Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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19. September 1930 2er Israelit Nr. 38. Seite 3 daß die katholische Partei, die von großen Sympathien vieler, ihr gesinnungs-mäßig nicht zugehörender Freunde der Republik und des Weltfriedens, nicht zuletzt der Juden, in den letz? ten Wahlkampf und zum neuen Siege gezogen ist, allen entgegengesetzten Befürchtungen zum Trotze, die Hoffnungen nach dieser Richtung voll erfüllt. Uns Juden soll dieser Wahlausgang ein Memento fein zur Einkehr und zur Selbstprüfung. Wir wissen uns frei von den Anklagen, die die Feinde gegen uns erheben, i:rm v'awx ‘rix aber wir find vielleicht nicht frei von Schuld in anderem Sinne, die zu tilgen, uns die neue Schickung gemahnt. Die Sammlung der Feinde zwingt uns zur eigenen Sammlung um die Fahne der Thora auf dem Boden eines geläuterten jüdischen Lebens, in Liebe zu G'tt undunseren- Brüdern. Und hätte dieser neue Fingerzeig der gütlichen Vorsehung vermocht uns zur riilfcn zusammenzuführen, so wäre der letzte Sieg doch auf unserer Seite. Auch diese ,in2in vor Toresschluß des alten Jahres klingt, wie es schon immer war und immer sein wird, in ein öbiri bnx aus: Ihr werdet bestehen! Sammlung in Voten. Wir in Deutschland haben einen harten und wilden W cr h l k a m p f hinter uns, bei dem es zuweilen, ganz zu Unrecht, so ausfcch, als drehten sich alle Räder der Politik und des Wektenlebens einzig um die Juden. In Polen, wü die Sejm wa h l e n für den 16. November ausgeschrieben sind, liegen die Dinge schon anders: Abgesehen von der jüdischen MMiononmasfe im Lande, setzt sich dort das Parlament aus nationalen Gruppen zusammen, oder, wie man dort lieber hört, aus nationalen Minderheiten, deren eine auch die Juden mit eigenen Abgeordneten bilden. Wie sich ihre Mandate auf die jüdischen Parteien verteilen, ist Sache der Juden selbst. Treten jüdische Parteien mit getrennten Listen in den Wahlkampf, so kann es sich — und hat sich schon — ergeben, daß einige Listen kein einziges Mandat erhalten und deren Stimmenzahl anderen, nichtjü'dischen Kandidaten zugute kommen. Wie kommt das jüdische Palen dieser Gefahr entgegen? Bisher konnte man dort zwei Strömungen wahrnehmen: die Nationalen, die unter Führung Grünbaums sich mit den andern nationalen Minderheiten zu einem oppositionellen Block gegen die Regierung verbinden: die Anderen, die da in alter Hausväterlogik meinen, es lohne sich nicht für den Juden, für den Nachbar die Kastanien aus dem Feuer zu holen und dar- Für Körper und Füsse nur DIA19N-Puder über seine eigenen Interessen preiszugeben. Bon den Machthablern ist uns stets ein solches Verhalten sehr übel vermerkt und! -auch v e r g o 11 e n worden, vom Freunde in der Opposition ist aber in gegebener Stunde der Dank immer ausgeblieben. Die jüdische Orthodoxie in Polen, soweit sie in der Aguda organisiert ist, hat die Gefahren einer überspitzten Minoritätenpalitik immer eingesehen und davor gewarnt. Sie war sogar bereit, unter seelischer Ueberwindung Bündnisse mit religiös Andersgesinnten — gegen die nationale Katastrophen Politik — einzugehen, die uns befremdlich anmuteten. Zwar ist der Minoritätenfanatismus des Warschauer Zionismus auf große Gegnerschaft auch bei den Zionisten in Ostgalizien gestoßen. Allein dem Unheil, das von Grünbaum und Konsorten angerichtet wurde, konnte von Lemberg und der Aguda in Kongreßpolen aus nicht mehr wirksam entgegengearbeitet werden. Angesichts der kommenden Wahlen ruft in der jüdischen Presse der bekannte geistige und politische Führer, Oberrabbiner Aron L e w i n , Rzeszow, alle jüdischen Parteien zu einer Einheitsfront auf. Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im jüdischen Polen haben sich in der Zwischenzeit so bedenklich verschlechtert-, daß eine Teilung der jüdischen Fraktion in Fraktiönchen und eine Zersplitterung der jüdischen Stimmkraft die Katastrophe nur noch beschl-eunigen und beschließen würde. Das Mitmachen mit anderen Minoritäten, die sich der jüdischen Hilfe gernbedienen, ohne den Juden irgendein Aequivalent zu bieten, dieses „Mittun um jeden Preis", nur aus Prinzip gewissermaßen und ohne Blick für die Realitäten der Stunde, muß aus hören, wenn nicht die polnische Judenheit anders mit offenen Augen dem Abgrund zueilen will. Die gesamte Orthodoxie steht hinter Oberrabbiner Lewin. Allenbitteren Erfahrungen zum Trotze scheint aber, mit Ausnahme Färb - st e i n s und des M i s r a ch -i, die sich grundsätzlich für den Jüdischen Einheitsblock erklärt haben, der Warschauer j ü di s ch - n a >t i on a l e Klub noch weiter am alten System festhalten zu wollen. Grünbaum hat durch eine zweite Auflage seiner unseligen Bündnispolitik, durch seine scharfe Frontstellung gegen den von der Aguda geplanten Jüdischen Einheitsblock und das Hinüberschielen zu den mißvergnügten Ukrainern und Weißrussen dargetcm, daß er nicht daran denkt, aus dem Schaden zu lernen, und daß ihm und seinen Freunden ein Parteidogma über das Wohl ihrer Brüder gehe. Aber letzten Endes liegt es in der Hand der jüdischen Wähler, falls es zu einer Listenteilung kommt, zu entscheiden, ob sie von den beiden sich ihnen öffnenden Wegen den der politischen Vernunft und wirtschaftlichen Gesundung gehen wollen, oder durch das Gestrüpp zionistischer Ideologie in eine Sackgasse gelangen wollen, daß man bald nicht mehr ein, noch aus wüßte. «SSSiSiSSSSSSSSSSSiSSiiSWSSSSSiSiSWiSSSSiSiSSl Wichtigkett und Bedeutung der ll'vrs« Von Rabbiner Dr. Ph. Frankl in Halberstadt. - In mehreren ruwn 2? Xi-Nummern der vergangenen Jahre habe ich an dieser Stelle einiges über die Bedeutung der ll'vi's geschrieben. Ueber das Geschichtliche dieser Gebetstücke sowohl, wie sie aus den Vorträgen, die an den Festtagen vor einem großen Publikum gehalten wurden, allmählich hervorgegangen sind. Aus D'tniai *pn haben die Piut-Dichter alleH zusammengetragen, was geeignet gewef-en ist, Me Bedeutung dieser Tage zu unterstreichen. Sie wollten damit erreichen, daß man diese Tage nicht vorübergehen lasse, ohne sich mit der tiefen Gedankenwelt zu befassen, die sie enthalten und — was ihr Hauptzweck gewesen ist, daß manso manches von diesen Gedanken mit hinaus ins werktägliche Leben nehme. Vom historischen Gesichtspunkte betrachtet, stellen die v'vi's eine Erweiterung der mtw rmaip der onnun wa' dar, die außer den mmns 'X) imwm die öi'n rnznij? die eigentliche Bedeutung des Tages feiert. Besonders aber sind sie als eine Fortführung des G-edankenganges anzusehen, wie er in rvnBiwi ni3ii2i 'ni’2^a zum Ausdruck kommt. Sinn und- Bedeutung dieser msia mit den einschlägigen v'pivs sind ja deutlich in d-er Erklärung ausgesprochen, die die aiaa ihnen gibt: rusm warn 'w*? iiaa rrnp.i iaK '3i2’*?antt ’12 nr:&a 'miaifen ni3ii2i rvpr^a 181272 .1821 N21v^ 82'3112r '38^ «2'27 '12 1113112* Macht die ,mn uns zur Pflicht, den N327N «miöls riviin ai' oder mmn 1112t zu begehen-, so ist es wahrlich nicht damit getan, bloß die vorgeschriebene Anzahl der Schofartöne zu hören. Diese Schosartöne haben vielmehr ihre tiefe Bedeutung und im Sinne dieser Bedeutung sollen sie auf uns einwirken. Aus dieser Betrachtung heraus haben uns *?"Tn die nnsiun ni3ii2t ni'2^a übermittelt und auf dieser Grundlage bauten später Ne v'vi'S weiter, um auch ihrerseits das Verda gilt die Weisung ^ivs ipan pioatc nm© der Schofar, der gespalten ist, ist unbrauchbar. Israel hat feine Eignung zum Schofar G'ttes verloren, wenn es zusammengehalten, aneinandergekettet und gekittet wird durch das, was nicht ist, durch Anderartiges und Anderwertiges, wenn nicht unsere Lehre jüdischer Geist und jüdische Sitte alle Kinder und Enkel der Stammutter Rachel zu einer Einheit verknüpfen . . . Glauben und hoffen, unser Leben heiligen und dadurch am Zukunftsbau der Menschheit schaffen, das wollen uns die drei Mütter unseres Volkes lehren. Möge ihre Stimme allenthalben fortklingen, bis der ninn bv isi© erklingt und überall Erlösung von allen großen und kleinen Nöten verheißt, daß für Israels Gesamtheit und für einen , jeden einzelnen zur Wirklichkeit werde das Prophetenwort: um ini-ss^ 12«? vr Iwinrrimpn „Es gibt einen Lohn für dein Wirken und eine Hoffnung für deine Zukunft." Kleines Feuilleton. An die Ferne«. Von Karl Darmstädler in Mannheim. Wie wäre das schön: am Feste nicht nur die Briefe und Zeilen zu lesen. Die aus Städten und Dörfern, von nahe und weitem, zu dir gelangen ... Wie wäre das schön: ein Fest des Sich-fehens zu feiern, des Wieder-einmal-beieinander-weilens, kein endloses Land zwischen uns und keine unendlichen Jahre. Unendliche Jahre? Was ist denn die Zeit? War es nicht gestern, da wir Kinder noch waren und spielten in winkligen Gassen, Schabbosnachmittage verplauderten droben am Waldhang? . . . Das war. Und schon spiegelt sich alles wieder im lächelnden Blick, im kindlichen Spiel, im Worte der Kleinsten. War es nicht gestern, Freunde, Gefährten im Krieg, daß wir an seltsamen Orten uns trafen, Roschhaschono, Jomkippur in West und in Ost, Jomtow wars auch, Aufatmen für flüchtige Stunde. Ist es so lange denn schon, seit wir am Sedertisch saßen — im Bilde schau ich euch alle. Wo trieb das Leben euch hin? ck Wir schreiben uns kaum. Was soll auch das Wort, wenn es nichts wäre als Sagen von unbedeutenden Dingen? Wer gibt uns, inmitten der drängenden Hast, die ruhige Stunde zum Plaudern von allem, was uns bewegt? Lesen wir, zu besonderer Zeit, die vertrautesten Namen, in Freude, in Wehmut, hüllen wir uns, sinnend und sinnend, in undurchdringliches Schweigen Wie Gleichaltrige oft, aus Städten und Ländern, sich treffen, um im Dorfe der Heimat einen Festtag zu feiern, wollen wir tun, als sei Raum und Zeit uns geschwunden, wollen einander erzählen, von Glück und Gelingen, von Tun und Geschehen, lächelnden Jahren und sanglosem Leben. Ihr seid gerufen. Und näher als viele seid ihr, die täglich mit mir durch gleiche Straßen hinschreiten. Denn viele, die nahe sind, scheinen so ferne zu sein. Den Kindern gleich, die sich zum heiteren Spiel einander die Hände reichen im Kreis, fasten wir, Freunde, Gefährten der Jugend, uns an der Hand, unsere Blicke gehen in die Weite der Zeit, vieler Jahre Beginn zieht an uns vorüber und das Wissen um viele, längst entschwundene Dinge — Wäre dies nicht ein köstliches Fest? Und wir würden uns trennen, - heimwehtrunken und doch voll unendlichem Dank zueinander, und wir würden uns trennen mit feierlich-lieblichem Wunsch: Freunde der Ferne, seid eingeschrieben zum Leben . . . Wochenkalender. v. 20. — 27. September 1930 / v. 27. Elul 8890 b. 8. Tischri 8891 Samstag 20 27 D’asi Sonntag 21 28 Montag 22 29 i>"san trx-in rrn ans Dienstag § 23 1 m©n ©im n uv Mittwoch ■a 24 2 m©n ©kti '2 uv Donnerstag 25 '1©n 3 '■»Via ms Freitag 26 4 Samstag 27 5 nai© na© -]V'i