Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 38 Die Trostausblicke sind spärlich. Es hat sich in diesem Jahre nichts Furchtbares ereignet. Aber in Auswirkung der explosiven Ausbrüche vom vorigen Jahre ist manche Etappe des Rückganges zu verzeichnen. Das Jahr schließt mit einer Auseinandersetzung zwischen Genf und London über die MandatspoliM in Palästina. Der Streit geht über unseren Kopf hinweg und wird uns nichts anderes bringen, als ein weiteres kühles Abrücken Englands vom ursprünglichen Sinne des Balfour-Mandates. Im Zionismus schreien die einen in kindischer Unbefangenheit/Unverantwortlichkeit und daher Unerschrockenheit nach „scharfem Kurs gegen England", die anderen, die Besonnenen, sind in der Resignation so weit, daß sie an Stelle des „Judenftaates" die k o n st r u k t i v e A u t o n o m i e auf der Basis dies Zweinationenstaates setzen. Zu Anfang der Mandatsaera wäre ein solches Wort eine m u t i g e T at gewesen, die uns manches erspart und vieles gerettet hätte, worauf hinzuweisen wir Jahre hindurch nicht müde wurden. Heute bedeutet das Wort eine Kapitulation, die vielleicht zu spät kommt und ein nutzloses Opfer ist. Vielleicht kommt aber ruhige kluge Besonnenheit nie zu spät! . . . Uns im gesetzestreuen Lager sollte diese Krisis dazu ermutigen, an unserem bisherigen^ Kurse, an der Politik der friedlichen Entwicklung und der geistigen Zusammenfassung der ausbauenderi Kräfte ohne politische Himmelsstürmerei, festzuhalten. Nicht etwa, daß wir unsere Methode selbstgerecht gegen die andre, die nun zusammengebrochen ist, ausspielen wollten; nicht etwa, daß wir uns selbstzufriedenmit dem, was wir bis jetzt taten oder nicht tiaifcm, begnügen wollten! Ein völliger Zusammenbruch des Jüdischen Nationalheimes als Heimstätte des jüdischen Geistes würde uns nicht minder treffen, als die anderen; würde dem alten Jischuw genau so die Basis feiner Entwicklungen entziehn wie ihnen. Stehenbleiben bei dem Geleisteten können und dürfen wir nicht, weil wir zu wenig geleistet haben, weil wir unseren Schulüteil an der Geulcch Ihm, von dem wir die Enderlösung erwarten, noch nicht a b g e t r a gen haben! Tun wir es jetzt, ja-, rra mpirn wegen der tausend Kinder, die in Erez Jisroel geistig heimatlos sind, tun wir es auf Grund der neuen Erfahrungen, die uns Sammelpunkte des Gei st e s in dem Maße zur vitaleu Notwendigkeit machen, in dem wir materielle Positionen verlieren und uns Möglichkeiten? auf kurze Sicht verbaut werden. Mit i»?1? toddie wir vom neuen Jahre erwarten, muß Handin Hand nnaff gehen. Der Israelit Zion im Sinne der von ihm ausgehenden heiligen Lehre leite uns auch bei aller jüdischen Arbeit r n d e r G o l a. Biele Lebenswichtige Aufgaben der Agudas Jisroel, die wir von der K e n e f s i o Gedaulo als Uebertragsposten auf das ab gelaufene Jahr übernommen haben, sind noch ungelöst und verlangen in diesem Jahre nach unseren Hirnen, Herren und Händen, manches ist mit den zur Verfügung stehenden schwachen Kräften und Mitteln -erreicht worden. Im Kampfe für den Sabbat gegen gewisse Bestrebungen innerhalb der K al e nde rr e f o r m b e w e g u n g ist alles geschehen, was mit Menschenkraft geschehen konnte. Kurz vor Jahresschluß hat sich eine große jüdische Versammlung — nicht zuletzt angeregt durch die Vorarbeiten der Aguda und die Wiener Beschlüsse — offen und leidenschaftlich zum Sabbatgedanken bekannt. Israel geht voller Sehnsucht der Braut Sabbat ent g e g en n*?a Und G'tt, der Vater, wird ihnen im Weltenleben das Heim neu errichten, darin sie beide, Israel und der Sabbat, vereint und in Frieden leben können ... Der Schofar erhält seinen Klang vom B e r g e der Offenbarung iniaa psra nVaa .-mrr '2'v in- und weist nach der Höhe, vor der alles Menschheitssehnen sein letztes Ziel find>et. ma nh nnnwm 'lai *?m nsi^a yprp rrinn m'a "ni .v'^Din'a vnpn Vom Sinai nach Zion. Ohne Sinai kein Zion. Ein Zion ohne die rückwärtige Verbindung mit Sinai wäre keine Erlösung, sondern wäre eine Etappe neuen Leides und neuer Enttäuschung. Davor bleiben wir bew?ahrt, .die wir „in Zuversicht zu Ihm" ein Jahr neuer Arbeit und neuer Hoffnungen antreten. •■j1? D^rp»'? ns pnnsi i’wrnV mpn Wochenrundschau. Die Reichstagswahlen. Der Wahltag am Sonntag war ein Hakenk r e u z z u g mit annähernderreichtem Ziele, und er war ein Schicksalstagfür das neue Deutschland, für den republikanischen Gedanken und, wie-man befürchten muß, auch für Deutschlands Außenpolitik, indirekt also für die Sache des Weltfriedens. L_19. September 1930 Die Nationalsozi g l i st e n werden mit ihrem Banner, aus dein Kampf und Haß und der „Unfriede ö-er Menschheit" geschrieben steht, in einer Stärke irr den neuen Reichstag einziehen, die sie — nach den Sozialdemokraten — zur zweitgrößten Partei im Reiche macht. Zusammen mit den Stimmen anderer kleinerer Parteien, die uns nicht mögen und den Staat nicht Neben, werden sie für -absehbare Zeit einen Machtfaktor von entscheidendem Einflüsse iü unserem politischen Leben -ausmachen; Man tröste sich nicht damit, daß der nationalsozialistische Stimmenzuwachs sich zum TeAe aus den Verlusten der Deutschnationalen zusammensetzt. Letztere werden immer nochan fünfter Stelle einiges zu sagen haben im neuen Haus, und die letzte trennende Grenze zwischen Hug-enberg und Hitler wurde vom Sturm des Wahlkampfes weggeweht und restlos weggewischt. Man tröste sich auch nicht damit, daß die 6'Ä Millionen deutscher Menschen, die am Sonntag ihre Stimme für die nationalsozialfftischen Listen in ö-te Wagschale geworfen haben, sich ja nicht samt und sonders zum Hakenkreuz bekannt, sondern nur ihrer Unzufriedenheit mit dem Staate, mit dem Parlamente, mit der wirtschaftlichen Lage und mit sich selbst Luft hätten machen wollen. Das ist gewiß sehr richtig, aber das ändert nichts an der Tatsache, daß die so -eminent angewachsene nationalsoziakistische Fraktion ungeheuren Windin die Segel bekommt und, gestützt aus die hinter ihr stehenden Massen, zu immer neuen „Großtaten" ermutigt wird, um den Kredit Deutschlands, d-en materiellen und moralischen, in der Welt herabzudrücken.' Als einzige Stütze des Rechtes und der Freiheit und einzige Hoffnung aller Gutgesinnten im Reiche bleibt, nach dem bedauerlichen Zusammenbruche der bürgerlichen Mittelparteien, das Z e nt r u m. Es wird mit der Stabilität seiner Kraft, die im Geistigen und Religiösen ihre Wurzel hat, das Rückgrat des deutschen Parlamentarismus und des republikanischen Staätsgedankens bleiben, was bei der neuen Konstellation nur bei einer Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie denkbar und möglich ist. Diese wiederum größte Partei rin Reichstag hat immer, wenn sie an der Führung war, -ein hohes Maß von Berantwortu-ngsbewußtsein gezeigt und mit ihren Männern wie Ebert, Hermann Müller, Braun u. v. a. über Me - marxistischen Utopien hinaus wertvolle reale Arbeit zum Weiteraufbau und zur Befestigung des Staates geleistet. Aber -auch sie wäre heute in ihrer Aktion lahmgelegt ohne Mithilfe der einzigen groß?enstaatsbejahenden Partei zu ihrer Rechten. Man darf hoffen, Müller. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Gewiß nicht Zufall ist es, vielmehr weife Absicht, heiliger Zweck, daß uns am mvn vrri, am Feste der Zeitenwende, die Festkapitel in der Hauptsache Frauengestalten, Mütter, vorführen. Das zeugt von der großen Verehrung, die das Judentum für die Mutter als Heils- und Glücksspenderin der Familie hegt. Mutter! Birgt dieser Begriff nicht eine Welt von Seligkeit? Nicht nur das zarte Kind, das alle Wonnen seines jungen Lebens von der Liebe der Mütter schöpft, deutet dies, man frage den Mann noch im reifen Alter, was das Wort Mutter ihm an frohen seligen Erinnerungen aus glücklicher Jugendzeit vor die Seele zaubert. Als höchsten Grad der Trostesankündigungen, fo ist unsere jüdische Einstellung, preisen wir das Prophetenwort: kLvavnax -odk p nonan i»k -ipr „Einem Manne gleich, den seine Mutter tröstet, will auch ich euch trösten." Als ein köstliches Angebinde, das uns das neue Jahr immer bei seinem Beginne weiht, werten wir die weihevollen Lehren, die aus dem Munde von Müttern, leuchtenden Frauengestalten des biblischen Altertums, zu uns herüberklingen und uns förmlich in eine höhere Welt des Glaubens und der Selbstbesinnung versetzen. Was Sara, Channa und Rachel künden, das soll zu unserer Erhebung und Weihe in unserem Herzen widerhallen, damit ihre Lehren uns wegweisend und richtunggebend werden mwn wvRiv nie' nnns nsi „vom Anfang des Jahres bis zu seinem Ende." Im Vollgefühl ihres Mutterglückes, da sich ihr erfüllt, was sie kaum zu ahnen und zu hoffen gewagt, spricht Stammutter Sara: ‘‘b pmr» y»en bs pi-rr •»b ney pnx „Freude hat G. mir bereitet, wer hört, wird sich mit mir freuen." Das ist ein Wort, das uns über die Kümmernisse und Nöte unserer Tage hinweghebt und uns auf den verweist, der uns trägt und hält und der feste Pol ist in der Erscheinungen Flucht. Ob wir rückwärts schauen oder vorwärts blicken, die rechte Deutung gewinnt alles erst dann, wenn wir unfern Blick auch emporlenken zu Ihm, der über den Sternen thront. Die Wunde, die wir aus G'ttes Hand entgegennehmen, trägt den Balsam der Heilung in sich, und die Zukunft, über deren Geschehnisse der Allvater droben wacht, ist nicht so dunkel, daß wir nicht zuversichtlich sprechen sollten: ->nn ">n ns?» "i xt>r pari ’*vir "t „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem soll ich mich fürchten? Der Ewige meines Lebens Schutzwehr, vor wem soll ich zagen?" svien bs Wer da hört auf unsere Stammutter, das Wort ihres Glaubens und ihrer Beseligung beherzigt, darf mit chr lachen, froh sein auch rrvaa rwi arV wo verhüllt ist (nicht allein der Mond) am Tage unseres Festes, wo bange Schicksalsfragen um unsere Zukunft uns bestürmen. — Es sagen unsere Alten '2 'i sw Ich liebe es, wenn G. hört, nainx >irr vwx? Wann bin ich von G. geliebt, ’iunn bbip yme nv pn „wenn G. hört die Stimme meines Flehens." Erkennen wir das Königtum G'ttes an, rufen wir zu Ihm im Gebete, dann senkt Er liebevoll sein väterliches Auge aus uns hernieder und auch wir dürfen dann mit Sara sprechen: „Freude hat G. mir gegeben." Channa, die duldet und trägt, hofft und betet, wird in ihrer Freude förmlich zur Seherin ihres Volkes, zur Künderin der erhabensten Ideen und Wahrheiten des Judentums. Sie spricht nicht nur davon, daß in G'ttes Hand die Fäden unseres Schicksals ruhen, sie mahnt vollends an das Richtertum des himmlischen Vaters -s ni^v warn s)vn /njn „denn ein G. der Gesinnungen ist der Herr und von ihm werden gewogen die Handlungen." Die Gnade G'ttes soll unser Verdienst werden. Vor seinem Vaterauge sollen wir bestehen können, darum dürfen wir niemals und nirgends uns unbeachtet wähnen von dem Allsehenden und Allwissenden, der nicht unsere Handlungen wägt, sondern auch den Keim prüft, die Gesinnung, aus der sie entsprungen. Im Gedenken an den richtenden G. gelangen wir zur Selbstbesinnung und üben wir vorn yn«?ti Selbstabrechnung, unter dem Lichte des ewigen unaufhörlichen Gerichtes, das G. und schließlich wir selbst üben, weichet die Nacht der Sünde, „bis wie Licht hervorstrahlt unsere Tugend." . Grüßen wir zum dritten Rachel an unferm Feste, so erscheint sie uns als Genius des jüdischen Golusvolkes. Schmerz durchwühlt ihr Inneres. Die Träne perlt in ihren Augen. Einst hat sie ihr Leben für ihr Kind geopfert voller Hoffnung, daß ein glücklicheres Los ihren Kindern und Enkeln erblühen werde. Ihre Kinder wandern aber von einem Golus zum andern, kaum jemand denkt und dankt Israel, was es für die Welt geleistet. Darob findet Rachel im Grabe keine Ruhe, '•»ananinV man „sie weigert sich, Trost anzunehmen wegen ihrer Kinder." Ihrer Enkel ewige Pein ist ein unversiegbarer Tränenquell für Mutter Rachel. Und ihre Tränen rinnen noch heißer, denkt sie an die vielen ihrer Kinder, die sich von ihr und ihrer großen Vergangenheit losgelöst, die nicht mehr sprechen: naivxi „Führe mich zurück, ich möchte gerne zurück." — Israel soll der Schofar sein in G'ttes Hand, der Verkünder der Heilsbotschaft vom Sinai. Auch