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Der Israelit · 1930-09-19 · Heft 38 (19.9.1930) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 38 (19.9.1930)
Date
1930-09-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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19. September 1930 Der Israelit Nr. 38. Seite 3 zu bringen, ist naturgemäß desto drückender, je enger Äi-e Umgebung diese Grenzen zieht, .innerhalb deren er sich betätigen muß. Der Lebensdrang des jüdischen Jugendlichen ist sonach besonders gehemmt, und legt sich mi besonderer Intensität auf das Oeben außerhalb der Schranken, die der Minderheit gezogen sind. So kommt es, daß im jungen Geschlecht die Kinder strenger Orthodoxie häufig am meisten herausstreben aus der angeblichen Ghettoummauerung der Eltern und in nichtjüdischer Kultur am 'produktivsten sind. ■ - Aber von der andern Seiite schiebt auch der Antisemitismus seine Riegel vor und legt sich mit seinen Fesseln und Gewichten drückend und lähmend aus die Brust des Menschen. Den giftigsten Stachel erhält er für uns -dadurch, daß die jüdische Jugend unter seinem Einfluß leicht.dazu kommt, im Judentum die Quelle ihrer Zurücksetzung zu sehen und sich gegen es wendetdaß sie zerfällt mit dem, was zuhause als heilig gegolten und was in der Umgebung als verachtenswert erscheint. Und wie biie Gesellschaft in ihrem Aufbau erscheint ihm auch ihr Recht und ihre Moral unerträglich. Der Jugendliche ist radikal und nicht gewillt, ein künstliches Recht zur Erhaltung einer künstlichen. Gesellschaft zu respektieren. Er will Gerechtigkeit, gestützt auf reinen Geist, und wenn die Welt darüber zugrunde gehe, und will logische, stets und-, für alle Zeiten und alle Menschen gleich geltende Moral und nicht auf Gewohnheit und Sitte gestützte, für verschiedene verschieden ausgelegte Gesetze, deren Schwäche er bald tiefer sieht als der unter ihnen groß gewordene Erwachsene. Das ist nicht auf bloße Kritiksucht und Oppositonsfreude zurückzuführen, sondern entweder auf den Willen zum sittlichen Leben, zum Erleben auch des Moralischen, oder auf einen sehr natürlichen Trieb, den Drang nach Daseinsfreude, und bei tieferen Naturen, nach Lebensinhalt./Auf diese Motive gehen viele Verfehlungen, aber auch ebenso oft Wellen der Erneuerung, Antriebe zur Umkehr und Aufwärtsbewegung zurück. Lebt ein Geschlecht in Verhältnissen', die durch ihre Not, Enge und Unschönheit das Ideal des geordneten, aufsteigenden Lebens nicht aufkommen lasten, so werden viele in die Irre gehen, aber die starken und vom echten Jugendgeist Getragenen, werden mit ihrer Sehnsucht nach Daseinsfreude, den Weg von unerträglichen Spannungen ins Freie suchen. Auf der anderen Seite droht gerade von daher die Politisierung der Jugend, die der bedächtig abwägendem das Ganze vorsichtig berücksichtigenden Staatskunst der Erwachsenen wenig Verständnis entgegenbringt, und fanatisch und radikal nur die augenblicklichen Möglichkeiten und Erleichterungen sieht, über ihnen das weitere übersieht" und mit ihren Teilzielen im Auge die aktivistische Politik gepachtet zu haben glaubt. Ebenso weittragend wie im politischen Leben ist die Entfremdung der Jugend vom Alter im Ringen um einen selbständigen Beruf. Ob der Jugendliche mit 14 Jahren, zu einer Zeit, wo er weder die körperliche Widerstandsfähigkeit, noch die geistige Spannweite besitzt, ob er mi.L-16 Jahren, mit der bei aller Abgeschlossenheit und gerade deswegen noch sehr ergänzungsbedürftigen ä)albbildung der sechsklassigen Schule, oder erst mit dem Universitätsstudium einen Beruf ergreift, in all diesen Fällen gibt es Hunderte und Taufende, die zur Verzweiflung gegen das ältere Geschlecht getrieben werden, das ihnen keinen Raum mehr für innere, freie, lebensvolle Entwicklung auf dem Wege zu wirtschaftlicher Selbständigkeit, ja, diese selbst in weite, unerreichbare Ferne schwinden läßt. Das Religiöse ist aber das Zentralproblem des Jugendlichen. Unser Glaube bildet das Tor, durch das wir den Anschluß gewinnen an unsere Väter, mit ihm steigt und fällt das Existenzrecht der jüdischen Gemeinde. Alles, was wir bisher erwähnt haben an Kämpfen des jungen Menschen durch Fragen sexueller, sozialer und geistiger Art, trifft sich schließlich in dem einen Brennpunkt: Wie stehst du zu deiner Religion? Wie der physische Rerfevorgang Stellungnahme und Tätigkeit im Dienste des letzten Naturwillens. zum Ziele hat, so bezweckt der psychische Reifeprozeh Stellungnahme und Tätigkeit des Geistes und der Seele im Dienste des letzten Lebenssinnes. Der Wille und die Notwendigkeit, objektive Werte aufzunehmen, und die ringende Verarbeitung, der willentliche, mit mancher Opposition verbundene Weiterbau auf ihnen dienen der Geburt der Persönlichkeit, mit dem Blick auf das höchste Gut, das den metaphysischen Hintergrund für alles Bemühen abgibt. Die einzige Autorität im Denken des Juoendltchen ist die Wertschätzung des eigenen Ich- Durch die Konzentrierung auf die innere Persönlichkeit kommt er zu einer Abschließung nach außen, wie nie wieder im Leben, die so aussieht, wie religiöse Unempsindliichkeit und Störrigkeit. In Wirklichkeit arbeitet der religiöse Gedankenkomplex nicht minder stark. Was er ableh-nt, ist das Unpersönliche, ist religiöse Betätigung ohne eigene Stellungnahme. Was er sucht und braucht, ist innerpersönliche Auseinandersetzung, ist Pflege seiner aus dem Boden starken Lebens- und Gemeinschaftsgefühls erwachsenden Gläubigkeit in Anlehnung an Persönlichkeiten, von denen er sich verstanden glaubt, denen er alles sein, alles sagen, alles geben darf. Diese Gläubigkeit erreicht im allgemeinen mit dem 13. und 14. Jahre einen Höhepunkt, von dem nach allen Seiten hin religiöse Kraftwirkungen ausstrahlen und an den die Barmizwa anknüpst, welche die Bindung des jungen Geschlechts an das alte feierlich zu Bewußtsein bringt. Eben darum, weil alle schöpferischen Kräfte durch die Hochstimmung des Barmizwaalters angeregt wurden, tritt bald eine schwere Problematik ein, die der Zeit und Intensität nach je nach der von der Kinderstube hergebrachten Religiosität verschieden sein, aber selten völlig vermieden werden kann. Schwere Lebensrätsel wühlen das Innere auf. Der Glaube an das Eintreten von Wundern und an bie Wirkung des Gebetes beginnt, zu wanken. Zweifelnde Fragen nach der wahren Religion und dem Wahrheitswert des überlieferten Glaubensgutes tauchen auf, noch gesteigert durch die eindrucksvolle Macht, die andere Religionen gegenüber dem Golusjudentum entfalten, sei es durch die Unterdrückung alles Jüdisch-religiösen in der Schule, sei es durch die Selbstverständlichkeit, mit der in Büchern und Zeitungen von den biblischen Erzählungen als von „Märchen und Fabeln" gesprochen wird. Und die Frage der Theodicee angesichts des vielen Unglücks, angesichts zerrütteter Familienverhältnisie, und die Frage der Willensfreiheit und so viele andere tief aufwühlende Zweifel und quälende Fragen erschüttern Herz und Glauben des jungen Menschen und entfremden ihn oft den Alten, welche sich, wie er meint, die Sache so leicht machen. Mit diesen inneren Hemmungen läuft parallel der starke Reiz, der von der nichtjüd'ischen Welt ausgeht. Gerade in der Mitte des Zweiten Jahrzehnts beginnt das Leben, die Gesellschaft, ZIvNsatlon und Kultur der nichtjüdffchen Welt feine überwältigendste Wirkung auf den auszuüben. So wirkt äußeres und inneres Erleben in diesen Jahren zusammen, um auch in religiöser Beziehung den stärksten Keil zwischen Alter und Jugend hineinzutreiben. Soll in diesen Jahren die Kluft zwischen' Jugend und Alter nicht unüberbrückbar werden, so bedarf es zunächst des jüdischen Hauses. Ist es der Gastfreundschaft offen, ist es ein>e Sammelstätte geistiger Menschen und Güter und bereit zu aller Förderung und Befreiung, die Menschen brauchen, ist es, um mit unfern Weifen zu sprechen, ein Haus mit Fenstern, durch die wie beim Heiligtum das Licht von innen nach außen dringt, und wie bei Daniel der BKck stets nach Jeruscho- Weit über . 1000 schreibfertige F ü I If ederhalter zur Auswahl mit 14 karat. Goldfeder ab Rmk. 3.— Ceka, Juwel. Osmia-Supra , Parker-Duofold, Wahl, Waterman Montblanc, Pelikan und andere Marken CARL KLIPPEL Kaiserslrasse 75 Schreibwaren aller Art lajim sich richtet, dann ist die eine Vorbedingung gegeben für das Reifen eines Mischen Lebensplanes. Dann wird es oft Vorkommendaß die Preismenschen, die darin eine Rolle spielendie Züge von Vater und Mutter tragen. Aber das Haus und die Familie sind nicht das Letzte und nicht das Entscheidende. Dazu gehört die jüdische Schule und der jüdische Lehrer, die seinen Kamps und seine Sehnsucht, seine Phantasie und sein Suchen zu nutzen verstehen. Wenn bei jedem Uebergang von einer Generation Zur andern das jüdische Ich ins Unbewußte hinabzusinken droht, so hat die Schule durch ihr Erziehungsideat, es durch Tauroh und Talmud, durch Geschichte und Literatur wieder zu strahlendem, stolzem Leben zu erwecken. Aber auch die Schule vermag nicht die starken Kompensationen zu geben, deren die Jugend im Kampf gegen den Trieb bseonders in der Freizeit bedarf. Wenn die in der Entwicklung begriffenen, vom Zeitgeist beeinflußten und durch die wirtschaftlichen und geistigen Röte hindurchg>efyertöerr Jugendlichen uns erhalten werden sollen, so bedürfen sie einer Jugendbewegung, die aktivistisch, geistig und gesellig der Seele jüdischer Jugend die notwendige Stütze, der jüdischen Schule und dem jüdischen Haus eine nicht zu unterschätzende Hilfe gewähren. m ^11 Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Veizmcmn und der „Judenstaak". Frankfurt a. M., 14. Sept. Erst nachträglich wird der Wortlaut der Weizmann'schen Aeußerung bekannt, die auf der letzten Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees, wie wir berichteten, einen Sturm der Entrüstung verursachte und beinahe zu einer Weizmann-Krise geführt hätte. Diese Aeußerung ist in ihrer radikalen Eindeutigkeit so bemerkenswert, daß sie schon aus historischen Gründen festgehalten werden inuß. Weizinann hat nach Wiener Blättern wörtlich folgendes gesagt: „Nie wird es einen Judenstatt gebenI Jlg Nebel der Kriegsjahre und der ersten Nachkriegsjahre'haben Balfour, Lloyd George und ich an Fen Judenstaat geglaubt. Damals habe ich gesagt: „Palästina soll so jüdisch werden, wie England englisch!" Die Nebel sind verflogen. Ich sehe klar und habe den Glauben an den Judenstaat verloren! Er wrd nie sein. Im Mandat steht: „Nationalheim in Palästina, nicht Palästina als Nationalheim! Das ist kein Judenstaat. Vom Judenstaate zu reden ist nur gefährlich. Ich glaube nicht an den Judenstaat!" Die Klarheit dieser Erklärung ehrt ihren Urheber. In der Tat: der Judenstaat wird niemals von Menschen und nie mit den Mitteln der Diplomatie geschaffen werden, sondern er kann nur das von G'tt selber herbeizuführende Endziel des Geschichtsprozesses sein.

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