Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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19. September 1930 seite 4. Nr. 38 Der Israelit ftändnis für Me hohe Bedeutung dieser Tage in uns zu vertiefen. werden, so darf auch von. di-tzsen ^Fehlern gelten, In einer früheren Abhandlung ist auch davon die Rede gewesen, daß die ll'vns nicht ohne Widerstände in die Liturgie der Gemeinden Eingang gefunden Haben. Sie wurden besonders angegriffen si!on R. Abraham Jbn Esra, dem sie nicht poetisch genug gewesen sind und weil ihre Verfasser sich häufig über Me Sprachgesetze hinweggesetzt Haben. Diese Einwände sind' nicht gang von der Hand zu weisen, wenn auch die hauptsächlichsten Vorwürfe gegen Me Willkür, mit welcher Me Dichter Me Sprache gehandhad: haben sollen, von sehr ernster und sachkundiger Seite widerlegt worden sind. Aber auch von anderer Seite haben sich ihrer Einführung Schwierigkeiten und Hindernisse in dien Weg gestellt. Man hat sie vielfach als npvsnals Unterbrechung zwischen den jvo-n und der mw nnatp empfunden und sie daher aus Halachischen Gründen ablehnen zu müssengeglaubt. Wenn aber trotz all dieser Widerstände die v'vi'S in der Liturgie fast aller Länder undll'ini» sich durchgesetzt und bis auf unsere Zeit sich erhalten haben, so ist dies zweifellos därauf zurückzuführen, daß man auch in den maßgebenden Kreisen ihren hohen -Wert erkannt und anerkannt hat. Besonders ist für die Beibehaltung derv''vi''a der eingetreten, der sie selber rezitierte und auch seine Schüler ausforderte, sie,.zu beten und nicht, wie sie es'tun wollten, während der Rezitierung der v'vi'a zu lernen. Er belehrte sie, daß der talmudische Grundsatz: Tm°? min pi -nnV n*?an jan auch aus diese von den früheren Geschlechtern rezipierten Gebete Anwendung finde und daß es keinesfalls geziemend wäre, wenn die c>'22n ■’Ta^n sich über die in den Gemeinden eingesührten Gebete Hinwegfetzen würden. Ebenso warnte R. Joel Sirkes (win rpa) davor, die von den ll'diQipn nnn übernommenen abzuschaffen. Er stützt sich bei dieser Stellungnahme aus die Autorität einer Reihe von ll'iirrz und D'rupKi» bie. die Beibehaltung der üi''vro gefordert haben. Einen ernsten Einwand macht R. Joel Sirkes selber gegen sie geltend und sucht damit die ablehnende Haltung des ln"s '-»o wm nun) uv zu. erklären. Er meint, wenn der uv gegen Me Ansicht vieler D’iiWNn lieber die Weglassung der ll'vi's gesehen hätte, dies daher komme, weil ein Teil des Publikums Me Rezitierung der ll'vi's als willkommene Gelegenheit zur nrrw* zu profaner Unterhaltung ansehe, was der Würde des Ortes und des Gebetes Eintrag tue. Dieser Einwand, von einem warmen Befürworter der v'vi'L ausgesprochen, ist gewiß ernst genug, um nicht über ihn hinweggehen zu können. Er muß um so mehr beachtet werden, da man keinesfalls von einem •>v? uwan-sprechen kann. sEs ist fest R. Joel Sirkes und, wie er meint, seist-der. Zeit des iiv ' in dieser Beziehung gewiß nicht besser geworden. Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß auch in unserer Mit so mancher Synatzogenbesucher die'Zeit der .r^'vna.-s ni'vrr zu profanen Gesprächen oder zu eisiem Schläfchen benutzt. Ein Umstand, der beschämend genug ist, um darüber nachzudenken,'wie diesem Uebelstand abzuhelsen wäre. Im Interesseder Erhaltung der v'vi'L für die Allgemeinheit ist es mehr denn je notwendg, auf Mittel und Wege zu sinnen, wie matz sie dem Verständnis und den Herzen der Betenden nahebringen kann. Ist es doch gerade das große Publikum gewesen, das ihnen den Eingang in Me Synagogen verschafft hat, das sie gegen alle Widerstände verteidigt'! und für Me Allgemeinheit erhalten hat, das in ihnen Trost und Erhebung in den Leiden gefunden hat, weil sie zu seinem Herzen gesprochen haben. Und wenn es auch in alten Zeiten Leute genug gegeben hat, Me die v'vrs nicht verstanden haben, so haben sie sie doch aus frommem Gemüte heraus gebetet, so sind sie ihnen doch ein Stück und ein Bestandteil der v'2iv v'»'.; und v'num etoa* gewesen. Und wenn in den uhnp die Pijutim vom Publikum häufig — wie der Terminus lautet — nur gesagt und vielfach mit Fehlern gesagt was der vH» zu nanx *»7V bemerkt: ,.st ♦nanx 'hy Vkuzt'lb’sx' 'In unserer Zeit jedoch, in welcher' dieses. Niveau in dest'nrri' nicht allzuhäufig anzutrefsen sst, muß das Bestreben dahry gehen, durcsi Kenntnisse und Wissen der allgemeinen' Lethargie beizu kommen. Es gilt, durch Belehrung das Verständnis für Me v'vi'v zu -erwecken. Womit aber in erster Reihe nicht gemeint ist, durch Uebersetzen und Erklären die Gebetstücke den Herzen näherzubringen. Dies wäre schon aus dem Grunde nicht mehr als ein Notbehelf, weil Me Uebersetzung im Allgemeinen nicht ein getreues Spiegelbild des Originals ist, weil durch, die beste Uebersetzung gerade die Feinheiten des Urtextes verloren gehen. Der Hebel muß an ganz anderer Seite angesetzt werden. Die meisten Pmtstücke sind in ihrem Inhalte auf^livi aufgebaut, vielfach -bisben sie ein Mosaik von Zitaten aus denselben. Dl'^'Schönheiten vieler dieser. Gebete sind naturgemäß, nur demjenigen erschlossen, der in den Di.K’ii i'isjp und in der agadischen Literatur einigermäßen heimisch /ist. 'Ebenso Me. tiefe ch^itzx, die Herzlichkeit, mit welcher sie zu unserem 'Ge-- müte sprechen, ferner die Trostesworte, mit denen sie uns über die Röte dies Einzelnen wie des Wa erheben wollen. Es gilt daher in erster Reihe, soweit es möglich ist, die Kenntnis von uinwie auchnutztz' Yiö^ int AEgemeinen 'zÜ haben. Wenn der junge Mensch etwas von den Grundquellen jüdischen Wissens in sich ausgenommen hat, so wird er in den hie und da auf manche ihm bekannte Stellen stoßen, er wird so manche Pijutstelle auf ihren Ursprung zurückführen können, das innere Interesse für die Gebete wird wachsen und sie werden ihm auch viel mehr sagen, als es ohne die Kenntnis der Urquellen der Fall sein kann. Er wird sodann die mehr als 400 Seiten des v'usvn ovh nrn» mit ganz anderen Augen ansehen. Es wird ihm nichtnur ihr Inhalt bekannter sein, sondern es wird sich ihm hier eine Gedankenwelt auftun, die ihn immer mehr innerlich erfüllt. Er bekommt durch sie das richtige Verständnis für die v'XUin v'»' und £3'»' L3'3iv und es ist erst dann der Zweck erreicht, um desientwillen diese Gebete verfaßt worden sind. Solange diese Grundlage und diese Voraussetzungen für das tiefere Verständnis des Tim» nicfyt gegeben sind, wird man selbstredendgut daran tun, durch Uebersetzung und Erklärung größeres Interesse und Verständnis für seinen Inhalt zu wecken. Man wende nicht dagegen ein, daß ja das limschon vielfach mit guten Uebersehynben und auch 0,>t2n‘T>a versehen ist, aus denen 'ch^st.HelMrung'-.schö.pfs^''Vastrr. Es ist ge- M.ß.jfPemppn''ztz. einMWn^..potz 'h^n ."?. ö’»’ öie Hebert buT^3i^uc^l^eTl- Mer es bleibt, dann.!noch imcher große Unterschied zwischetz....dech' imii.J1 dein gesprochenen' HöM...:.Die.^mündliche.ErsläMn'g kqnn, nicht.,Mr, aüfsi^äMeMe' Feinheiien' ^Hinweis en, d ie' man heim' Lesen 'gar nicht merkt. Sie kann auch besser die Gedanken- und Gemütstiefe der Gebete hervorheben. Sie kann auch wirkämer auf die Quellen aufmerksam machen-, aus welchen die Verfasser geschöpft haben und so . auf -den gedanklichen Kontakt zwischen und IT22 ober den izniän.’zpn hinwAfen. Nur auf diese Weise ist es möglich, einem größeren Kreise die m^an auch innerlich zu erhalten, die'die früheren Generationen so inbrüntig gebetet haben. Denn es genügt nicht,..sie bloß unserem um»' der Gebetordnung äußerlich zu erhalten. Wir müssen es uns vielmehr.angelegen ein lassen, sie zum seelischen Gemeingut derni^np zu gestalten. Je größer das Verständnis für sie und für ihren tiefen Gedankeninhakt. sein wird, je mehr man ihren Wert erkennen wird, desto bester und vollkommener werden sie ihren Zweck erfüllen, an den v'Xurn cp»°> die Herzen zu erleben und unser Gebet zu einer wahrhaften nbsn nDT zu gestalten. Probleme des Zugeudalkers. Von Studiendirektor Dr. 7N. Elias in Frankfurt a. 71t. ' k. ... (Schluß.) Dir Aufstellung eines Lebensplanes und d.ie damit ich Zusam^nenhang stehende Suche nach einem ^healmen^chen, nach Persönlichketten, die ihrl miWeißen Md zur''-Gefolgschaft zwingAsi denen -er folgt durch dick und dünn, denen er feine Minne wecht und sin Gedanken, Bildern und Taten huldigt, isoliert ihn weiter von der Familie. Endlich aber kommt das neue Erlebnis des Körpers und Geschachtes, das' Wissen vom Geheimnis des Werdens und der Fortpflanzung im Menschenleben, wodurch' der Jugendliche bald Eltern und Geschwister in gang anderem Lichte sieht. Der geistige Bestand^ dies neuen' Menschen ist zMeisach bedroht. Mtt Rausch und Askese kann . er daraus reagieren!. Das Erlebnis eines jeden Tages ist zweifach in Frage gestellt, die Vorsätze und Entschlüsse eines jeden Tages können immer von neuem umgeworfen werden, weil die Sehnsucht nach Gemeinschaft wechselt mit der Sehn-, sucht nach Einsamkeit. Jugend-, das ist die Zeit polar entgegengesetzter Ausdrucksformen, der Suche nach Menschen, und vor allem gleichen, auch religiös gleichgerichteten Menschen, undaus der anderen Sette der fchmerzlich süßen Absonderung und Suche nach Einsamkeit. W-a-s aber die Hauptsache ist: Die Organreise bringt mtt sich gesteigerte Produktivität undschöp- - serische Fähigkeit zu Dauerndem und- Höherem. Zwar: die Sexualität durchbricht den Damm der Familie, sehnt sich fort nach höherer Sphäre der Liebe und des Beharrens, dies aber zugleich mit deutlicher Absage an bloß sinnliche Befriedigung. Im Gegensatz zu der Stellung, die der Jugendliche unter den Erwachsenen einnimmt, scheint er seiner Entwicklung nach fertig zu sein: Er ist geschlechtsreif, wenigstens geschlechtsfähig,. feinet ^psychologischen Struktur nach fertig, also in dieser Hinsicht dem Erwachsenen ebenbürtig, in mancher Hinsicht über ihm stehend, da er sinnlich nicht gebunden, geistig undnur geistig sich letten läßt, buch wenn er von einer drängenden Sehnsucht nach Freude erfüllt ist. Zu all den Kämpfen des seelischen Wachstums, welche d!er Jdealschau auf ein Bild d>er künftigen Persönlichkeit entspringen, treten die Schwierigkeiten, in die verschiedensten- Gebiete des Lebens und der Kultur hineinzuwachsen, und mit jener Jdealschau den Realbau des Lebens in Einklang/zu bringen. Reue Probleme und neue Krisen werden dadurch heraufbeschworen. Gesellschaft und Beruf, Recht und Moral, Politik und Religion in ihrer objektiven Gestalt kann der stark subjektivierende Jugendliche nicht ohne Widerstand in sich ausnehmen. Der Gegensätz zwischen Jugend ünd Alter';tam vor allem: ün dem -Verhältnis Mr Gefell-!schaft .zum Ausdruck, der feine gange Natur jwiderstr-ebt. Sie' steht vor ihm. -als fertiges Gebilde und fordert Unterwexfun^ünd Ejnfügung, otjne daß er--an ihrem Werden und Wesen mitgewirkt hat und Mitwirken kann. Sie zeigt nur an wenigen'Punkten Person an Person gebunden, während er nach totaler Lebensgemeinschaft begehrt. Sie zeigt Regelung bis ins Kleinste, er liebt Freiheit und 'Ungebund'enheit. Undwährend sie auf Arüeitstettung und SpeMlisierung drängt, möchte er das gange Leben, das Gesamtwert, ^das Endziel, schauen. Gewalt, Konvention, Atomisierung, Grundmerkmale der Gesellschaft, stehen gegenüber dem jugen-dlich-en Verlangen -nach Freiheit, Natürlichkeit und Totalität. ... Die Familie stehtselber zu sehr unter dem Einfluß der Gesellschaft-, die Schule eingestandenermaßen zu sehr im Solde der alten- Gemeinschaften, als daß der Jugendliche nicht gegen.sie wäre. Der Wunsch nach Loslösung..bei dem einen-» der Schmerz des Losgelöstseins bei dem i andern, machen die Gesellschaft zu etwas Uner- . träglichem für die Jugend. Und diese Konslikte machen sich doppelt fühlbar bei dem j üd is che n Jugendlichen. Das Losstreben von einer Umgebung, die es ihm nicht gestattet, sich zur Geltung