterlicher und menschlicher Liebe sich umgeben fühlte. Eine selten harmonische Mischung von zielsicherem, starkem Willen mit warmer Gemütstiefe befähigte sie, manchen Freunden mit Rat und Tat helfend beizuspringen. Kein Bedürftiger ging von ihrer Türe, der nicht von ihrer Güte und Milde beschenkt wurde.