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Der Israelit · 1930-09-11 · Heft 37 (11.9.1930) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 37 (11.9.1930)
Date
1930-09-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 37 Der Israelit 11. September 1930 auf jeder Gemeinde, jedem Kreis, die durch diese Vernachlässigung die schwachen Söhne unserer Zeit einer so großen Versuchung ausgesetzt fein lassen. Denn es gehört schon in der Tat Festigkeit dazu, wachem, ja mondenlang entweder mit der prekärsten Kost sich zu begnügen oder an einem Tisch zu speisen, wo der Appetit schon vergeht, ehe die Mahlzeit begannen. Ich bin überzeugt, fänden die Reisenden in den meisten Städten eine anständige, jüdische koschere Tadle d'hote, mehr als die Hälfte von denen, die jetzt die Speisegesetze übertreten, würden an diesen koscheren Tischen speisen, und dann auch gerne einmal den gehörigen Tisch ent-behreu, wo sie ausnahmsweise ihn nicht haben können. M e h r a l s S y n agogenbau i st m ei n e s B e d ü n k e n s heutig e n T a g e s d i e Grund u n g a nftändiger koscherer Hotels und S p e i s e w i r t s ch a f t e n ein religiöses, g ' t t g e f ä l >l i g e s Wer k." So lange die jüdischen Gemeinden sich nicht verpflichtet fühlen, von sich aus Speisestätten zu begründen, so lange unsere geistigen Führer sich über diese Dinge hinwegsetzen, so lange man glaubt, dem Hamburger Verein diese Sorge allein zu überlassen und sich lediglich auf die Kritik beschränkt, so lange kann und wird es keine Besserung geben! Und es wäre wirklich höchste Zeit, einen Anfang damit zu machen! Gibt es denn nicht genug jüdische Männer, die mit geringer finanzieller Förderung innerhalb ihrer eigenen Gemeinde wohl in der Lage sind, eine jüdische Restauration zu errichten? So groß sind die Mittel doch wirklich nicht,'die man dazu benötigt. Gibt es schließlich nicht auch -eine Frage der jüdischen Berufswahl, die hiermit zu verknüpfen ist? Gibt es nicht ältere jüdische Mädchen, die sich auf diese Weise eine selbständige Existenz begründen und vielleicht auch dadurchheiraten können? Wenn die Gemeinde es will, und sie muß es wollen, so müßte es gelingen. In ihr ruht die unsterbliche, lebendige Kruft, die sichschon in schlimmeren Verhältnissen und drangvollerer Zeit durchgerungen hat. Mögen deshalb die Führer und Lehrer unserer Gemeinden sich berufen fühlen, diesen Verhältnissen ihren ganzen Sinn und ihr ganzes Herz zuzuwenden. Dann wirdman auch diesen Mängeln, die am innersten Marl unserer heiligen Sache zehren, ein Ende bereiten. Wochenrundschau. In letzter Stunde! ... Von allen Anschlägen«, Plakaten und Aufrufen, die uns der Wahlkampf an die Säulen geklebt, an die Wände geschmiert und ins Haus geworfen, von allen Reden, Kundgebungen- und Resolutionensei in zwölfter Stunde folgender Mahnruf als Dokument wahrhaft schöner, den deutschen Genius in seinem inneren Kern darstellender Seelen zur Beachtung empfohlen: „An das deutsche Volk! Die schwierige wirtschaftliche Lage wird von unverantwortlichen Elementen dazu benützt, eine schamlose antisemitische Hetze zu entfalten, die sich in letzter Zeit so gesteigert hat, daß offen Pogrome angedroht werden. Das Bestreben, eine besondere Schicht des deutschen Volkes für die wirtschaftliche Depression verantwortlich zu machen, muß von jedem anständigen Menschen aus das allerschärfste zurückgewiesen werden. Jedem Staatsbürger bleibt es unbenommen, frei und offen feine Ansichten auszusprechen, aber die Demagogie, mit derz. B. die nationalsozialistische Presse Tag für Tag arbeitet, ist eine Kulturschande ersten Ranges. Gegen diese Kulturschande erheben die Unterzeichneten ihre Stimme, weil sie nicht mitschuldig werden wollen an der infamen Verunglimpfung der Juden. Sie machen auf die in der Reichsverfassung jedem Staatsbürger gewährleisteten Rechte aufmerksam und fordern die Regierung auf, den angegriffenen Volksteil im Sinne der Reichsverfassung zu schützen. An das gesamte deutsche Volk appellieren die Unterzeichneten aber, sich von der kulturwidrigen antisemitischen Hetze abzuwenden. Deutschland ist heute das einzige große Land, wo diese Art von Antisemitismus überhaupt noch Boden hat. Sowohl im bolschewistischen Rußland wie im faschistischen Italien, ganz abgesehen von Frankreich, England oder Amerika, wird jede Gewalttätigkeit gegen Juden auf das entschiedenste abgelehnt. Erst kürzlich hat der italienische Ministerpräsident Mussolini erklärt, daß er den Antisemitismus innerhalb der faschistischen Bewegung weit von sich weise und sich keinesfalls mit der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland identifiziere. Eine mit den schlimmsten Terrormethoden arbeitende Minderheit darf nicht das deutsche Volk unter das Niveau der anderen großen Völker herabdrücken. Darum rufen die Unterzeichneten Männer und Frauen, welche der jüdischen Religionsgemeinschaft nicht angehören, gegen die Kultur schände des Antisemitismus auf." Von den 31 Namen, die diesen Aufruf decken (durchweg Nichtjuden) nennen w'tr nur: Dr. G. Graf A r c o, Prof. Dr. B -a u m g a r t e rt-, Ger-! trud Säumer, Reichstagsabg-. A. Crifpien/ General v. Deimling, Kaplan Fahf'el, Reichsministe-r Dr. G o t h -e i n, Gerhart H a u p tmann, Dr. H a u s m a n n, Thomas M a nn«, Reichsminister S e v e r -i n g, Freiherr v. S ch ö n- Elulgedanken. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. IV. Als Mobilmachung der jüdischen Seele kann man die Elulzeit ansprechen. Was Großes und Erhabenes der Prophet der Zukunstschau verkündet, das soll zu unserem Erlebnis werden in diesen Tagen und Wochen, die zu den a'K-m sw, zu den weihevollen Tischrifesten überleiten : mT n 11221 pix X3 ’3 'iirr 'mp- „Auf und leuchte! denn gekommen ist dein Licht, und die Herrlichkeit G'ttes ist über dir aufgegangen". Alle guten Kräfte sollen in uns entspannt werden, daß das Licht der min uns beherrscht und uns den Weg zu den Höhen des Lebens erleuchtet. Niemals mehr als gerade jetzt, wenn wir im Strahlenglanze der religiösen Übungen leuchten, soll sich in seiner vollen Kraft an uns das Segenswort erweisen: 1»a iKTi R*ipa 'i Dir ->- pxn my bi ixii- „Es sehen alle Nationen der Erde, daß G'ttes Name über dich genannt ist, und fürchten sich vor dir". Kein Erbeben und Erzittern der Dielen vor den Wenigen, der Helden vor den Schwachen ist hier in der Hauptsache angekündigt. Mehr gilt das Anerkennen, das Würdigen dessen, was in Wahrheit unsere Kraft und Wehr ist, unser Schild und unsere Waffe zu gleicher Zeit. Daß wir uns überall frei und offen vor aller Welt in all' unserem Tun und Lassen als G ttes Volk bekennen und betätigen, das sichert uns den wirksamsten Schutz gegen alle Anfechtungen und macht uns unüberwindlich und zeigt uns als n^ir d» als Volk der Ewigkeit, das allen Stürmen und Nöten trotzt... mpa n Dir pxn 'ay bi itnv In diesen Worten: Alle Völker der Erde sehen, daß der Namen G'ttes auf dir prangt, w-nir pV’sn iVx mix *>inn ri x’jn, so lehrt R- Elieser der Große, liegt der Hinweis, daß der Kopfschmuck der Tefilin als Sinnbild eines vom Geiste des Judentums geweihten Tatenlebens das Abzeichen unserer G'tthörigkeit ist und uns zu allem Edlen und Schönen verpflichtet, auf daß durch uns und unser Leben allmählich die Zeit herbeigeführt werde, in der das Prophetenwort der Verwirklichung entgegenreift: -pixV a’ia wVm imt o-o^bi- „Und Völker gehen zu deinem Lichte und Könige zu dem Leuchten deines Aufgangs". . . . Welch' wundersames Ziel diese Menschheitserleuchtung und Weltenvervollkommnung und Vollendung und Krönung des Ganzen! Und wir, Israel, dieses winzige allenthalben gehaßte und gemiedene Häuflein, die Wegbahner und Pfadweiser zu solcher Entwicklung, zu einer neuen Tagwerdung und Schöpfung! Me muß dieser Gedanke uns läutern und spornen und beflügeln unse. ren Geist und vollends die Einheitsfront in Israel formen! Ach, daß wir uns immer noch zersplittern, immer noch verzetteln unsere Kraft! Es ist gewiß erhebend, daß Mutter Israel in dieser Zeit der Weihe und Heiligung es gewissermaßen vernimmt: isapi d^o nni -p’y 3'2v ’xtr nsaxn 12 by -prvoai ixm pimn -p2 ’nd. „Erhebe deine Augen nach allen Seiten und sieh, sie alle versammeln sich, kommen heim zu dir! Deine Söhne sind's, die aus der Ferne heimkommen, und deine Töchter, die wieder dir zur Seite hingeleitet werden". Warum wird diese Heimkehr der vielen nicht auch zu einer vollen Umkehr, zu einer endgiltigen und bleibenden Abkehr von einem thorafremden, entjüdischten Leben? Wie könnten wir doch so stark sein in der Abwehr der unserem Judentum drohenden Gefahren, wenn wir doch alle für seine Satzungen mit unseren Leben einstünden! Es soll garnicht unterschätzt werden, daß die Judenheit eine geschlossene Phaaich, Professor L. Schnck -i u g, Domherr K. Uli! tz t a, Pros. Dr. K. Z i e g ler, Bischof Dr. Schreiber, Reichskanzler a. D. Marx, Gras C 0 udenh 0 ve - K a l a r g h ff Der Sonntag wird entscheiden-, wer undwas sich mehr Gehör im heMgen Deutschlandverschafft:, das Wutgeheul eim-er Hetz erhorde oder di-e Stimme der Vernunft und der Gerechtigkeit, erhoben v 0 n de n erlesenen Ge i st,e r n der N a t i 0 n; und er wird damit über das Schicksal Deutschlands für dis nächste Zukunft entscheiden! Die Kundgebung des liberalen Rabbinerverbandes auf dem Sabbalkongretz in Berlin. Ma-n schreibt uns: Am 22. Mai 1929 fand eine Tagüng b-er liberalen Rabbiner Deutschlands in Berlin statt. Bei dieser Tagung führte der liberale Geistliche. Dr. Wiener in Berlin, u. a. folgendes aus: „Wenn man die alten Verhandlungen ansieht, so scheint es: es ist gar kein Unterschied zwischen einer Rabbinerversammlung von heute und einer von den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, weil man sich nicht mit voller Deutlichkeit klar macht, daß wir als Liberale zunächst ein ganz wefentlich anderes Prinzip, sogar einen an.deren Religionsbegrisf als die jüdische Orthodoxie haben. Denn diese steht und fällt mit dem Religionsgesetz. Das kann an sich durchaus flüssig und entwicklungsfähig sein, aber dieser Fortschritt ist an ganz bestimmte Regeln usw. gebunden. Wenn gesagt worden ist, wir wollen „im Sinne des Gesetzes" verfahren, da wäre festzustellen: was heißt das? Ein Beispiel: Es handelte sich bei der zweiten Rabbinerversammlung um die Sabbatfrage. Man wollte den Sinn des SabbatgedÜnkens herausdestillieren. Zunächst wurde gesagt, der Sabbat sei etwas durchaus Sakrales, das Soziale trete zurück. Nimmt man diesen Gedanken der Arbeitslosigkeit und Ruhe zum Ausgang, dann verstehen wir, wie viele Dinge, die uns heute beschweren, man doch dem Sabbat lassen muß. Dann nützt keine religionsgesetzliche Abteilung und Erleichterung. Aber aus derselben: Nabbinerversammlung kam folgende Frage: Wie soll der Staatsbeamte den Sabbat halten? Der Staat, wie er heute ist, ist der Vorläufer des mefsianifchen Staates. Unsere Beamten, sagte man, haben nicht nur das Recht,. sondern die Pflicht, den Sabbat im Sinne des Staatsgesetzes zu verletzen. Ich glaube, es liegt so, daß wir Liberale tatsächlich gegenüber der Orthodoxie eine neue Konfession haben. Es ist so, daß wir das religionsgesetzliche Prinzip fallen.gelassen haben. Es ist notwendig, daß wir uns diese Dinge zurgrundsätzlichen Klärung einmal klar machen. Man möchte das Wesen der jüdischen Religion erfassen. Das Wesen der Religion, was ist das? Das bedarf auch einer besonderen Klarlegung. Die große Masse der Judenheit. die sich mit dem Religionsgedanken beschäftigt, ist1 tatsächlich nicht religionsgesetzlich eingestellt, aber so mit: dem Judentum verwurzelt, daß Judentum bedeutet:: gemäß einer Tradition etwas tun oder lassen. So nützlich und notwendig es ist, daß wir hier zu irgendwelchen lanx bildet, wo es gilt, jetzt bei der geplanten Kalenderreform dem Sabbat der Bibel sein verbrieftes Recht m wahren oder immer wieder die Schechitah zu verteidigen. Wie viel wirkungsvoller, verheißungsreicher wäre aber dieser Kampf ums Recht und um die Wahrheit, wenn: auch dem begeisterten Worte die kraftvolle Tat allenthalben entspräche! Und wer kann es wissen, ob alle diese Prüfungen, die unserem Judentum auferlegt wurden, nicht über uns gekommen, um uns an unsere Pflicht und Bestimmung zu erinnern, uns zu mahnen an unsere Aufgabe, die wir übernommen, pxn *0 1x11, daß wir das Volk der Wegführung seien! Solche und ähnliche Gedanken und Empfindungen möge der Schofar in uns wecken, damit wir mit reinem Herzen uns um die Altäre G'ttes scharen, in dem Augenblicke, da die heiligen mn'^rnKlänge wieder allenthalben vernommen werden und in unseren jüdischen Herzen und Seelen widerhallen. Kleines Feuilleton. Geschäft und Religion. Diese Kombination muß nicht immer einen herben Beigeschmack haben. Es gibt Fälle, wo eine Verbindung! von Geschäft und Religion nicht zu umgehen ist. So bei' Geldgeschäften, die, von einem Juden ausgeführt, leicht gegen das mm-Gefetz der Thora verstoßen können. Dem wirkt man' mit einem xpor -vnn entgegen. Die Einrichtung ist aber leider an vielen Plätzen ganz in Vergessenheit geraten. Vom Lubliner Rabbinate ging vor kurzem die Anregung aus, daß bei dem Ortsrabbiner einer jeden jüdischen Gemeinde die jüdischen Geschäftsleute ein Blanko-xpvr imn unterschreiben, das eventuelle Geldge-

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