Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1930)
- Date
- 1930-09-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450635--77216-2534862- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4. September 1930 Der Israelit Nr. 36. Seite 3 Landesverband ' zugesteht, die praktisch kaum wirksam ist. Betreffend das Wahlrecht bestimmt 8 12, Ziffer 3: „Die Wahlen zur Gemeindevertretung erfolgen in gleicher unmittelbarer und geheimer Wahl." Damit ist das Frauenwahlrecht zwangsläufig statuiert. Wenn in Ziffer 5 desselben Paragraphen bestimmt wird, daß das Selbstbestrmmungsrecht der Gemeinde irr Fragen des Wahlrechts „im ü b r i g e n " , gewahrt bleibe, so gilt dieses Selbstbestimmungsrecht eben nur „ i m ü b r i g e n " , n i ch t a b e r für das Frauen wähl rech t> (und für einige in Ziffer 4 vorgesehene Bestimmungen). Ich wiederhole daher: Unsere gesetzestreuen Brüder im Berliner Landesverband Haben alle Veranlassung, sich bewußt zu werden, was in ihrem' NaMen vor der Preußischen Regierung vertreten wird." Es scheint, daß die nichtjuristischen Mitglieder des Landesverbandes sich über die Tragweite der obligatorischen „gleichen" Wahl nach der heute in der Gesetzgebung gültigen Terminologie nicht im klaren waren. Glücklicherweise ist der Entwurf ja noch nicht unter Dach und zur Richtigstellung ist noch Zeit vorhanden. Ist es wirklich so schlimm? Ein auf deutschvöltische Eigentultur eingestelltes Blatt schrieb dieser Tage: „Niemand, der nicht selbst verblendet ist, kann übersehen, daß die Judenhetze nur der Beginn und die erste Etappe einer allgemeinen Minderheitsfeindlichkeit ist." Das Blatt, das solchermaßen schreibt, erscheint leider nicht in Berlin, sondern in Rumänien und heißt „Das Siebenbürgischdeutsche Tageblatt." In Rumänien haben die in Minderheit und in der Defensive sich befindenden Hüter des deutschen Volkstums eingesehen und am eitzenen Leibe erfahren, worum es geht. Ihre Gesinnungsgenossen in Deutschland stellen die Befreiung ihres Stammesgenossen im Auslande und ihre kulturelle Erlösung auf ihr Programm, entfalten aber zugleich die Fahne des Hasses und rufen zu einem Hakentreuzzug gegen einen Teil der Mitbürger im eigenen Lande auf. Steht es aber wirklich so schlimm um die deutsche Sache — wir sagen absichtlich „die deutsche" und nicht die jüdische — in Deutschland? Ist der Radau auf der Straße, die Hetzpolttiik der Gasse und Gosse, die ekelhafte Hakenkreuzspinne an jeder Mauerecke, ist all das tysozialistischen Redners, des Justizbeamten Piekarski, hervorgerufen, daß für Juden als „Raffenstemde" kein Platz in Deutschland sei, während gleichzeitig ein der nationalfozialistifchen Partei angehörender Neger der Versammlung beiwohnte. Vor Gericht erklärte nun Piekarski, daß dieser Neger „nicht mehr" zur Partei gehöre, sondern-Mitglied des Stahlhelms fei. Dieser schwarze astikanische Bruder, der als Nationalsozialist und Stahlhelm-Mann legitimiert ist, über „rassenfremde Elemente" zu Gericht zu sitzen, erinnert uns an eine hübsche Feststellung Koch-Wesers in einer der großen Wahlversammlungen der letzten Tage. In Schaumburg-Lippe wollten sie, solange ihre Holzpreise hoch waren, aus Stammesbewußtsein von den Preußen nichts wissen. Nun, da sie nicht mehr den nötigen Gewinn aus ihren Wäldern ziehen können, haben sie sich Preußen einverleibt. — Das Stammesbewußtsein dieser Leute kommt von den Baumstämmen ihrer Wälder . . . . (Eine Kal'achisch-Merarifche Neuerscheinung). In Wilna erscheint eine neue halachische und rabbinische 'Monatsschrift unter dem Titel Vmtt’ nojs. An der Spitze eines tüchtigen Mitarbeiterstabes aus dem litauischen und polnischen Rabbinertum steht Rabbi Mosche Karelitz als Redakteur (Wilna, Wielka 28 m. 10.) Die erste uns vorliegende Nummer ist vielversprechend. Sie enthält neun Abhandlungen auf verschiedenen Gebieten derHalacha, für die bekannte Rabbiner zeichnen. Eine Rubrik unter dem Titel 'isv ist eine Tribüne für Thoraaustausch der Jeschiwaschüler. In einem Vorwort spricht sich her Herausgeber über Weg und Ziel seiner Zeitschrift aus. (Aas teuerste Much der Wett). Der amerikanische Staat erwirbt das berühmte Exemplar der 42 zeitigen 'Gutenberg-Bibel auf Pergament aus dem Besitz des Bepifch für den Geist des heutigen Deutschlands und so bedrohlich für die Zukunft, wie das aussieht? Und selbst wenn die Nationalsozialisten, was leider zu erwarten ist, mit einem ansehnlichen Mandatenzuwachs ans dem Wahlkampfe hervorgehen, find diese Wahlzettel lauter Bekenntnisse zur Politik des Chaos? In einer großen öffentlichen Wahlversammlung zu Frankfurt a. M. hörte man dieser Tage aus dem Munde dreier Redner, die aus verschiedenen Lagern kamen (ein Führer des Jungdo, ein demokratischer Parlamentarier und ein Professor, der eben erst aus der Volkspartei ausgeschieden ist) u. a. folgende Worte: „Das Fronterleben der neuen Generation leidet keine Abstufungen, es muß a l l e Teile des Volkes einen." „Aller Judenhaß kommt aus einem Minderwertigkeitsgefühle." „Nur engstirniger Nationalismus glaubt, sich auf Kosten Anders- .gearteter austoben zu können." „Das Beispiel Thüringens zeigt den Weg zum Untergang." „Das Häßlichste und Verworfenste ist der Rassenkampf." „Mag der christliche Charakter des deutschen Staates historisch fein, so berechtigt uns das nicht, überheblich auf andere Konfessionen und Rassen herabzuschauen." „Gleichberechtigung aller Bürger ist das Urelement aller Kultur und einer jeden Verfassung." „Die große, ruhige Mitte ist es müde, ein Tummelplatz für Radaubrüder zu sein, die mit ihrem rüpelhaften Kraftmeiertum Stadt und Volk zu Grunde richten." Dreitausend Menschen haben diese Worte mit begeistertem Beifall ausgenommen. Vereinzelter Widerspruch hatte so leisen und matten Klang, daß er im Brausen der Zustimmung unbeachtet unterging. .Das sollte uns . ein bißchen zuverficht-, licher stimmen. Wir wollen das Anwachsen der antisemitischen Welle nicht übersehen, aber, sie auch nicht überschätzen. Es ist viel künstlicher Lärm, Theaterdonner, optische und akustische Täuschung dabei. Wer einen Festzug im Theater mit ansieht, staunt über die Masse der Menschen, die sich endlos auf die Bühne ergießt, aber ein Blick hinter die Kulissen wird ihn belehren, daß es immer die gleichen Menschen sind, die an einer bestimmten verborgenen Ecke sich stets von neuem zur Formation finden. Wenn von hundert Menschen fünf schreien und sich fünfundneunzig ruhig verhalten, so werden dem Uneingeweihten, der mehr hört als sieht, die fünf mehr erscheinen als die fünfundneunzig. Wir stellen das alles nur fest, um vor übertriebenem Pessimismus zu warnen. Im übrigen sind wir der Meinung, daß das antisemitische Gift in dem Momente seine Wirksamkeit verliert, nediktinerklosters St. Paul im Lavanttal (Kärnten), das vor einigen Jahren durch Vermittlung des hiesigen Antiquars Dr. Felix Kauffmann an den bekannten amerikanischen Jnkunabelsammler Dr. Otto Vollbehr in New- Pork zum Preise von 350.000 Dollar verkauft wurde. Das Werk ist jetzt mit der aus über 3000 Inkunabeln bestehenden Sammlung des Herrn Dr. Vollbehr vom amerikanischen Staat erworben und der Library ok LouZreü in Washington zum Gesamtpreise von 1,5 Millionen Dollar einverleibt worden. Mit diesem Kauf ist die Bibliothek in Washington um das seltenste Erzeugnis der deutschen Buchdruckerkunst bereichert worden. Jamiliennachrichten. Geburten: Ein Sohn, Siegfried Löwenstein und Frau Else geb. Gerst, Somborn, Hessen-Nassau. Vermählte: Max Prager, Kantor, Marienwerder mit Golda Rosenblüth, Halberstadt. Wachenkalender. v 6. -7-. 13. September 1380 I v. 13. — 20. Elul 6680 Samstag 6 13| ' N*n~>3 Sonntag 7 14 Montag 8 15 Dienstag § 9 16 Mittwoch -v 10 17 - Donnerstag 11 /IS Freitag 12 19 Samstag 13 20 Kiarr’D in dem die große ruhige Mitte wirklich entschlossen zeigt, daß sie nun müde sei, es zu dulden ... Sonntagsruhe Kirchen- oder Sozialpolitik. Bon Stadtrepräsentant Desider Korein in Budapest. Referat auf dem 1. Sabbat-Weltkongreß des Weltverbandes Schomre Schabbos. Sehr geehrter Kongreß! Indem ich Sie, hochverehrte Brüder, im Namen des Ungarisch-orthodoxen, Schomre Schabbos-Landesverbandes herzlichst begrüße, gebe ich meinen besten Dank für die seitens der löblichen Zentralleitung mir angebotene ehrenwerte Betrauung mit einer Referentenstelle. Gestatten Sie mir nun, daß ich in gedrängter Kürze jener mannigfachen- Rückwirkungen der Sonntagsruhe und der daraus entwachsenen kolossalen materiellen Schädigung gedenke, die infolge des Sonntagsruhegesetzes von den Sabbathaltenden schon feit Jahrzehnten erlitten wird. Auf Ansuchen des löbl. Zentralkomitees werde ich nebst der allgemeinen theoretischen Beleuchtuilg dieser eminenten Frage die speziellen ungarischen dreißigjährigen Kämpfe zwecks Milderung des Sonntagsruhegesetzes berühren. Dem bekanntgegebenen Titel meines heutigen Vortrages folgend, ob die Sonntagsruhe aus Kirchem oder Sozialpolitik fliehe, hätten wir in beiden Fällen vollen Anspruch, unsere Kaufläden und Jndustriestätten mit Samstag haltendem jüdischen Personal Sonntag in Betrieb zu halten. Offengeftanden weiß ich nicht, ob die legislatorischen'Verordnungen betreffs der Sonntagsruhe, der kirchlichen oder, der Humanitären Sozialpolitik dienen. Anfangs verordnete die anglikanische Kirche bekanntlich in England, . Schottland und Nordamerika die strengste kirchliche Sonntagsruhe. Der Ausgangspunkt der Sonntagsruhe erhielt demnach einen ausgesprochenen kirchlichen Charakter. Später kamen Gegenwirkungen sozialpolitischer Natur zur Geltung, die, ohne Rücksicht auf den kirchlichen Charakter die Sonntagsruhe aus Humanitätsgründen forderten. Diese Bestrebung wurde in allen Sprachen hauptsächlich von den Sozialdemokraten als einer ihrer polittfchen Programm- Punkte unterstützt. Ungarn statuierte zugleich mit Deutschland im Jahre 1891 die allgemeine Sonntagsruhe. Das bezügliche Gesetz enthält bloß eine allgemein gehaltene prinzipielle Deklaration der vollständigen 24stündigen Sonntagsruhe und des nationalen St. Stephan-Tages. Bloß ein Paragraph des Gesetzes läßt für gewisse Aus nahmefälle gewerblicher und landwirtschaftlicher Natur eine Latitude offen, welche die Ausnahmebestimmungen von Fall zu Fall durch ministerielle Verordnung regelt. Zugleich mit der Sanktionierung des Sonntagsruhegefetzes von 1891 erließ der damalige Handelsminister Gabriel Baroß, einer der tüchtigsten und energischsten Minister Ungarns, eine Verordnung, laut welcher die Kaufläden in der Hauptstadt Budapests am Sonntag bis 10 Uhr vormittags, in den Provinzstädten bis 12 Uhr mittags offen bleiben können. Des war eine Errungenschaft der ersten orthodoxen Abordnung, die seinerzett unter Führung des jetzigen Präsidenten der orthodoxen Landeskanzlei, Oberhausmitgliedes Adolf Frankl, beim damaligen Handelsminister in Vertretung der fabbathaltenden Kaufleute und Gewerbetreibenden vorsprach. Seitdem sind wir in Ungarn auf der Hut, um jeden Versuch, unsere Position in dieser Frage zu schwächen, mit allem Auftvande unserer poli- DI A12N-Puder bewahrt Jhren Ljebling vor Wundsein.