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Der Israelit · 1930-09-11 · Heft 37 (11.9.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 37 (11.9.1930)
Date
1930-09-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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11. September 1930 Der Israelit Nr. 37. Seite 3 Beschlüssen kommen, so sehe ich doch, wir kommen nicht über ein Fortwursteln hinaus, bevor grundlegend Klarheit über Dinge geschaffen ist, die die Großen der Vergangenheit nicht geschaffen haben." Wer diese Aeußerung Dr. Wieners kennt, vird nicht wenig erstaunt gewesen sein, daß dieser selbige Dr. Wiener fünfviertel Jahre später hei dem Sabbaitkongreß in Berlin namens Los Ausschusses des liberalen Rabbi n e r v e r b a n d e s den Kongreß b e - grüßte. ' S)kr gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder hat Herr Dr. Wiener zu Beginn des Ellul Defchutvoh getan und anerkannt, daß doch die „Großen der Vergangenheit" recht hatten, mit ihrer Auffassung des Sabbats, oder aber er ist bei seiner Auffassung geblieben, daß der Liberalismus gegenüber der Orthodoxie eine neue Konfession darstellt und daß man trotzdem Begriffe der einen Konfession bei der anderen Konfession anwenden könne, wenn sie nur denselben Wortlaut haben, auch ohne daß sie sich sinngemäß decken. Der Sabbat bedeutet dem Liberalismus im günstigsten Falle eitle Art Sonntagsruhe, welche am Sabbat stattfinüet, in dessen Mittelpunkt ein sogenannter erbaulicher G'ttesdienst steht. Wenn dieser sogenannte G'ttesdienst in der Synagoge mit demjenigen Dienst kollidiert, den G'tt m seiner Thora als G'ttesdienst gekennzeichnet hat, nämlich mit irgendeiner Nichtentwerhung des Sabbat, dann scheint es dem Liberalismus wichtiger, den Sabbat zu entweihen, als etwa auf das Orgelspiel oder auf die Autofahrt zum Tempel zu verzichten. Das alles sind grundlegende Unterschiede, deren Bewertung augenblicklich nicht unsere> Aufgabe ist. Eines aber steht fest: Zwischen dem S a b b a t b e g r i f f, wie i h n d a s gef ch ichtl i ch e Juden tum und wie ihn das liberale Judentum versteht, gähnen Klüfte, welche durch keine r h e t o r i s ch e n K ü n st e und keine rednerischen Floskeln überbrückt werden können. Wenn aber anläßlich eines Sabbatkongresses der Vertreter eines liberalen Rabbinerverbandes auch den Sabbat „wie er ihn auffaßt", für sich reklamiert, und aussprrcht, daß er der Orthodoxie das Recht bestreite, den Sabbat als ihre Sache aufzufassen, dünn müßte eigentlich nicht eine stürmische Ovation, sondern ein Protest die Folge einer solchen Aeußerung sein. Findet ein solcher Protest nicht statt, dann liegt die Gefahr vor, daß der ganze Sabbatbegriff eine Aushöhlung >im Sinne des Liberalismns erfährt, wie ja schon so viele jüdische Begriffe dadurch entseelt wurden, daß man uralte, durch Jahrtausende geheiligte Worte mit. einem funkelnagelneuen Inhalt versehen hat. Dieses widerspruchslos in Bezug auf den Sabbat hinnehmen, bedeutet zu mindestens auf diesem Gebiete eine Emanzipation des Liberalismus. Wer diese nicht will, sollte nicht achtlos an einem solchen Symptom, wie die Begrüßungsrede Dr. Wieners beim Sabbatkongreß Vorbeigehen." Die Begrüßungsrede des Herrn Dr. Wiener beim Sabbatkongreß ist, wie wir wissen, von zahlreichen Hörern höchst peinlich empfunden worden; daß sie keine Proteste 'auslöste, liegt an der „Unbefangenheit" der Masse, die über die rednerischen Leistungen des offenbar ebenso radikalen als anpassungsfähigen Herrn auf dem vorjährigen liberalen Rabbrnerkongreß in keiner Weise unterrichtet war. Im übrigen wirkt die Satzung des Sabbatverbandes, indem sie Sabbatentweiher von jedem Amte ausfchließt, der Möglichkeit einer „Emanzipation' des Liberalismus" hinreichend entgegen. Recht gegen Recht. Darf das kleine Recht gegen' das große Recht ankämpfen, von dem doch ersteres nur Teil und Urzelle fein kann? Der Minder heitenko ng reß, der dieser Tage unter starker Mitarbeit jüdischer Vertreter aus den Ost- und- Randstaaten in Genf tagte, erstrebt besseren Recht schütz für die nationalen Minderheiten in den Ländern mit nach nationalen Kurien gebildeten' Parlamenten. Briand, Frankreichs Außenminister, ruft zur Bildung eines europäischen Staatenbund e s auf. Und es ist auf den ersten Blick nicht klar verständlich, warum der Minderheitenkongreß, und justament auf Betreiben des jüdischen Vertreters aus Litauen, Dr. R o b i n - sahn, einen Protest gegen die Pane uropa t dee einlegen und alle Kräfte aufbieten muß, um das Briand'sche Lieblingskind schon im Embryozustande zu vernichten? Auf den ersten Blick nicht, auf den zweiten wird aber die Tendenz ganz durchsichtig. Paneuropa will die Staaten einen, der Minderheitenkongreß kennt nur Nationalitäten. Die Nationalen, und nicht zuletzt die j.ü d i - schen Nationalen, h>aben sich in den ultra nationalen Gedanken so hrneingerannt, daß sie darüber die politische und' kulturelle Interessengemeinschaft der verschiedenen Nationalitäten innerhalb eines Staatsverbandes nicht sehen, daß sie darüber der historischen Entwicklung von Jahrhunderten, die die Landkarte Europas nicht nach Blut und Raffe, sondern nach Staatsgebilden mit gemeinsamer Verfassung und gemeinsamem Gesetzbuche abgrenzt, vollkommen vergessen. Dauerwellen und Haararbeiten ist Vertrauenssache (EUGEN OCHS Spezialist dafür Moselstr.16 . Taunus 1593 Unverbindlicher Besuch erbeten mmmmmmmmmmm Wir meinen, daß innerhalb des großen von Paneuropa erstrebten Völkerrechtes das kleine Recht der nationalen Minderheit — für uns in der Hauptsache die religiöse Kultur — am besten geborgen wäre, und wir sind ferner der Meinung, daß wir Juden allen Grund haben, jeden Gedanken, der sich nur um einen Schritt unserer tausendjährigen Hoffnung auf einen „Bund zur Erfüllung des G ' t t e s w i l l e n s " nähert, mit Jubel aufzunehmen. ESSSSSSSSSESSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSS» Die Methoden des Berliner Landesverbandes. Von Provinzialrabbiner Dr. Grademvitz in Hanau. Der stenographische Bericht der 6. Verbandstagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden vom 30. und 31. März 1930 liegt nunmehr gedruckt vor. <Verwaltungsblart des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden-, 8. Jahrgang, Nr. 3.) Ich habe ihn mit großem Interesse studiert, und ich kann mich voll und ganz dem anschließen, was die jüdischen' Blätter an kritischen Bemerkungen über diese letzte Tagung der abgelaufenen Periode der Oeffentlichkeit unterbreitet haben. Wenn aber die Ergebnisse so gering sind, wie dort festgestellt wird, so ist man um so mehr erstaunt über die Art, wie inan mit dem Halberstädter Verband umzugehen für gut befunden hat. Man kann das Gefühl nicht unterdrücken, daß die Herren etwas darüber verärgert sind, daß der Halberstädter Verband so mannigfache Erfolge aufzuweisen hat, die dem „großen Bruder" nicht beschieden sind. Auf Seite 13 wirst der Abgeordnete Dr. Köllen scher folgende Frage auf: „Wie schafft es der Halberstädter Verband, daß seinem Votum immer wieder gefolgt, und daß w-ir immer wieder an die Wand gedrückt werden?" und fügt hinzu: „Ich bitte doch den Rat, nicht bloß zu konstatieren, was von seiten der Austrittsgemeinden geschieht, (sic!) sondern auch den politischen und psychologischen Gründen nachzugehen, weshalb diese Austrittsfreunde (!) immer das erste Wort zu sprechen haben. (Zuruf links: „Und das letzte!") Es wäre verdienstlich, wenn Herr Dr. Freund nach dieser Richtung hin seine Ausführungen ergänzen würde." — Auf diese Frage, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, hat Herr Dr. schäfte a priori umfaßt. Eine (Snquete des Lubliner Rabbinats brachte Antworten namhafter rabbinischer Autoritäten unserer Zeit ein. Alle sind sich über die Notwendigkeit der vorgeschlagenen Einrichtung einig, betonen aber, daß dieses allgemeine rrpvv iwn den Kaufmann nicht der Mühe und der Pflicht enthebt, in jedem Falle eines Geschäfts-Darlehens ein eigenes k?os? T>nn anzufertigen. Die beim Rabbrnate lagernde allgemeine Urkunde habe nur Bedeutung für Notfälle, in denen ohne Perschulden oder sogar ohne Wissen der Beteiligten diese religiöse Maßnahme unterblieben ist. Das gesamte Responsen-Material über diesen Punkt hat nun das Lubliner-Rabbinat in einem halachischen Werke niedergelegt und im Drucke der Öffentlichkeit überleben. Das Buch gliedert sich in zwei Teile unter den Namen nxim nvxn und sra-in mpnV und ist als unentbehrlicher Wegweiser für die rabbinische Welt zu beziehen Lei Rabbi A. M. Eiger, Warszawa Polen, Pawia 12, P. K. v. 21.666 Verhetzte Zugend. Der „Dortmunder Generalanzeiger" bringt folgende kleine nachdenkliche Geschichte: Kleine Geschichte? — Nun ja, es handelt sich um eine Lelanglose Keilerei. Und nachdenklich? — Sehen Sie, es ist eine Kindergeschichte. Aus dem, was in unserer Jugend heranwächst, sollen sich Schlüsse ziehen lassen auf die ältere Generation. — Unsere Kinder sind Gegenwart und Zukunst. Darum nannte ich meine Geschichte: nachdenklich. Unser Hauswirt, Herr Israel, ist Geschäftsmann — Jude. Sein mutterloser, zwölfjähriger Junge,- still und verträumt, bastelt Tag auf Tag in seinem schmucken -Gartenhaus, das ihm der Vater einrichtete. Da erlebt er Buchsehnsüchte, hört Radio ^und spielt Puppentheater, heißestes Entzücken meiner Trabanten. Ich begünstige die Freundschaft meines Aeltesten mit Ralf Israel. Die beiden Knaben ergänzen sich 'prächtig. Nie gibt unser Rauhbein sich sinniger, als nach Spielnachmittageu mit dem jüngeren Hauswirtssohn. Letzten Sonnabend trete ich ins Badezimmer, als eben mein Junge mit Wasser und Seife dem Wochenstaub zuleibe rückt. Dabei bewahrt er seinen Arm angstvoll vor »er Berührung mit der Flut. „Verwundet?" — „Rein!" Der Bengel grinst. Will nicht mit der Sprache heraus. Zeigt mir endlich ein Hakenkreuz, mit Blaustift auf den Unterarm tätowiert. „Was ist das wieder für ein Blödsinn?" frage ich lachend und greife nach dem Badeschwamm. Hans-Peter wehrt sich: „Bitte, laß'! Das ist unser geheimes Klassenabzeichen. Nur der darfs tragen, der sich tapfer erweist gegen Juden und Kommunisten." „Wer hat Euch denn den Bären ausgebunden?" Ich packe den Bengel an den Beinen. Prustend verschwindet er in der Flut, mit ihm der Beweis persönlichen Mutes gegen Juden und Proletarier. Drei Tage später kehre ich aus der Stadt zurück. Ralf Israel sitzt im Treppenhaus, blaß, verstört, empfinde ich. „Nichts fehlt mir," wehrt der Mutterlose meine Teilnahme ab. Hans-Peter hockt lesend oben im Winkel. Eine Seltenheit an Sommertagen. Auch ihm ist nichts. Später erfahren wir durch den Hauswirt: „Ralf spielt im Gartenhaus. Eine Horde maskierter Jungen, Hans-Peter darunter, drang mit wüstem Geschrei herein. Unter Schmähungen übelster Art zerstörten sie sein kleines Reich. Riffen Bücher aus den Einbänden, köpften hohnlachend die Kasperle. Einer malte ein Hakenkreuz an die Tür. Zum Schluß schlugen sie den wehrlosen Knaben." Tiefempört nehme ich meinen Jungen vor. „Daran hast Du Dich beteiligt, Du, der so viel Gutes durch Israels genoß? Schämst Du Dich nicht?" Der Bengel bockt: „Klassenbeschluß. Wir waren geschickt. Andre stürmten bei andren Juden. Wir wollen in Deutschland keine Schmarotzer." „Bist Du wirklich noch so unreif, daß Du Dich durch gefühllose Rohlinge zu Brutalitäten bestimmen läßt? Auf der Stelle wäschst Dü das Hakenkreuz ab!" Wo steckt der Bengel? — Im Badezimmer steht er und heult: „Verhau mich, Papa, aber laß mir das Abzeichen. Ich bin vor der ganzen Klasse verpönt, wenn ich es morgen nicht vorweisen kann. Schlage mich, aber entehre mich nicht." Was hätten Sie an meiner Stelle getan? — Nicht wahr, die Geschichte ist noch mehr als nachdenklich!? F. M. Sp. Wochenkalender. a 13. — 20. September 1930 / v. 20. — 27. Elul 5690 Samstag 13 20 . siama Sonntag 14 21 Montag 15 22 Dienstag § 16 Ws 23 Mittwoch 11 24 Donnerstag 18 25 Freitag 19 26 »*si alpin xnss n’ayn Samstag 20. 27 D^axi

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